Geschichte
Wikinger-Silberschatz: Warum sie ihre Horte im Boden vergruben
Wikinger-Silberschatz und Hort erklärt: Cuerdale, Spillings, Galloway. Was in den Funden lag, warum die Nordmänner ihr Silber vergruben und es nie zurückholten.
Inhalt
- Was in einem Wikinger-Silberschatz tatsächlich liegt
- Die großen Horte: eine Fundliste zum Vergleich
- Warum die Wikinger ihren Silberschatz vergruben
- Odins Gesetz und Egils Kisten: was die Quellen sagen
- Bezahlen nach Gewicht: Hacksilber, Waagen und Prüfhiebe
- Mythos gegen Fakt: was der Boden wirklich hergibt
- Fazit: Silber, das seinen Besitzer überlebte
Am 15. Mai 1840 besserten Arbeiter am Ufer des Flusses Ribble bei Preston in Lancashire einen Damm aus, als ihre Spaten auf die Reste einer Bleikiste stießen. Darin lagen rund 8.600 Objekte aus Silber, etwa 7.000 davon Münzen, dazu Barren, zerhackte Armringe und Broschenfragmente, zusammen etwa 40 Kilogramm Edelmetall. Der Cuerdale-Hort ist bis heute der größte Wikinger-Silberschatz, der je auf den Britischen Inseln gefunden wurde. Und er stellt dieselbe Frage wie jeder andere Hort dieser Epoche: Warum vergrub jemand ein Vermögen im Boden und holte es nie wieder heraus?
Die Antwort ist unbequemer, als sie klingt. Es gibt sie nämlich nicht in der Einzahl. Wikingerzeitliche Silberhorte wurden aus sehr unterschiedlichen Gründen in die Erde gebracht, und ein Teil von ihnen war vermutlich nie zur Rückkehr in menschliche Hände bestimmt. Was heute in Vitrinen von London, Edinburgh und Visby liegt, ist deshalb weniger eine Sammlung von Schätzen als ein Archiv aus Entscheidungen, die vor über tausend Jahren jemand unter Druck, unter Zwang oder aus religiöser Überzeugung getroffen hat.
Was in einem Wikinger-Silberschatz tatsächlich liegt
Wer bei “Schatz” an Kisten voller gleichförmiger Münzen denkt, wird von den echten Funden enttäuscht. Ein typischer Hort der Wikingerzeit ist ein Durcheinander aus vier Materialklassen. Erstens Münzen, meist keine eigenen: arabische Dirham aus den Prägestätten des Abbasiden- und Samanidenreichs, dazu fränkische Denare, angelsächsische Pennys und, ab dem späten 10. Jahrhundert, immer mehr deutsche Pfennige. Zweitens Schmuck, vor allem Arm- und Halsringe, oft mit gestempelten oder geflochtenen Mustern. Drittens Barren, also gegossenes Rohsilber in handlichen Riegeln. Und viertens das, was Archäologen Hacksilber nennen: gezielt zerschnittene oder zerhackte Fragmente von Schmuck und Gefäßen.
Genau dieses Hacksilber verrät am meisten. Ein zerhackter Armring ist kein beschädigter Schmuck, sondern eine Zahlungseinheit. In weiten Teilen der wikingerzeitlichen Welt galt Silber nicht nach Nennwert, sondern nach Gewicht und Feingehalt. Wer bezahlen wollte, trennte vom Ring ab, was der Preis verlangte. Der Wikinger-Silberschatz war damit weniger eine Schatulle als ein Warenlager, und viele Horte sehen genau so aus: kein Prunk, sondern Rohstoff in Zwischengrößen.
Die Herkunft der Münzen macht sichtbar, wie weit die Handelsnetze reichten. Zehntausende islamische Silbermünzen sind allein aus skandinavischen Funden dokumentiert, geprägt in Werkstätten von Bagdad bis Samarkand und über die russischen Flusswege nach Norden gelangt. Wie dieser Fernhandel im Alltag funktionierte, zeigt der Handelsplatz Birka im Mälarsee besonders deutlich, wo dieselben Dirham in Gräbern und Kulturschichten auftauchen.
Die großen Horte: eine Fundliste zum Vergleich
Der schnellste Weg, ein Gefühl für die Größenordnungen zu bekommen, ist der direkte Vergleich der bekanntesten Funde:
| Hort | Ort | Entdeckt | Vergraben um | Umfang und Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Cuerdale | Lancashire, England | 1840 | 905 bis 910 | ca. 8.600 Objekte, ca. 40 kg, davon rund 7.000 Münzen |
| Spillings | Gotland, Schweden | 1999 | nach 870/871 | ca. 67 kg Silber, über 14.000 Münzen, größter bekannter Hort der Wikingerzeit |
| Vale of York | North Yorkshire, England | 2007 | um 927/928 | 617 Münzen und 65 Objekte, verpackt in einem vergoldeten Silbergefäß |
| Galloway | Dumfries and Galloway, Schottland | 2014 | um 900 | rund 100 Objekte in vier Schichten, Armringe mit Runeninschriften |
| Silverdale | Lancashire, England | 2011 | 900 bis 910 | 201 Objekte in einem Bleibehälter, Münze mit dem Herrschernamen Airdeconut |
Zwei Dinge fallen an dieser Liste sofort auf. Zum einen die zeitliche Ballung: Vier der fünf Horte gehören in ein Fenster von wenigen Jahrzehnten um das Jahr 900, also in eine Phase heftiger Machtkämpfe in Nordengland und im Irischen Meer. Zum anderen die Verteilung. Gotland allein hat über 700 wikingerzeitliche Silberhorte geliefert, mehr als jede andere Landschaft Nordeuropas. Die Insel war Umschlagplatz des Ostseehandels, und ihre Bauern saßen buchstäblich auf dem Silber, das durch ihre Häfen floss.
Bildquelle: Ethan Doyle White (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
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Warum die Wikinger ihren Silberschatz vergruben
In der Forschung stehen vier Erklärungsmodelle nebeneinander, und die ehrlichste Antwort lautet: Sie schließen einander nicht aus.
Das Notversteck. Die naheliegendste Deutung. Wer ein Heer erwartet, bringt sein bewegliches Vermögen aus dem Haus. Diese Erklärung passt gut zur zeitlichen Ballung der englischen Horte um 900, als das nordische Königreich York um seinen Bestand kämpfte und norwegische Verbände nach der Vertreibung aus Dublin im Jahr 902 neue Stützpunkte an der Irischen See suchten. Der Cuerdale-Hort liegt genau an dieser Bruchlinie, an einer Flussfurt auf der Route zwischen York und der Küste.
Die Bank ohne Bank. In einer Gesellschaft ohne Tresore, Schuldscheine und Vollstreckungsbehörden ist ein Loch im Boden ein rationales Finanzprodukt. Es kostet nichts, es ist unauffällig, und der Ort ist nur einem einzigen Menschen bekannt. Der Nachteil ist derselbe wie der Vorteil: Stirbt dieser Mensch unerwartet, bleibt das Silber liegen. Ein erheblicher Teil der überlieferten Horte dürfte schlicht deshalb erhalten sein, weil der Eigentümer nicht zurückkam.
Das Opfer. Manche Deponierungen liegen an Orten, die eine spätere Bergung erschweren oder ausschließen, etwa in Mooren, Gewässern oder an markanten Grenzpunkten in der Landschaft. Hier spricht vieles dafür, dass das Silber bewusst aus dem Kreislauf genommen wurde, als Gabe an Mächte, nicht als Rücklage für schlechte Zeiten.
Das Depot für das Jenseits. Diese Deutung ist die spektakulärste, und sie hat eine schriftliche Grundlage, auf die wir gleich zu sprechen kommen.
Odins Gesetz und Egils Kisten: was die Quellen sagen
Snorri Sturluson berichtet in der Ynglinga saga, dem ersten Teil seiner Heimskringla, von den Gesetzen, die Odin in seinem Land eingeführt habe. Dort heißt es, jeder Tote solle mit dem Besitz nach Walhall kommen, den er auf dem Scheiterhaufen bei sich habe, und er solle darüber hinaus auch das genießen, was er selbst in der Erde verborgen habe. Das ist die deutlichste Aussage, die wir aus dem nordischen Schrifttum zum Vergraben von Reichtum besitzen.
Man muss sie mit Vorsicht lesen. Snorri schrieb im 13. Jahrhundert, gut zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands, und er ordnete heidnische Praxis nachträglich in ein System. Trotzdem ist die Stelle wertvoll, weil sie zeigt, dass das Vergraben von Silber im mittelalterlichen Norden zumindest als religiös sinnvolle Handlung erinnert wurde und nicht nur als Sicherheitsmaßnahme.
Die Egils saga liefert dazu die literarische Gegenprobe. Der alte, fast blinde Egill Skallagrímsson nimmt der Erzählung nach seine beiden Silberkisten aus England, reitet mit zwei Knechten in der Nacht davon, versteckt das Silber und kehrt allein zurück. Ob die Episode historisch ist, lässt sich nicht entscheiden. Als Zeugnis dafür, wie man sich Jahrhunderte später das Anlegen eines Horts vorstellte, ist sie kaum zu übertreffen: heimlich, nachts, und ohne überlebende Mitwisser.
Wer alle drei Quellenschichten nebeneinanderlegt, sieht dasselbe Muster: Silber war im Norden nie nur Geld. Es war Rang, Bindung und Gabe zugleich, und wo es verschwand, verschwand es selten aus reinem Kalkül.
Dass Silber Bindung stiftete, zeigt sich auch in der Sprache. Skaldische Dichtung feiert Könige als Ringbrecher und Ringgeber, weil sie kostbare Armringe zerteilten und an Gefolgsleute verschenkten. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan, der 922 an der Wolga auf die Rus traf, notierte den Brauch, dass ein Mann seiner Frau für je zehntausend Dirham einen Halsring anfertigen ließ. Tragbarer Reichtum war Statusanzeige, nicht nur Rücklage.
Bezahlen nach Gewicht: Hacksilber, Waagen und Prüfhiebe
Wie eine Zahlung praktisch ablief, lässt sich an den Funden ablesen. Zu den häufigsten Grabbeigaben wikingerzeitlicher Händler gehören kleine Klappwaagen und Sätze standardisierter Gewichte, meist würfelförmig mit abgeschrägten Ecken oder abgeplattet kugelig. Sie tauchen ab dem späten 9. Jahrhundert quer durch die nordische Welt in auffallend ähnlicher Form auf, was auf ein weitgehend abgestimmtes Gewichtssystem hindeutet.
Ebenso aufschlussreich sind die Prüfspuren. Sehr viele Münzen und Barren aus den Horten tragen feine Einschnitte, Kratzer oder Kerben an den Rändern. Sie stammen von Messerspitzen, mit denen geprüft wurde, ob unter der Silberhaut ein billiger Kern aus Kupfer oder Blei steckt. Ein Hort voller angeritzter Stücke erzählt deshalb auch von Misstrauen, von Fälschungen und von einem Markt, auf dem niemand einem fremden Stück Metall auf den ersten Blick glaubte.
Bildquelle: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Aus diesem Gewichtssilber entwickelten sich regionale Zwischenformen. Auf den schottischen Inseln kursierten im 10. und 11. Jahrhundert Armringe mit auffällig gleichmäßigem Gewicht, die die Forschung als Ringgeld bezeichnet: Schmuck, der zugleich als kalkulierbare Zahlungseinheit funktionierte. Wo dagegen ein starkes Königtum eigene Münzen prägte und ihren Umlauf durchsetzte, verschwand das Hacksilber allmählich. Genau diesen Übergang macht die Geschichte des Danegeld sichtbar, bei dem England gemünztes Silber in großem Stil an nordische Heere abgab.
Mythos gegen Fakt: was der Boden wirklich hergibt
Populäre Darstellungen und archäologischer Befund gehen bei diesem Thema besonders weit auseinander. Vier verbreitete Annahmen im Faktencheck:
- Mythos: In Wikingerhorten liegt vor allem Gold. Fakt: Die überwältigende Mehrheit der Funde besteht aus Silber. Gold war im Norden bekannt und geschätzt, aber selten. Silber war das Massenmedium des Werts.
- Mythos: Die Schätze stammen fast alle aus Raubzügen. Fakt: Ein großer Teil des Metalls kam über Handel, Tribut und Sold in den Norden, oft entlang der Ostroute. Beute war eine Quelle unter mehreren, nicht die einzige.
- Mythos: Ein Hort gehörte immer einer Person. Fakt: Beim Galloway-Hort tragen mehrere Armringe Runeninschriften mit unterschiedlichen Namen, was auf mehrere Eigentümer oder eine gemeinsam hinterlegte Gruppenkasse hindeutet.
- Mythos: Es war Zufall, wo man vergrub. Fakt: Viele Deponierungen liegen an Furten, Grenzen, markanten Steinen oder Höhenpunkten, also an Orten, die man wiederfindet oder die religiös aufgeladen sind.
Redaktionell halten wir dabei eine Beobachtung für unterbewertet: Die Horte, die wir kennen, sind ausschließlich die gescheiterten Fälle. Jeder erfolgreich angelegte und später wieder ausgegrabene Wikinger-Silberschatz ist für die Archäologie unsichtbar, weil er wieder in den Umlauf ging. Wir sehen also nicht die Praxis, sondern nur ihre Ausfälle. Wer daraus schließt, die Nordmänner hätten aus Angst oder Frömmigkeit ständig Silber verloren, verwechselt die Stichprobe mit der Grundgesamtheit. Wahrscheinlicher ist, dass das Vergraben ein normaler, meist funktionierender Umgang mit Vermögen war und nur seine Fehlschläge überliefert sind.
Wer heute in Nordeuropa auf einen solchen Fund stößt, hat übrigens eine Meldepflicht. In England und Wales regelt der Treasure Act von 1996 das Verfahren, in Dänemark greift das alte Prinzip des Danefæ, in Schweden und Norwegen bestimmen die Kulturerbegesetze, dass Edelmetallfunde dem Staat anzubieten sind. Der Galloway-Hort wurde auf diesem Weg 2017 für 1,98 Millionen Pfund von den National Museums Scotland erworben. Wildes Graben ohne Genehmigung zerstört dagegen genau das, was den wissenschaftlichen Wert ausmacht: die Fundlage.
Fazit: Silber, das seinen Besitzer überlebte
Ein Wikinger-Silberschatz ist kein Märchenmotiv, sondern eine Momentaufnahme. Er zeigt, wie weit die Handelsnetze eines Bauern auf Gotland reichten, wie nervös die Lage in Nordengland um das Jahr 900 war, wie man ohne Banken sparte und wie man sich das Jenseits mit Rücklage vorstellte. Vor allem aber zeigt er, dass Silber im Norden mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllte: Zahlungsmittel, Statussymbol, Geschenk und möglicherweise Opfergabe.
Der Cuerdale-Hort, mit dem dieser Artikel begann, bleibt dafür das beste Beispiel. Vierzig Kilogramm Silber, sorgfältig sortiert, in eine Bleikiste gepackt und an einer Flussfurt vergraben, sprechen für eine geplante Handlung mit klarer Absicht der Rückkehr. Dass niemand zurückkam, ist der Grund, warum wir heute überhaupt hineinsehen können. Genau diese Ironie steckt in fast jedem Hort der Wikingerzeit.
Bildquelle Titelbild: Portable Antiquities Scheme from London, England (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons