Geschichte

Ribe: Die älteste Stadt Skandinaviens und ihre Wikinger

Ribe in Jütland gilt als älteste Stadt Skandinaviens. Wie Grabungen den Markt auf das Jahr 710 datierten und was die Ribe Wikinger wirklich gehandelt haben.

Rekonstruiertes Wikinger-Langhaus im Ribe VikingeCenter in Südwestjütland
Inhalt
  1. Ein Marktplatz, auf das Jahrzehnt genau datiert
  2. Ribe und die Wikinger: vom Saisonmarkt zur festen Stadt
  3. Was der Boden von Ribe hergibt
  4. Die ersten Münzen Skandinaviens
  5. Ein Schädel mit Runen und die erste Kirche des Nordens
  6. Zeitleiste: Ribe in neun Daten
  7. Unsere Einschätzung

Im Südwesten Jütlands, wenige Kilometer vom Wattenmeer entfernt, liegt eine Kleinstadt mit Kopfsteinpflaster, schiefen Giebeln und einem Dom aus rheinischem Tuffstein. Dass Ribe als älteste Stadt Dänemarks und ganz Skandinaviens gilt, ist dabei keine Tourismusformel, sondern das Ergebnis von über fünfzig Jahren Grabungsarbeit. Unter dem heutigen Straßenpflaster liegt ein sauber vermessener Marktplatz, angelegt um 704 bis 710, und die Schichten darüber erzählen von Menschen, die hier Glasperlen schmolzen und Silber wogen, Jahrzehnte bevor die ersten Langschiffe England erreichten. Die Ribe Wikinger waren eben nicht in erster Linie Krieger, sondern Kaufleute und Handwerker mit Waage, Werkstatt und einem erstaunlich weiten Horizont.

Ein Marktplatz, auf das Jahrzehnt genau datiert

Ribe liegt an der Ribe Å, einem kleinen Fluss, der in das Wattenmeer der Nordsee mündet. Das klingt unspektakulär, war aber im 8. Jahrhundert ein strategischer Glücksfall: Flachgehende Schiffe konnten vom offenen Meer bis an den Siedlungsplatz fahren, während die Lage ein Stück landeinwärts vor Sturmfluten und vor ungebetenen Besuchern von See her schützte. Von hier aus war die friesische Küste in wenigen Tagen erreichbar, und über Land ging es quer durch Jütland zur Ostsee.

Das eigentlich Verblüffende an Ribe ist nicht die Lage, sondern die Ordnung. Die Ausgrabungen am Nordufer des Flusses legten ein System schmaler, rechtwinklig zum Wasser liegender Parzellen frei, abgegrenzt durch flache Gräben, jede davon nur wenige Meter breit. Ein solcher Grundriss entsteht nicht von selbst. Jemand hat hier gemessen, zugeteilt und vermutlich auch kassiert, also eine Autorität mit genug Durchsetzungskraft, um einem internationalen Händlerpublikum Plätze zuzuweisen. Wer dieser Jemand war, verraten die Funde nicht. Die naheliegende Vermutung der Forschung ist ein jütländischer König oder Großer, der vom geregelten Handel mehr hatte als vom ungeregelten.

Datiert wird die Anlage über Dendrochronologie und über die Abfolge der Fundschichten auf die Jahre um 704 bis 710. Damit ist Ribe rund neunzig Jahre älter als der Überfall auf das Kloster Lindisfarne, der gemeinhin als Beginn der Wikingerzeit gilt. Die Stadt war also schon da, bevor die Epoche, zu der sie gezählt wird, überhaupt anfing.

Ribe und die Wikinger: vom Saisonmarkt zur festen Stadt

In den ersten Jahrzehnten war Ribe wohl kein Ort mit dauerhafter Bevölkerung, sondern ein Saisonmarkt: Händler und Handwerker kamen im Frühjahr, schlugen ihre Zelte oder leichten Buden auf den zugewiesenen Parzellen auf, arbeiteten und verkauften über den Sommer und zogen im Herbst wieder ab. Die Bodenschichten zeigen genau dieses Muster, nämlich dünne Arbeitshorizonte voller Werkstattabfall, dazwischen Flugsand und Wachstumsspuren aus den Monaten ohne Betrieb.

Wie und wann daraus eine echte Stadt wurde, hat ein Grabungsprojekt der Universität Aarhus gemeinsam mit den Sydvestjyske Museer deutlich genauer fassen können. Unter dem Namen Northern Emporium wurde 2017 und 2018 mitten in Ribe eine Fläche mit außergewöhnlich feiner Schichtauflösung untersucht, geleitet von dem Archäologen Søren M. Sindbæk. Das Ergebnis: Im Lauf des 8. Jahrhunderts verdichtet sich der Betrieb, und gegen Ende des Jahrhunderts reißen die saisonalen Pausen ab. Ribe wird ganzjährig bewohnt, und zugleich steigt die Menge importierter Güter spürbar an.

Dieser Befund ist mehr als eine Fußnote zur Stadtgeschichte. Er zeigt, dass der Fernhandel im Norden nicht erst mit den Raubzügen Fahrt aufnahm, sondern dass umgekehrt ein bereits dichtes Handelsnetz den Hintergrund bildete, vor dem die Raubzüge überhaupt erst möglich wurden. Ribe steht damit am Anfang einer Reihe von Handelsplätzen, zu der später auch Haithabu an der Schlei gehörte.

Höre Scar, während du weiterliest, eine Hymne, die die raue Seite dieser Welt einfängt:

Was der Boden von Ribe hergibt

Kaum ein anderer Fundplatz der frühen Wikingerzeit liefert ein so konkretes Bild davon, was in einer Handelsstadt tatsächlich getan wurde. Die Werkstattabfälle sind dabei oft aussagekräftiger als die fertigen Prachtstücke, weil sie belegen, dass vor Ort produziert und nicht nur weiterverkauft wurde.

  • Glasperlen und Glasabfall: In Ribe wurden Perlen aus eingeschmolzenen Mosaiksteinchen hergestellt, wie sie im Mittelmeerraum für Wandbilder verwendet wurden. Das Rohmaterial legte also tausende Kilometer zurück, bevor es in einer jütländischen Bude wieder flüssig wurde.
  • Kämme aus Geweih: Die Kammmacher arbeiteten unter anderem mit Rentiergeweih, das es im flachen Südwestjütland nicht gibt. Es kam aus dem skandinavischen Norden, was eine regelmäßige Verbindung über weite Strecken voraussetzt.
  • Bronzeguss: Tiegel, Gussformen und Metalltropfen zeigen eine Schmuckproduktion, die auf Bestellung und in Serie arbeitete.
  • Bernstein: Rohstücke und Abfallsplitter von der nahen Wattenmeerküste, verarbeitet zu Perlen und Anhängern.
  • Rheinische Importe: Keramik und Mühlsteine aus Basaltlava der Eifel belegen den stetigen Austausch mit dem Frankenreich im Süden.

Rekonstruierte Schmiede mit Werkbank und Raseneisenerz im Ribe VikingeCenter Bildquelle: Hjart (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Zusammengenommen ergibt das kein Bild von Plünderern, die ihre Beute verhökern, sondern von spezialisierten Gewerben mit funktionierenden Lieferketten. Perlenmacher brauchen Glas, Kammmacher brauchen Geweih, Gießer brauchen Buntmetall. Dass all das zuverlässig genug ankam, um davon leben zu können, ist der eigentliche Befund.

Die ersten Münzen Skandinaviens

Ein Markt dieser Größe braucht irgendwann etwas Kleineres als Silberbarren. In Ribe wurden deshalb Münzen geprägt, und zwar früher als irgendwo sonst in Skandinavien: silberne Sceattas vom sogenannten Wodan-Monster-Typ, deren Herstellung in der Forschung in die Zeit um 720 datiert wird. Auf der einen Seite ein stilisierter bärtiger Kopf, auf der anderen ein Fabelwesen, beides nach friesischen und angelsächsischen Vorbildern.

Interessant ist weniger das Motiv als die Menge. Diese Münzen tauchen in den Ribe-Grabungen in großer Zahl auf, und zwar als Streufunde im Marktboden, also als verlorenes Alltagsgeld. Wer Kleingeld verliert, benutzt Kleingeld. Das spricht für regelmäßige, kleinteilige Geschäfte zwischen vielen Beteiligten und nicht für gelegentliche Großtauschgeschäfte zwischen wenigen Fürsten. Ergänzt wird das Bild durch Klappwaagen und Gewichtssätze, mit denen Silber nach Gewicht statt nach Nennwert verrechnet wurde.

Im Vergleich zu Birka im schwedischen Mälarsee, dessen Blütezeit später liegt und dessen Silber vor allem aus dem Osten kam, blickt Ribe nach Westen und Süden: nach Friesland, ins Frankenreich und auf die Britischen Inseln. Beide Orte gehören zum selben System, bedienen aber unterschiedliche Enden davon.

Ein Schädel mit Runen und die erste Kirche des Nordens

1973 kam bei einer Grabung in Ribe ein Objekt zum Vorschein, das bis heute zu den eigenwilligsten Funden der dänischen Archäologie zählt: ein Stück eines menschlichen Schädelknochens, durchbohrt zum Tragen und beschriftet mit Runen. Datiert wird es in die Zeit um 725. Die Inschrift nennt nach gängiger Lesung den Namen Ulfr sowie Odin, der Rest der Zeichenfolge ist in der Fachwelt umstritten. Weitgehend einig ist man sich darin, dass es sich um ein Amulett handelt, vermutlich mit heilender oder schützender Funktion.

Für die Religionsgeschichte ist das ein seltenes Pfund: ein zeitgenössisches Objekt, das Odin beim Namen nennt, Jahrhunderte vor Snorri Sturluson und der schriftlichen Überlieferung der Edda. Nicht als Dichtung, sondern als Gebrauchsgegenstand.

Markttreiben zwischen Zelten vor der rekonstruierten Stabkirche im Ribe VikingeCenter Bildquelle: JakobHosp (CC0), via Wikimedia Commons

Gut ein Jahrhundert später wird derselbe Ort zum Schauplatz der frühen Christianisierung. Rimbert berichtet in seiner Vita Ansgarii, der Lebensbeschreibung des Missionars Ansgar, dass der dänische König Horik dem Mönch die Erlaubnis gab, in Ribe eine Kirche zu errichten. Der Vorgang wird üblicherweise um das Jahr 860 angesetzt. Wie bei allen hagiografischen Texten gilt auch hier Vorsicht, denn Rimbert schreibt, um Ansgars Wirken zu würdigen, nicht um neutral zu dokumentieren. Dass Ribe aber tatsächlich früh christlich geprägt war, stützen die Grabungen: In der Stadt wurde ein Gräberfeld mit christlich ausgerichteten Bestattungen aus dem 9. Jahrhundert freigelegt.

Ribe ist damit einer der wenigen Orte, an denen sich beides im selben Boden fassen lässt: ein Odin-Amulett aus dem 8. Jahrhundert und ein christlicher Friedhof aus dem 9. Jahrhundert, keine zweihundert Jahre und ein paar hundert Meter voneinander entfernt.

948 wird Ribe neben Schleswig und Aarhus Bischofssitz, als eines der ersten Bistümer auf dänischem Boden. Der Handelsplatz hatte sich endgültig in eine Institution verwandelt.

Zeitleiste: Ribe in neun Daten

ZeitpunktWas geschah
um 704 bis 710Angelegter Marktplatz mit vermessenen Parzellen am Nordufer der Ribe Å
um 720Prägung silberner Sceattas, die ersten Münzen Skandinaviens
um 725Schädelfragment mit Runeninschrift, Odin wird namentlich genannt
spätes 8. Jh.Übergang vom Saisonmarkt zur ganzjährig bewohnten Stadt
um 860Erlaubnis für eine Kirche nach Rimberts Vita Ansgarii
948Ribe wird Bischofssitz
ab etwa 1150Baubeginn des Doms aus rheinischem Tuffstein
1634Schwere Sturmflut trifft die Stadt und das Marschland
1874Eröffnung des Hafens von Esbjerg, Ribe verliert den Seehandel endgültig

Der Niedergang kam nicht über Nacht und auch nicht durch Gewalt, anders als bei Haithabu. Ribe wurde schlicht abgehängt. Der Fluss versandete, die Schiffe wurden größer, und die Stadt lag irgendwann zu weit vom tiefen Wasser entfernt. Die Sturmflut von 1634, deren Höchststand bis heute an einer Säule am alten Hafen markiert ist, traf eine bereits geschwächte Stadt. Mit dem Bau des Hafens von Esbjerg im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Seehandel endgültig nach Norden.

Blick vom Domturm über die Altstadt von Ribe und die Marsch dahinter Bildquelle: Hubertus45 (CC BY 2.5), via Wikimedia Commons

Genau dieser Bedeutungsverlust hat die Altstadt gerettet. Weil Ribe nie industriell wuchs, blieb der mittelalterliche Grundriss erhalten, und weil darunter der wikingerzeitliche Markt liegt, fördert praktisch jede Baugrube neue Funde zutage. Zu sehen sind sie im Museum Ribes Vikinger in der Stadt; wie die Werkstätten und Häuser ausgesehen haben könnten, zeigt das Ribe VikingeCenter südlich davon, wo Marktplatz, Hofanlage und Schmiede nach dem Grabungsbefund nachgebaut wurden.

Unsere Einschätzung

Ribe korrigiert ein Bild, das sich hartnäckig hält. Die Wikingerzeit beginnt in der populären Erzählung mit einem brennenden Kloster, aber in Ribe beginnt sie mit einem Vermessungsgraben, einer Perlenwerkstatt und einer Handvoll Silbermünzen, fast ein Jahrhundert früher. Wer verstehen will, warum nordische Seefahrer ab 793 so plötzlich an englischen Küsten auftauchen konnten, findet hier einen Teil der Antwort: Die Schiffe, die Routen, die Kontakte und das Wissen über fremde Küsten waren längst vorhanden, aufgebaut im Handel.

Zugleich lohnt sich eine nüchterne Einordnung. Vieles an Ribe ist außergewöhnlich gut datiert, aber die politische Seite bleibt blass. Wir wissen, dass jemand den Markt angelegt und organisiert hat, doch wir kennen weder Namen noch Titel. Die bequeme Formulierung vom Königsmarkt ist eine plausible Vermutung, kein Befund. Diese Lücke sollte man offen lassen, statt sie mit einer schönen Geschichte zu füllen. Was bleibt, ist dennoch bemerkenswert: eine Stadt, deren Geburtsurkunde im Boden liegt, und die sich auf ein Jahrzehnt genau lesen lässt.

Bildquelle Titelbild: Hjart (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons