Mythologie
Odin: Der Allvater und Gott der Weisheit
Odin, der Allvater: Warum er ein Auge für Weisheit opferte, neun Nächte am Weltenbaum hing, und was seine Raben Hugin und Munin wirklich bedeuten sollen.
Inhalt
Ein einäugiger Wanderer im weiten Hut, zwei Raben auf den Schultern, ein Speer in der Hand: So stellen wir uns Odin, den Allvater der nordischen Mythologie, meist vor. Doch dieses Bild zeigt nur die Oberfläche einer der rätselhaftesten Gottheiten, die je erdacht wurden. Odin ist nicht einfach der König der Götter. Er ist ein Gott, der bereit war, sich selbst zu verstümmeln, zu opfern und zu quälen - für nichts als Wissen.
In unserem Überblick über die nordischen Götter haben wir Odin bereits kurz vorgestellt. Hier gehen wir seiner Besessenheit auf den Grund: seinem verlorenen Auge, seiner Selbstkreuzigung am Weltenbaum, seinen Raben, seinen vielen Namen - und der Frage, warum ein Gott, der die Zukunft kennt, trotzdem in den sicheren Untergang marschiert.
Woher wir von Odin wissen
Unser Bild von Odin stammt fast vollständig aus zwei isländischen Quellen des 13. Jahrhunderts: der Poetischen Edda, einer Sammlung anonymer Gedichte, überliefert im Codex Regius, und der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson, verfasst um 1220.
Zentral für Odin ist vor allem das Hávamál (“Die Rede des Hohen”), ein Gedicht der Poetischen Edda, das teils als Sammlung von Lebensweisheiten, teils als Bericht aus Odins eigenem Mund überliefert ist. Dazu kommt das Grímnismál, in dem Odin, gefangen und gefoltert, sein Wissen über den Kosmos offenbart, sowie die Völuspá, in der eine Seherin ihm die Zukunft der Welt bis zu ihrem Untergang enthüllt. Snorris Gylfaginning ordnet diese und weitere Bruchstücke zu einem zusammenhängenden Bild.
Das Auge in Mimirs Brunnen
Die erste große Opfergeschichte über Odin dreht sich um ein einziges Auge. Am Fuß des Weltenbaums Yggdrasil liegt, so berichtet die Edda, der Brunnen Mimirs, in dem Weisheit und Verstand verborgen sind - wir haben ihn bereits in unserem Artikel über Yggdrasil erwähnt. Mimir, der Hüter des Brunnens, trinkt täglich daraus und ist dadurch von unermesslicher Klugheit.
Odin will ebenfalls trinken. Doch Mimir verlangt einen Preis: ein Auge. Odin zögert nicht lange und wirft es ins Wasser. Snorri berichtet diese Episode nüchtern, fast beiläufig - doch die Wucht der Geste bleibt: Der mächtigste aller Götter ist bereit, einen Teil seines Körpers, seiner Wahrnehmung der Welt, dauerhaft herzugeben, nur um klüger zu werden. Das einäugige Aussehen, mit dem Odin in praktisch jeder späteren Darstellung erscheint, ist also keine Nebensächlichkeit, sondern der sichtbare Beweis seines wichtigsten Charakterzugs: der grenzenlose Wissensdurst.
Auch die Völuspá greift dieses Bild auf: Die Seherin erinnert sich, dass Odins Auge in Mimirs Brunnen verborgen liegt, und deutet an, dass Mimir noch bei Ragnarök von diesem Wissen trinken wird, während die Welt untergeht. Das verlorene Auge ist damit kein einmaliges Opfer der Vergangenheit, sondern ein Pfand, das bis zum Ende der Zeit im Brunnen verbleibt - ein ständiger, sichtbarer Preis, den Odin für sein Wissen zahlt.
Neun Nächte am Baum - die Runen-Selbstkreuzigung
Noch radikaler ist die zweite Opfergeschichte, überliefert im Hávamál, Strophe 138. Odin berichtet dort selbst, in der ersten Person:
Sinngemäß aus dem Hávamál: “Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun ganze Nächte, von Speer verwundet und Odin geweiht, ich selbst mir selbst geopfert, an jenem Baum, von dem niemand weiß, aus welcher Wurzel er entspringt.”
Ohne Brot, ohne Trinkhorn, verwundet vom eigenen Speer, hängt sich Odin an den Weltenbaum - nach herrschender Forschungsmeinung Yggdrasil selbst. Neun Nächte lang starrt er hinab, bis er am Ende der Qual aufschreit und die Runen ergreift, das magische Schriftzeichen-System, das Wissen speichert und Zauberkraft entfaltet.
Das Entscheidende an dieser Szene ist ihre Paradoxie: Odin opfert sich sich selbst. Kein anderer Gott verlangt das Opfer, keine andere Macht erzwingt es. Es ist ein Akt reiner Selbstüberwindung, um an Wissen zu gelangen, das sonst niemandem zugänglich ist. Viele Religionswissenschaftler sehen darin eines der eindrücklichsten Bilder schamanistischer Initiation in der gesamten europäischen Mythologie - ein Gott, der stirbt, um wiedergeboren zu werden, ausgestattet mit Kräften, die er vorher nicht besaß.
Huginn, Muninn, Geri und Freki - Odins Tiere
Odin regiert nicht allein aus Asgard heraus. Täglich schickt er zwei Raben, Huginn (“Gedanke”) und Muninn (“Erinnerung”), über die neun Welten aus. Am Abend kehren sie zurück und flüstern ihm ins Ohr, was sie gesehen und gehört haben. Im Grímnismál gesteht Odin selbst eine Sorge, die viele Leser überrascht: Er fürchtet mehr um Muninns Rückkehr als um die Hugins - die Erinnerung, so deutet man die Stelle, ist zerbrechlicher als der bloße Gedanke.
Zu seinen Füßen liegen zwei Wölfe, Geri und Freki (beide Namen bedeuten sinngemäß “der Gierige”), die er mit dem Fleisch von seinem eigenen Teller füttert. Odin selbst, so erzählt es Snorri, braucht keine feste Nahrung - Wein allein genügt ihm als Speise und Trank. Zusammengenommen ergeben Raben, Wölfe und der achtbeinige Wunderhengst Sleipnir, den Loki einst gebar, ein Bild eines Gottes, der über Grenzen hinweg herrscht: über Himmel und Erde, über Denken und Erinnern, über Leben und Tod.
Gungnir, Walhall und die Einherjer
Odins Speer Gungnir, geschmiedet von denselben Zwergen-Söhnen Ivaldis, die auch Freyrs Schiff Skidbladnir fertigten, trifft laut Snorri jedes Ziel, das er anvisiert. Wenn Odin ihn über ein Heer wirft, weiht er die Kämpfenden dem Tod - eine Praxis, die historische Krieger der Wikingerzeit dem Vernehmen nach rituell nachahmten, indem sie zu Schlachtbeginn einen Speer über die Feindesreihen warfen.
In seiner Halle Walhall (“Halle der Gefallenen”) versammelt Odin die Einherjer, im Kampf gefallene Krieger, die von den Walküren ausgewählt und dorthin geleitet werden. Dort kämpfen sie täglich gegeneinander, sterben und erstehen jeden Abend zum Festmahl neu auf - eine Art ewiges Training. Der Grund dafür ist keine Freundlichkeit, sondern Kalkül: Odin baut eine Armee für die letzte Schlacht, denn er kennt, wie die Völuspá enthüllt, das Ende der Welt. Bei Ragnarök wird er selbst an der Spitze der Einherjer in die Schlacht ziehen - und vom Wolf Fenrir verschlungen werden.
Interessant ist dabei, dass Walhall nicht das einzige Totenreich für gefallene Krieger ist. Wie wir im Überblick über die nordischen Götter bereits angedeutet haben, teilt sich Odin die Gefallenen mit der Göttin Freyja: Eine Hälfte geht nach Walhall, die andere in Freyjas Halle Fólkvangr. Snorri erklärt nicht, nach welchem Prinzip diese Aufteilung erfolgt, doch die bloße Existenz zweier Anwärter auf die tapfersten Toten zeigt, welchen Stellenwert der ehrenhafte Tod in der Schlacht für die nordische Vorstellungswelt besaß.
Der Met der Dichtung - wie Odin die Poesie stahl
Eine der eigenwilligsten Geschichten über Odin erzählt, wie die Dichtkunst selbst in die Welt kam. Nach Snorris Bericht im Skáldskaparmál entstand der Met der Dichtung aus dem Blut des weisesten aller Wesen, Kvasir, den die Zwerge ermordeten. Der Trank geriet später in den Besitz des Riesen Suttung, der ihn tief in einem Berg von seiner Tochter Gunnlöd bewachen ließ.
Odin, unter falschem Namen, bohrte sich mit einem Bohrer durch den Fels, verwandelte sich in eine Schlange, um hindurchzuschlüpfen, und verbrachte drei Nächte mit Gunnlöd, um sie zur Herausgabe des Metes zu bewegen. Schließlich trank er den gesamten Vorrat in drei gewaltigen Schlucken, verwandelte sich in einen Adler und floh zurück nach Asgard - knapp verfolgt von Suttung, ebenfalls in Adlergestalt. Seither gilt der Met der Dichtung als Ursprung aller Dichtkunst und Beredsamkeit, ein Geschenk, das Odin - nicht ganz ehrenhaft erworben - seither mit den Menschen teilt.
Odins viele Namen
Kaum ein Gott der nordischen Mythologie trägt so viele Beinamen wie Odin - die Prosa-Edda listet weit über hundert auf. Allvater (Alföðr) betont seine Rolle als Ursprung des Göttergeschlechts, Yggr (“der Schreckliche”) steckt sogar im Namen Yggdrasils, Herjan (“Kriegsherr”) verweist auf seine Rolle als Schlachtenlenker, und Sigfödr (“Vater der Siege”) auf seine Macht über Triumph und Niederlage. Diese Vielzahl an Namen ist kein Zufall, sondern Ausdruck der schieren Bandbreite seiner Zuständigkeiten: Odin ist zugleich Kriegsgott, Totengott, Gott der Weisheit, der Dichtung und der Magie.
Zu dieser magischen Seite gehört auch der Seiðr, eine Form der Zauberei, die traditionell als weiblich und wenig ehrenhaft für einen Krieger galt - Loki verspottet Odin genau dafür in einem berühmten Streitgedicht, der Lokasenna. Dass Odin sich davon nicht abhalten ließ, zeigt einmal mehr: Wissen und Macht waren ihm wichtiger als gesellschaftliches Ansehen. Der Legende nach hat Odin diese Kunst von niemand Geringerem als Freyja selbst gelernt, jener Wanengöttin, die den Seiðr als Erste unter den Asen beherrschte - ein Detail, das zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen den Göttergeschlechtern in Wahrheit waren.
Warum Odin bis heute fasziniert
Was bleibt von dieser Figur, wenn man die Beinamen und Beiwerke beiseitelegt? Ein Gott, der weiß, dass er sterben wird, und trotzdem jeden Tag mehr Wissen anhäuft, jeden Krieger in seine Halle holt, jede Rune studiert - als könnte Vorbereitung das Unvermeidliche doch noch abwenden. Das kann sie nicht, und Odin weiß das auch. Genau darin liegt die stille Tragik seiner Figur.
Odin ist kein Gott, dem man leicht vertraut - er betrügt, manipuliert, wechselt die Seiten, wenn es seinem Ziel dient. Aber er ist auch der einzige Gott, der bereit war, sich selbst zu opfern, um zu verstehen, was kommt. Vielleicht ist das der Grund, warum sein Bild - Hut, Speer, ein Rabe auf der Schulter - uns bis heute nicht loslässt: Es ist das Bild eines Suchenden, der weiß, dass er nie genug wissen wird, und trotzdem weitersucht.
Bildquelle: Wikimedia Commons (CC BY 4.0), via Wikimedia Commons