Mythologie
Wie kommt man nach Walhall? Die Regeln des nordischen Jenseits
Wie kommt man nach Walhall? Was Edda, Snorri und alte Skaldengedichte wirklich über die Aufnahme in Odins Halle sagen, und welche Totenreiche es sonst gab.
Inhalt
Früher oder später landet jeder, der sich mit nordischer Mythologie beschäftigt, bei derselben Frage: Wie kommt man nach Walhall? Die populäre Antwort ist schnell gegeben. Stirb im Kampf, dann holt dich eine Walküre ab. Das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht die ganze Geschichte. Die altnordischen Quellen formulieren nämlich keine Aufnahmebedingungen wie eine Hausordnung. Sie liefern Bruchstücke, Widersprüche und ein paar überraschend konkrete Hinweise.
Wer diese Bruchstücke zusammensetzt, bekommt ein deutlich unordentlicheres Bild als jedes Videospiel. Es gibt kein Regelwerk, keine Prüfung, keinen Katalog guter Taten. Es gibt stattdessen eine Auswahl, die jemand anderes trifft, und zwar nach Kriterien, die nirgendwo vollständig aufgeschrieben wurden. Sehen wir uns an, was die Texte tatsächlich hergeben.
Wie kommt man nach Walhall? Die kurze Antwort
Die kürzeste belegbare Antwort lautet: Man kommt nicht nach Walhall, man wird geholt. Das altnordische Wort für die Halle, Valhöll, bedeutet “Halle der Gefallenen”, und das zugehörige Verb steckt im Wort valkyrja, der “Wählerin der Gefallenen”. Beide Begriffe beschreiben keinen Eintritt, sondern eine Auswahl. Der Krieger bewirbt sich nicht. Er wird ausgesucht.
Entschieden wird diese Auswahl auf dem Schlachtfeld, und zwar bevor der Kampf überhaupt entschieden ist. Odin trägt den Beinamen Valföðr, “Vater der Gefallenen”, und Snorri Sturluson schreibt in der Prosa-Edda, alle im Kampf Gefallenen seien seine Wahlsöhne. Die praktische Arbeit übernehmen die Walküren, die über das Feld reiten und bestimmen, wer fällt und wer weitergeleitet wird.
Damit ist die eine Bedingung benannt, die wirklich in allen Quellen auftaucht: Tod im Kampf. Ein frommes Leben, ein starker Glaube, großzügige Opfergaben, Tapferkeit im Alltag, nichts davon wird irgendwo als Eintrittskarte genannt. Die Mythologie interessiert sich an dieser Stelle nicht für Moral, sondern für Verwendbarkeit. Odin sammelt Soldaten, keine Heiligen.
Was die Quellen als Bedingung nennen
Die ausführlichste Beschreibung der Halle selbst steht im Grímnismál der Poetischen Edda, das die 540 Tore, das Dach aus Schilden und die Speere als Dachbalken schildert. Wie dieser Ort funktioniert, haben wir im Artikel über Walhall, die Halle der gefallenen Krieger ausführlich beschrieben. Zur Frage der Aufnahme schweigt das Gedicht allerdings weitgehend. Es beschreibt das Gebäude, nicht die Tür.
Konkreter wird Snorri Sturluson in der Gylfaginning, dem ersten Teil seiner Prosa-Edda von etwa 1220. Dort heißt es klar, dass die im Kampf Gefallenen zu Odin kommen und dort Einherjer heißen, während jene, die an Krankheit oder Alter sterben, zu Hel gehen. Snorri benutzt dafür die altnordischen Fachbegriffe sóttdauðr und ellidauðr, “krankheitstot” und “alterstot”. Das ist die präziseste Formulierung einer Aufnahmeregel, die wir besitzen, und sie stammt von einem christlichen Isländer, der zweihundert Jahre nach dem Ende der heidnischen Zeit schrieb.
Die ältesten Zeugnisse sind etwas ganz anderes, nämlich Gedichte für konkrete Tote. Das Eiríksmál entstand um 954 für den gefallenen König Erik Blutaxt, in Auftrag gegeben von seiner Witwe Gunnhild. Darin lässt Odin die Einherjer die Bänke richten und Bragi und Sigmundr zum Empfang hinausgehen. Auf die Frage, warum er Erik den Sieg genommen habe, antwortet Odin sinngemäß, er brauche ihn, weil der graue Wolf auf die Wohnungen der Götter starre.
Sinngemäß nach dem Eiríksmál: Der graue Wolf blickt auf die Sitze der Götter, darum muss der König kommen.
Das Hákonarmál des Skalden Eyvindr skáldaspillir entstand wenige Jahre später, um 961, für König Hákon den Guten. Und hier wird es interessant: Hákon war getauft, ein christlicher König also, und trotzdem geleiten ihn die Walküren Göndul und Skögul nach Walhall. Wer eine strenge Glaubensprüfung an der Tür erwartet, findet hier das Gegenteil. Die Halle nimmt sogar einen Christen auf, wenn er nur auf die richtige Weise gestorben ist.
Hör dir Valhalla an, während du weiterliest, genau diese Vorstellung, vertont:
Mythos gegen Fakt: fünf hartnäckige Annahmen
Zwischen dem, was heute über die Aufnahme in Walhall erzählt wird, und dem, was in den Texten steht, klafft eine ordentliche Lücke. Fünf Beispiele:
| Verbreitete Annahme | Was die Quellen sagen |
|---|---|
| Alle Wikinger kamen nach Walhall | Nur ein Teil der im Kampf Gefallenen; der Rest ging anderswohin |
| Walhall war der Lohn für ein tapferes Leben | Kein Text nennt Tapferkeit im Leben als Bedingung, nur die Todesart |
| Odin wählt allein aus | Die Hälfte der Gefallenen fällt laut Grímnismál an Freyja |
| Frauen hatten keinen Zugang | Die Quellen regeln das Geschlecht nirgends ausdrücklich; sie schweigen |
| Wer im Bett stirbt, ist für immer verloren | Die Ynglinga saga kennt die Speermarkierung als Ausweg |
Besonders die vierte Zeile wird gern übersehen. Es gibt keinen altnordischen Text, der Frauen den Zugang zu Walhall ausdrücklich verwehrt, aber eben auch keinen, der ihn ausdrücklich bestätigt. Die Quellen sprechen von Kriegern, und wer diese Lücke in die eine oder andere Richtung füllt, interpretiert. Das sollte man dazusagen, statt eine Antwort zu erfinden.
Walhall war nicht das einzige Ziel
Der größte Denkfehler bei der Frage, wie man nach Walhall kommt, besteht darin, Walhall für das einzige Jenseits zu halten. Das war es nie. Die nordische Vorstellungswelt kannte mehrere Totenreiche nebeneinander, und die statistisch wahrscheinlichste Adresse war nicht Odins Halle.
| Ort | Herr oder Herrin | Wer dorthin kam |
|---|---|---|
| Walhall | Odin | Ein Teil der im Kampf Gefallenen |
| Fólkvangr | Freyja | Laut Grímnismál die andere Hälfte der Gefallenen |
| Helheim | Hel | Alle, die an Krankheit oder Alter starben |
| Das Meer | Rán | Die Ertrunkenen, in Kenningar und Sagas angedeutet |
| Der Grabhügel | niemand | Ein Weiterleben beim eigenen Hof, archäologisch gut belegt |
Wie sich Odin und Freyja die Gefallenen teilen und warum die große Mehrheit aller Toten bei Hel landete, haben wir in Walhall, die Halle der gefallenen Krieger ausführlich aufgeschlüsselt. Für die Aufnahmefrage zählt davon nur eine Konsequenz: Selbst wer im Kampf fällt, ist damit noch nicht in Odins Halle, denn schon die Kampftoten werden geteilt.
Spannender sind die beiden unteren Zeilen der Tabelle, die in fast jeder Aufzählung fehlen. Rán, die Frau des Meerriesen Ægir, zieht die Ertrunkenen in ihr Netz; die Sagas und Skaldenkenningar deuten das eher an, als dass sie es ausformulieren, aber für eine Seefahrerkultur war es die Todesart, die man ständig vor Augen hatte. Und ein Ziel kam ganz ohne Gottheit aus: die handfeste Überzeugung, dass die Toten einfach im Grabhügel weiterlebten, in Sichtweite des Hofes, gelegentlich störend. Die Sagas über wiedergängerische Draugr setzen genau das voraus. Wer nach Walhall fragt, fragt also nach der seltensten von fünf Möglichkeiten.
Strohtod und Speermarkierung
Wenn der Tod im Kampf das Kriterium war, was tat ein alternder Krieger, der absehbar im Bett sterben würde? Das Altnordische hat ein Wort für dieses Schicksal: strádauðr, der Strohtod, das Sterben auf der Strohschütte. Es war keine neutrale Beschreibung, sondern ein Urteil.
Snorri berichtet in der Ynglinga saga, dem ersten Teil der Heimskringla, von einem bemerkenswerten Ausweg. Als Odin dort, euhemeristisch zum Menschenkönig umgedeutet, in Schweden an Krankheit stirbt, lässt er sich vor dem Tod mit einer Speerspitze zeichnen und für sich selbst in Besitz nehmen. Auch von Njörðr erzählt dieselbe Saga, dass er sich vor dem Tod markieren ließ. Snorri schildert außerdem die Überzeugung, ein Mann komme mit dem Besitz nach Walhall, der mit ihm verbrannt werde.
Ob diese Speermarkierung tatsächlich praktiziert wurde oder ob Snorri hier aus älteren Dichtungen eine Sitte konstruiert hat, lässt sich nicht entscheiden. Dass der Speer als Odins Waffe eine Weihe an ihn bedeutete, passt jedenfalls ins Bild. In der Gautreks saga tötet Starkad den König Víkar mit genau dieser Geste und den Worten, nun gebe er ihn Odin. Und das Hávamál lässt Odin von sich selbst sagen, er habe neun Nächte am windigen Baum gehangen, vom Speer verwundet, sich selbst geweiht. Der Speer markiert in all diesen Texten dasselbe: Dieser Tote gehört Odin.
Was Gräber und Bildsteine verraten
Texte sind das eine, der Boden das andere. Die Archäologie kann keine Aufnahmeregel beweisen, aber sie zeigt, dass die Vorstellung einer Kriegerhalle im Jenseits älter ist als die Handschriften.
- Auf dem gotländischen Bildstein von Tjängvide im Kirchspiel Alskog, heute im Historiska museet in Stockholm, reitet ein Krieger auf einem achtbeinigen Pferd heran, und eine Frauengestalt streckt ihm ein Trinkhorn entgegen. Der Stein wird ins achte oder neunte Jahrhundert datiert und zeigt damit die Empfangsszene Jahrhunderte vor Snorri.
- 2012 fand ein Sondengänger bei Hårby auf Fünen eine 3,4 Zentimeter hohe Figur aus vergoldetem Silber: eine Frau mit Schwert und Schild, datiert auf etwa 800. Die Deutung als Walküre ist nicht bewiesen, aber weit verbreitet.
- Waffengräber mit Schwert, Schildbuckel und Trinkgeschirr, etwa in den Kammergräbern von Birka, zeigen eine Bestattungspraxis, in der Kampfausrüstung und Gelage zusammengehören. Genau die Kombination, die auch die Dichtung beschreibt.
Zusammen ergibt das kein Beweisstück, aber eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen Stein, Grab und Gedicht. Wer eine Empfangsszene mit Trinkhorn schon um 800 in Kalkstein ritzt, hat eine Vorstellung davon, was nach dem Kampf kommt.
Unsere Einschätzung: eine Halle für Fürsten
An dieser Stelle eine redaktionelle Einordnung, die über das reine Nacherzählen hinausgeht. Auffällig ist, für wen die ältesten erhaltenen Walhall-Texte geschrieben wurden. Eiríksmál und Hákonarmál sind keine Volksdichtung, sondern Auftragsarbeiten für zwei gefallene Könige, bezahlt von Witwe und Hof. Die Halle, die darin beschrieben wird, empfängt Herrscher mit Namen, nicht anonyme Bauernkrieger.
Das legt einen Verdacht nahe, den auch Teile der Forschung teilen: Walhall war in seiner ältesten greifbaren Form vermutlich weniger ein allgemeines Versprechen an jeden Wikinger als vielmehr eine Ideologie der Kriegeraristokratie. Ein Jarl, der seine Gefolgsleute an sich band, konnte ihnen kaum Besseres in Aussicht stellen als die Fortsetzung genau dieses Verhältnisses in Odins Halle. Wer so denkt, versteht auch, warum es nirgends eine moralische Prüfung gibt. Gefolgschaft wurde nicht nach Tugend vergeben, sondern nach Nutzen und Treue.
Die saubere Regel, die heute überall zitiert wird, stammt deshalb weniger von den Wikingern als von Snorri, der zweihundert Jahre später ein widersprüchliches Material ordnete, und vom neunzehnten Jahrhundert, das daraus einen Wikingerhimmel machte. Wer fragt, wie man nach Walhall kommt, fragt in Wahrheit nach einem System, das es in dieser Form nie gab.
Die ehrlichste Antwort auf die Frage, wie man nach Walhall kommt, ist deshalb unbequem. Man stirbt im Kampf, und selbst dann entscheidet man nicht selbst. Eine Walküre wählt, Odin nimmt die eine Hälfte, Freyja die andere, und die überwältigende Mehrheit aller Toten sah die Halle ohnehin nie von innen.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz. Walhall war kein Himmel, den man sich verdienen konnte, sondern ein Dienstverhältnis, in das man berufen wurde. Kein Trost für ein gutes Leben, sondern ein Angebot für einen bestimmten Tod. Das ist weniger gemütlich als die Postkartenversion, aber es passt deutlich besser zu einer Welt, die wusste, dass sie auf Ragnarök zusteuert.
Bildquelle: Berig (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons