Mythologie
Walhall: Die Halle der gefallenen Krieger
Walhalla Walhall: Was Grímnismál und die Prosa-Edda über 540 Tore, die Einherjer und Odins Halle erzählen - und warum sie nur eines von drei Totenreichen war.
Inhalt
Kaum ein Ort der nordischen Mythologie ist so berühmt wie Walhall - und kaum einer wird so gründlich missverstanden. In Videospielen und Filmen ist Walhalla oft schlicht “der Ort, wohin Wikinger nach dem Tod kommen”. Das stimmt nur bedingt. Walhall war ein sehr spezifischer, sehr seltsamer Ort mit einem sehr konkreten Zweck - und bei Weitem nicht das einzige Ziel für die Toten im nordischen Kosmos.
Was also sagen die eigentlichen Quellen über Walhall - wörtlich “Walhalla” - wirklich? Sehen wir genauer hin.
Was “Walhöll” wörtlich bedeutet
Der altnordische Name Valhöll setzt sich zusammen aus valr (die im Kampf Gefallenen) und höll (Halle). Wörtlich also: die “Halle der Gefallenen”. Schon der Name verrät, dass es hier nicht um eine allgemeine Vorstellung vom Jenseits geht, sondern um einen Ort mit einer sehr eng gefassten Zielgruppe - Krieger, die im Kampf den Tod fanden.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu späteren, romantisierten Vorstellungen von “Walhalla als Wikinger-Himmel”. Walhall war kein Lohn für ein gutes Leben im Allgemeinen. Es war eine Personalreserve.
Grímnismál: 540 Tore, ein Dach aus Schilden
Die ausführlichste Beschreibung der Halle selbst liefert das Grímnismál (“Die Rede Grímnirs”) aus der Poetischen Edda. Dort offenbart der gefangene, zwischen zwei Feuern sitzende Odin - unter dem Decknamen Grímnir - dem jungen Agnar in einer Art Wissensrausch den Aufbau des Kosmos, und mittendrin eine der denkwürdigsten Beschreibungen eines Gebäudes in der gesamten altnordischen Literatur.
Sinngemäß nach dem Grímnismál: Fünfhundertvierzig Türen zählt Walhall, und noch vierzig dazu - aus jeder werden achthundert Krieger zugleich hinausschreiten, wenn sie gegen den Wolf zum Kampf ziehen.
Das Dach der Halle besteht, so das Gedicht, aus goldenen Schilden, gestützt von Speeren als Dachbalken, die Bänke sind mit Brustpanzern bedeckt. Es ist eine Architektur aus reiner Kriegsausrüstung - ein Gebäude, das aussieht, als sei es aus dem Schlachtfeld selbst errichtet worden. Man muss sich das bildlich vor Augen führen: kein Gold um des Goldes willen, sondern Waffen und Rüstungen, arrangiert wie Baumaterial. Die Halle ist der Krieg, nur in Architektur gegossen.
Diese Zahl - 540 Tore, aus denen je 800 Krieger zugleich hervortreten - ist kein Zufall der Dichtung. Sie beziffert exakt die Streitmacht, die Odin am Tag von Ragnarök gegen den Wolf Fenrir ins Feld führen wird: 432.000 Einherjer. Walhall ist also, streng genommen, keine Ruhestätte im landläufigen Sinn. Es ist eine Kaserne mit Ablaufdatum.
Bemerkenswert ist zudem, wo das Grímnismál Walhall verortet: in Glaðsheimr, “der Heimstatt der Freude”, einem eigenen Bezirk innerhalb Asgards. Snorri Sturluson übernimmt in seiner Prosa-Edda diese Ortsangabe und ergänzt weitere Details, die das Gedicht nur andeutet - etwa, dass ein Wolf vor dem westlichen Tor der Halle hängt und ein Adler über ihr schwebt. Selbst die kleinsten Ausschmückungen folgen also einem Muster: Walhall ist durch und durch von Krieg und dessen Symbolen durchdrungen, bis in die Fassade hinein.
Woher wir das alles wissen
Wie bei fast der gesamten nordischen Mythologie stammt unser Wissen über Walhall nicht von den Wikingern selbst, sondern aus einer Handvoll isländischer Texte, die erst Generationen nach dem offiziellen Ende der Wikingerzeit niedergeschrieben wurden. Das Grímnismál gehört zur Poetischen Edda, überliefert im isländischen Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert, doch vermutlich in mündlicher Form deutlich älter. Snorri Sturlusons Prosa-Edda, verfasst um 1220, ordnet und erweitert diese älteren Gedichtzeilen zu einer zusammenhängenden Erzählung - mit der gebotenen Vorsicht, denn Snorri war Christ und schrieb mit zeitlichem und weltanschaulichem Abstand zu dem, was er beschrieb.
Zur literarischen Überlieferung kommt der archäologische Befund. Auf gotländischen Bildsteinen und in Grabfunden mit Waffen, Schildbuckeln und Trinkgeschirr sehen Forscher Hinweise darauf, dass die Vorstellung von einer Kriegerhalle im Jenseits keine reine Erfindung des 13. Jahrhunderts war, sondern älteren, vorchristlichen Vorstellungen entsprang. Beweisen lässt sich das im Einzelnen nicht - aber die Kombination aus Dichtung, Prosa und Grabbeigaben ergibt ein Bild, das in sich schlüssig wirkt.
Odin und die Wahl der Gefallenen
Wer aber entscheidet, wer überhaupt nach Walhall gelangt? Hier tritt Odin selbst in Erscheinung, gemeinsam mit den Walküren, jenen “Wählerinnen der Gefallenen”, die auf dem Schlachtfeld reiten und bestimmen, wer sterben und wer nach Walhall geleitet werden soll. Ihre Geschichte, ihre Namen und ihre Rolle als Mundschenkinnen der Halle haben wir ausführlich in unserem Artikel über die Walküren erzählt - hier reicht der Hinweis, dass Walhall ohne sie gar nicht denkbar ist. Odin trifft nicht allein die Auswahl; er ist auf seine Botinnen angewiesen, die durch das Kampfgetümmel reiten und mit einem Blick entscheiden, wessen Zeit gekommen ist.
Warum betreibt der Allvater diesen ganzen Aufwand? Die Antwort liegt in seiner Weisheit - und seiner Angst. Odin weiß durch Prophezeiung, dass Ragnarök kommt, und dass die Götter dabei eine gewaltige Streitmacht aus Riesen, Ungeheuern und den Toten Helheims gegenüberstehen werden. Also sammelt er, so lange er kann, die tapfersten der gefallenen Krieger und rüstet sie in Walhall für genau diesen einen Tag.
Der Alltag der Einherjer: Kämpfen, Sterben, Feiern
Was tun die Einherjer (“die allein Kämpfenden”) nun eigentlich den ganzen Tag in dieser gewaltigen Halle, bevor Ragnarök überhaupt beginnt? Snorri Sturluson beschreibt es in seiner Prosa-Edda mit einer fast schon komischen Beiläufigkeit, die selten in voller Konsequenz nacherzählt wird.
Jeden Morgen erheben sich die Einherjer, rüsten sich vollständig und ziehen aus der Halle hinaus, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Es ist kein symbolisches Turnier - sie erschlagen einander tatsächlich, mit echten Waffen, bis das Feld voller Leichen liegt. Und dann, pünktlich zum Abend, stehen alle wieder auf, unversehrt, als wäre nichts gewesen, reiten zurück in die Halle und feiern gemeinsam ein Gelage.
Zum Festmahl gehört das Fleisch des Ebers Sæhrímnir, der jeden Tag geschlachtet und gekocht wird und über Nacht vollständig nachwächst, sodass am nächsten Morgen wieder genug für alle da ist. Getrunken wird der Met, der aus dem Euter der Ziege Heiðrún fließt, die auf dem Dach der Halle weidet und sich von den Blättern eines Baumes namens Læraðr ernährt. Serviert wird beides von den Walküren, die zwischen ihrer Rolle als Schlachtenwählerinnen und Mundschenkinnen wechseln.
Dieser tägliche Kreislauf aus Kampf, Tod, Auferstehung und Fest ist mehr als bloße Unterhaltung für gelangweilte Tote. Es ist Training. Die Einherjer üben, jeden einzelnen Tag, für die eine Schlacht, die tatsächlich zählt - jene, in der es kein Aufstehen am Abend mehr geben wird.
Auffällig ist dabei, wie sehr diese Vorstellung der Lebenswelt der Wikinger selbst ähnelt, nur ins Übernatürliche gesteigert. Ein Gefolgsmann (altnordisch drótt) diente seinem Fürsten im Austausch für Unterkunft, Waffen und ein Gelage in dessen Halle - exakt das Muster, das sich in Walhall wiederholt, nur dass der Fürst hier Odin heißt und der Sold aus ewigem Met und nachwachsendem Eberfleisch besteht. Walhall ist, wenn man so will, die ideale, übersteigerte Version eines Gefolgschaftsverhältnisses, wie es in den Hallen realer Wikingerfürsten tatsächlich gelebt wurde. Archäologische Ausgrabungen großer Hallenbauten, etwa in Lejre auf Seeland, zeigen genau jene Kombination aus Festsaal und Waffenlager, die auch das Grímnismál beschreibt.
Auch die Zahl der täglichen Tode ist kein Nebensatz. Snorri betont ausdrücklich, dass jeder Kämpfer, der im Übungskampf fällt, am Abend genauso gesund zurückkehrt wie zuvor. Es handelt sich um eine Welt ohne dauerhaften Verlust, aber auch ohne echte Ruhe - ein Zustand, den man weder als Frieden noch als ewigen Krieg bezeichnen kann, sondern eher als eine Art permanente Bereitschaft.
Wofür Walhall eigentlich da war
Damit wird der eigentliche Sinn von Walhall klar, und er unterscheidet sich fundamental von jeder christlich geprägten Himmelsvorstellung. Walhall ist kein Ort der ewigen Ruhe, kein Lohn für ein tugendhaftes Leben, keine Erlösung von den Mühen der Welt. Es ist eine Aufrüstungsanlage.
Die gesamte Existenz der Einherjer ist auf ein einziges zukünftiges Ereignis ausgerichtet: den Tag, an dem Heimdall ins Horn stößt, die Fesseln der Ungeheuer reißen und Odin an der Spitze seiner gesammelten Streitmacht in die letzte Schlacht zieht. Walhall existiert nur, weil Ragnarök kommt. Ohne die Prophezeiung vom Weltuntergang gäbe es keinen Grund, Krieger zu sammeln - die ausführliche Geschichte dieser letzten Schlacht, in der auch Odin selbst fällt, erzählen wir in unserem Artikel über Ragnarök.
Es ist ein bemerkenswert nüchterner, fast schon militärisch-pragmatischer Gedanke für eine Mythologie: Selbst das Jenseits der tapfersten Krieger dient in erster Linie einem strategischen Zweck.
Nicht jeder kam nach Walhall
Und hier liegt die vielleicht wichtigste Korrektur an der landläufigen Vorstellung: Walhall war nicht das einzige Ziel der Toten, nicht einmal für die im Kampf Gefallenen. Die Quellen sind hier ungewöhnlich klar, auch wenn Popkultur diese Nuance fast immer unterschlägt.
Snorri berichtet in der Prosa-Edda, dass die Gefallenen sich zwischen zwei Herrinnen teilen: Odin erhält die eine Hälfte für Walhall, doch die andere Hälfte geht an die Göttin Freyja und ihre Halle Fólkvangr (“Feld des Volkes” oder “Heerfeld”). Warum genau die Aufteilung so verläuft, wie sie verläuft, verrät keine Quelle - aber die bloße Existenz von Fólkvangr räumt gründlich mit dem Bild auf, Walhall sei eine Art Monopol Odins auf die Krieger-Toten gewesen.
Und selbst das betrifft nur einen Bruchteil aller Verstorbenen. Die überwältigende Mehrheit der Menschen - jene, die an Krankheit, Alter oder Unfall starben, nicht im Kampf - ging weder nach Walhall noch nach Fólkvangr, sondern in die weit weniger glamouröse Helheim, das Reich der Totengöttin Hel, einer Tochter Lokis. Helheim war kein Ort der Strafe im christlichen Sinn, aber auch kein Ort des Ruhms - eher ein neutrales, eher trostloses Weiterleben im Schatten. Die überwiegende Mehrheit der nordischen Toten, Männer wie Frauen, endete dort, nicht in einer goldgedeckten Kriegerhalle.
Diese dreigeteilte Kosmologie des Jenseits - Walhall für einen Teil der Kampfgefallenen, Fólkvangr für den anderen Teil, Helheim für praktisch alle Übrigen - zeigt, wie stark die Vorstellung von einem einzigen “Wikinger-Paradies” die tatsächliche Vielschichtigkeit der Quellen verzerrt.
Warum Walhall bis heute nachwirkt
Was bleibt, wenn man den Popkultur-Glanz beiseitelegt? Ein Bild von erstaunlicher innerer Logik. Walhall ist keine Belohnung, sondern eine Funktion innerhalb einer Mythologie, die von Anfang an weiß, dass sie auf ein Ende zusteuert. Die Halle mit den 540 Toren, das Dach aus Schilden, der ewig nachwachsende Eber, die täglich sterbenden und auferstehenden Krieger - all das ergibt nur Sinn, wenn man es als das liest, was es ist: eine Vorbereitung auf die eine Schlacht, die zählt.
Vielleicht liegt genau darin die bleibende Faszination. Walhall verspricht keine Ewigkeit im Sinne von Stillstand, sondern eine Ewigkeit im Modus der Vorbereitung - Kampf, Tod, Wiederauferstehung, Fest, und am nächsten Morgen von vorn. Es ist ein Jenseits, das niemals zur Ruhe kommt, weil die Welt, aus der es entstand, ebenfalls nie wirklich zur Ruhe kam.
Bildquelle: Pöllö (CC BY 3.0), via Wikimedia Commons