Geschichte
Leif Eriksson: Der Wikinger, der Amerika entdeckte
Leif Eriksson erreichte um das Jahr 1000 Amerika - rund 500 Jahre vor Kolumbus. Was die Vinland-Sagas erzählen und was L'Anse aux Meadows archäologisch belegt.
Inhalt
- Der Sohn eines Verbannten
- Die Sagas als Quelle - und ihr Problem
- Wie Leif Eriksson Amerika erreichte
- L’Anse aux Meadows: Der Beweis im Boden
- Was Legende bleibt, was Geschichte ist
- Die Geschwister, die es noch einmal versuchten
- Warum die Wikinger nicht blieben
- Leif der Glückliche
- Ein Datum, das heute gefeiert wird
Fast fünfhundert Jahre bevor drei spanische Karavellen den Atlantik überquerten, setzte ein Mann aus Grönland mit seiner Mannschaft die Segel nach Westen - und fand einen Kontinent, von dem in Europa niemand wusste. Leif Eriksson, Sohn des berüchtigten Erik des Roten, gilt heute als der erste Europäer, der nachweislich amerikanischen Boden betrat. Keine Legende also, sondern ein Kapitel echter Entdeckungsgeschichte - nur eines, das lange Zeit kaum jemand glauben wollte.
Warum kennt fast jedes Schulkind Kolumbus, aber kaum jemand Leif Eriksson? Die Antwort hat weniger mit der Bedeutung der Tat zu tun als mit ihrer Überlieferung - und genau die lohnt einen genauen Blick.
Der Sohn eines Verbannten
Um die Geschichte Leif Erikssons zu verstehen, muss man bei seinem Vater beginnen. Erik der Rote war ein Isländer, der wegen Totschlags aus seiner Heimat verbannt wurde - ein Muster, das sich in seiner Familie fast wiederholt zu haben scheint. Er nutzte die Verbannung, um eine unbekannte Insel weiter im Westen zu erkunden, gab ihr den verlockenden Namen “Grünland”, um Siedler anzulocken, und gründete um 985 n. Chr. die ersten norwegisch-isländischen Kolonien auf Grönland.
Leif wuchs in dieser rauen Randwelt der Wikingerexpansion auf, an der äußersten Grenze dessen, was Nordmänner zu jener Zeit besiedelt hatten. Wer in Grönland lebte, war es gewohnt, dass die nächste bekannte Küste Tage entfernt lag. Genau diese Vertrautheit mit langen, ungewissen Fahrten sollte sich als entscheidend erweisen.
Die Sagas als Quelle - und ihr Problem
Fast alles, was wir über Leif Eriksson und seine Fahrt nach Amerika wissen, stammt aus zwei isländischen Sagas: der Grœnlendinga saga (“Saga der Grönländer”) und der Eiríks saga rauða (“Saga von Erik dem Roten”). Beide wurden erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben - gut zweihundert Jahre nach den Ereignissen, die sie beschreiben, und nach Generationen mündlicher Weitergabe.
Das ist kein Nebendetail, sondern der Kern des Problems. Mündliche Überlieferung verändert sich. Namen verschieben sich, Reihenfolgen verwischen, einzelne Heldentaten wandern von einer Figur zur nächsten. Die beiden Sagas widersprechen sich denn auch in wichtigen Punkten - etwa darin, wer das neue Land eigentlich zuerst gesichtet hat.
Die Grœnlendinga saga erzählt, dass der Kaufmann Bjarni Herjólfsson bereits um 986 vom Kurs abgekommen war, unbekannte, bewaldete Küsten aus der Ferne sah - aber nicht an Land ging. Erst Jahre später, so die Saga, kaufte Leif Bjarni das Schiff ab und segelte gezielt los, um dieses Land zu finden und tatsächlich zu betreten. In der Eiríks saga rauða dagegen fehlt Bjarni komplett; dort ist es Leif selbst, der beim Rückweg von Norwegen vom Kurs abkommt und das neue Land eher zufällig entdeckt.
Welche Version stimmt? Vermutlich keine der beiden exakt. Historiker gehen heute meist davon aus, dass Bjarnis Sichtung und Leifs spätere, geplante Landung tatsächlich zwei getrennte Ereignisse waren - und dass die Sagas sie im Nachhinein zu einer saubereren Erzählung verschmolzen haben, wie es mündliche Traditionen gerne tun.
Wie Leif Eriksson Amerika erreichte
Was die Quellen übereinstimmend berichten: Leif Eriksson brach mit einer Mannschaft von etwa 35 Männern auf und erreichte nacheinander drei unterschiedliche Küstenabschnitte, die er benannte:
- Helluland (“Land der flachen Steine”) - vermutlich Teile der kanadischen Baffininsel, karg und felsig
- Markland (“Waldland”) - wahrscheinlich die Küste Labradors, dicht bewaldet
- Vinland (“Land der Weinreben” oder “Weideland”) - der Name ist bis heute umstritten - wo die Mannschaft überwinterte
Die Sagas beschreiben Vinland als mild, fruchtbar, mit Lachsen “größer als je zuvor gesehen” und angeblich wild wachsenden Trauben, die dem Land seinen Namen gegeben haben sollen. Diese Fahrt gelang nur, weil die Nordmänner über das passende Schiff verfügten - das flachgängige, seetüchtige Langschiff, das ebenso auf offener See wie in Küstennähe bestehen konnte.
Die Grœnlendinga saga berichtet sinngemäß, Leif habe das Land nach seinen drei markantesten Ressourcen benannt - Stein, Wald und Wein - und sei mit einer Schiffsladung Holz und Trauben zurück nach Grönland gesegelt, wo Bauholz stets Mangelware war.
Man sollte diese Details nicht wörtlich nehmen. Aber die Grundrichtung - eine Reise entlang einer bewaldeten, fischreichen Küste, weit im Westen von Grönland - passt erstaunlich gut zu dem, was Archäologen später tatsächlich fanden.
L’Anse aux Meadows: Der Beweis im Boden
Jahrhundertelang blieb Vinland reine Saga-Geographie, ein Ort, an dem sich Historiker die Zähne ausbissen. Das änderte sich 1960, als das norwegische Forscherpaar Helge Ingstad und seine Frau, die Archäologin Anne Stine Ingstad, an der Nordspitze Neufundlands auf Grasrücken stießen, die den Einheimischen seit Generationen bekannt waren, aber nie systematisch untersucht wurden.
Die Ausgrabungen an dieser Stelle, L’Anse aux Meadows, förderten die Fundamente mehrerer Langhäuser, eine Schmiede, Eisenschlacke, einen Bootsschuppen und Holzarbeiten zutage - alles im typisch nordischen, nicht indigenen Baustil, radiokohlenstoffdatiert auf etwa das Jahr 1000 n. Chr. Es war der erste - und bis heute einzige zweifelsfrei bestätigte - Beleg für eine nordische Präsenz auf dem nordamerikanischen Festland vor Kolumbus. 2021 lieferte eine Studie anhand von Sonnenflecken-Signaturen in gefällten Baumringen sogar ein Datum mit erstaunlicher Präzision: das Jahr 1021 n. Chr.
L’Anse aux Meadows selbst ist dabei vermutlich nicht das sagenhafte Vinland, sondern eher eine Basisstation oder ein Ausgangspunkt für Erkundungen weiter südlich, wo das mildere Klima und die Wildtrauben lagen, die die Sagas beschreiben. Aber der Fundort bewies unwiderlegbar: Die Kerngeschichte der Sagas - nordische Seefahrer erreichten Amerika um das Jahr 1000 - ist keine Legende, sondern historische Tatsache.
Was Legende bleibt, was Geschichte ist
Genau hier liegt die eigentliche Pointe der Leif-Eriksson-Geschichte. Die Sagas mischen verifizierbare Fakten mit erzählerischer Ausschmückung, mit Vorzeichen, Prophezeiungen und dramatischen Dialogen, die kein Chronist tatsächlich mitgeschrieben haben kann. Details wie exakte Wortwechsel oder die Anzahl der Trauben im Schiffsbauch gehören in den Bereich der literarischen Gestaltung.
Aber das Grundgerüst - eine grönländische Expedition unter Leif Eriksson, die um das Jahr 1000 neues Land im Westen erreichte und dort zeitweise siedelte - wird durch die Archäologie gestützt. Das ist selten in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung: eine Saga, deren Kern sich buchstäblich ausgraben lässt.
Die Geschwister, die es noch einmal versuchten
Leif selbst kehrte den Sagas zufolge nie nach Vinland zurück - nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Führung der Grönland-Siedlung und blieb dort. Aber seine Familie ließ das neue Land nicht los. Sein Bruder Thorvald Eiriksson soll wenige Jahre später mit Leifs Schiff erneut aufgebrochen sein, überwinterte an dessen Lagerstätte und geriet dabei in einen tödlichen Zusammenstoß mit Einheimischen, den er nicht überlebte. Auch die Schwester Freydís Eiríksdóttir wird in beiden Sagas mit einer eigenen, deutlich blutigeren Vinland-Expedition in Verbindung gebracht.
Den ambitioniertesten Versuch unternahm jedoch ein Isländer namens Thorfinn Karlsefni, der Leifs Schwester Freydís - oder, je nach Saga, eine andere Verwandte - über mehrere Jahre nach Vinland begleitete, mit deutlich mehr Siedlern, Vieh und der ausdrücklichen Absicht, dauerhaft zu bleiben. Genau aus dieser Expedition stammt eine der anrührendsten Randnotizen der ganzen Überlieferung: Karlsefnis Frau Gudrid soll in Vinland einen Sohn namens Snorri zur Welt gebracht haben - nach heutigem Kenntnisstand das erste Kind europäischer Abstammung, das auf amerikanischem Boden geboren wurde. Auch dieser Versuch scheiterte am Ende an denselben Problemen: zu weit von Grönland entfernt, zu viele Konflikte mit den Skrælingar, wie die Sagas die indigene Bevölkerung nennen.
Warum die Wikinger nicht blieben
Wenn die Nordmänner Amerika schon um 1000 erreichten - warum lesen wir dann nicht von einer dauerhaften nordischen Kolonie in Neuengland? Die Sagas geben eine nüchterne Antwort: wiederholte Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung sowie die schiere Entfernung zur nächsten Versorgungsbasis in Grönland machten eine dauerhafte Siedlung zu riskant und zu teuer. Grönland selbst kämpfte bereits mit einer dünnen Versorgungslage; ein weit entfernter Außenposten in Vinland war ökonomisch kaum zu halten, zumal die grönländische Bevölkerung nie mehr als einige Tausend Menschen zählte und keine Reserven für ein Kolonialprojekt in Übersee hatte.
So blieb es bei einzelnen, zeitlich begrenzten Expeditionen - genug, um Spuren im Boden von Neufundland zu hinterlassen, nicht genug für eine dauerhafte Kolonie. Erst fünf Jahrhunderte später sollte ein anderer Seefahrer, mit anderen Mitteln und in anderer politischer Lage, jene Verbindung zwischen den Kontinenten herstellen, die diesmal bestehen blieb.
Leif der Glückliche
Die Eiríks saga rauða gibt Leif Eriksson einen Beinamen, der über die reine Entdeckerleistung hinausweist: Leif hinn heppni, “Leif der Glückliche”. Der Beiname bezieht sich der Saga zufolge nicht primär auf Vinland, sondern auf eine andere Episode: Auf der Rückreise von Norwegen soll Leif Schiffbrüchige aus dem Meer gerettet haben, bevor er selbst sein neues Land erreichte. Erst danach, so die Erzählung, folgte die Fahrt nach Westen.
Interessant ist auch der religiöse Kontext, in den beide Sagas Leif stellen. Ihm wird zugeschrieben, das Christentum von König Olav Tryggvason in Norwegen angenommen und anschließend nach Grönland gebracht zu haben - zu einer Zeit, als die nordische Welt insgesamt im Umbruch von den alten Göttern zum neuen Glauben war. Ob diese Zuschreibung historisch exakt ist oder eher eine spätere, christlich geprägte Verklärung darstellt, lässt sich nicht mehr sicher klären. Auffällig ist aber, dass beide Vinland-Sagas erst entstanden, als Island bereits christianisiert war, und Leif in ihnen durchweg als vorbildlicher, umsichtiger Anführer gezeichnet wird - nicht als Plünderer, sondern als Entdecker und Vermittler.
Ein Datum, das heute gefeiert wird
Die Anerkennung kam spät, aber sie kam: Seit 1964 begehen die USA jedes Jahr am 9. Oktober den Leif Erikson Day, und auch in Skandinavien und unter Nachfahren skandinavischer Auswanderer gilt der Tag als Hommage an die eigentlichen ersten europäischen Entdecker Amerikas. Statuen von Leif Eriksson stehen heute in Reykjavík, Boston, Seattle und mehreren anderen nordamerikanischen Städten - Denkmäler für eine Reise, die so lange als Legende abgetan wurde, bis der Boden Neufundlands sie bestätigte.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre der Geschichte Leif Erikssons: Manchmal steckt hinter einer jahrhundertealten Erzählung, die nach Übertreibung klingt, ein wahrer Kern, der nur darauf wartet, ausgegraben zu werden.
Bildquelle: Rob Oo from NL (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons