Geschichte
Wikinger Handelswege: Von Bagdad bis Neufundland
Wikinger Handelswege reichten von Bagdad bis Neufundland: Dirham-Silber, Pelze und Seide auf Flusswegen, Portagen und Nordatlantikrouten im Faktencheck.
Inhalt
- Zwei Achsen, ein Netzwerk
- Die Ostroute: Wolga, Bulgar und der Weg nach Bagdad
- Von den Warägern zu den Griechen: Dnepr und Konstantinopel
- Was auf den Wikinger Handelswegen transportiert wurde
- Silber, Waage und Hacksilber
- Die Westroute: Von Island bis Neufundland
- Das Ende des Silberstroms und unsere Einschätzung
Wer an die Wikingerzeit denkt, sieht meist Langschiffe vor brennenden Klostermauern. Wer dagegen die Fundkataloge skandinavischer Museen durchblättert, sieht etwas anderes: Silbermünzen mit arabischer Schrift, Seidenstreifen in einem norwegischen Schiffsgrab, Basaltmühlsteine aus der Eifel und Butternüsse im Torf von Neufundland. Die Wikinger Handelswege verbanden über gut zweihundert Jahre hinweg das Kalifat der Abbasiden mit der Küste Nordamerikas, und wirtschaftlich waren sie für den Norden weit wichtiger als jeder einzelne Raubzug. Dieser Artikel folgt den drei großen Achsen dieses Netzes, zeigt anhand konkreter Funde, was tatsächlich transportiert wurde, und erklärt, warum das ganze System nach wenigen Generationen in sich zusammenfiel.
Zwei Achsen, ein Netzwerk
Das Wort “Handelsweg” führt leicht in die Irre. Es gab keine Straße, keine amtliche Route, keinen Fahrplan. Es gab ein Geflecht aus Flussläufen, Umtrageplätzen, Saisonmärkten und lokalen Zwischenhändlern, von dem skandinavische Kaufleute meist nur einzelne Abschnitte selbst befuhren. Die altnordischen Quellen kennen dafür zwei Richtungsbegriffe: Austrvegr, den Ostweg über die Ostsee und die osteuropäischen Flüsse, und Vestrvegr, den Westweg über die Inseln des Nordatlantiks. Dazwischen lag eine dritte, kürzere und oft unterschätzte Achse, der Nord-Süd-Verkehr zwischen Skandinavien, dem Frankenreich und den britischen Inseln.
Wichtig ist die zeitliche Tiefe. Der Fernhandel begann nicht mit dem Überfall auf Lindisfarne 793, sondern lief schon Jahrzehnte vorher an, und er endete auch nicht mit der letzten Schlacht, sondern mit einer Währungskrise weit im Osten. Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten belegten Fixpunkte:
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| um 750 | Gründung von Staraja Ladoga am Wolchow, ältester bekannter nordischer Stützpunkt im Osten |
| um 840 bis 880 | Ibn Khordadbeh beschreibt Rus-Händler, die Pelze zum Kaspischen Meer und weiter nach Bagdad bringen |
| 870er Jahre | Landnahme Islands, Beginn der dauerhaften Nordatlantik-Verbindung |
| 907 und 911 | Verträge zwischen der Rus und Byzanz regeln den Handel in Konstantinopel |
| 921 bis 922 | Ibn Fadlan trifft an der Wolga auf Rus-Kaufleute und beschreibt ihre Bräuche |
| um 950 | Konstantin VII. beschreibt in “De administrando imperio” die Dneprstromschnellen samt nordischer Namen |
| um 985 | Erik der Rote besiedelt Grönland |
| 1021 | Naturwissenschaftlich datierter Aufenthalt von Nordmännern in L’Anse aux Meadows, Neufundland |
| um 1000 bis 1015 | Der Zustrom islamischer Silbermünzen nach Skandinavien versiegt |
Die Ostroute: Wolga, Bulgar und der Weg nach Bagdad
Die östliche Achse war die lukrativste und ist zugleich die am besten bezeugte. Von der Ostsee führte sie über den Finnischen Meerbusen zum Ladogasee, weiter den Wolchow hinauf und dann über eine Reihe von Umtrageplätzen ins Wolgasystem. Ziel war die Stadt Bulgar am mittleren Wolgabogen, Hauptumschlagplatz der Wolgabulgaren und Schnittstelle zwischen der nordischen und der islamischen Welt. Von dort ging es weiter über das Kaspische Meer, und wer wollte, hängte eine Kamelkarawane bis Bagdad an.
Dass dies tatsächlich geschah, wissen wir nicht aus nordischen, sondern aus arabischen Quellen. Der Geograf Ibn Khordadbeh, Postmeister im Dienst der Abbasiden, beschreibt in seinem “Buch der Wege und Königreiche” Rus-Händler, die Biber- und Fuchspelze sowie Schwerter zum Kaspischen Meer bringen, dort Zoll entrichten und gelegentlich per Kamel bis in die Hauptstadt weiterreisen. Rund achtzig Jahre später schildert Ibn Fadlan, Gesandter des Kalifen al-Muqtadir bei den Wolgabulgaren, im Jahr 922 ein Lager solcher Rus am Flussufer, ihre Opfer vor hölzernen Pfählen mit der Bitte um kaufkräftige Kundschaft und die Feuerbestattung eines Anführers in einem Schiff. Sein Bericht ist die dichteste Augenzeugenbeschreibung nordischer Händler, die wir überhaupt besitzen.
Was aus dieser Richtung zurückfloss, war vor allem eines: Silber. Die Münzstätten der Samaniden in Samarkand und asch-Schasch prägten in gewaltigen Mengen Dirham, und ein erheblicher Teil davon landete im skandinavischen Boden. Allein von Gotland kennt die Forschung rund 700 Silberhorte, mehr als von jeder anderen Region Europas. Handelsplätze wie Birka waren die nördlichen Endpunkte dieser Kette.
Von den Warägern zu den Griechen: Dnepr und Konstantinopel
Die zweite östliche Route führte nicht zur Wolga, sondern zum Dnepr und damit ans Schwarze Meer. Die altrussische Nestorchronik nennt sie den “Weg von den Warägern zu den Griechen”, und ihr Ziel war Konstantinopel, in den Sagas Miklagarðr, die große Stadt. Für skandinavische Kaufleute war sie der reichste Markt der bekannten Welt.
Der gefährlichste Abschnitt lag weit vor dem Meer. Unterhalb von Kiew zwang eine Kette von sieben Stromschnellen die Besatzungen dazu, Ladung und teils die Boote selbst über Land zu schleppen, ungeschützt und in Reichweite der Petschenegen. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos listet diese Stromschnellen um 950 in seiner Schrift “De administrando imperio” auf, und zwar konsequent in zwei Sprachfassungen, einer slawischen und einer, die er ausdrücklich als die Sprache der Rus bezeichnet. Namen wie Gelandri, das er selbst mit “Lärm des Wassers” übersetzt, lassen sich zwanglos aus dem Altnordischen erklären. Es ist einer der stärksten Einzelbelege dafür, dass an diesem Flusssystem tatsächlich Nordmänner unterwegs waren.
In Konstantinopel angekommen, durften die Rus-Kaufleute laut den Verträgen von 907 und 911 nur in kleinen Gruppen, unbewaffnet und durch ein bestimmtes Tor in die Stadt. Untergebracht wurden sie vor den Mauern, im Vorort beim Kloster Sankt Mamas, versorgt mit Proviant und freiem Zugang zu den Bädern.
Diese Auflagen zeigen zweierlei: Byzanz wollte den Handel unbedingt, aber es traute den Händlern nicht. Aus genau diesem Milieu rekrutierte sich später auch die Warägergarde, die Leibwache der Kaiser. Handel und Kriegsdienst waren im Osten keine getrennten Berufe, sondern zwei Optionen derselben Reise.
Was auf den Wikinger Handelswegen transportiert wurde
Der Norden hatte wenig zu bieten, was im Süden knapp gewesen wäre, mit einer Ausnahme: Rohstoffe aus der Kälte und aus der Wildnis. Genau daraus entstand das Geschäftsmodell. Die folgende Aufstellung fasst zusammen, was archäologisch und schriftlich belegt ist:
| Ware | Richtung | Beleg oder Fundort |
|---|---|---|
| Pelze von Zobel, Marder, Fuchs und Biber | Nord nach Süd | Ibn Khordadbeh, Ibn Fadlan |
| Walrosselfenbein und Narwalzahn | Arktis und Grönland nach Europa | Werkstattabfälle in Dublin und Trondheim |
| Bernstein | Ostseeküste nach Süden | Haithabu, Birka |
| Wetzsteine, Speckstein, Eisenbarren | Norwegen und Schweden nach Westen | Eidsborg-Wetzsteine in Haithabu |
| Versklavte Menschen | Ost- und Westeuropa nach Süden | Arabische Berichte, Rus-Byzanz-Verträge |
| Silberdirham | Kalifat nach Skandinavien | rund 700 Horte allein auf Gotland |
| Seide | Byzanz und Zentralasien nach Norden | Oseberg-Schiff, über hundert Seidenfragmente |
| Glasperlen, rheinische Keramik, Basaltmühlsteine | Frankenreich nach Norden | Haithabu, Birka, Kaupang |
| Klingen fränkischer Schmiede | Frankenreich nach Norden | Schwerter mit Ulfberht-Inschrift |
Ein Punkt darf dabei nicht kosmetisch weichgezeichnet werden: Der Sklavenhandel war kein Randgeschäft, sondern eine der tragenden Säulen dieses Systems. Sowohl arabische Autoren als auch die byzantinischen Vertragstexte behandeln versklavte Menschen selbstverständlich als Handelsware, und ein Teil des Silbers in gotländischen Horten ist auf diesem Weg in den Norden gekommen.
Die Gegenrichtung war ebenso konkret. Im Osebergschiff, 834 vergraben, fanden sich über hundert Fragmente von Seide, teils mit Mustern, die auf byzantinische oder zentralasiatische Werkstätten verweisen. Ein Bauernhof in Vestfold trug damit Stoffe, die mehrere tausend Kilometer hinter sich hatten.
Silber, Waage und Hacksilber
Skandinavien der Wikingerzeit kannte über weite Strecken keine Münzwirtschaft im heutigen Sinn, sondern eine Gewichtsgeldwirtschaft. Entscheidend war nicht, wer eine Münze geprägt hatte, sondern wie schwer und wie rein das Silber war. Deshalb wurden Dirham zerschnitten, Armringe zerhackt und Barren zerteilt, bis das Gewicht stimmte. Archäologen sprechen von Hacksilber, und in Hortfunden liegt es oft direkt neben unversehrten Münzen.
Zur Ausrüstung eines Kaufmanns gehörten daher Klappwaage und Gewichtssatz. In Gräbern von Birka und Kaupang finden sich normierte kubooktaedrische Gewichte, deren System auf islamische Vorbilder zurückgeht. Ebenso typisch sind kleine Kerben am Münzrand, sogenannte Prüfhiebe: Man ritzte die Oberfläche an, um zu sehen, ob unter der Silberschicht Kupfer steckte. Misstrauen war eingepreist.
Bildquelle: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Wie groß die Summen sein konnten, zeigt der Spillings-Hort, 1999 im Kirchspiel Othem auf Gotland entdeckt. Er umfasst rund 67 Kilogramm Silber in zwei Deponierungen, dazu einen separaten Bronzeschatz, und gilt damit als größter bekannter Silberhort der Wikingerzeit. Über vierzehntausend Münzen gehören dazu, ganz überwiegend islamische Dirham. Die jüngste Prägung stammt aus den Jahren 870 bis 871, was einen ziemlich präzisen frühesten Zeitpunkt für die Vergrabung liefert. Ein einzelner Bauernhof auf einer Ostseeinsel hortete also Silber aus Zentralasien in einer Menge, die den Jahresertrag ganzer Landstriche überstieg.
Die Westroute: Von Island bis Neufundland
Die westliche Achse funktionierte nach völlig anderen Regeln. Hier gab es keine Zwischenhändler, keine Märkte und kein Silber, sondern offenes Nordmeer. Von Norwegen führte der Weg über Shetland, Orkney und die Färöer nach Island, das ab den 870er Jahren besiedelt wurde, weiter nach Grönland ab etwa 985 und schließlich an die Küste Nordamerikas.
Möglich wurde das durch einen eigenen Schiffstyp. Nicht das schlanke Langschiff, sondern der bauchige Knorr war das Arbeitstier des Fernhandels: kürzer, breiter, mit offenem Laderaum in der Mitte und darauf ausgelegt, unter Segel lange Strecken zu fahren. Die Skuldelev-Schiffe im Wikingerschiffsmuseum Roskilde zeigen den Unterschied im Original, vom hochseetüchtigen Frachter bis zum kleinen Ostseehändler.
Der spektakulärste Endpunkt liegt in Kanada. L’Anse aux Meadows an der Nordspitze Neufundlands wurde 1960 von Helge Ingstad und der Archäologin Anne Stine Ingstad identifiziert und in den Folgejahren ausgegraben: acht Grassodenbauten, eine Schmiede mit Schlacke aus Raseneisenerz, eine nordische Ringnadel. Seit 1978 steht der Platz auf der UNESCO-Welterbeliste. 2021 veröffentlichte ein Forschungsteam eine Datierung, die ein kosmisches Strahlungsereignis des Jahres 993 als Fixpunkt in den Jahrringen nutzt, und kam damit auf das Jahr 1021 für gefälltes und bearbeitetes Holz vor Ort.
Besonders aufschlussreich sind dabei nicht die Bauten, sondern drei Butternüsse. Die Butternuss wächst in Neufundland nicht, ihr nächstes natürliches Verbreitungsgebiet liegt weiter südwestlich am Sankt-Lorenz-Strom. Die Nordmänner müssen also über L’Anse aux Meadows hinaus gefahren sein, und der Platz war vermutlich weniger Kolonie als Basislager und Werft. Wer die Personen dahinter sucht, findet sie in unserem Artikel über Leif Eriksson. Wirtschaftlich blieb der Westen dennoch eine Einbahnstraße: Aus Grönland kam Walrosselfenbein nach Europa, genetische Untersuchungen an Walrossschädeln aus mittelalterlichen Werkstätten bestätigen die Herkunft. Aus Vinland kam Holz, aber nie Silber.
Das Ende des Silberstroms und unsere Einschätzung
Zwischen etwa 965 und 1015 versiegte der Nachschub aus dem Osten. Die Ursache lag nicht im Norden, sondern in Zentralasien: Die Silberproduktion der samanidischen Bergwerke geriet in eine Krise, der Feingehalt der Dirham sank, und irgendwann lohnte sich die weite Reise nicht mehr. In den skandinavischen Horten wird der Wechsel förmlich sichtbar. Arabische Münzen verschwinden, an ihre Stelle treten deutsche Otto-Adelheid-Pfennige und englische Silberpennys, ein großer Teil davon aus jenen Tributzahlungen, die als Danegeld in die Geschichte eingegangen sind.
Bildquelle: JMiall (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Parallel verschoben sich die Knotenpunkte. Birka wurde um 975 aufgegeben, Sigtuna übernahm. Haithabu ging 1066 endgültig unter, Schleswig trat an seine Stelle. Die Netze rissen nicht, sie wurden neu geknüpft, mit anderen Städten, anderen Münzen und bald anderen Akteuren, aus denen im Ostseeraum später die Hanse hervorging.
Redaktionell halten wir zwei Punkte für zentral. Erstens sollte man die Wikinger Handelswege nicht als heroische Entdeckungsleistung lesen. Der Norden lieferte Rohstoffe und Menschen und bekam dafür Silber, das er nicht selbst herstellen konnte. Das ist die Struktur eines Rohstoffexporteurs, und sie erklärt auch die Verwundbarkeit: Als der Abnehmer wegfiel, brach das Modell zusammen, ohne dass sich im Norden irgendetwas geändert hätte. Zweitens lohnt der Blick auf die Trennung, die wir gern zwischen Händler und Krieger ziehen. Die Quellen kennen sie nicht. Dieselbe Mannschaft, die in Bulgar Pelze verkaufte, konnte auf dem Rückweg plündern, und dieselben Männer, die in Konstantinopel Handel trieben, dienten dort später mit der Axt. Wer die Wikingerzeit verstehen will, muss beides zusammendenken statt sich für eine der beiden Erzählungen zu entscheiden.
Bildquelle: W.carter (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons