Krieger & Schlachten

Warägergarde: Nordische Krieger im Dienst der byzantinischen Kaiser

Wie skandinavische Krieger zur Elitegarde der byzantinischen Kaiser wurden: von der Rus-Allianz 988 über Harald Hardrada bis zu Runen im Marmor von Piräus.

Der Löwe von Piräus, eine marmorne Löwenstatue mit eingeritzten Runen skandinavischer Warägergardisten, heute im Arsenal von Venedig
Inhalt
  1. Von der Rus zum Kaiserthron: Die Allianz von 988
  2. Axttragende Barbaren im Herzen des Reiches
  3. Harald Hardrada: Vom Gardisten zum König
  4. Runen im Marmor: Die stummen Zeugen von Piräus und Konstantinopel
  5. Zeitleiste: Die Waräger in Byzanz
  6. Legende und Wirklichkeit: Was die Redaktion für gesichert hält
  7. Ein Erbe aus Marmor und Pergament

Manche Wikinger zogen mit ihren Langschiffen nach Westen, um Klöster wie Lindisfarne zu überfallen. Andere zogen in die entgegengesetzte Richtung, den großen Flüssen Osteuropas folgend, bis sie am Bosporus vor den Mauern der reichsten Stadt der damaligen Welt standen. Dort, in Konstantinopel, entstand aus genau diesen Männern eine der berühmtesten Söldnertruppen der Geschichte: die Warägergarde, die persönliche Leibwache der byzantinischen Kaiser, rekrutiert aus dem Norden und gefürchtet für ihre Äxte.

Die Warägergarde ist eines dieser Kapitel der Wikingerzeit, die im öffentlichen Bewusstsein seltsam unterbelichtet geblieben sind, obwohl die Quellenlage vergleichsweise gut ist: byzantinische Chronisten, isländische Sagas und sogar in Stein und Marmor geritzte Runeninschriften, die bis heute erhalten sind. Zusammengenommen ergeben sie das Bild einer Truppe, die über rund zwei Jahrhunderte das Rückgrat der kaiserlichen Sicherheit bildete, und deren berühmtester Rekrut später selbst König wurde.

Von der Rus zum Kaiserthron: Die Allianz von 988

Um die Ursprünge der Warägergarde zu verstehen, muss man zunächst nach Kiew blicken, nicht nach Skandinavien. Seit dem späten 9. Jahrhundert, ungefähr ab den 870er oder 880er Jahren, hatten skandinavische Kaufleute und Krieger, die als “Rus” bekannt wurden, entlang der Flüsse Dnepr und Wolga ein Herrschaftsgebiet aufgebaut, aus dem sich allmählich der Kiewer Rus-Staat formte. Diese Rus standen seit Generationen in engem, oft angespanntem Kontakt mit dem Byzantinischen Reich, dem sie sowohl als Handelspartner als auch gelegentlich als Angreifer gegenübertraten.

988 änderte sich dieses Verhältnis grundlegend. Fürst Wladimir von Kiew schloss mit Kaiser Basileios II. ein Bündnis, das zwei Dinge miteinander verknüpfte: seine Heirat mit der byzantinischen Prinzessin Anna und seine Bekehrung zum orthodoxen Christentum, sowie militärische Unterstützung für den bedrängten Kaiser. Basileios II. sah sich zu diesem Zeitpunkt einer inneren Revolte gegenüber, angeführt vom General Bardas Phokas, die seinen Thron ernsthaft bedrohte. Als Teil der Vereinbarung schickte Wladimir dem Kaiser rund 6000 warägische Krieger, und mit ihrer Hilfe schlug Basileios II. die Rebellion nieder.

Diese Truppe blieb danach in kaiserlichen Diensten und bildete den Kern einer neuen, ständigen Leibgarde, direkt dem Kaiser unterstellt und getrennt vom übrigen byzantinischen Heer. Genau darin lag ihr strategischer Wert: Als Ausländer ohne Verwandtschaft, Grundbesitz oder politische Ambitionen in Byzanz waren die Waräger kaum in innerbyzantinische Intrigen verstrickt, was sie zu besonders verlässlichen Wächtern der kaiserlichen Person machte.

Axttragende Barbaren im Herzen des Reiches

Wie die Warägergarde bei den Byzantinern selbst wahrgenommen wurde, lässt sich unter anderem beim Chronisten Johannes Skylitzes nachlesen, dessen Chronik aus dem 11. Jahrhundert eine der wichtigsten erzählenden Quellen zur mittelbyzantinischen Geschichte darstellt. Skylitzes und andere byzantinische Autoren beschreiben die Warägergarde wiederholt als “axttragende Barbaren”, ein Ausdruck, der zugleich Respekt und kulturelle Distanz transportiert. Ihre Hauptwaffe war tatsächlich die zweihändig geführte dänische Axt, ein Werkzeug, das im engen Umfeld des Kaiserpalasts kaum zu übersehen gewesen sein dürfte und optisch weit von der leichteren Bewaffnung mancher byzantinischer Palastwachen entfernt war.

Die Warägergarde begleitete die Kaiser auf Feldzügen ebenso wie bei Palastzeremonien, wo sie laut späteren Berichten mit polierten Waffen und gelegentlich sogar vergoldeter Ausrüstung Eindruck schinden sollte. Rekrutiert wurde zunächst überwiegend aus dem Rus-Gebiet und dem übrigen Skandinavien, später, besonders nach der normannischen Eroberung Englands 1066, kamen zunehmend auch angelsächsische Krieger hinzu, die vor den neuen normannischen Herren geflohen waren. Die Garde blieb damit über Jahrzehnte ein lebendiges Sammelbecken nordischer und später auch englischer Kämpfer am byzantinischen Hof.

Harald Hardrada: Vom Gardisten zum König

Kein Mitglied der Warägergarde ist heute berühmter als Harald Sigurdsson, besser bekannt als Harald Hardrada. Was wir über seine Zeit in Byzanz wissen, stammt vor allem aus Snorri Sturlusons Heimskringla, verfasst rund zweihundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen, weshalb Historiker die Details mit gebotener Vorsicht behandeln, auch wenn der grobe Rahmen durch byzantinische und andere Quellen gestützt wird.

Der Heimskringla zufolge kam Harald in den 1030er Jahren nach Konstantinopel und trat in die Warägergarde ein, nachdem er zuvor bereits im Dienst des Kiewer Fürsten Jaroslaw des Weisen gestanden hatte. In byzantinischen Diensten kämpfte er in Sizilien und Süditalien gegen arabische und normannische Gegner sowie auf dem Balkan gegen aufständische bulgarische Kräfte, und stieg dabei offenbar zu einer Führungsposition innerhalb der Garde auf. Snorri berichtet zudem von einer turbulenten Episode am kaiserlichen Hof: Harald soll zeitweise in Konstantinopel inhaftiert worden sein, verwickelt in Hofintrigen rund um Kaiserin Zoe, bevor es ihm gelang, aus der Stadt zu fliehen und über das Schwarze Meer und Kiew zurück in den Norden zu gelangen.

Mit den in Byzanz erworbenen Reichtümern und seinem militärischen Ruf kehrte Harald schließlich nach Norwegen zurück, wo er ab 1046 zunächst als Mitkönig und ab 1047 als Alleinherrscher regierte. Sein Leben endete 1066 bei Stamford Bridge in England, wo er beim Versuch fiel, die englische Krone zu erobern, nur wenige Wochen bevor Wilhelm der Eroberer bei Hastings landete. Für die Warägergarde blieb Harald über Generationen hinweg das Aushängeschild schlechthin: der Beweis, dass der Weg vom nordischen Söldner bis zum Königsthron tatsächlich offenstand, wenn auch nur für die wenigsten.

Runen im Marmor: Die stummen Zeugen von Piräus und Konstantinopel

Während schriftliche Quellen wie Skylitzes’ Chronik oder die Heimskringla die Geschichte der Warägergarde aus der Distanz erzählen, gibt es auch unmittelbare, physische Spuren, die die Gardisten selbst hinterlassen haben. Am bekanntesten ist der sogenannte Löwe von Piräus, eine marmorne Löwenstatue, die ursprünglich im Hafen von Piräus bei Athen stand und 1687 als Kriegsbeute des venezianischen Feldherrn Francesco Morosini nach Venedig gebracht wurde, wo sie bis heute vor dem Arsenal steht.

Nahaufnahme der verwitterten Runeninschrift auf dem Löwen von Piräus Bildquelle: G.dallorto (Attribution), via Wikimedia Commons

Auf den Flanken des Löwen ritzten warägische Gardisten irgendwann um die 1040er Jahre, vermutlich während einer Meuterei oder eines Feldzugs auf dem griechischen Festland, ein Runenband ein. Die Inschrift ist heute stark verwittert und nur noch fragmentarisch lesbar, doch Runologen haben sich seit dem 19. Jahrhundert intensiv mit ihr beschäftigt. Der schwedische Runenforscher Erik Brate legte Anfang des 20. Jahrhunderts eine vielzitierte Rekonstruktion vor, die Teile der Inschrift mit schwedischer Herkunft der Gardisten in Verbindung bringt, wobei Brate selbst wie spätere Forscher betonen, dass wegen des schlechten Erhaltungszustands nur einzelne Wörter und Namensfragmente mit einiger Sicherheit gelesen werden können, nicht der volle ursprüngliche Text.

Eine zweite, kürzere, aber ebenfalls berühmte Inschrift findet sich in der Hagia Sophia in Istanbul, eingeritzt auf der Brüstung der oberen Galerie. Die stark verwitterte Runenzeile wird gewöhnlich sinngemäß als “Halfdan ritzte diese Runen” gelesen, ein knapper, fast beiläufiger Gruß eines nordischen Wächters oder Besuchers, der sich in einem Moment der Langeweile oder des Stolzes in einem der wichtigsten Gebäude der christlichen Welt verewigte. Beide Inschriften zusammen, der Löwe von Piräus und das Hagia-Sophia-Graffito, gehören zu den seltenen Fällen, in denen sich die Anwesenheit nordischer Krieger in Byzanz nicht nur aus fremden Chroniken erschließen lässt, sondern direkt von den Männern selbst stammt, in ihrer eigenen Schrift.

Zeitleiste: Die Waräger in Byzanz

ZeitraumEreignis
um 874/882Entstehung eines frühen Rus-Herrschaftsgebiets entlang der osteuropäischen Flusswege, aus dem später der Kiewer Rus-Staat hervorgeht
988Bündnis zwischen Fürst Wladimir von Kiew und Kaiser Basileios II., Entsendung von rund 6000 warägischen Kriegern, Gründung der ständigen Warägergarde
1030er bis 1040er JahreHarald Hardrada dient in der Warägergarde, Feldzüge in Sizilien, Süditalien und auf dem Balkan
um die 1040er JahreVermutliche Entstehungszeit der Runeninschrift auf dem Löwen von Piräus
1066Tod Harald Hardradas bei Stamford Bridge, kurz nach dem Ende seiner Zeit als König von Norwegen
1204Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzugs, häufig als Beginn des Niedergangs der klassischen Warägergarde genannt

Legende und Wirklichkeit: Was die Redaktion für gesichert hält

An dieser Stelle lohnt sich ein nüchterner Blick auf das, was tatsächlich belegt ist, und das, was sich im Lauf der Jahrhunderte zur Legende verdichtet hat. Gesichert ist die Existenz der Warägergarde als institutionalisierte kaiserliche Leibwache, ihre Gründung im Umfeld des Bündnisses von 988, die Beschreibung durch byzantinische Chronisten wie Skylitzes, sowie die physischen Runeninschriften am Löwen von Piräus und in der Hagia Sophia. Auch Harald Hardradas Dienst in Byzanz gilt als historisch gesichert, gestützt durch mehrere voneinander unabhängige Quellenstränge.

Weniger gesichert sind viele der schmückenden Einzelheiten, die sich in der Heimskringla finden, etwa dramatische Dialoge, genaue Truppenstärken einzelner Gefechte oder die exakten Umstände von Haralds Hofintrige und Gefangenschaft. Snorri schrieb als Sagaautor, nicht als moderner Historiker, und er schrieb für ein Publikum, das packende Erzählungen ebenso schätzte wie zuverlässige Fakten. Die Redaktion rät daher zu einer einfachen Faustregel: Der grobe historische Rahmen, also dass Skandinavier tatsächlich in großer Zahl als Elitegarde in Konstantinopel dienten und dass Harald Hardrada tatsächlich dort war, steht auf solidem Boden. Die farbigen Details der einzelnen Episoden sollte man dagegen mit derselben gesunden Skepsis lesen, mit der man auch die Kampfschilderungen der Berserker in den Sagas betrachtet: wahrscheinlich mit einem wahren Kern, aber literarisch ausgeschmückt.

Ein Erbe aus Marmor und Pergament

Nach der Plünderung Konstantinopels 1204 durch die Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzugs verlor die Warägergarde in ihrer klassischen Form zunehmend an Bedeutung, auch wenn Nachfolgeformationen und der Name selbst noch länger fortbestanden. Was bleibt, ist ein ungewöhnlich vielschichtiges Bild: ein Bündnis zwischen einem Kiewer Fürsten und einem byzantinischen Kaiser, das Nordmänner an den Bosporus brachte, ein künftiger norwegischer König, der dort seine Kriegszeugnisse sammelte, und ein paar flüchtige Runenzeilen in Marmor, geritzt von Männern, die vermutlich nie ahnten, dass ihre Namen und Grüße Jahrhunderte überdauern würden.

Genau darin liegt der besondere Reiz der Warägergarde gegenüber anderen Wikingerkapiteln: Sie zeigt, dass die Expansion der nordischen Welt keine Einbahnstraße nach Westen war. Während in Lindisfarne noch heute an die Überfälle auf englische Klöster erinnert wird, standen andere Nordmänner in prunkvollen Uniformen im Thronsaal von Konstantinopel und dienten dem mächtigsten Herrscher ihrer Zeit als dessen persönlichste und gefürchtetste Wache.

Bildquelle: G.dallorto (Attribution), via Wikimedia Commons