Alltag & Kultur
Haithabu: Die verlorene Handelsstadt der Wikinger
Haithabu bei Schleswig war die größte Handelsstadt Nordeuropas zur Wikingerzeit - Halbkreiswall, arabische Münzen, ein Schiffsfund und ihr gewaltsames Ende.
Inhalt
- Die Lage: Ein geografischer Glücksfall
- Eine Stadt der Händler und Handwerker
- Eigenes Geld für den Fernhandel
- Königliche Aufmerksamkeit: Haithabu und die dänische Krone
- Was die Gräber über die Bewohner verraten
- Das Schiff aus dem Hafenbecken
- Das gewaltsame Ende einer Handelsmetropole
- Was von Haithabu übrig blieb
- Haithabu im Vergleich zu anderen Handelsstädten
- Unsere Einschätzung
Wo heute saftige Wiesen und ein halbkreisförmiger Erdwall an der Schlei bei Schleswig liegen, pulsierte vor mehr als tausend Jahren eine der größten Städte Nordeuropas. Haithabu, von den Dänen auch Hedeby genannt, war zur Wikingerzeit ein Knotenpunkt zwischen Nord- und Ostsee, zwischen Skandinavien, dem Fränkischen Reich und der islamischen Welt - eine Stadt, die heute fast vollständig unter der Erde verschwunden ist und trotzdem mehr über den Alltag der Wikinger verrät als fast jeder andere Fundort.
Die Lage: Ein geografischer Glücksfall
Haithabu entstand an einer strategisch nahezu perfekten Stelle: am inneren Ende der Schlei, einem langen Meeresarm der Ostsee, nur wenige Kilometer von der schmalsten Stelle der Halbinsel Jütland entfernt. Waren, die über Land zur Nordsee weitertransportiert wurden, ersparten Händlern die gefährliche und zeitaufwendige Umschiffung Jütlands über das offene, sturmreiche Skagerrak. Diese Kombination aus Ostsee-Hafen und kurzem Landweg zur Nordsee machte Haithabu zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für den Fernhandel der gesamten Wikingerzeit.
Geschützt wurde die Siedlung durch einen gewaltigen, halbkreisförmigen Erdwall, den Halbkreiswall, der die Stadt zur Landseite hin abriegelte, während die Schlei selbst die offene Seite bildete. Dieser Wall war Teil eines noch größeren Verteidigungssystems, des Danewerks, einer Kette von Wällen und Gräben, die die gesamte Landenge Jütlands gegen Angriffe aus dem Süden sicherte.
Eine Stadt der Händler und Handwerker
Schätzungen zufolge lebten in Haithabu zu seiner Blütezeit im 9. und 10. Jahrhundert zwischen 1.000 und 1.500 Menschen - für die damalige Zeit eine beachtliche Einwohnerzahl, die Haithabu zu einer der größten Siedlungen ganz Nordeuropas machte. Archäologische Ausgrabungen, die bereits im 19. Jahrhundert begannen und sich vor allem in den 1960er- bis 1980er-Jahren unter der Leitung des Archäologen Kurt Schietzel intensivierten, fördern bis heute ein außergewöhnlich dichtes Bild des städtischen Alltags zutage.
Gefunden wurden unter anderem Reste von Handwerkerwerkstätten für Kammmacherei, Glasperlenherstellung, Bronzeguss und Textilverarbeitung, dazu Tausende importierte Objekte: arabische Dirham-Münzen, die über die Handelsrouten durch Russland bis nach Haithabu gelangten, Rheinische Keramik, byzantinisches Glas und friesisches Tuch. Diese Funde belegen eindrücklich, wie weit das Handelsnetz reichte, in das Haithabu eingebunden war - von Bagdad über Kiew bis in den westfränkischen Raum.
Eigenes Geld für den Fernhandel
Besonders bemerkenswert ist, dass in Haithabu bereits um das Jahr 825 eigene Münzen geprägt wurden, die sogenannten Hedeby-Münzen - die frühesten bekannten skandinavischen Münzprägungen überhaupt. Ihre Motive, teils mit stilisierten Schiffsdarstellungen, orientierten sich an fränkischen Vorbildern aus dem Handelsort Dorestad, was zeigt, wie eng Haithabu wirtschaftlich mit dem karolingischen Handelsnetz verflochten war, selbst wenn es politisch nicht zum Frankenreich gehörte.
Höre Scar, während du weiterliest, eine Hymne, die die Härte des Wikingerlebens musikalisch einfängt:
Königliche Aufmerksamkeit: Haithabu und die dänische Krone
Haithabus wirtschaftliche Bedeutung blieb der dänischen Königsmacht nicht verborgen. König Harald Blauzahn, derselbe Herrscher, dem wir den modernen Namen des Bluetooth-Funkstandards verdanken, ließ im 10. Jahrhundert die Befestigungen des Danewerks und damit auch den Schutz Haithabus ausbauen. Sein Sohn Sven Gabelbart ließ zu Ehren seines Vaters zwei aufwendig behauene Runensteine bei Haithabu errichten, die noch heute erhalten sind und zu den bedeutendsten Runeninschriften Dänemarks zählen. Die Inschriften rühmen Harald als Herrscher, der “ganz Dänemark” unter seine Kontrolle gebracht habe - eine Formulierung, die zeigt, wie eng die Kontrolle über Haithabu mit dem königlichen Machtanspruch über das gesamte Reich verknüpft war.
Dass ein dänischer König es für nötig hielt, seine Herrschaftsansprüche ausgerechnet hier in Stein zu verewigen, unterstreicht, welchen Stellenwert Haithabu als wirtschaftliches und politisches Zentrum tatsächlich besaß - vergleichbar mit einer heutigen Hauptstadt in Sachen wirtschaftlicher Strahlkraft, auch wenn der königliche Sitz selbst anderswo lag.
Was die Gräber über die Bewohner verraten
Die Gräberfelder rund um Haithabu liefern ein ungewöhnlich vielschichtiges Bild der Stadtbevölkerung. Neben einfachen Erdbestattungen fanden Archäologen aufwendige Kammergräber wohlhabender Kaufleute, ausgestattet mit importierten Prunkgegenständen, die den sozialen Status der Verstorbenen weit über den Tod hinaus demonstrieren sollten. Gleichzeitig belegen sowohl heidnische Grabbeigaben als auch vereinzelte, eindeutig christlich geprägte Bestattungen, dass in Haithabu über Jahrzehnte hinweg unterschiedliche Glaubenswelten nebeneinander existierten - ein direktes Ergebnis der intensiven Kontakte zum bereits stärker christianisierten Fränkischen Reich im Süden.
Auch die schiere Vielfalt der Grabbeigaben, von skandinavischem Schmuck bis zu Objekten mit friesischen, slawischen oder sogar fernöstlichen Einflüssen, bestätigt, was die Siedlungsfunde bereits nahelegen: Haithabu war keine ethnisch oder religiös homogene Stadt, sondern ein kosmopolitischer Knotenpunkt, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft dauerhaft zusammenlebten und Handel trieben.
Das Schiff aus dem Hafenbecken
1979 machten Taucher im ehemaligen Hafenbecken von Haithabu einen der bedeutendsten Funde der Ausgrabungsgeschichte: ein gut erhaltenes Wikingerschiff, bekannt als Haithabu 1, das vermutlich absichtlich versenkt wurde, um die Hafeneinfahrt gegen einen Angriff zu blockieren. Das rund 20 Meter lange Kriegsschiff zählt zu den größten bekannten Langschiffen seiner Zeit und ist heute, konserviert und teilrekonstruiert, im Wikinger Museum Haithabu direkt am historischen Standort ausgestellt.
Bildquelle: Stefanie Elder (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Der Fund ist deshalb so bedeutsam, weil er zeigt, dass Haithabu nicht nur Handelsstadt, sondern auch militärisch relevant war - ein Ort, den es zu verteidigen lohnte, und der offenbar auch tatsächlich angegriffen wurde.
Das gewaltsame Ende einer Handelsmetropole
Haithabus Blütezeit endete nicht schleichend, sondern durch eine Reihe gewaltsamer Ereignisse. 1050 ließ der norwegische König Harald Hardrada die Stadt im Rahmen eines Kriegszugs gegen Dänemark niederbrennen - ein schwerer Schlag, von dem sich Haithabu wirtschaftlich nur langsam erholte. Den endgültigen Todesstoß versetzte der Stadt schließlich 1066 ein Angriff slawischer Truppen, vermutlich Abodriten, die Haithabu erneut plünderten und in Brand steckten.
Nach der endgültigen Zerstörung 1066 verlagerte sich das städtische Leben auf die gegenüberliegende Seite der Schlei - dort entstand das bis heute bestehende Schleswig, gewissermaßen Haithabus direkter Nachfolger.
Warum die Überlebenden Haithabu nicht wiederaufbauten, sondern ans andere Ufer zogen, ist nicht vollständig geklärt. Möglicherweise spielten sowohl die zerstörten Befestigungsanlagen als auch ein wachsendes Bedürfnis nach einem leichter zu verteidigenden Standort eine Rolle.
Was von Haithabu übrig blieb
Weil die Siedlung nach ihrer Zerstörung nie wieder bebaut wurde, blieb der Boden unter dem Halbkreiswall über Jahrhunderte nahezu ungestört - ein archäologischer Glücksfall, der Haithabu zu einer der am besten erforschten Wikingersiedlungen überhaupt gemacht hat. 2018 wurde der “Archäologische Grenzkomplex Haithabu und Danewerk” gemeinsam mit dem angrenzenden Danewerk in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, eine Anerkennung, die die herausragende Bedeutung des Fundortes für das Verständnis der gesamten Wikingerzeit unterstreicht.
Bildquelle: Wikitour (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Heute lässt sich die Siedlung im angeschlossenen Freilichtmuseum teilweise nacherleben: Mehrere Häuser wurden nach den Grundrissen der ausgegrabenen Pfostenlöcher originalgetreu rekonstruiert und geben einen konkreten Eindruck davon, wie dicht und geschäftig es in dieser Handelsstadt einst zugegangen sein muss.
Haithabu im Vergleich zu anderen Handelsstädten
Haithabu war nicht die einzige große Handelssiedlung der Wikingerzeit, aber eine der bedeutendsten. Ein Vergleich mit anderen zentralen Handelsplätzen zeigt, wie das Netzwerk skandinavischer Handelsstädte insgesamt aufgebaut war:
| Handelsstadt | Lage | Blütezeit | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Haithabu | Schlei, heutiges Schleswig-Holstein | 8.-11. Jh. | Landbrücke Ostsee-Nordsee, eigene Münzprägung |
| Birka | Björkö, Schweden | 8.-10. Jh. | Wichtigstes Handelszentrum Mittelschwedens |
| Kaupang | Vestfold, Norwegen | 8.-10. Jh. | Ältester bekannter norwegischer Handelsplatz |
Anders als Birka oder Kaupang profitierte Haithabu besonders stark von seiner Lage direkt an der kürzesten Landverbindung zwischen Ostsee und Nordsee - ein struktureller Vorteil, den keiner der anderen großen Handelsplätze in dieser Form besaß und der maßgeblich zu Haithabus überregionaler Bedeutung beitrug.
Unsere Einschätzung
Haithabu zeigt eine Seite der Wikingerzeit, die im öffentlichen Bild oft hinter Raubzügen und Schlachten zurücktritt: den Alltag einer geschäftigen, international vernetzten Handelsstadt, in der Handwerker, Kaufleute und Seefahrer aus halb Europa und dem Nahen Osten aufeinandertrafen. Wer sich für die Schiffe interessiert, die solchen Handel überhaupt erst möglich machten, findet mehr dazu in unserem Artikel über das Langschiff - ohne diese Schiffe hätte es weder Haithabus Reichtum noch seinen jähen Untergang gegeben.