Geschichte
Jorvik: Wie die Wikinger York prägten - die Coppergate-Funde
Jorvik war das York der Wikinger. Was die Coppergate-Funde über Handwerk, Handel und Alltag verraten - und warum der Coppergate-Helm kein Wikingerhelm ist.
Inhalt
Unter den Einkaufsstraßen der nordenglischen Stadt York liegt eine zweite Stadt. Sie heißt Jorvik, war im 10. Jahrhundert vermutlich der zweitgrößte Ort Englands nach London, und sie hat sich in einem nassen, sauerstoffarmen Boden so vollständig erhalten wie kaum ein anderer Siedlungsplatz der Wikingerzeit. Wer wissen will, wie die Wikinger in York tatsächlich lebten, kommt an einer einzigen Straße nicht vorbei: Coppergate. Zwischen 1976 und 1981 gruben Archäologen dort rund 1.000 Quadratmeter bis in neun Meter Tiefe aus und holten eine Welt ans Licht, die aus Holz, Leder, Textil und Knochen bestand. Also aus genau dem Material, das auf normalen Ausgrabungen restlos verrottet ist.
Von Eboracum über Eoforwic nach Jorvik
York ist eine Stadt mit drei Namen, und alle drei stehen für eine Epoche. Die Römer gründeten hier um 71 n. Chr. das Legionslager Eboracum, das zum Verwaltungszentrum Nordbritanniens aufstieg. Nach dem Abzug der Römer wurde daraus das angelsächsische Eoforwic, Hauptort des Königreichs Northumbria und ab dem 7. Jahrhundert Bischofs- und später Erzbischofssitz. Die Nordmänner machten daraus lautlich Jórvík, und aus Jórvík wurde über Jahrhunderte schlicht York.
Die Lage erklärt, warum hier dreimal hintereinander eine bedeutende Stadt entstand. York liegt am Zusammenfluss von Ouse und Foss, weit genug im Landesinneren, um geschützt zu sein, und doch über die Ouse und den Humber direkt an die Nordsee angebunden. Ein Schiff konnte aus der Nordsee bis mitten in die Stadt segeln. Für eine Kultur, deren gesamte Wirtschaft an Schiffsrouten hing, war das kein Standortvorteil, sondern der Standortvorteil schlechthin.
Dieser kurze Zeitstrahl ordnet die wichtigsten Daten ein:
- 866, 1. November: Das Große Heidnische Heer nimmt York ein, laut der Angelsächsischen Chronik an Allerheiligen.
- 867, 21. März: Die northumbrischen Könige Osberht und Ælla fallen beim Versuch, die Stadt zurückzuerobern.
- 876: Halfdan teilt das Land Northumbriens unter seinen Männern auf. Aus dem Heerlager wird dauerhafte Siedlung.
- ca. 900 bis 950: Blütezeit der Handwerksviertel an Coppergate, eigene Münzprägung in York.
- 954: Mit der Vertreibung Erik Blutaxts endet das eigenständige Königreich Jorvik.
- 1976 bis 1981: Die Grabung an Coppergate legt vier Grundstücke der Wikingerstadt frei.
- 1984: Das Jorvik Viking Centre eröffnet direkt über der Fundstelle.
Wie die Wikinger aus York Jorvik machten
Die Eroberung selbst ist gut belegt, weil sie englische Chronisten tief erschütterte. Das Große Heidnische Heer, jene verbündete Streitmacht skandinavischer Anführer, die seit 865 in England operierte, nutzte einen Thronstreit zwischen Osberht und Ælla und nahm York 866 ohne nennenswerten Widerstand. Der Gegenangriff im Frühjahr 867 endete in einer Katastrophe: Beide Könige starben, Northumbria verlor seine Führungsschicht. Wie dieses Heer überhaupt entstand und wie es sich durch England bewegte, haben wir im Artikel über das Große Heidnische Heer ausführlicher beschrieben.
Entscheidend für die Stadt war aber nicht das Jahr 866, sondern das Jahr 876. Damals verteilte Halfdan das Land unter seinen Kriegern, die sesshaft wurden, pflügten und bauten. Aus Besatzern wurden Grundbesitzer, Händler und Handwerker. Genau dieser Übergang ist im Boden von Coppergate ablesbar: Die ältesten wikingerzeitlichen Schichten sind keine Lager, sondern Werkstätten.
Bemerkenswert ist, was dabei nicht passierte. Das Erzbistum York blieb bestehen, christliche und heidnische Bevölkerung existierten nebeneinander, und schon um 900 prägten die Herrscher von Jorvik Münzen mit dem Namen des heiligen Petrus. Ein nordisches Königreich, das Heiligenmünzen schlägt, passt schlecht zum Bild vom plündernden Heiden. Es passt sehr gut zu Leuten, die begriffen hatten, dass Münzen nur dann als Zahlungsmittel funktionieren, wenn die lokale Bevölkerung sie akzeptiert.
Bildquelle: Sandy Gerrard (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons
Coppergate: Fünf Jahre Grabung, neun Meter Geschichte
Dass ausgerechnet Coppergate ausgegraben wurde, war ein Zufall der Stadtplanung. Auf dem Gelände einer alten Süßwarenfabrik sollte ein Einkaufszentrum entstehen, und der York Archaeological Trust erhielt unter Leitung von Richard Hall die Gelegenheit, vorher zu graben. Aus einer geplanten kurzen Untersuchung wurden fünf Jahre.
Der Grund dafür lag im Boden. Das Gelände fällt zum Fluss Foss hin ab, der Untergrund ist dauerhaft wassergesättigt, und wo Wasser steht, kommt kein Sauerstoff hin. Ohne Sauerstoff arbeiten die Bakterien nicht, die organisches Material zersetzen. Das Ergebnis ist ein archäologischer Glücksfall: In Coppergate blieben nicht nur Metall und Keramik erhalten, sondern Hausbalken, Flechtwände, Lederschuhe, Wollstoffe, Haarnetze, Fässer, Löffel und sogar Obstkerne und Insektenreste.
Die Grabung legte vier schmale Grundstücke frei, jedes etwa fünfeinhalb Meter breit, die von der Straße nach hinten zum Fluss liefen. Diese Parzellengrenzen blieben über Generationen stabil. Es gab also eine geordnete, offenbar verbindlich geregelte Stadtstruktur, kein wild gewachsenes Lager. In der älteren Phase standen dort ebenerdige Flechtwerkhäuser; ab etwa 975 ersetzte man sie durch massivere, halb eingetiefte Bauten mit Bohlenwänden und kellerartigen Untergeschossen, die sich für Lagerung und Verkauf eigneten.
Auch der Straßenname selbst ist ein Fund. “Coppergate” kommt nicht von Kupfer, sondern vom altnordischen koppari, dem Becherdrechsler, kombiniert mit gata, der Straße. Die Straße der Drechsler also. Dass die Grabung ausgerechnet dort massenhaft Drechselabfälle fand, abgedrehte Holzkerne, die beim Ausdrehen von Schalen übrig bleiben, ist eine der schönsten Bestätigungen, die Archäologie und Sprachwissenschaft sich gegenseitig je geliefert haben.
Was der nasse Boden konservierte
Insgesamt kamen rund 40.000 Einzelobjekte zusammen, dazu etwa eine Viertelmillion Keramikscherben und mehrere Tonnen Tierknochen. Diese Masse ist der eigentliche Wert: Nicht der einzelne Prachtfund, sondern die Möglichkeit, ganze Werkstätten und Haushalte zu rekonstruieren.
| Fundgruppe | Beispiele aus Coppergate | Was sie zeigt |
|---|---|---|
| Holzhandwerk | Abgedrehte Kerne, Schalen, Becher, Fassdauben | Serienfertigung von Geschirr für den Verkauf |
| Leder | Schuhe, Scheiden, Zuschnittreste | Schuhmacher arbeiteten vor Ort, nicht nur Händler |
| Textil | Wollgewebe, Spinnwirtel, Webgewichte, eine genähte Socke in Nadelbindung | Textilarbeit im Haushalt, keine reine Importware |
| Metall | Schmiedeschlacke, Werkzeuge, Gerät zur Münzprägung | York prägte eigenes Geld, kontrolliert durch die Herrscher |
| Schmuck und Luxus | Bernstein, Gagat aus Whitby, Seide, Karneolperlen | Rohstoffe und Fertigware aus halb Eurasien |
| Alltagsreste | Obstkerne, Fischgräten, Knochen, Parasiteneier | Ernährung, Hygiene und Gesundheit der Bewohner |
Besonders eindrücklich sind die unspektakulären Dinge. Eine in Nadelbindung gefertigte Wollsocke, eine Technik, die mit nur einer Nadel arbeitet und älter ist als das Stricken, sagt mehr über einen Winter in Jorvik aus als jedes Schwert. Und an einer benachbarten Grabungsstelle in der Straße Pavement fand der York Archaeological Trust 1972 einen vollständig erhaltenen menschlichen Kotrest, den sogenannten Lloyds-Bank-Koprolithen. In ihm steckten Eier von Peitschenwurm und Spulwurm. Das ist unappetitlich und zugleich eine der härtesten Quellen, die wir über die Lebensbedingungen in einer dicht bebauten Wikingerstadt besitzen.
Die Wikingerzeit ist meistens über ihre Gräber überliefert, also über sorgfältig inszenierte Abschiede. Coppergate überliefert das Gegenteil: den Abfall, die Werkstatt, den kaputten Schuh. Deshalb ist diese Grabung so wertvoll.
Der Coppergate-Helm: Mythos und Fakt
Das berühmteste Objekt der Fundstelle ist ein Helm, und bei ihm liegt fast jeder Besucher erst einmal falsch. Im Mai 1982, nach dem Ende der eigentlichen Grabung, stieß ein Bagger bei den Bauarbeiten für das Jorvik Viking Centre auf eine holzverschalte Grube, und darin lag ein nahezu vollständiger Helm aus Eisen mit vergoldeten Messingbändern, Wangenklappen und einem Nackenschutz aus Kettengeflecht. Er wird heute im Yorkshire Museum ausgestellt.
| Verbreitete Annahme | Was der Fund tatsächlich hergibt |
|---|---|
| Ein Wikingerhelm aus Jorvik | Angelsächsisch, datiert ins 8. Jahrhundert und damit rund hundert Jahre vor der Eroberung von 866 |
| Trug ein nordischer Krieger | Die lateinische Inschrift auf den Messingbändern nennt einen Namen aus dem angelsächsischen Raum, Oshere |
| Heidnisches Kriegsgerät | Die Inschrift ist eine christliche Anrufung im Namen Gottes |
| Typische Ausrüstung der Zeit | Vollständige frühmittelalterliche Helme sind in ganz Nordeuropa extrem selten |
| Gehört zur Siedlungsschicht | Er lag in einer eigens angelegten Grube, der Grund der Deponierung ist bis heute ungeklärt |
Der Helm ist also kein Wikingerobjekt, sondern ein angelsächsisches Prunkstück, das die Nordmänner in York vorfanden oder das lange vor ihnen vergraben wurde. Er bleibt trotzdem untrennbar mit der Geschichte von Jorvik verbunden, weil ohne den Bau des Wikingermuseums niemand ihn je gefunden hätte. Nur als Beleg für die Ausrüstung nordischer Krieger in York taugt er eben nicht, und genau als solcher wird er bis heute abgebildet.
Bildquelle: Chemical Engineer (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons. Die Hölzer stammen aus der Grabung, Boden und Wasser sind nachgestellt.
Ein Handelsplatz mit Seide aus Byzanz
Jorvik war kein isolierter Nordseeort, sondern ein Knoten in einem Netz, das vom Nordatlantik bis in den Orient reichte. Der Bernstein stammt von der Ostsee, der schwarz glänzende Gagat aus dem nahen Whitby, die Seide eines in Coppergate gefundenen Kopftuchs aus dem östlichen Mittelmeerraum, vermutlich über byzantinische Vermittlung. Dazu kommen Karneolperlen, deren Rohstoff aus dem Gebiet zwischen Persischem Golf und Indien stammt, und eine Kaurischnecke, die nur im Indischen Ozean oder Roten Meer lebt.
Keiner dieser Gegenstände beweist, dass ein Händler aus York persönlich nach Bagdad gereist ist. Sie beweisen etwas anderes, nämlich dass York fest in einem Zwischenhandelssystem hing, in dem Waren über viele Stationen weitergereicht wurden. Jede Station nahm ihren Anteil, und am Ende lag eine indische Karneolperle in einer Werkstatt in Nordengland. Vergleichbare Befunde kennen wir aus Haithabu an der dänisch-deutschen Grenze, das dieselbe Rolle für die Ostsee spielte wie Jorvik für die Nordsee und die Irische See.
Dazu passt die eigene Münzprägung. In York entstanden im frühen 10. Jahrhundert Münzen in großer Zahl, darunter die Serie mit dem Namen des heiligen Petrus, und in Coppergate fanden sich Geräte, die zur Prägung gehören. Wer Münzen schlägt, braucht Silber, Kontrolle über den Markt und einen Staatsapparat, der Fälschung verfolgt. Jorvik hatte offenbar alles drei.
Unsere Einschätzung
Coppergate wird oft als “die Wikingergrabung” verkauft, und das ist im Marketingsinn richtig, im historischen Sinn aber zu eng. Was dort gefunden wurde, ist in erster Linie eine englische Stadt des 10. Jahrhunderts, in der nordische Siedler, angelsächsische Einwohner und importierte Waren so eng verwoben sind, dass sich die Anteile oft gar nicht trennen lassen. Ein Lederschuh verrät nicht, ob sein Träger dänische oder northumbrische Vorfahren hatte.
Genau darin liegt aus unserer Sicht der eigentliche Wert der Fundstelle. Sie korrigiert ein Bild, das die Schriftquellen jahrhundertelang geprägt haben, weil Mönche nun einmal über Überfälle schreiben und nicht über Drechslerwerkstätten. Coppergate zeigt die andere Hälfte: Menschen, die Schalen abdrehten, Schuhe flickten, Fisch aßen, Parasiten hatten und Geld prägten. Beides ist wahr, die Gewalt von 866 und die Werkbank von 950. Wer nur eine der beiden Hälften erzählt, erzählt die Wikingerzeit falsch.
Dass das Jorvik Viking Centre nach der schweren Überschwemmung zum Jahreswechsel 2015 saniert und 2017 wiedereröffnet wurde, ist dabei mehr als eine Randnotiz. Der nasse Boden, der die Funde über tausend Jahre bewahrt hat, ist derselbe, der die Fundstelle heute bedroht. Trocknet er aus, zerfällt das Holz. Unter den Straßen von York liegt also keine konservierte Stadt, sondern eine, die man aktiv am Leben halten muss.
Bildquelle Titelbild: Coppergate-Helm, York Museums Trust (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons