Runen & Symbole

Der Piräus-Löwe: Runen auf einer antiken Statue

Der Piräus-Löwe trägt skandinavische Runen aus der Wikingerzeit, wurde 1687 als Kriegsbeute nach Venedig verschleppt und gibt Runologen bis heute Rätsel auf.

Der Piräus-Löwe, eine antike Marmorstatue mit verwitterten skandinavischen Runen, heute im Arsenal von Venedig
Inhalt
  1. Eine Löwenstatue aus dem antiken Piräus
  2. Nordische Schriftzeichen auf griechischem Marmor
  3. Francesco Morosini und die Kriegsbeute von 1687
  4. Das Rätsel der Piräus-Löwe-Runen
  5. Was wir wirklich wissen: Die Warägergarde als wahrscheinlichster Kontext
  6. Zeitleiste: Vom antiken Hafen zum venezianischen Arsenal
  7. Ein Denkmal aus drei Zeitaltern

Vor dem Tor des Arsenals von Venedig liegt ein Löwe aus Marmor, der älter ist als die Stadt, die ihn heute bewacht, und der ein Geheimnis auf den Schultern trägt, das niemand mehr vollständig entziffern kann. Der Piräus-Löwe verbindet auf engstem Raum drei völlig verschiedene Welten: das antike Griechenland, in dem er entstand, die Wikingerzeit, aus der die eingeritzten Runen stammen, und die Republik Venedig, die ihn als Kriegsbeute nach Italien verschleppte. Wer nach “Piräus Löwe Runen” sucht, stößt damit nicht auf eine einfache Geschichte mit klarer Antwort, sondern auf eines der hartnäckigsten Rätsel der nordischen Runenkunde: eine Inschrift, die zweifelsfrei echt ist, aber bis heute nicht wirklich gelesen werden kann.

Eine Löwenstatue aus dem antiken Piräus

Der Löwe stand ursprünglich nicht in Venedig, sondern am Hafen von Piräus, dem alten Seehafen der Stadt Athen. Kunsthistoriker datieren die Marmorstatue meist in die hellenistische Zeit, mit Vorschlägen, die vom 4. bis ins 2. Jahrhundert vor Christus reichen, auch wenn das genaue Entstehungsdatum bis heute diskutiert wird. Sicher ist, dass die Statue schon in der Antike am Hafeneingang stand und über Jahrhunderte als weit sichtbares Wahrzeichen diente. Die Bedeutung des Löwen für die Ortsidentität war so groß, dass italienische und venezianische Seefahrer den Hafen von Piräus noch lange, bevor jemand von Runen auch nur sprach, schlicht “Porto Leone”, also “Löwenhafen”, nannten.

Für antike Besucher war der Löwe vermutlich nichts Ungewöhnliches: Monumentale Tierfiguren an Hafeneinfahrten und an wichtigen öffentlichen Plätzen waren im hellenistischen Mittelmeerraum keine Seltenheit. Was diese eine Statue aus der Masse ähnlicher Werke heraushebt, geschah jedoch erst viele Jahrhunderte später, und zwar nicht in Griechenland selbst, sondern durch Besucher, die von weit im Norden kamen.

Nordische Schriftzeichen auf griechischem Marmor

Irgendwann, die Forschung geht meist vom 11. Jahrhundert aus, ritzten skandinavische Hände ein Band aus Runen in die Schultern und Flanken des Löwen. Das ist keineswegs so abwegig, wie es zunächst klingen mag. Im 11. Jahrhundert lag die Region um Athen und Piräus unter byzantinischer Herrschaft, und das Byzantinische Reich beschäftigte zu genau dieser Zeit in großer Zahl skandinavische Söldner, vor allem in der berühmten Warägergarde, der persönlichen Leibwache der byzantinischen Kaiser. Diese Krieger operierten nicht nur in Konstantinopel selbst, sondern wurden auf Feldzügen und bei Unruhen im gesamten Reichsgebiet eingesetzt, griechisches Festland eingeschlossen.

Es ist also durchaus plausibel, dass eine Gruppe nordischer Söldner, vielleicht im Zuge einer Meuterei, eines Wachdienstes oder schlicht aus Langeweile während eines Aufenthalts im Hafen, beschloss, sich auf der imposantesten Statue weit und breit zu verewigen. Ähnliche Graffiti nordischer Besucher finden sich auch anderswo im byzantinischen Herrschaftsgebiet, etwa in der Hagia Sophia in Konstantinopel, wo eine kurze Runenritzung bis heute auf einer Brüstung erhalten ist. Der Löwe von Piräus ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters: Nordmänner, die fernab der Heimat ihre Spuren in Stein und Marmor hinterließen.

Francesco Morosini und die Kriegsbeute von 1687

Fast sechshundert Jahre nach der vermuteten Entstehung der Runen geschah das Ereignis, das den Löwen endgültig aus seinem griechischen Kontext herausriss. Im Jahr 1687 eroberten venezianische Truppen unter dem Feldherrn Francesco Morosini im Rahmen des sogenannten Morea-Krieges, einem Teilschauplatz des Großen Türkenkriegs gegen das Osmanische Reich, die Region um Athen und Piräus. Morosini, der später zum Dogen von Venedig aufstieg, ließ im Zuge dieses Feldzugs mehrere antike Statuen aus der Gegend als Kriegsbeute nach Venedig verschiffen, darunter auch den Löwen von Piräus.

In Venedig angekommen, fand die Statue ihren festen Platz vor dem Arsenal, der traditionsreichen Werft und Marinebasis der Republik, wo bereits andere erbeutete Löwenfiguren aus unterschiedlichen Epochen standen und stehen. Dort, am Tor zu einem der mächtigsten Marinearsenale Europas, verharrt der Löwe seit nunmehr über drei Jahrhunderten, weit entfernt vom Mittelmeerhafen, für den er einst geschaffen wurde, und noch viel weiter entfernt von der nordischen Heimat jener Männer, die ihm ihre Runen eingeritzt hatten.

Das Rätsel der Piräus-Löwe-Runen

Hier beginnt der eigentlich frustrierendste und zugleich interessanteste Teil der Geschichte. Die Jahrhunderte unter freiem Himmel, zunächst am Hafen von Piräus und seit 1687 an der venezianischen Luft, haben der Inschrift schwer zugesetzt. Die Runen sind heute so stark verwittert, dass sie mit dem blossen Auge kaum noch als zusammenhängendes Schriftband erkennbar sind, und selbst mit modernen Hilfsmitteln bleibt die Lesung äußerst lückenhaft.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Inschrift reicht weit zurück. Der schwedische Diplomat und Orientalist Johan David Åkerblad, der auch an frühen Versuchen zur Entzifferung des Steins von Rosette beteiligt war, gehörte zu den ersten Gelehrten, die die Ritzungen am Ende des 18. beziehungsweise zu Beginn des 19. Jahrhunderts überhaupt als skandinavische Runen identifizierten und systematisch dokumentierten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm sich auch der dänische Altertumsforscher Carl Christian Rafn, einer der Gründerväter der nordischen Altertumskunde, der Inschrift an und veröffentlichte eigene Lesungsversuche. Spätere Runologen, darunter der schwedische Forscher Erik Brate zu Beginn des 20. Jahrhunderts, legten weitere Rekonstruktionen vor.

Was bei alledem auffällt: Keine dieser Lesungen deckt sich vollständig mit einer anderen, und keine gilt in der Fachwelt als abschließend gesichert. Einzelne Forscher haben in Teilen der Inschrift mögliche Personennamen oder Fragmente einer Gedenkformel zu erkennen geglaubt, wie sie von schwedischen Runensteinen gut bekannt ist, bei der etwa “X und Y ließen diese Runen ritzen” formuliert wird. Solche Vorschläge bleiben jedoch Spekulation auf Basis einzelner, oft nur noch schwach erkennbarer Zeichenfolgen, nicht eine gesicherte Übersetzung des Gesamttextes. Die Redaktion möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen: Es gibt bis heute keine allgemein anerkannte, vollständige Übersetzung der Inschrift auf dem Piräus-Löwen, und jede Darstellung, die eine solche als feststehende Tatsache präsentiert, geht über das hinaus, was die Runenforschung tatsächlich belegen kann.

Ein Löwe aus griechischem Marmor, der an einem Hafen am Mittelmeer stand, von nordischen Söldnern mit Runen versehen und schließlich als Kriegsbeute an ein venezianisches Arsenaltor verschleppt wurde, trägt heute eine Botschaft, die niemand mehr lesen kann. Gerade diese Unlesbarkeit macht den Piräus-Löwen zu einem der ehrlichsten Denkmäler der Wikingerzeit: Er verspricht keine fertige Geschichte, sondern nur die sichere Gewissheit, dass hier jemand war.

Was wir wirklich wissen: Die Warägergarde als wahrscheinlichster Kontext

Wenn der genaue Wortlaut der Runen nicht gesichert ist, was lässt sich dann überhaupt mit Zuversicht sagen? Einiges, tatsächlich. Das Schriftband folgt stilistisch einer Tradition, wie man sie von zahlreichen Runensteinen aus Mittelschweden kennt, mit einem verschlungenen, bandartigen Muster, in das die Zeichen eingefügt sind. Diese formale Nähe zu schwedischen Gedenksteinen gilt als starkes Argument dafür, dass die Inschrift tatsächlich von Skandinaviern stammt, auch wenn ihr genauer Inhalt im Dunkeln bleibt.

Hinzu kommt der historische Kontext, der unabhängig von der Inschrift selbst gut dokumentiert ist: Byzantinische Chronisten berichten ausführlich über den Einsatz skandinavischer Söldner im 11. Jahrhundert, die Warägergarde war eine feste Institution am Kaiserhof, und Griechenland samt seinen Hafenstädten lag mitten im Operationsgebiet dieser Truppen. Mehr noch, die Parallele zur Runeninschrift in der Hagia Sophia zeigt, dass es sich bei einer solchen Verewigung nicht um einen singulären Zufall handelte, sondern offenbar um ein wiederkehrendes Verhalten nordischer Reisender und Soldaten im byzantinischen Herrschaftsgebiet. Wer sich für die größeren Zusammenhänge nordischer Symbolik und Schriftzeichen interessiert, findet in unserem Überblick zu Wikinger-Symbolen und ihrer Bedeutung weiteres Material zu diesem Thema.

Der Piräus-Löwe liefert also, bei aller Vorsicht gegenüber einer konkreten Übersetzung, ein handfestes materielles Zeugnis dafür, dass nordische Krieger tatsächlich bis ins östliche Mittelmeer vordrangen, lange bevor irgendjemand von “Wikingern in Byzanz” als festem Kapitel der Geschichtsschreibung sprach.

Zeitleiste: Vom antiken Hafen zum venezianischen Arsenal

ZeitraumEreignis
ca. 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr.Entstehung der Marmorlöwenstatue, vermutlich für den Hafen von Piräus bei Athen
11. JahrhundertVermutliche Entstehungszeit der Runeninschrift, mutmaßlich durch skandinavische Söldner im byzantinischen Dienst
1687Francesco Morosini erobert im Morea-Krieg die Region um Athen und Piräus und lässt den Löwen als Kriegsbeute nach Venedig bringen
seit 1687Aufstellung vor dem Arsenal von Venedig, wo der Löwe bis heute steht
spätes 18. / frühes 19. JahrhundertJohan David Åkerblad identifiziert die Ritzungen als skandinavische Runen und dokumentiert die Inschrift
19. JahrhundertCarl Christian Rafn und spätere nordische Altertumsforscher unternehmen weitere Lesungsversuche, ohne vollständige Übereinstimmung zu erzielen
heuteDie Inschrift ist stark verwittert und ihr genauer Wortlaut bleibt unter Fachleuten umstritten

Ein Denkmal aus drei Zeitaltern

Der Piräus-Löwe ist letztlich ein Monument, das sich jeder einfachen Zuordnung entzieht. Er ist griechische Antike, nordische Wikingerzeit und venezianische Frühe Neuzeit zugleich, und keine dieser drei Epochen besitzt am Ende das alleinige Deutungsrecht über ihn. Für die Geschichte der Wikinger bleibt er vor allem deshalb so wertvoll, weil er, ähnlich wie die Warägergarde selbst, zeigt, wie weit sich die nordische Welt tatsächlich spannte: nicht nur westwärts in Richtung England und Nordamerika, sondern auch weit nach Südosten, bis an die Küsten Griechenlands und in die Dienste des byzantinischen Kaisers.

Wer heute vor dem Arsenal von Venedig steht und die blassen, kaum noch erkennbaren Linien auf den Flanken des Löwen betrachtet, blickt auf eine der ältesten erhaltenen Spuren nordischer Reisender im Mittelmeerraum, auch wenn diese Spur selbst stumm geblieben ist. Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre, die der Löwe von Piräus für uns bereithält: Nicht jedes historische Rätsel muss gelöst werden, um bedeutsam zu sein. Manchmal reicht die bloße Tatsache, dass die Spur überhaupt existiert.