Geschichte
Björn Eisenseite: Wikingerkönig zwischen Saga und Geschichte
Björn Eisenseite gilt als Sohn Ragnar Lodbroks und Stammvater schwedischer Könige. Was Sagas, fränkische Chroniken und die TV-Serie Vikings wirklich über ihn sagen.
Inhalt
- Der Sohn Ragnar Lodbroks: was die Sagas erzählen
- Rache für Ragnar: der Zug gegen König Ælla
- Der Raubzug ins Mittelmeer: Björn, Hastein und das Jahr 859
- Münsö: der angebliche Stammvater der schwedischen Könige
- Saga, Chronik und Fernsehserie: drei verschiedene Björns
- Warum Björn Eisenseite bis heute fasziniert
Dank einer bekannten Fernsehserie kennt heute fast jeder den Namen Björn Eisenseite. Was die wenigsten wissen: Die historische Spur dieser Figur ist dünner, älter und seltsamer als jedes Drehbuch. Zwischen isländischen Sagas, einer normannischen Herzogschronik und tatsächlichen fränkischen Berichten über einen blutigen Raubzug ins Mittelmeer entsteht ein Bild, das weder reine Legende noch gesicherte Geschichte ist, sondern genau dazwischen liegt. Wer verstehen will, wo Björn als Sohn Ragnar Lodbroks endet und wo ein historischer Anführer namens Björn beginnt, muss die Quellen auseinanderhalten, nicht zusammenwerfen. Genau das versucht dieser Beitrag, Schicht für Schicht.
Der Sohn Ragnar Lodbroks: was die Sagas erzählen
Die wichtigste Quelle für Björns Familiengeschichte ist der kurze isländische Text Ragnarssona þáttr, die „Erzählung von Ragnars Söhnen”, ergänzt durch Angaben in Saxo Grammaticus’ lateinischer Gesta Danorum aus dem frühen 13. Jahrhundert. Beide schreiben Björn als einen der Söhne Ragnar Lodbroks zu, neben bekannteren Brüdern wie Ivar dem Knochenlosen und Sigurd Schlangenauge, über den wir bereits im Beitrag zu Ragnar Lodbrok ausführlich geschrieben haben.
Der Beiname Járnsíða, „Eisenseite”, wird in den Sagas nicht näher erklärt, was Spielraum für Spekulation lässt: robuste Rüstung, ein Ruf als unverwundbarer Kämpfer, oder schlicht ein Spitzname, der sich verselbstständigt hat. Wichtig ist, hier ehrlich zu bleiben: Die Ragnarssona þáttr ist ein später, im 14. Jahrhundert niedergeschriebener Text, drei- bis vierhundert Jahre nach den Ereignissen, die er beschreiben will. Als historische Quelle im strengen Sinn taugt sie wenig, als Überlieferung einer mündlichen Heldentradition aber durchaus.
Rache für Ragnar: der Zug gegen König Ælla
Nach der Ragnarssona þáttr beginnt Björns eigentliche Geschichte mit einem Racheakt. Ragnar Lodbrok soll, so die Überlieferung, in einer Schlangengrube am Hof des northumbrischen Königs Ælla umgekommen sein. Seine Söhne, darunter Björn, Ivar und Sigurd, sollen daraufhin gemeinsam ein Heer nach England geführt haben, um diesen Tod zu rächen. Diese Episode wird gewöhnlich mit dem historisch tatsächlich belegten Großen Heidnischen Heer in Verbindung gebracht, das ab 865 in England einfiel und mehrere angelsächsische Königreiche eroberte. Während die Existenz dieses Heeres durch die Angelsächsische Chronik zweifelsfrei gesichert ist, bleibt die Rolle, die Björn konkret dabei spielte, reine Saga-Überlieferung ohne externe Bestätigung. Mehrere Historiker vermuten, dass Björn, anders als Ivar, an diesem England-Feldzug möglicherweise gar nicht in führender Rolle beteiligt war und stattdessen bereits mit eigenen Unternehmungen Richtung Süden beschäftigt war.
Der Raubzug ins Mittelmeer: Björn, Hastein und das Jahr 859
Hier wird es interessant, denn an dieser Stelle berührt die Saga-Überlieferung tatsächlich zeitgenössische, überprüfbare Geschichte. Der normannische Mönch und Chronist Dudo von Saint-Quentin beschreibt um das Jahr 1000 in seiner Geschichte der Normannen einen Anführer namens Bier Costae Ferreae, lateinisch für „Björn Eisenseite”, der zusammen mit einem weiteren Anführer namens Hastein eine große Flotte befehligte.
Was diese Flotte unternahm, ist tatsächlich in mehreren unabhängigen fränkischen Quellen dokumentiert, auch wenn sie die Anführer nicht immer namentlich nennen: Ab etwa 859 nach Christus zog eine Wikingerflotte die iberische Küste entlang, plünderte Gebiete in Al-Andalus, überquerte die Straße von Gibraltar, griff Ziele an der nordafrikanischen Küste an und drang schließlich über die Rhone bis weit ins heutige Italien vor. Dort wurden die Städte Pisa und Luna überfallen, Letztere nach einer bekannten, wenn auch legendenhaft ausgeschmückten Überlieferung angeblich in der Annahme, man habe bereits Rom erreicht.
| Jahr (ca.) | Ereignis | Region |
|---|---|---|
| 859 | Auslaufen der Flotte, Plünderung an der iberischen Küste | Al-Andalus |
| 859-860 | Durchfahrt der Straße von Gibraltar, Angriffe in Nordafrika | Nordafrika |
| 860 | Vorstoß die Rhone hinauf | Frankreich |
| 860-861 | Plünderung von Pisa und Luna | Italien |
| 862 | Rückkehr der (stark geschrumpften) Flotte | Atlantikküste |
Für eine Flotte, die über drei Jahre unterwegs war, ohne feste Versorgungslinien, mitten durch fremdes, oft feindliches Gebiet, ist das eine beachtliche logistische Leistung, ganz unabhängig davon, wer sie am Ende tatsächlich anführte. Die Rückkehr war kein triumphaler Sieg. Zeitgenössische Quellen wie die Annales Bertiniani (Annalen von St-Bertin) deuten an, dass die Flotte auf dem Heimweg durch Sturm, Krankheit und Gefechte erheblich geschwächt zurückkam. Ob der Dudo von Saint-Quentin genannte „Bier” tatsächlich identisch mit dem Saga-Björn ist, lässt sich nicht beweisen, aber die zeitliche und geografische Passung ist auffällig genug, dass sie in der Forschung ernst genommen wird.
Von Björns Mitanführer Hastein wissen wir deutlich mehr, und das wirft zusätzliches Licht auf die Glaubwürdigkeit der gesamten Episode. Fränkische Quellen wie die Annalen von St-Bertin verfolgen Hasteins Spur noch Jahrzehnte nach dem Mittelmeer-Unternehmen weiter, vor allem entlang der Loire, wo er in den 860er und 870er Jahren wiederholt Klöster und Städte überfiel und zeitweise sogar ein befestigtes Lager unterhielt. Dass Hastein als Person so gut dokumentiert ist, stützt indirekt auch die Existenz seines angeblichen Mitanführers Björn, selbst wenn dessen weiterer Lebensweg nach der Rückkehr aus dem Mittelmeer in den fränkischen Quellen nicht mehr auftaucht.
Münsö: der angebliche Stammvater der schwedischen Könige
Noch eine zweite Spur führt zu Björn, diesmal nach Schweden. Mittelalterliche schwedische Königslisten, unter anderem Angaben in der Hervarar saga, nennen einen Björn als Begründer einer Herrscherlinie mit Sitz auf der Insel Munsö im Mälarsee, nicht weit von der späteren Königsstadt Sigtuna. Diese sogenannte Münsö-Dynastie gilt in älterer Forschung als früheste halbwegs greifbare schwedische Königslinie, auch wenn moderne Historiker die Verbindung zu einem einzelnen, konkreten Björn zunehmend skeptisch beurteilen.
Unsere Einschätzung nach Abwägung der Quellenlage: Es ist gut möglich, dass sich hier zwei unterschiedliche Erzähltraditionen, nämlich eine dänische Ragnarssonen-Sage und eine schwedische Königslinien-Tradition, nachträglich zu einer einzigen Figur verschmolzen haben, weil der Name und der Titel passten. Genau das war im mittelalterlichen Island, wo die meisten dieser Texte aufgezeichnet wurden, eine gängige Praxis: verstreute mündliche Überlieferung zu einer kohärenten Genealogie zu verdichten.
Die Hervarar saga nennt als Björns Nachfolger auf Munsö einen Sohn namens Erik, von dem wiederum spätere, deutlich legendenhaftere Könige abgeleitet werden. Je weiter diese Königslisten in die Vergangenheit zurückreichen, desto unsicherer wird die Quellenlage, ein Muster, das in fast allen frühmittelalterlichen Herrschergenealogien Nordeuropas auftaucht: Die jüngeren, besser belegten Glieder der Kette gelten als vergleichsweise sicher, während die älteren Glieder zunehmend der Legitimation dienen, nicht der historischen Aufzeichnung.
Saga, Chronik und Fernsehserie: drei verschiedene Björns
Es lohnt sich, die drei Ebenen klar zu trennen, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung ständig verschwimmen.
- Der Saga-Björn: Sohn Ragnar Lodbroks, Bruder Ivars und Sigurds, Teil einer mündlichen Heldenerzählung, niedergeschrieben Jahrhunderte später.
- Der historische Björn (falls identisch mit Dudos „Bier”): Mitanführer eines dokumentierten Raubzugs ins Mittelmeer 859 bis 862, bezeugt in fränkischen und normannischen Quellen seiner Zeit oder kurz danach.
- Der Fernseh-Björn: Hauptfigur der Serie „Vikings”, eine freie dramatische Erfindung, die Ereignisse, Beziehungen und Zeiträume stark verdichtet und verändert, um eine Serienfigur über mehrere Staffeln zu tragen.
Nur die mittlere Ebene lässt sich an echten, zeitgenössischen Dokumenten festmachen. Die erste ist Überlieferung mit Kern, die dritte ist Unterhaltung. Wer mehr über das größere historische Umfeld dieser Wikingerfamilie wissen will, sollte unseren Beitrag zum Großen Heidnischen Heer lesen, das von Björns Brüdern maßgeblich mitgeführt wurde.
Besonders die Fernsehserie hat das Bild in der Öffentlichkeit so stark geprägt, dass viele Zuschauer die dramatischen Freiheiten gar nicht mehr als solche erkennen. Björns Beziehung zu seinen Brüdern, sein Verhältnis zu Ragnar, sogar die Reihenfolge der historischen Ereignisse wurden für die Serie radikal umgestellt und auf wenige Hauptfiguren konzentriert, die über Jahrzehnte hinweg gemeinsam auftreten, obwohl die Sagas selbst oft weit verstreutere, in sich widersprüchliche Zeiträume andeuten. Das ist kein Vorwurf an die Produktion, Drama lebt von Verdichtung, aber es erklärt, warum ein Abgleich mit den Primärquellen für die meisten Zuschauer eine echte Überraschung bereithält.
Warum Björn Eisenseite bis heute fasziniert
Die Anziehungskraft dieser Figur liegt genau in dieser Mehrdeutigkeit. Björn ist kein sauber dokumentierter König wie spätere Herrscher, über die Runensteine und Münzen eindeutig Auskunft geben, sondern eine Gestalt, die zwischen Heldensage, Chronik und moderner Populärkultur hin- und herwandert. Das macht ihn zu einem fast idealen Beispiel dafür, wie die Wikingerzeit insgesamt überliefert wurde: fragmentarisch, aus mehreren Richtungen gleichzeitig, mit echten historischen Körnern tief in legendärem Material vergraben.
Am Ende bleibt eine ehrliche Antwort unbequemer, aber befriedigender als eine erfundene Gewissheit: Ein Mann namens Björn mit dem Beinamen Eisenseite hat aller Wahrscheinlichkeit nach existiert, ein Raubzug unter diesem oder einem ähnlichen Namen hat mit hoher Sicherheit stattgefunden, doch wie viel von Ragnars Sohn, Münsös Stammvater und dem Anführer vor Pisa tatsächlich ein und dieselbe Person war, wird sich mit den heutigen Quellen nicht mehr abschließend klären lassen.
Gerade dieser Umstand macht Björn zu einem lohnenden Thema, nicht trotz, sondern wegen der Unsicherheit. Wer sich mit der Wikingerzeit beschäftigt, lernt an seinem Beispiel etwas Grundsätzliches über das Fach selbst: Mittelalterliche Geschichte besteht selten aus klaren, abgeschlossenen Fakten, sondern aus Schichten von Überlieferung, die sich gegenseitig stützen, widersprechen und gelegentlich auch schlicht erfinden, um eine gute Geschichte abzurunden. Björn Eisenseite steht damit stellvertretend für Dutzende ähnlicher Gestalten der Wikingerzeit, deren Namen wir kennen, deren Taten wir ahnen, und deren genaues Leben für immer im Zwischenraum zwischen Saga und Stein verborgen bleibt.