Krieger & Schlachten
Die Schlacht von Stamford Bridge: Das Ende der Wikingerzeit
Die Schlacht von Stamford Bridge 1066: Wie Harold Godwinsons Gewaltmarsch die Norweger überraschte, ein Axtkämpfer eine Brücke hielt und Harald Hardrada fiel.
Inhalt
- Vorgeschichte: Tostigs Verrat und das Bündnis mit Hardrada
- Fulford: Der vergessene Sieg vor Stamford Bridge
- Der Gewaltmarsch: Wie Harold Godwinson die Norweger überraschte
- Der Axtkämpfer auf der Brücke: Legende und Quellenlage
- Der tödliche Pfeil: Hardradas Fall und das Ende der Invasion
- Warum Stamford Bridge das Ende der Wikingerzeit markiert
Am 25. September 1066 endete auf einer unscheinbaren Holzbrücke über den Fluss Derwent, wenige Kilometer östlich von York, eine Epoche, die 273 Jahre zuvor mit dem Überfall auf ein Kloster begonnen hatte. Die Schlacht von Stamford Bridge gilt Historikern bis heute als das symbolische Ende der Wikingerzeit in England, nicht weil sie die letzte Wikingerlandung überhaupt war, sondern weil mit ihr der letzte ernsthafte Versuch eines skandinavischen Königs scheiterte, die englische Krone mit Waffengewalt zu erobern. Was diese Schlacht besonders macht, ist nicht nur ihr Ausgang, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie sich entwickelte, und die Details, die sie von anderen Feldzügen der Zeit unterscheiden.
Die wichtigste zeitgenössische Quelle ist die Angelsächsische Chronik, die in mehreren Handschriften (insbesondere Version C und D) über die Ereignisse berichtet, ergänzt durch die spätere, ausführlichere Darstellung in Snorri Sturlusons Heimskringla, die naturgemäß die norwegische Perspektive betont und mit Vorsicht als literarische Quelle zu lesen ist.
Vorgeschichte: Tostigs Verrat und das Bündnis mit Hardrada
Der englische König Harold Godwinson hatte im Januar 1066 den Thron des kinderlos verstorbenen Eduard des Bekenners bestiegen, was gleich mehrere Rivalen provozierte. Sein eigener Bruder Tostig Godwinson, zuvor Earl of Northumbria, war 1065 von den Northumbriern wegen tyrannischer Herrschaft vertrieben worden und hatte sich seither auf die Suche nach Verbündeten gegen den eigenen Bruder gemacht. Er fand sie in Harald Hardrada, dem norwegischen König, der eigene Ansprüche auf den englischen Thron geltend machte, gestützt auf ein Abkommen aus der Zeit König Knuts.
Im September 1066 landete Hardradas Flotte, verstärkt durch Tostigs Kräfte, an der Mündung des Humber und rückte auf York vor, das zentrale Machtzentrum Nordenglands.
Tostigs Vertreibung war selbst kein Zufall, sondern Folge einer langen Kette von Missgunst: Als Earl of Northumbria hatte er hohe Steuern erhoben und mehrere lokale Adlige ohne ordentliches Gerichtsverfahren beseitigen lassen, was 1065 zu einem offenen Aufstand der Northumbrier führte. König Eduard, ohnehin geschwächt, war gezwungen, seinen eigenen Schwager Tostig zu verbannen und stattdessen Morcar als neuen Earl einzusetzen, ausgerechnet jenen Mann, der wenig später bei Fulford gegen die Invasoren kämpfen sollte. Diese Vorgeschichte macht deutlich, dass Stamford Bridge nicht nur ein Kampf zwischen England und Norwegen war, sondern zugleich die gewaltsame Fortsetzung eines innerenglischen Familienkonflikts.
Fulford: Der vergessene Sieg vor Stamford Bridge
Bevor Stamford Bridge in die Geschichte einging, gab es bereits eine Entscheidungsschlacht: Fulford, unmittelbar vor den Toren Yorks, am 20. September 1066. Dort schlug das kombinierte norwegisch-englische Heer die Grafen Edwin von Mercia und Morcar von Northumbria vernichtend. York ergab sich, und Hardrada erhielt Geiseln und Vorräte als Zeichen der Unterwerfung. Dieser Sieg gilt in der öffentlichen Wahrnehmung oft als Fußnote zu Stamford Bridge, war aber strategisch entscheidend, weil er Hardrada dazu verleitete, die Wachsamkeit zu senken. Genau diese Selbstsicherheit sollte sich fünf Tage später als fatal erweisen.
Der Gewaltmarsch: Wie Harold Godwinson die Norweger überraschte
Was folgte, gilt als eine der bemerkenswertesten militärischen Leistungen des gesamten Mittelalters. König Harold Godwinson befand sich mit seinem Heer in Südengland, in Erwartung einer normannischen Invasion durch Wilhelm den Eroberer. Als die Nachricht von der norwegischen Landung ihn erreichte, brach er sein Lager ab und marschierte in nur wenigen Tagen mit seinem gesamten Heer rund 300 Kilometer nach Norden, eine Geschwindigkeit, die selbst nach modernen militärhistorischen Maßstäben außergewöhnlich ist.
Am 25. September erreichte Harold Godwinson York, noch bevor Hardradas Heer von der Annäherung überhaupt Wind bekommen hatte. Die Norweger, die sich in Sicherheit wähnten, hatten einen erheblichen Teil ihrer Truppen bei den Schiffen am Humber zurückgelassen, und viele der bei Stamford Bridge stehenden Krieger hatten wegen der ungewöhnlichen Hitze des Tages sogar ihre Kettenhemden abgelegt. Als Harolds Heer am Horizont sichtbar wurde, herrschte auf norwegischer Seite zunächst blankes Unverständnis, ehe sich die Erkenntnis durchsetzte, dass dies keine Geiselübergabe, sondern ein englisches Heer in voller Kampfstärke war.
Historiker schätzen die Truppenstärke auf beiden Seiten auf jeweils rund 6.000 bis 9.000 Mann, wobei exakte Zahlen aus mittelalterlichen Quellen grundsätzlich mit Vorsicht zu behandeln sind. Das englische Heer bestand zu einem erheblichen Teil aus Huscarls, professionellen, gut gerüsteten Elitekriegern des Königs, deren Kampfkraft in der offenen Feldschlacht später auch bei Hastings eine zentrale Rolle spielen sollte. Diese Professionalität dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum die überraschten Norweger trotz ihrer beeindruckenden Statur, von der Snorri wiederholt schwärmt, letztlich keine Chance hatten, sich rechtzeitig zu formieren.
| Ereignis | Datum 1066 | Ausgang |
|---|---|---|
| Fulford | 20. September | Sieg für Hardrada und Tostig |
| Stamford Bridge | 25. September | Niederlage, Tod Hardradas und Tostigs |
| Hastings | 14. Oktober | Niederlage und Tod Harold Godwinsons |
Der Axtkämpfer auf der Brücke: Legende und Quellenlage
Zur bekanntesten Episode der Schlacht wurde eine Szene, deren historischer Kern schwer von späterer Ausschmückung zu trennen ist: Ein einzelner norwegischer Krieger, dessen Name in keiner zeitgenössischen Quelle überliefert ist, soll die schmale Holzbrücke über den Derwent im Alleingang gegen das gesamte englische Heer verteidigt haben, bewaffnet mit einer zweihändigen Dan-Axt, und dabei zahlreiche Engländer erschlagen haben, ehe er fiel. Spätere, deutlich jüngere Erzählungen berichten, ein englischer Soldat habe sich schließlich in einem Fass unter der Brücke versteckt und den Axtkämpfer mit einem Speerstoß von unten durch die Bretterritzen getötet.
Diese Episode findet sich weder in der Angelsächsischen Chronik noch bei Snorri in dieser konkreten Form, sondern erst in Chroniken des 12. Jahrhunderts, was Historiker vorsichtig sein lässt, sie als wörtliche Tatsache zu behandeln. Wahrscheinlicher ist, dass ein tatsächlicher Verzögerungskampf an der Brücke stattfand, während dessen ein Teil des englischen Heeres eine Furt weiter flussaufwärts nutzte, um das norwegische Heer zu umgehen, eine taktisch deutlich plausiblere Erklärung dafür, wie die zunächst unvorbereiteten Norweger überhaupt Zeit fanden, eine Schildwall-Formation aufzustellen.
Der tödliche Pfeil: Hardradas Fall und das Ende der Invasion
Sobald das englische Heer die Brücke überquert hatte, entwickelte sich eine lange, erbitterte Schlacht auf offenem Feld. Die Angelsächsische Chronik berichtet knapp, aber eindeutig, dass Harald Hardrada durch einen Pfeilschuss in die Kehle fiel. Auch Tostig Godwinson kam in der Schlacht um. Als eine Verstärkung der Norweger unter Eystein Orre verspätet vom Humber eintraf, wurde auch sie geschlagen. Von den ursprünglich rund 300 Schiffen der Invasionsflotte sollen nach der Schlacht nur noch 24 benötigt worden sein, um die überlebenden Norweger unter dem Sohn Hardradas, Olav Kyrre, dem Harold Godwinson freies Geleit gewährte, nach Hause zu bringen.
“Und die Norweger flohen vor den Engländern, aber einige von ihnen wurden erschlagen, bevor sie die Schiffe erreichten.” - Angelsächsische Chronik, zum Jahr 1066
Diese Geste Harolds, den geschlagenen Feinden den Rückzug zu erlauben, statt sie vollständig zu vernichten, wird von Historikern gelegentlich als Zeichen ritterlicher Konvention gelesen, war aber vermutlich vor allem pragmatisch: Harold brauchte sein Heer intakt, denn die eigentliche Bedrohung stand ihm noch bevor.
Olav Kyrre, der überlebende Sohn Hardradas, kehrte mit den Resten der Flotte nach Norwegen zurück und wurde dort später selbst König. Anders als sein Vater regierte er über Jahrzehnte in weitgehendem Frieden, unternahm keine weiteren Eroberungsfeldzüge und wird von Historikern gerade wegen dieses Kontrasts oft als Gegenentwurf zu Haralds kriegerischem Erbe gelesen; unter ihm wuchs unter anderem die Stadt Bergen zu einem bedeutenden Handelszentrum heran, eine Entwicklung, die sich als weit dauerhafter erwies als jeder norwegische Feldzug gegen England.
Warum Stamford Bridge das Ende der Wikingerzeit markiert
Nur drei Tage nach der Schlacht, am 28. September 1066, landete Wilhelm der Eroberer an der englischen Südküste bei Pevensey. Harold Godwinson musste sein erschöpftes, dezimiertes Heer erneut in Gewaltmärschen nach Süden führen, um Wilhelm entgegenzutreten, ein Nachteil, der bei der folgenden Schlacht von Hastings am 14. Oktober mit zur englischen Niederlage und Harolds eigenem Tod beitrug. Dass zwei derart folgenreiche Schlachten innerhalb von nur drei Wochen stattfanden, gehört zu den bemerkenswertesten Zufällen der englischen Geschichte, mit weitreichenden Folgen für beide beteiligten Seiten.
Auch für England selbst war der Sieg bei Stamford Bridge alles andere als kostenlos. Das englische Heer hatte erhebliche eigene Verluste erlitten und war durch den vorangegangenen Gewaltmarsch aus dem Süden bereits erschöpft, ehe es überhaupt in die Schlacht zog. Genau diese doppelte Belastung, körperliche Erschöpfung und dezimierte Reihen, gilt Historikern als einer der Gründe, warum Harolds Truppen drei Wochen später bei Hastings nicht mehr die volle Kampfkraft aufbieten konnten, die sie noch bei Stamford Bridge gezeigt hatten. Der Sieg im Norden war damit zugleich die Vorbereitung der Niederlage im Süden, eine bittere Ironie, die viele Chronisten der folgenden Jahrhunderte ausdrücklich hervorhoben.
Für die Wikingerzeit im engeren Sinn markiert Stamford Bridge einen klaren Bruch. Kein skandinavischer Herrscher unternahm danach je wieder einen ernsthaften militärischen Versuch, England zu erobern. Der Mann, dessen Leben zuvor Byzanz, Kiew und Norwegen verband, Harald Hardrada, fiel hier gemeinsam mit der letzten großen Hoffnung eines skandinavischen Königreichs auf englischem Boden. Wenige Wochen nach seinem Tod hatte sich die politische Landkarte Nordwesteuropas endgültig verschoben, weg von der jahrhundertelangen nordischen Bedrohung und hin zu einer normannisch geprägten Zukunft, deren Auswirkungen bis heute in der englischen Sprache und Kultur nachwirken. Wer sich für die Kriegskultur dieser letzten Wikingergeneration interessiert, findet in unserem Artikel über die Berserker einen weiteren Blick auf die Kämpfer, die solche Schlachten prägten.