Krieger & Schlachten
Der Schildwall: Wie Wikinger in der Schlacht kämpften
Der Schildwall war die wichtigste Kampfformation der Wikingerzeit. Wie die Taktik funktionierte, welche Waffen sie brauchte und was Maldon, Hastings und Stamford Bridge zeigen.
Inhalt
- Was ein Schildwall war: Prinzip und Aufbau
- Die Ausrüstung: Rundschild, Speer, Axt
- Lärm vor dem Kampf: Schildklopfen und Kampfschrei
- Wie ein Gefecht ablief: vom Anmarsch zum Zusammenstoß
- Maldon, Hastings und die Grenzen der Formation
- Der Keil: svinfylking als mögliche Angriffsvariante
- Warum der Schildwall am Ende entscheidend war
Kein Hollywood-Zweikampf, keine wilde Keilerei von Einzelkämpfern: Die Wikingerzeit kannte vor allem eine einzige, entscheidende Taktik auf dem offenen Schlachtfeld, den Schildwall, altnordisch skjaldborg. Wer sie verstehen will, muss sich von der romantischen Vorstellung des einsamen Berserkers lösen. Schlachten dieser Zeit wurden fast immer von Disziplin, Formation und der simplen Frage gewonnen oder verloren, wer seine Linie länger hielt.
Was ein Schildwall war: Prinzip und Aufbau
Im Kern war der Schildwall eine Reihe von Kämpfern, die Schulter an Schulter standen, ihre runden Schilde so überlappend hielten, dass kaum eine Lücke blieb, und dadurch eine fast durchgehende Deckung bildeten. Jeder Mann schützte nicht nur sich selbst, sondern auch die rechte Seite seines Nachbarn, die vom eigenen Schild nicht abgedeckt war, da der Schild typischerweise am linken Arm getragen wurde und die Waffe die rechte Hand führte. Genau diese gegenseitige Abhängigkeit machte die Formation so wirkungsvoll und zugleich so verwundbar: Fiel ein Mann oder wich er zurück, riss eine Lücke auf, durch die der Gegner die ganze Linie aufrollen konnte. Diese Mechanik erklärt auch, warum Feigheit in dieser Kampfweise kein rein persönliches Problem war, sondern eine Gefahr für die gesamte Gruppe, und warum die Sagas das Verlassen der Linie so viel härter verurteilen als das bloße Sterben in ihr.
Die erste Reihe bestand meist aus den erfahrensten, am besten ausgerüsteten Kämpfern, oft mit Kettenhemd und Helm, bewaffnet vor allem mit Speeren, die über den Schildrand gestoßen wurden. Die Reihen dahinter unterstützten mit weiteren Speerstößen, Würfen und, wo nötig, dem Nachrücken in die erste Linie, sobald dort jemand fiel.
Die Ausrüstung: Rundschild, Speer, Axt
Das wichtigste Werkzeug der Formation war der Rundschild, meist 80 bis 90 Zentimeter im Durchmesser, aus leichtem Lindenholz gefertigt, mit Lederrand eingefasst und in der Mitte von einem eisernen Schildbuckel geschützt, hinter dem die Hand den Griff hielt. Lindenholz wurde nicht zufällig gewählt: Es ist leicht, aber zäh, und splittert bei einem Treffer nicht so leicht in gefährliche Scherben wie härteres Holz.
Die Hauptwaffe der meisten Kämpfer war der Speer, nicht das Schwert. Ein Speer war günstiger herzustellen, erlaubte Stöße über die Schildwand hinweg, ohne die eigene Deckung zu öffnen, und ließ sich notfalls auch werfen. Das Schwert, teuer und aufwendig in der Herstellung, blieb eher ein Statussymbol wohlhabender Krieger, wie es etwa die berühmten Ulfberht-Klingen zeigen, über die wir gesondert berichtet haben. Äxte, günstig und im bäuerlichen Alltag ohnehin vorhanden, eigneten sich besonders gut dafür, Schilde nach unten zu reißen oder Beine zu treffen, sobald die Formationen ineinander verkeilt waren.
Kopf- und Körperschutz waren innerhalb der Formation ungleich verteilt. Ein vollständiger Helm wie der berühmte Fund von Gjermundbu, über den wir gesondert berichten, war selten und teuer, ebenso ein Kettenhemd, das Stunden an Handarbeit und erhebliche Mengen Eisen verschlang. Die meisten Männer in den hinteren Reihen kämpften vermutlich nur mit einfacher Lederkleidung oder gar keiner Rüstung, was die vorderste Reihe, in der sich das gesamte verfügbare Metall konzentrierte, zur eigentlichen Lebensversicherung der gesamten Formation machte.
Lärm vor dem Kampf: Schildklopfen und Kampfschrei
Bevor die erste Waffe traf, war eine Schlacht bereits ein akustisches Ereignis. Sagas berichten wiederholt vom vápnabrak, dem rhythmischen Schlagen von Waffen gegen die eigenen Schilde, mit dem Krieger ihre Zustimmung zu einer Rede ausdrückten oder sich gegenseitig in Kampfstimmung versetzten, dazu lautes Gebrüll, das heróp, das den Gegner einschüchtern und die eigenen Reihen synchronisieren sollte. Beides war keine reine Showeinlage. Eine Formation, die im selben Moment losbrüllte, demonstrierte Geschlossenheit, und eine Formation, die unkoordiniert blieb, verriet dem Gegner bereits vor dem ersten Zusammenstoß, wie stabil sie tatsächlich war.
Manche Krieger, oft am Rand oder leicht vor der eigentlichen Linie, versuchten zusätzlich gezielt auf Einschüchterung zu setzen, etwa durch wildes Gebärden oder, wie es spätere Überlieferung den Berserkern zuschreibt, durch einen rauschhaften Kampfzustand, über den wir in einem eigenen Beitrag ausführlicher schreiben. Ob solche Einzelkämpfer tatsächlich vor die geschlossene Linie vortraten oder eher deren Flanken sicherten, ist in der Forschung umstritten, plausibel ist aber, dass psychologische Kriegsführung schon vor dem ersten Speerstoß begann.
Wie ein Gefecht ablief: vom Anmarsch zum Zusammenstoß
Eine Schildwallschlacht folgte meist einem erkennbaren Muster, auch wenn kein Fund und keine Quelle ein exaktes Drehbuch liefert.
- Aufstellung: Beide Seiten formierten sich in Sichtweite, oft mit vorausgehendem Austausch von Beleidigungen, Drohgebärden und vereinzelten Fernwaffen wie Wurfspeeren oder Pfeilen.
- Annäherung: Die Linien rückten im Gleichschritt aufeinander zu, um die Formation nicht vorzeitig zu zerreißen.
- Erster Zusammenstoß: Schilde trafen auf Schilde, Speere stachen über den Rand, die vordersten Reihen übten enormen Druck aufeinander aus.
- Zermürbung: Minuten bis Stunden gegenseitigen Drückens, Stechens und punktuellen Vorstoßens, bei dem Erschöpfung oft entscheidender war als einzelne Heldentaten.
- Bruch: Sobald eine Linie an einer Stelle brach, meist durch Verluste in der ersten Reihe oder durch einen gezielten Vorstoß, kippte die Schlacht häufig sehr schnell zugunsten der intakten Seite.
Genau dieses Muster lässt sich an der Schlacht von Stamford Bridge 1066 nachvollziehen, über die wir bereits ausführlich geschrieben haben: Solange Harald Hardradas Schildwall geschlossen blieb, hielt die Linie dem englischen Ansturm stand. Der Zusammenbruch kam, als die Formation an einer schmalen Brücke auseinandergerissen wurde und sich nicht mehr neu schließen ließ.
Maldon, Hastings und die Grenzen der Formation
Die wohl eindrücklichste literarische Quelle zum Thema ist das altenglische Gedicht Die Schlacht von Maldon, das die Niederlage der Angelsachsen gegen eine Wikingertruppe im Jahr 991 beschreibt. Der Anführer Byrhtnoth befiehlt seinen Männern ausdrücklich, den Schildwall zu formen und zu halten, eine Zeile, die zeigt, wie zentral diese Anweisung für den Ausgang einer Schlacht galt, noch bevor der eigentliche Kampf begann. Das Gedicht beschreibt zudem eine folgenreiche taktische Entscheidung: Byrhtnoth erlaubt den angreifenden Wikingern, ungehindert über einen Flussübergang zu setzen, offenbar aus einer Mischung von Ehrgefühl und Selbstüberschätzung, und gibt damit die geschützte Position seiner eigenen Formation freiwillig auf, eine Entscheidung, die das Gedicht später explizit als Hochmut, altenglisch ofermod, benennt.
Fünfundsiebzig Jahre später, 1066, zeigt der Teppich von Bayeux in gestickten Bildern, wie die angelsächsischen Housecarls bei Hastings einen geschlossenen Schildwall gegen die anstürmende normannische Kavallerie bildeten, eine Taktik, die über Stunden erfolgreich war, bis wiederholte Scheinrückzüge der Normannen die Formation schließlich zum Auseinanderbrechen und zur Verfolgung verleiteten. Diese Taktik, ein geordneter Rückzug, der die gegnerische Linie zum unüberlegten Nachsetzen verleiten soll, setzt voraus, dass die eigene Formation selbst unter Druck die Nerven bewahrt, während die gegnerische genau diese Disziplin verliert. Dass es den Normannen bei Hastings gelang, während die Housecarls stundenlang standhielten, zeigt, wie knapp diese Schlacht tatsächlich war, und wie sehr ihr Ausgang von einem einzigen taktischen Moment abhing, nicht von roher Übermacht.
| Schlacht | Jahr | Rolle des Schildwalls |
|---|---|---|
| Maldon | 991 | Byrhtnoth befiehlt die Formation, Angelsachsen unterliegen trotzdem |
| Stamford Bridge | 1066 | Harald Hardradas Wall hält, bis die Brücke die Linie zerreißt |
| Hastings | 1066 | Housecarls halten die Formation stundenlang gegen Kavallerie |
Interessant ist, dass bei Hastings nicht die Wikinger, sondern die angelsächsischen Verteidiger den Schildwall einsetzten, ein Beleg dafür, dass diese Taktik keine exklusiv nordische Erfindung war, sondern eine praktische Lösung, die überall dort auftauchte, wo Fußtruppen mit Rundschilden gegen zahlenmäßig vergleichbare Gegner kämpften.
Der Keil: svinfylking als mögliche Angriffsvariante
Spätere isländische Sagas, etwa Teile der Heimskringla, erwähnen eine Angriffsformation namens svinfylking, wörtlich „Schweinsformation” oder Keilformation, bei der eine Gruppe erfahrener Kämpfer in Keilform in die gegnerische Linie vorstieß, um einen Durchbruch zu erzwingen. Wie weit diese Beschreibung tatsächliche Taktik oder spätere literarische Ausschmückung ist, lässt sich nicht sicher sagen, da entsprechende Sagas erst Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen entstanden. Als mögliche Ergänzung zur reinen Defensivlinie des Schildwalls ist sie dennoch plausibel, und sie passt zu archäologischen Funden dicht gestaffelter Waffengräber in einigen Kriegergruppen. Taktisch macht eine solche Keilformation durchaus Sinn: Eine geschlossene Linie ist zwar robust, aber auch starr, während ein konzentrierter Stoß an einem einzigen Punkt eine Chance bietet, die gegnerische Formation dort zu durchbrechen, wo die eigene Übermacht am größten ist, vorausgesetzt, die eigenen Flanken bleiben währenddessen ausreichend gedeckt.
Warum der Schildwall am Ende entscheidend war
Der Schildwall war keine elegante Taktik, sondern eine brutal einfache. Er verlangte kaum individuelles Können, dafür aber Nerven, Disziplin und das Vertrauen, dass der Mann links von einem die eigene offene Seite deckt. Genau diese Eigenschaften, nicht spektakuläre Einzelduelle, entschieden die meisten Schlachten der Wikingerzeit.
Unsere Einschätzung dazu, nach dem Vergleich der Schlachtberichte: Die moderne Popkultur hat aus der Wikingerzeit ein Zeitalter wilder Einzelkämpfer gemacht, voller Zweikämpfe und individueller Heldentaten. Die Quellen zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild. Wer in dieser Zeit überleben wollte, übte nicht in erster Linie den perfekten Schwerthieb, sondern das disziplinierte Stehenbleiben in einer Linie, aus der kein Ausweg bestand, außer Sieg oder Zusammenbruch der gesamten Formation. Wer verstehen will, mit welchen Waffen diese Formationen im Detail ausgerüstet wurden, findet weitere Details in unserem Beitrag zu Waffen der Wikinger.