Geschichte

Jarlshof auf Shetland: Wikinger-Siedlung am Rand der Welt

Jarlshof auf Shetland stapelt 4.000 Jahre Siedlung an einem Ort. Was die Langhäuser der Nordmänner wirklich verraten und warum der Name erfunden wurde.

Die Ruine des Herrenhauses von Sumburgh über den freigelegten Hausgrundrissen von Jarlshof auf Shetland
Inhalt
  1. Ein Platz, auf dem niemand aufhören wollte zu bauen
  2. Wie ein Sturm Jarlshof wieder ans Licht holte
  3. Die Langhäuser der Nordmänner
  4. Was der Boden hergab: die Funde aus Jarlshof auf Shetland
  5. Shetland wird norwegisch und bleibt es lange
  6. Mythos und Fakt rund um Jarlshof
  7. Was Jarlshof auf Shetland heute wertvoll macht

An der Südspitze der Shetland-Hauptinsel, dort wo die Landebahn von Sumburgh endet und das Grasland in die Brandung abbricht, liegt ein unscheinbarer Buckel aus Erde und Stein. Jarlshof auf Shetland ist kein einzelner Fundplatz, sondern ein Stapel: Unter derselben Grasnarbe liegen bronzezeitliche Hütten, eine eisenzeitliche Rundhaussiedlung, piktische Spuren, die Langhäuser norwegischer Siedler und zuletzt der Giebel eines Herrenhauses aus dem 16. Jahrhundert. Rund viertausend Jahre Hausbau an einer einzigen Bucht, übereinandergeschichtet wie Jahresringe.

Für die Wikingerforschung ist der Platz deshalb so wertvoll, weil er keine Momentaufnahme liefert, sondern eine Abfolge. Man kann hier nachvollziehen, was passierte, nachdem die Nordmänner im 9. Jahrhundert anlandeten: nicht ein Überfall, nicht eine Schlacht, sondern Generationen von Bauern, die ihre Häuser immer wieder abrissen, verschoben und neu aufmauerten.

Ein Platz, auf dem niemand aufhören wollte zu bauen

Die Bucht von Sumburgh bot alles, was eine Siedlung in dieser Breite braucht: flachen Strand zum Hochziehen von Booten, Süßwasser, sandigen Boden für Gerste, Treibholz und Seevogelkolonien in Reichweite. Genau das erklärt, warum der Platz über Jahrtausende nie wirklich aufgegeben wurde. Jede Epoche baute auf dem Schutt der vorigen weiter, bis ein Hügel entstand, den das Meer heute an der Westseite langsam wieder abträgt.

ZeitraumWas an dieser Stelle stand
ab ca. 2500 v. Chr.Späte Steinzeit und frühe Bronzezeit: ovale Steinhäuser mit Herdstellen und Viehpferchen
späte BronzezeitWerkstatt eines Bronzeschmieds mit Gussformen für Äxte und Schwerter
EisenzeitRundhaus, dann ein Broch, dessen Seeseite längst in die Brandung gestürzt ist
ca. 2. bis 4. Jh. n. Chr.Radhäuser mit sternförmig angeordneten Kammern um einen zentralen Raum
piktische ZeitSiedlungsspuren und Kleinfunde, darunter bemalte Kiesel
9. bis 14. Jh.Nordische Langhäuser in mehreren aufeinanderfolgenden Bauphasen
16. Jh.Herrenhaus der Stewart-Lehnsherren, heute die weithin sichtbare Ruine

Diese Schichtung ist der eigentliche Schatz. Andernorts gräbt man eine Wikingersiedlung aus und muss raten, wer vorher da war und was danach geschah. Hier liegt beides im selben Profil.

Wie ein Sturm Jarlshof wieder ans Licht holte

Entdeckt wurde die Siedlung nicht von Archäologen, sondern vom Wetter. Im Winter 1896/97 riss ein schwerer Sturm die Uferböschung auf und legte Mauerwerk frei, das niemand dort vermutet hatte. Der Gutsherr John Bruce begann noch im selben Jahrzehnt zu graben, zunächst eher im Stil eines viktorianischen Altertumsfreundes als nach wissenschaftlicher Methode.

Systematisch wurde es erst in den 1920er und 1930er Jahren unter Alexander Ogston Curle, dem früheren Direktor des National Museum of Antiquities of Scotland. Nach ihm übernahm John R. C. Hamilton die Arbeit für das britische Bauministerium und legte 1956 mit Excavations at Jarlshof, Shetland den Grabungsbericht vor, der bis heute die Grundlage jeder Beschäftigung mit dem Platz bildet. Hamilton ordnete die wirre Masse an Mauern erstmals in eine nachvollziehbare Abfolge von Bauphasen.

Genau hier liegt allerdings auch die Schwachstelle. Hamiltons Chronologie beruht weitgehend auf Stratigrafie und Fundvergleichen, nicht auf Radiokarbondaten, denn die Methode steckte zur Zeit der Grabung noch in den Anfängen. Redaktionell heißt das: Die grobe Reihenfolge der Epochen ist sicher, die genauen Jahreszahlen einzelner Häuser sind es nicht. Wer bei Jarlshof exakte Baudaten liest, sollte prüfen, worauf sie sich stützen.

Innenraum eines eisenzeitlichen Radhauses in Jarlshof mit Herdstelle und Trockenmauerwerk Bildquelle: Reading Tom (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons

Die Langhäuser der Nordmänner

Im frühen 9. Jahrhundert setzten Siedler aus Westnorwegen ihr erstes Langhaus direkt neben die alten Radhäuser. Der Grundriss ist der klassische: ein langer, schmaler Raum mit zentraler Feuerstelle, Erdbänken entlang der Längswände, Mauern aus Stein und Torf, das Dach auf Holzpfosten. Gekocht wurde mit heißen Steinen, geheizt mit Torf, der auf Shetland in jeder Senke sticht.

Im Lauf der folgenden Jahrhunderte wurde dieses Haus nicht einfach bewohnt, sondern immer wieder ersetzt. Hamilton unterschied eine ganze Folge solcher Höfe, die sich über den Platz schoben wie Karten auf einem Tisch. Mit der Zeit änderte sich auch der Bauplan: Aus der einen großen Halle wurden getrennte Einheiten, Wohnhaus, Stall, Scheune und ein Darrofen zum Trocknen der Gerste, dazu eine kleine Schmiede. Dieselbe Entwicklung lässt sich im gesamten Nordatlantik beobachten, von Island bis zu den Hebriden. Wie der Alltag in solchen Häusern ablief, beschreibt unser Artikel über das Leben der Wikinger ausführlicher.

Was an Jarlshof auffällt: Es fehlt praktisch alles, was nach Krieg aussieht. Keine Wallanlage, keine Waffengräber, kein Brandhorizont. Hier lebten Bauern und Fischer, keine Besatzung. Der Platz erzählt die unspektakuläre Hälfte der Wikingerzeit, und genau deshalb ist er ungewöhnlich.

Was der Boden hergab: die Funde aus Jarlshof auf Shetland

Die Fundliste ist unglamourös und gerade deshalb aussagekräftig. Kein Silberhort, kein Schwert, dafür das Inventar eines arbeitenden Hofes.

FundgruppeWas sie zeigt
Gefäße und Backplatten aus SpecksteinSteatit ersetzte auf Shetland die Keramik fast vollständig; abgebaut wurde er vor Ort, etwa am Catpund bei Cunningsburgh
Netzsenker und Angelgewichte aus SpecksteinFischfang war kein Nebenerwerb, sondern Teil der Wirtschaft
Webgewichte und SpinnwirtelTextilarbeit im Haus, vermutlich auch für Segeltuch und Wadmal als Tauschware
Knochennadeln und KämmeHandwerk im Haushalt, teils aus Geweih importierter Rohware
Ritzsteine aus SchieferEingeritzte Schiffe, Tierfiguren und ein bärtiger Männerkopf, die berühmtesten Kleinfunde des Platzes
Fischknochen, vor allem Dorsch und LengDeutliche Zunahme in den späten nordischen Schichten

Die geritzten Schieferplatten verdienen einen zweiten Blick. Sie sind keine Kunst im Sinne eines Auftrags, sondern Kritzeleien: ein Schiff mit Rahsegel, ein Tier mit aufgerissenem Maul, ein Gesicht mit Bart und spitzem Helm. Jemand hatte eine Schieferscherbe zur Hand und Zeit. Solche Objekte kommen den Menschen näher als jeder Grabfund, weil sie nichts repräsentieren sollten.

Bemerkenswert ist auch die Zunahme der Fischknochen in den jüngeren Schichten. Sie passt zu einem Muster, das der Archäologe James Barrett für den gesamten Nordatlantik um das Jahr 1000 beschrieben hat: Fisch wurde vom Selbstversorgerprodukt zur handelbaren Ware, getrocknet und verschifft. Shetland lag dafür ideal.

Blick von oben auf Rundhäuser und nordische Hausgrundrisse von Jarlshof mit der Küste im Hintergrund Bildquelle: Stephan Ridgway (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons

Shetland wird norwegisch und bleibt es lange

Jarlshof ist kein Einzelfall, sondern die am besten untersuchte Stelle einer vollständig umgeformten Inselgruppe. Die Ortsnamen Shetlands sind fast durchgängig nordisch: Voe, Wick, Setter, Gard, Ness. Von einer vornordischen Namenschicht ist kaum etwas übrig, und genau das ist der Kern einer alten Streitfrage. Der Shetländer Historiker Brian Smith hat daraus geschlossen, dass die piktische Bevölkerung gewaltsam verdrängt wurde. Andere Forscher halten eine rasche kulturelle Angleichung für wahrscheinlicher, bei der Sprache und Namen wechselten, die Menschen aber blieben. Jarlshof liefert für beide Lesarten Material und entscheidet die Frage nicht.

Politisch blieben die Inseln sehr lange im Norden verankert. Erst 1469 verpfändete Christian I. von Dänemark und Norwegen Shetland an die schottische Krone, als Teil der Mitgift seiner Tochter Margarete für König Jakob III.; Orkney war bereits im Jahr zuvor verpfändet worden. Eingelöst wurde das Pfand nie. Noch länger hielt sich die Sprache: Norn, die aus dem Altnordischen hervorgegangene Inselmundart, verschwand erst im Lauf des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus dem Alltag. Dass Norse-Kultur nicht an der schottischen Grenze endete, zeigen auch die Lewis-Schachfiguren von den Äußeren Hebriden.

Wer von Bergen aus nach Westen segelte, erreichte Shetland schneller als Oslo auf dem Landweg. Die Inseln lagen nicht am Rand der nordischen Welt, sondern mitten in ihrem Seeweg.

Mythos und Fakt rund um Jarlshof

Kaum ein schottischer Fundplatz hat so viele hübsche Halbwahrheiten angezogen. Ein nüchterner Abgleich hilft.

BehauptungStand der Forschung
Jarlshof ist der alte nordische Name des OrtesErfunden von Walter Scott für seinen Roman The Pirate (1821/22); den tatsächlichen Namen der Wikingerzeit kennen wir nicht
Der Platz ist eine WikingersiedlungNur zu einem Teil; die nordische Phase ist eine von mindestens fünf Besiedlungsepochen
Ein Jarl residierte hierFür einen Herrschersitz fehlt jeder Beleg; die Funde zeigen einen gehobenen Bauernhof
Die Wikinger fanden das Land leer vorVor ihnen lebten hier Pikten; strittig ist nur, was mit ihnen geschah
Up Helly Aa ist ein WikingerbrauchDas Lerwicker Feuerfest erhielt seine nordische Form erst in den 1880er Jahren
Die Ruine auf dem Hügel ist nordischSie gehört zum Herrenhaus der Stewarts aus dem späten 16. Jahrhundert

Der Namenswitz ist der schönste Teil der Geschichte. Walter Scott besuchte Shetland 1814 auf einer Inspektionsfahrt mit dem Leuchtturmbauer Robert Stevenson, sah die Ruine über der Bucht und machte daraus in seinem Roman den Herrensitz “Jarlshof”. Dass der Name später auf eine ganze, damals noch unentdeckte Siedlung überging, hat sich kein Archäologe ausgedacht. Der berühmteste Wikingerplatz Schottlands trägt den Titel eines Romanschauplatzes.

Weiter Blick über die Ausgrabung von Jarlshof mit der Ruine des Herrenhauses und dem Meer Bildquelle: Ronnie Robertson (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons

Was Jarlshof auf Shetland heute wertvoll macht

Der Platz steht unter der Obhut von Historic Environment Scotland, ein kleines Besucherzentrum erklärt die Schichten, die Funde liegen im Shetland Museum in Lerwick und in den National Museums Scotland. Wer vor Ort steht, sieht zunächst wenig Spektakuläres: niedrige Mauerzüge, Grasbuckel, ein paar Zugänge in dunkle Kammern. Die Wirkung entsteht erst beim zweiten Hinsehen, wenn man begreift, dass jeder Mauerzug zu einer anderen Epoche gehört.

Dass Jarlshof dabei nicht allein steht, macht die Gegend noch interessanter. Drei Kilometer entfernt liegt Old Scatness, bei Straßenbauarbeiten 1975 entdeckt und zwischen 1995 und 2006 von der University of Bradford untersucht, mit einem Broch und einer eisenzeitlich-piktischen Siedlung. Weiter nördlich steht der Broch von Mousa, der in der Orkneyinga saga und in der Egils saga vorkommt, und 1958 kam auf St Ninian’s Isle ein piktischer Silberschatz ans Licht, verborgen vermutlich in den Jahren, in denen nordische Schiffe häufiger wurden.

Unsere Einschätzung: Jarlshof wird oft als Wikingerort verkauft, aber sein eigentlicher Wert liegt daneben. Er zeigt, dass die nordische Landnahme auf Shetland kein Bruch mit Feuer und Schwert war, sondern eine Ablösung, die sich über Generationen in Hausgrundrissen, Specksteinschalen und Fischgräten niederschlug. Wer die Wikingerzeit nur über Raubzüge erzählt, übersieht die Mehrheit derer, die sie gelebt haben: Leute, die Torf stachen, Gerste darrten und abends ein Schiff in eine Schieferplatte ritzten.

Bildquelle Titelbild: Mustang Joe (CC0), via Wikimedia Commons