Mythologie
Walküren: Odins Schildmaiden und die Schicksalsfrauen der Schlacht
Wer waren die Walküren wirklich? Ein Blick auf Odins Schlachtenjungfrauen, die Wahl der Gefallenen, Walhall und die Einherjer sowie Namen wie Brynhildr.
Inhalt
Wenn heute von Walküren die Rede ist, sieht man sie meist vor sich: goldbehelmte Reiterinnen auf geflügelten Pferden, den Speer erhoben, während Wagners Musik dröhnt. Ein prächtiges Bild - und ein zutiefst irreführendes. Die Walküren der alten Quellen waren keine romantischen Kriegerinnen in glänzender Rüstung. Sie waren etwas viel Unheimlicheres: Geister, die über Leben und Tod entschieden, noch bevor das erste Schwert gezogen war.
Wer die Walküren wirklich verstehen will, muss diese Postkartenversion vergessen. Fangen wir also von vorne an.
Was sind Walküren eigentlich?
Das altnordische Wort valkyrja bedeutet wörtlich “Wählerin der Gefallenen” - von valr (die Schlachttoten) und kjósa (wählen). Schon der Name verrät ihre Aufgabe. Die Walküren entscheiden nicht, wer kämpft, sondern wer stirbt. Sie durchziehen das Schlachtfeld und lesen jene aus, die fallen sollen, um sie in Odins Halle zu geleiten.
Das ist eine gewaltige Machtvorstellung. Denk kurz darüber nach: Nicht die Klinge des Feindes, nicht Glück oder Geschick besiegeln das Los eines Kriegers, sondern der Blick einer übernatürlichen Frau, die schon vor der Schlacht weiß, wer nicht heimkehren wird. In einer Kriegerkultur wie der nordischen war das eine der beunruhigendsten und zugleich tröstlichsten Vorstellungen überhaupt.
Die frühesten Belege zeichnen ein finsteres Bild. In manchen Quellen sind die Walküren keine schönen Jungfrauen, sondern raubgierige Todesgeister, verwandt mit den Raben, die über den Leichen kreisen. Sie gehören zur selben Welt wie die Nornen, jene drei Schicksalsfrauen am Fuße Yggdrasils, die im Gefüge der nordischen Götter über allem Werden und Vergehen wachen. Wo die Nornen das Leben weben, weben die Walküren, so scheint es, den Tod.
Die “Wählerinnen der Gefallenen”
Kein Text macht diese düstere Seite so deutlich wie das Darraðarljóð, das “Lied vom Speer”, überliefert in der isländischen Njáls saga. Darin sitzt eine Schar von Walküren an einem grausigen Webstuhl. Die Kette besteht aus menschlichen Gedärmen, die Gewichte sind abgeschlagene Köpfe, das Weberschwert ein echtes Schwert. Und während sie weben, singen sie vom Ausgang einer Schlacht, die sie selbst bestimmen.
Wir weben, wir weben das Gewebe des Speers, / während das Banner des kühnen Kriegers vorwärtsdringt.
Das ist keine liebliche Schutzgöttin. Das ist der Krieg selbst, in weiblicher Gestalt, kalt und unerbittlich. Wer glaubt, die nordische Mythologie sei bloß Heldenpathos, sollte dieses Bild lange betrachten.
Und doch liegt in dieser Auswahl auch eine seltsame Ehre. Von einer Walküre erwählt zu werden bedeutete, würdig zu sein - würdig, in Walhall aufgenommen zu werden. Der Tod auf dem Schlachtfeld war für den nordischen Krieger nicht das Ende, sondern eine Beförderung. Die Walküre war zugleich Henkerin und Botin einer höheren Bestimmung.
Odin, Walhall und die Einherjer
Hier kommt Odin ins Spiel. Denn die Walküren handeln nicht aus eigener Laune - sie sind Dienerinnen des Allvaters.
Odin sammelt die Gefallenen aus einem einzigen, kühlen Grund: Er rüstet sich für Ragnarök, die letzte Schlacht, in der die Götter untergehen werden. Dafür braucht er ein Heer. Die auserwählten Toten, die Einherjer (“die allein Kämpfenden” oder “die Einzelkämpfer”), wohnen in Walhall, der gewaltigen Halle mit ihren 540 Toren, deren Dach aus goldenen Schilden besteht.
Und was tun sie dort? Snorri Sturluson beschreibt es in der Prosa-Edda mit fast makabrer Freude: Jeden Tag ziehen die Einherjer aus, um gegeneinander zu kämpfen und sich zu erschlagen. Jeden Abend stehen alle wieder auf, heil und unversehrt, und feiern gemeinsam beim Gelage. Sie essen das ewig nachwachsende Fleisch des Ebers Sæhrímnir und trinken den Met, der aus dem Euter der Ziege Heiðrún fließt.
Und wer serviert diesen Met? Die Walküren. Snorri nennt hier ihre Namen - Hrist und Mist, Skeggjöld und Hildr, Þrúðr und Göndul unter anderen -, die den Einherjern Trinkhörner reichen. So verschmelzen zwei Rollen zu einer: Die Schlachtenwählerin des Tages wird zur Mundschenkin des Abends. Man kann darin einen Bruch sehen. Ich sehe eher eine Logik: Wer dich in den Tod führt, empfängt dich auch danach.
Berühmte Walküren: Brynhildr, Sigrún und Göndul
Neben den namenlosen Todesgeistern treten in der Dichtung einzelne Walküren hervor, die fast zu Menschen werden - mit Namen, Willen und eigenem Schicksal.
Die berühmteste ist zweifellos Brynhildr (auch Brünhild). Ihre Geschichte, überliefert in der Poetischen Edda und der Völsunga saga, ist eine der großen Tragödien des Nordens. Brynhildr war eine Walküre, die Odins Befehl missachtete: Sie ließ im Kampf den falschen König siegen. Zur Strafe stach Odin sie mit dem Schlafdorn und verbannte sie in einen Ring aus Feuer, gefangen im Schlaf, bis ein furchtloser Held sie erwecken würde. Dieser Held war Sigurd, der Drachentöter. Was folgt, ist eine Kette aus Liebe, Verrat und Rache, die noch die Nibelungensage durchdringt.
Bemerkenswert an Brynhildr ist ihr Ungehorsam. Eine Walküre, die sich gegen Odin stellt und dafür ihre übernatürliche Natur verliert - das ist ein zutiefst menschliches Motiv. Sie ist nicht mehr nur Werkzeug des Schicksals, sondern selbst eine Handelnde.
Ähnlich verhält es sich mit Sigrún aus den Helgi-Liedern. Sie verliebt sich in den Helden Helgi Hundingsbani, trotzt dem Willen ihres Vaters und begleitet ihren Geliebten sogar über den Tod hinaus. Als Helgi fällt, sucht sie ihn in seinem Grabhügel auf - eine Szene von schauriger Zärtlichkeit, in der Liebe und Tod ununterscheidbar werden.
Und dann ist da Göndul, deren Name in mehreren Quellen auftaucht und so viel wie “die mit dem Zauberstab” oder “die Wolfsartige” bedeuten mag. Sie erscheint im Hákonarmál, dem Preislied auf den gefallenen König Hákon den Guten. Dort reitet Göndul mit einer Gefährtin aus, um den christlich getauften König dennoch nach Walhall zu geleiten - ein feiner Hinweis darauf, wie sehr sich Heidnisches und Christliches in dieser Zeit bereits vermischten.
Vom Schlachtgeist zur Schildmaid
Wie wurde aus dem grausigen Webstuhl-Geist die glänzende Reiterin unserer Vorstellung? Diese Verwandlung ist eine der interessantesten Entwicklungen der gesamten nordischen Mythologie.
In den ältesten Schichten sind Walküren körperlose, dämonische Mächte - näher an Aasfressern als an Prinzessinnen. Doch je jünger die Quellen werden, desto menschlicher werden sie. In der Heldendichtung des Hochmittelalters verschmelzen sie zunehmend mit dem Bild der Schildmaid, der sterblichen Kriegerin aus Fleisch und Blut. Brynhildr steht genau auf dieser Schwelle: halb übernatürliches Wesen, halb tragische Frau.
Man darf vermuten, dass christliche Schreiber ihren Anteil daran hatten. Ein Todesgeist mit blutigem Handwerk passte schlecht in eine Welt, die man zu glätten und zu ordnen begann. Die schöne, edle Jungfrau dagegen ließ sich leichter erzählen - und leichter ertragen.
Die letzte große Stufe kam erst im 19. Jahrhundert. Die Romantik, die nordische Nationalbewegung und vor allem Richard Wagners Ring des Nibelungen schufen die Walküre, die wir heute im Kopf haben: heroisch, opernhaft, mit Flügelhelm (den es historisch nie gab). Es ist eine kraftvolle Vision, keine Frage. Aber sie sagt mehr über das 19. Jahrhundert aus als über die Wikinger.
Was die Quellen wirklich sagen
An dieser Stelle lohnt dieselbe ehrliche Frage, die man bei allen nordischen Mythen stellen muss: Woher wissen wir das eigentlich?
Wie so oft stammt fast alles aus dem christlichen Island des 13. Jahrhunderts. Die Poetische Edda liefert die ältesten Zeugnisse - Gedichte wie die Völuspá, in der eine Seherin die Walküren zur Schlacht reiten sieht, oder das Grímnismál, das ihre Namen aufzählt. Die Prosa-Edda des Snorri Sturluson ordnet und deutet das Ganze, wie es seine Art war. Dazu kommen Skaldengedichte und Sagas wie die Njáls saga mit ihrem furchtbaren Webstuhllied.
Keine dieser Quellen wurde von einem gläubigen Heiden geschrieben. Wir sehen die Walküren also stets durch ein doppeltes Fenster: Jahrhunderte später, aus christlicher Feder, gefiltert durch die literarischen Moden ihrer Zeit. Das bedeutet nicht, dass alles erfunden ist - der archäologische Befund kennt Frauenfiguren mit Trinkhorn oder Schwert, die man mit Walküren in Verbindung bringt. Aber es mahnt zur Vorsicht. Wir besitzen kein einziges Wort, das eine Wikingerin des 9. Jahrhunderts über die Walküren gesagt hätte.
Was die Funde erzählen
Zum Glück sind Texte nicht die einzige Spur. Der Boden Skandinaviens hat Bilder bewahrt, die älter sind als jede erhaltene Handschrift - und eines davon ist bemerkenswert.
Im Jahr 2012 entdeckte ein Sondengänger auf einem Feld bei Hårby auf der dänischen Insel Fünen eine winzige Figur aus vergoldetem Silber, 3,4 Zentimeter hoch. Sie zeigt eine Frau in langem Gewand, die in der einen Hand ein Schwert hält und in der anderen einen Schild - eine bewaffnete Frau, plastisch ausgeformt, datiert auf etwa 800 nach Christus, den Beginn der Wikingerzeit. Fachleute deuten die Hårby-Figur weithin als Walküre, und sie ist etwas Seltenes: eine der wenigen dreidimensionalen Darstellungen einer solchen Gestalt überhaupt. Bis zu diesem Fund kannte man Walküren fast nur flach - als Ritzung, Relief oder Wort. Hier stand sie plötzlich greifbar in der Hand.
Sie ist kein Einzelfall. Auf den gotländischen Bildsteinen, jenen aufrecht stehenden Denkmälern aus Kalkstein, kehrt ein Motiv immer wieder: eine Frau, die einem heranreitenden Krieger ein Trinkhorn entgegenstreckt. Viele Forscher sehen darin eine Walküre, die den gefallenen Helden in Walhall willkommen heißt - genau die Empfangsszene, die auch Snorri beschreibt. Ob die Wikinger es tatsächlich so meinten, lässt sich nicht beweisen. Aber wenn Text und Stein und Silber dasselbe Bild zeigen, gerät man ins Grübeln.
Warum uns die Walküren bis heute faszinieren
Was bleibt also, wenn man den Flügelhelm abnimmt?
Etwas Uraltes und Beunruhigendes. Die Walküren verkörpern eine Wahrheit, der jede Kriegerkultur ins Auge sehen muss: Der Tod in der Schlacht ist nicht zufällig, sondern gewählt. Indem die Nordmänner diese Wahl übernatürlichen Frauen zuschrieben, gaben sie dem Grauen einen Sinn. Der gefallene Krieger war nicht einfach tot - er war auserwählt.
Vielleicht liegt darin ihre bleibende Kraft. Die Walküre ist Trost und Schrecken zugleich, Botin und Henkerin, Schicksal in weiblicher Gestalt. Sie erinnert daran, dass die nordische Welt den Tod nie beschönigte, sondern ihm ins Gesicht sah - und ihn sogar zu ehren wusste.
Und wohin geleiten die Walküren ihre Erwählten? Nach Walhall, in Odins goldene Halle, wo die letzte Schlacht schon wartet. Doch das ist eine andere Geschichte.