Geschichte

Borg auf den Lofoten: die größte Häuptlingshalle der Wikingerzeit

Die Häuptlingshalle von Borg auf den Lofoten war mit 83 Metern das größte Langhaus des Nordens. Die Funde, die Grabung und was die Rekonstruktion verschweigt.

Die rekonstruierte 83 Meter lange Häuptlingshalle von Borg auf den Lofoten im Winter
Inhalt
  1. Wie die Häuptlingshalle von Borg auf den Lofoten entdeckt wurde
  2. 83 Meter unter einem Dach: Bau, Räume und Bauphasen
  3. Die Funde: Goldblechfiguren, Rheinglas und ein Stück Europa
  4. Wer hier saß: Macht im Norden, gebaut auf Fisch und Tribut
  5. Zeitleiste: von der Völkerwanderungszeit bis zum Museum
  6. Warum die Halle aufgegeben wurde
  7. Was die Rekonstruktion zeigt und was sie verschweigt

Wer sich die Wikingerzeit als eine Angelegenheit von Dänemark, Südschweden und dem Oslofjord vorstellt, muss seit 1981 umdenken. Auf der Lofoteninsel Vestvågøy, mehr als zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises, liegt mit der Häuptlingshalle von Borg auf den Lofoten der größte Hausgrundriss, der aus der Wikingerzeit überhaupt bekannt ist: rund 83 Meter lang, bis zu neun Meter breit, ein einziges Gebäude für Menschen, Vieh, Vorräte und Feste. Kein Königssitz im Süden, kein Handelsplatz an der Ostsee, sondern ein Hof hoch im Norden, dort wo nach gängiger Vorstellung nur Peripherie sein sollte.

Der Ort selbst ist unspektakulär: eine flache Kuppe über fruchtbarem Weideland, dahinter das Meer, davor der Blick über die halbe Insel. Genau diese Lage war der Grund. Wer hier saß, sah, wer kam, und wurde gesehen. Was die Grabung der 1980er Jahre aus dem Boden holte, hat das Bild vom Norden Norwegens in der Wikingerzeit gründlicher verändert als jede Saga.

Wie die Häuptlingshalle von Borg auf den Lofoten entdeckt wurde

Die Entdeckung war ein Zufall, wie so oft. 1981 pflügte ein Bauer auf seinem Acker in Borg tiefer als gewöhnlich und brachte dabei Scherben und Glassplitter an die Oberfläche, die dort nicht hingehörten. Importiertes Glas auf einem Acker weit oberhalb des Polarkreises ist kein Alltagsfund, und die Meldung erreichte schnell die Archäologie in Tromsø.

Zwischen 1983 und 1989 folgte eine groß angelegte Ausgrabung, getragen von einem nordischen Forschungsverbund mit Beteiligung norwegischer, schwedischer und dänischer Universitäten, wissenschaftlich geleitet unter anderem von Gerd Stamsø Munch und Olav Sverre Johansen. Die Ergebnisse wurden 2003 in dem Sammelband “Borg in Lofoten. A Chieftain’s Farm in North Norway” veröffentlicht, herausgegeben von Munch, Johansen und der dänischen Archäologin Else Roesdahl. Dieser Band ist bis heute die maßgebliche Grundlage für alles, was über den Platz gesagt werden kann.

Freigelegt wurde dabei nicht nur ein Haus, sondern ein ganzer Hofkomplex: Nebengebäude, Bootshäuser am Wasser, Reste eines Gräberfelds. Im Zentrum aber stand jener Grundriss, der den Platz berühmt gemacht hat. Die Pfostenlöcher ließen sich über die gesamte Länge verfolgen, und die Zahl, die am Ende dabei herauskam, war für skandinavische Verhältnisse schlicht ungewöhnlich.

Hölzerne Markierungen zeigen die Pfostenstellungen des originalen Langhauses von Borg auf Vestvågøy Bildquelle: Toxophilus (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons

83 Meter unter einem Dach: Bau, Räume und Bauphasen

Der Grabungsbefund unterscheidet zwei Bauphasen am selben Platz. Das erste große Haus entstand bereits um 500 n. Chr., also in der Zeit vor der eigentlichen Wikingerepoche, und maß nach den Pfostenstellungen etwa 67 Meter. Um 700 wurde es ersetzt durch einen Neubau, der auf rund 83 Meter Länge kam. Dieses zweite Haus war bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts in Gebrauch.

Gebaut war es als Pfostenhaus mit gebogenen Längswänden, die dem Grundriss von oben die Form eines umgedrehten Bootes geben. Das Dach ruhte auf zwei Reihen tragender Innenpfosten, die Wände bestanden aus Holz und Torf, was im Nordnorwegen des 9. Jahrhunderts nicht Romantik, sondern Wärmedämmung war. Im Inneren war das Gebäude in mehrere Abschnitte unterteilt: Wohnbereich mit Herdstelle, eine Halle für Gastmähler und Repräsentation, Vorratsräume und ein Stallteil, in dem das Vieh den Winter überstand. Menschen und Tiere unter einem Dach, getrennt nur durch Zwischenwände.

Es lohnt sich, die Zahl einen Moment wirken zu lassen. 83 Meter sind deutlich mehr als die Breite eines Fußballfeldes und rund drei Viertel seiner Länge, getragen von Holzpfosten, gedeckt von Hand, errichtet mit Axt und Muskelkraft. Schweres Bauholz in dieser Dimension wächst auf den Lofoten kaum, es musste mit großer Wahrscheinlichkeit über Wasser herangeschafft werden. Allein das Material war damit ein politisches Statement: Wer so bauen konnte, verfügte über Schiffe, Arbeitskräfte und Vorräte, um eine Mannschaft monatelang zu ernähren.

Der entscheidende Raum war die Halle. Hier lag der Hochsitz, hier wurde getrunken, verhandelt, Gefolgschaft gebunden. Der Nordweg-Vergleich drängt sich auf: Während die dänischen Könige rund hundert Jahre später mit den Ringburgen vom Typ Trelleborg Macht durch geometrische Militärarchitektur demonstrierten, funktionierte Macht in Borg über ein einziges, extrem langes Haus und darüber, wie viele Menschen man darin satt bekam.

Die Funde: Goldblechfiguren, Rheinglas und ein Stück Europa

Was den Platz über seine bloße Größe hinaus bedeutend macht, sind die Objekte aus der Halle. Sie zeigen einen Hof, der nicht am Rand der Welt lag, sondern an deren nördlichem Ende einer sehr langen Leitung.

  • Fünf Goldblechfiguren (gullgubber): winzige, aus hauchdünnem Goldblech geprägte Plättchen von etwa einem Zentimeter Größe, gefunden im Hallenbereich nahe der Hochsitzposition. Solche Figuren kennt man aus skandinavischen Kultplätzen wie Uppåkra in Schonen oder Sorte Muld auf Bornholm. Die Stücke aus Borg gelten als die nördlichsten bekannten Funde dieser Art.
  • Importiertes Glas: Scherben von Trinkbechern aus rheinischen und westeuropäischen Werkstätten. Glas dieser Qualität kam nicht zufällig in den Norden, es wurde bestellt und bezahlt.
  • Keramik vom Typ Tating-Ware: feine, mit Zinnfolie verzierte Krüge aus dem Rheinland, in Skandinavien ein klassisches Statusobjekt und sonst eher aus Handelsplätzen wie Haithabu oder Birka bekannt.
  • Gerätschaften des Alltags: Spinnwirtel, Webgewichte, Reste von Eisenverarbeitung, Specksteingefäße. Der Hof produzierte, er konsumierte nicht nur.

Die Kombination ist das Entscheidende. Ein abgelegener Bauernhof hätte das Alltagsinventar, aber nicht das Rheinglas. Ein reiner Handelsplatz hätte den Import, aber nicht den Stallteil, in dem das Vieh den Winter überstand. Borg hatte beides, und genau deshalb lesen Archäologen den Platz als Sitz eines Häuptlings, nicht als Siedlung gleichrangiger Bauern.

Bemerkenswert ist auch, was nicht gefunden wurde. Es gibt in Borg keine Hinweise auf eine Befestigung, keinen Wall, keinen Graben, keine Palisade. Der Platz war nicht abgeriegelt, sondern offen und weithin sichtbar. Schutz bot hier offenbar nicht die Mauer, sondern die Gefolgschaft, die in der Halle saß und beim Gastmahl an den Hausherrn gebunden wurde.

Die Goldblechfiguren sind der stärkste Hinweis darauf, dass in dieser Halle nicht nur gefeiert, sondern auch geopfert wurde. Wo gullgubber liegen, war in Skandinavien in aller Regel ein Ort, an dem weltliche und religiöse Macht in derselben Hand lagen.

Wer hier saß: Macht im Norden, gebaut auf Fisch und Tribut

Woher kam der Reichtum eines Hofes nördlich des Polarkreises? Die Antwort gibt eine Quelle, die nicht aus Borg stammt, aber aus derselben Welt. Um 890 berichtete ein nordnorwegischer Häuptling namens Ottar, in altenglischen Texten Ohthere genannt, am Hof des angelsächsischen Königs Alfred von seiner Heimat Hålogaland, zu der auch die Lofoten gehörten. Sein Bericht wurde in die altenglische Übersetzung der Weltgeschichte des Orosius eingefügt und ist damit eine der wenigen Selbstauskünfte eines Nordmanns aus der Wikingerzeit.

Ottar beschreibt seinen Besitz: große Rentierherden, Jagd auf Wale und Walrosse, vor allem aber den Tribut, den er von den Samen einzog, geliefert in Fellen, Federn, Walknochen und Tauwerk aus Walross- und Robbenhaut. Dazu kam das, was die Lofoten bis heute prägen: Dorsch, getrocknet zu haltbarem Stockfisch, ein Exportgut, das jahrelang lagerfähig war und im Süden Europas reißenden Absatz fand. Wer diese Ströme kontrollierte und sie auf die Handelswege der Wikinger brachte, konnte sich ein 83 Meter langes Haus leisten.

Ob der Herr von Borg je einen Namen bekommen hat, ist offen. Die isländische Landnámabók nennt einen Siedler, der von den Lofoten nach Island auswanderte, und das Museum vor Ort spielt mit dem Gedanken, er könnte mit dem Platz zu tun haben. Beweisen lässt sich das nicht. Die Halle bleibt anonym, und das ist ehrlicher, als ihr einen Sagahelden anzudichten.

Zeitleiste: von der Völkerwanderungszeit bis zum Museum

ZeitpunktWas am Ort geschah
um 500 n. Chr.Erste große Halle auf der Kuppe von Borg, nach Grabungsbefund rund 67 Meter lang
um 700 n. Chr.Neubau an derselben Stelle, jetzt rund 83 Meter, der größte bekannte Hausgrundriss des Nordens
8. bis 10. JahrhundertBlütezeit mit Importglas, Goldblechfiguren und Fernkontakten bis ins Rheinland
um 950 n. Chr.Die Halle wird aufgegeben, der Hof verliert seine Rolle als Machtzentrum
1981Ein Bauer pflügt tiefer als sonst und bringt Scherben und Glas an die Oberfläche
1983 bis 1989Nordisches Forschungsprojekt legt den vollständigen Grundriss frei
1995Das Lofotr Vikingmuseum eröffnet mit einer Rekonstruktion in Originalgröße

Warum die Halle aufgegeben wurde

Um die Mitte des 10. Jahrhunderts endet die Nutzung. Eine einzelne, gesicherte Ursache gibt es nicht, wohl aber ein Bündel plausibler Entwicklungen. In dieser Zeit verschoben sich in Norwegen die Machtverhältnisse zugunsten einer zentralen Königsherrschaft, und lokale Häuptlinge, die bisher weitgehend selbstständig regierten, gerieten unter Druck. Parallel setzte die Auswanderung nach Island ein, die für genau diese Schicht eine Alternative bot: Wer sich nicht unterordnen wollte, nahm Gefolgschaft und Vieh und segelte nach Westen.

Dazu kommt ein nüchterner wirtschaftlicher Faktor. Der Stockfischhandel verlagerte sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte auf neue Umschlagplätze, allen voran Vågan und später Bergen. Ein Hof, dessen Reichtum am Fisch hing, verlor an Bedeutung, sobald der Fisch anderswo verladen wurde. Borg wurde nicht zerstört, sondern verlassen, und das Gras wuchs darüber. Rund tausend Jahre lang pflügten Bauern über einen Grundriss, von dem niemand mehr wusste.

Die rekonstruierte Häuptlingshalle von Borg in voller Länge, Lofotr Vikingmuseum im Sommer Bildquelle: Gerd Eichmann (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Was die Rekonstruktion zeigt und was sie verschweigt

Seit 1995 steht in Borg das Lofotr Vikingmuseum, dessen Herzstück eine Rekonstruktion der Halle in voller Länge ist, errichtet neben dem originalen Grundriss, damit dieser unangetastet im Boden bleibt. Die Pfostenstellungen des echten Hauses sind im Gelände durch Holzmarkierungen sichtbar gemacht. Dazu kommen Nachbauten von Schiffen, die auf Befunden der norwegischen Schiffsgräber beruhen.

Hier ist eine redaktionelle Einordnung angebracht. Die Rekonstruktion ist beeindruckend und didaktisch hervorragend, aber sie erzeugt eine Sicherheit, die der Grabungsbefund so nicht hergibt. Pfostenlöcher verraten Standort und Dicke der tragenden Pfosten, sie verraten nicht die Dachneigung, nicht die Höhe des Firsts, nicht die Form der Giebel und nicht die Ausstattung im Inneren. Vieles davon ist begründete Schlussfolgerung aus Vergleichsbauten und experimenteller Archäologie, nicht Befund. Wer in der Halle steht, sieht eine sehr sorgfältige Hypothese in Holz, und es hilft, das zu wissen.

Umso stärker wirkt der nüchterne Kern der Sache. Nicht in Dänemark, nicht in Uppsala, sondern auf einer Insel im Nordmeer stand das größte Haus, das die Wikingerzeit hinterlassen hat. Der Norden war kein Rand. Er war eine Adresse.

Bildquelle Titelbild: Christoph Strässler from Oberdorf BL, Schweiz (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons