Geschichte
Harald Hardrada: Der letzte große Wikingerkönig
Harald Hardrada: Vom Knaben bei Stiklestad über den Warägerfürst von Konstantinopel bis zum König, der 1066 bei Stamford Bridge die Wikingerzeit beendete.
Inhalt
- Ein Königssohn im Schatten des heiligen Olaf
- Flucht nach Osten: Im Dienst des Fürsten von Kiew
- Der Warägerfürst von Konstantinopel
- Heimkehr und Königskrone: Harðráði wird König von Norwegen
- Der Griff nach England: Fulford und das Ende bei Stamford Bridge
- Vermächtnis: Warum Historiker ihn den “letzten Wikinger” nennen
Kaum ein Leben fasst die gesamte Spannbreite der Wikingerzeit so vollständig zusammen wie das von Harald Hardrada. Er kämpfte als Fünfzehnjähriger in einer Schlacht, die er nur knapp überlebte, diente als Söldnerfürst in der prächtigsten Stadt der damaligen Welt, wurde König von Norwegen und fiel schließlich in einer Schlacht, die Historiker bis heute als symbolisches Ende der Wikingerzeit lesen. Sein Beiname Harðráði, “der Hartregierende” oder “Hardrada”, war keine Übertreibung späterer Chronisten, sondern eine Beschreibung, die schon seine Zeitgenossen für zutreffend hielten. Wer verstehen will, wie weit die Welt der Nordmänner tatsächlich reichte, von Norwegen bis zum Kaiserhof von Byzanz, findet in Haralds Biografie die vollständigste Antwort.
Die Hauptquelle für sein Leben ist die Heimskringla des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson, insbesondere die darin enthaltene Haralds saga Sigurðarsonar, ergänzt durch die etwas ältere Morkinskinna und, für sein Ende, die Angelsächsische Chronik. Snorri schrieb rund zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen, stützte sich aber auf mündlich überlieferte Skaldengedichte, die teils noch zu Haralds Lebzeiten entstanden waren, darunter Verse des Skalden Þjóðólfr Arnórsson, der Harald über Jahre begleitete.
Ein Königssohn im Schatten des heiligen Olaf
Harald wurde um 1015 in Ringerike in Norwegen geboren, als Halbbruder von König Olav II., dem späteren Nationalheiligen Norwegens. Diese Verwandtschaft prägte sein gesamtes Leben, denn Olavs Sturz sollte Haralds politische Karriere erst in Gang setzen. Als der aus Norwegen vertriebene Olav 1030 zurückkehrte, um seinen Thron gegen die mit Dänemark verbündeten Großbauern zurückzuerobern, zog der erst fünfzehnjährige Harald mit ihm in die Schlacht.
Bei Stiklestad, einem der folgenreichsten Gefechte der norwegischen Geschichte, fiel Olav, und sein Heer wurde vernichtend geschlagen. Harald selbst wurde verwundet, überlebte aber und floh mit einer kleinen Gruppe Getreuer über die Berge nach Schweden. Diese Niederlage hätte für viele das Ende jeder politischen Ambition bedeutet. Für Harald war sie der Ausgangspunkt einer der bemerkenswertesten Karrieren der gesamten Wikingerzeit.
Flucht nach Osten: Im Dienst des Fürsten von Kiew
Von Schweden aus zog Harald weiter nach Osten, in die Kiewer Rus, an den Hof von Fürst Jaroslaw dem Weisen. Diese Route war für nordische Krieger keineswegs ungewöhnlich; die Handelswege entlang der russischen Flüsse, über Nowgorod und Kiew bis zum Schwarzen Meer, waren seit Generationen von Nordmännern (den sogenannten Rus) bereist worden. Harald diente einige Jahre als Krieger in Jaroslaws Gefolge und beteiligte sich an dessen Feldzügen, ehe er sich entschied, noch weiter zu ziehen: nach Konstantinopel, in die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches.
Der Warägerfürst von Konstantinopel
In Konstantinopel trat Harald der berühmten Warägergarde bei, der Elite-Leibwache der byzantinischen Kaiser, die traditionell aus nordischen und später auch angelsächsischen Kriegern bestand. Innerhalb weniger Jahre stieg er zu einer der führenden Figuren dieser Truppe auf. Die Sagas berichten von Feldzügen in Kleinasien, gegen Piraten im Mittelmeer, in Bulgarien und sogar von einer Pilgerreise nach Jerusalem, die Harald zu einer Zeit relativer Sicherheit unter kaiserlichem Geleit unternommen haben soll.
Was an dieser Episode besonders bemerkenswert ist: Harald sammelte in byzantinischen Diensten ein Vermögen, das die Sagas als außerordentlich beschreiben, Gold und Silber, das er nach nordischer Sitte teils nach Kiew, teils direkt in seine Heimat schickte, um es für seine spätere Rückkehr zu sichern. Ob jede Episode der Sagas historisch exakt ist, bleibt unter Historikern umstritten, doch dass Harald tatsächlich Jahre in byzantinischen Diensten verbrachte und dort zu erheblichem Reichtum kam, gilt als gesichert und wird auch durch byzantinische Quellen wie das Werk des Michael Psellos indirekt gestützt.
Die Heimskringla berichtet zudem von einer dramatischen Verwicklung am Kaiserhof selbst: Nach dem Tod Kaiser Michaels IV. soll Harald in Ungnade gefallen und zeitweise sogar inhaftiert worden sein, möglicherweise weil er sich weigerte, sein angehäuftes Vermögen dem Reich zu überlassen, oder weil er in eine Affäre mit einer Verwandten der Kaiserin Zoe verwickelt war. Die Saga erzählt, er sei nur durch die Hilfe einer Fürstin und mit Unterstützung seiner Warägerkameraden aus dem Kerker befreit worden, woraufhin er heimlich aus der Stadt floh, während byzantinische Wachschiffe die Ausfahrt aus dem Goldenen Horn versperrten. Ob diese Fluchtgeschichte in allen Details stimmt, lässt sich kaum mehr prüfen, doch sie zeigt, wie eng Haralds Aufstieg mit den Intrigen des byzantinischen Kaiserhofs verwoben war, einer der komplexesten und gefährlichsten politischen Bühnen des damaligen Europas.
“Er war der größte Mann an Wuchs, den man je gesehen hatte, und alle seine Waffen waren mit Gold beschlagen.” - Snorri Sturluson, Haralds saga Sigurðarsonar
Heimkehr und Königskrone: Harðráði wird König von Norwegen
Um 1045 kehrte Harald über Kiew, wo er die Fürstentochter Elisiv heiratete, nach Skandinavien zurück. Norwegen wurde zu dieser Zeit von seinem Neffen Magnus dem Guten regiert, dem Sohn des heiligen Olav. Statt eines offenen Konflikts einigten sich Onkel und Neffe zunächst auf eine Mitregentschaft, wobei Harald einen Teil seines byzantinischen Vermögens mit Magnus teilte, ein Bündnis, das für beide Seiten von Nutzen war. Als Magnus 1047 unerwartet starb, wurde Harald alleiniger König von Norwegen.
Seine Regierungszeit war von fast zwei Jahrzehnten Krieg gegen den dänischen König Sven Estridsson geprägt, einem zermürbenden Konflikt um die Kontrolle über Dänemark, der erst 1064 mit einem Friedensschluss endete, ohne dass Harald sein eigentliches Ziel, die dänische Krone, je erreichte. Höhepunkt dieses Krieges war die Seeschlacht bei Niså im Jahr 1062, ein blutiges Gemetzel, das Harald zwar für sich entschied, das ihm aber keinen dauerhaften strategischen Vorteil verschaffte, da Sven jedes Mal aufs Neue Widerstand organisierte. In dieser Zeit soll er, so berichten spätere Traditionen, auch die Stadt Oslo als königlichen Handelsplatz ausgebaut haben. Nach innen regierte er mit eiserner Hand gegen aufständische Häuptlinge, was ihm seinen Beinamen einbrachte, den die Isländer ihm gaben: Harðráði, der Hartregierende.
Diese Härte richtete sich keineswegs nur gegen äußere Feinde. Mehrere Sagas berichten von Konflikten mit mächtigen norwegischen Großbauern und sogar mit dem eigenen Skalden Þjóðólfr, wenn dieser Kritik übte, sowie von der brutalen Niederschlagung eines Aufstands unter Führung des Häuptlings Einar Thambarskelfir, den Harald mit einer List aus dem Weg räumen ließ. Diese Episoden zeigen, dass Haralds Beiname keine bloße Randnotiz war, sondern eine Regierungspraxis beschrieb, die keine Gegenmacht innerhalb Norwegens duldete, selbst wenn diese aus dem eigenen Adel stammte.
| Lebensabschnitt | Zeitraum | Zentrales Ereignis |
|---|---|---|
| Jugend in Norwegen | bis 1030 | Schlacht bei Stiklestad, Flucht nach Osten |
| Kiewer Rus | 1031-1034 | Dienst bei Fürst Jaroslaw dem Weisen |
| Byzanz | 1034-1045 | Warägergarde, Feldzüge, Vermögensaufbau |
| Rückkehr | 1045-1047 | Mitregentschaft mit Magnus dem Guten |
| Königtum | 1047-1066 | Alleinherrschaft, Krieg gegen Dänemark |
| England | 1066 | Invasion, Fulford, Tod bei Stamford Bridge |
Der Griff nach England: Fulford und das Ende bei Stamford Bridge
1066 bot sich Harald eine letzte, gewaltige Gelegenheit. Nach dem Tod des kinderlosen englischen Königs Eduard des Bekenners erhob nicht nur Wilhelm der Eroberer aus der Normandie, sondern auch Harald Anspruch auf den englischen Thron, gestützt auf ein angebliches Erbversprechen aus früheren dänisch-englischen Verträgen. Verbündet mit Tostig Godwinson, dem verbannten Bruder des englischen Königs Harold Godwinson, landete Harald mit einer Flotte von rund 300 Schiffen in Nordengland.
Bei Fulford, nahe York, schlug sein Heer die Grafen Edwin und Morcar am 20. September 1066 vernichtend. Nur fünf Tage später jedoch überraschte König Harold Godwinson, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Süden herangeeilt war, die siegestrunkenen Norweger bei Stamford Bridge, viele von ihnen ohne Rüstung, weil sie an diesem heißen Tag keine unmittelbare Gefahr erwarteten. Harald fiel in dieser Schlacht durch einen Pfeilschuss in die Kehle, Tostig ebenfalls. Von den ursprünglich rund 300 Schiffen sollen nur 24 mit den Überlebenden nach Norwegen zurückgekehrt sein.
Snorri Sturluson lässt Harald vor der Schlacht noch einen letzten, trotzigen Halbvers sprechen, in dem der König seine Gelassenheit angesichts der bevorstehenden Übermacht zum Ausdruck bringt, ein literarisches Detail, das kaum wörtlich verbürgt sein dürfte, aber gut zu dem Bild passt, das die Sagas von ihm zeichnen: ein Mann, der selbst im Angesicht des sicheren Untergangs auf seine Reputation als unbeugsamer Krieger bedacht war. Die genauen Details des Ablaufs von Stamford Bridge, einschließlich der berühmten Episode um einen einzelnen norwegischen Axtkämpfer, der die Brücke über den Derwent im Alleingang verteidigt haben soll, behandeln wir ausführlich in unserem Artikel über die Schlacht von Stamford Bridge.
Vermächtnis: Warum Historiker ihn den “letzten Wikinger” nennen
Nur drei Wochen nach Stamford Bridge landete Wilhelm der Eroberer an der Südküste Englands, und König Harold Godwinson, dessen Heer noch von dem Gewaltmarsch und der Schlacht im Norden erschöpft war, unterlag ihm bei Hastings. Diese zeitliche Nähe hat Historiker seit langem dazu bewogen, Haralds Niederlage als den symbolischen Schlusspunkt der eigentlichen Wikingerzeit zu betrachten: die letzte große skandinavische Invasion einer fremden Krone, angeführt von einem König, dessen Leben buchstäblich die gesamte geografische Reichweite der Nordmänner abbildete, von Norwegen über Kiew bis nach Byzanz. Auch der Überfall auf Lindisfarne, der die Wikingerzeit rund 270 Jahre zuvor eröffnet hatte, und Haralds Tod bei Stamford Bridge markieren so gewissermaßen die zwei Eckpunkte einer Epoche, die mit einem einzelnen Pfeilschuss endete.
Was Harald Hardrada von vielen anderen Wikingerkönigen unterscheidet, ist nicht nur die schiere Zahl der Länder, die er durchquerte, sondern wie konsequent er dabei blieb, was sein Beiname beschreibt: ein Mann, der jede Gelegenheit zur Macht mit unnachgiebiger Härte ergriff, ob in Byzanz, in Norwegen oder zuletzt auf einem englischen Schlachtfeld, das seinen Namen bis heute mit dem Ende einer ganzen Epoche verbindet.
Bildquelle: Colin Smith (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons