Geschichte
Ragnar Lodbrok: Legende und Wahrheit
Ragnar Lodbrok gilt als legendärer Wikingerkönig. Was Sagas erzählen, was Chroniken über seine Söhne belegen und wo Legende und Wahrheit auseinandergehen.
Inhalt
- Wer war Ragnar Lodbrok überhaupt?
- Die Quellen: Saga und Chronik
- Die Sache mit der Schlangengrube
- Wo die Legende auf echte Geschichte trifft
- Warum Ælla als Bösewicht so gut passte
- Was die Archäologie zur Great Heathen Army sagt
- Was wir also sicher wissen - und was nicht
- Das Erbe eines möglicherweise erfundenen Königs
Kaum eine Figur der Wikingerzeit ist heute berühmter - und historisch umstrittener - als Ragnar Lodbrok. Serien und Romane zeichnen ihn als charismatischen König, Ehemann der Schildmaid Lagertha, Vater ganzer Heerscharen und Schrecken zweier Königreiche. Doch stellt man die Frage, die jeder Historiker sofort stellt - hat dieser Mann tatsächlich gelebt? -, wird es kompliziert. Die Geschichte Ragnar Lodbroks ist ein Paradebeispiel dafür, wie eng Legende und Wahrheit in der Wikingerzeit ineinander verwoben sind, und genau dieses Verhältnis soll hier entwirrt werden.
Wer war Ragnar Lodbrok überhaupt?
Der Beiname Lodbrok - altnordisch loðbrók, “haarige Hose” - geht auf eine Sagenerzählung zurück, wonach Ragnar sich pelzbewehrte, mit Pech gehärtete Beinkleidung anfertigen ließ, um einen riesigen Lindwurm zu bekämpfen, der die Tochter eines schwedischen Jarls gefangen hielt. Für diese Heldentat gewann er die Hand der Prinzessin Þóra - eine typische Anfangsepisode, wie sie in nordischen Heldensagas gern erzählt wird, komplett mit Ungeheuer und Belohnung.
Nach Þóras Tod, so die Überlieferung weiter, heiratete Ragnar die legendäre Schildmaid Lagertha und später Aslaug, eine Frau, die als Tochter des Drachentöters Sigurd aus dem berühmten Nibelungen-Sagenkreis dargestellt wird. Mit Aslaug soll er mehrere Söhne gehabt haben, die später selbst zu zentralen Figuren der Wikingergeschichte wurden. Ragnar wird als dänischer oder schwedischer König beschrieben, der wiederholt England und Frankreich überfiel - darunter angeblich sogar Paris.
Klingt das nach einer zusammenhängenden Biografie? Genau das ist das Problem. Es ist zu zusammenhängend.
Die Quellen: Saga und Chronik
Die Hauptquelle für Ragnars Leben ist die Ragnars saga loðbrókar, eine isländische Saga, die vermutlich im 13. Jahrhundert verfasst wurde - wieder einmal mehrere hundert Jahre nach den Ereignissen, die sie schildert. Eine zweite wichtige Quelle ist die Gesta Danorum des dänischen Gelehrten Saxo Grammaticus, ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert verfasst, ein lateinisches Geschichtswerk, das dänische Königssagen mit tatsächlicher Chronistik vermischt.
Beide Werke präsentieren Ragnar als reale historische Figur - aber beide sind auch, wie schon bei den Vinland-Sagas zu beobachten, das Ergebnis von Jahrhunderten mündlicher Weitergabe, in denen sich Stoffe verschiedener Männer, Zeiten und Orte zu einer einzigen, publikumswirksamen Erzählung verdichtet haben können. Saxo und die Ragnars saga widersprechen sich zudem in wesentlichen Details - etwa in der Chronologie von Ragnars Ehen und Feldzügen -, was für zwei Berichte über dieselbe reale Person ungewöhnlich wäre.
Historiker vermuten daher seit Langem, dass “Ragnar Lodbrok” möglicherweise kein einzelner Mensch war, sondern eine legendäre Sammelfigur - ein Name, dem im Laufe der mündlichen Überlieferung die Taten mehrerer verschiedener Wikingerführer des 9. Jahrhunderts zugeschrieben wurden. Das wäre kein Einzelfall: Heldenepen neigen dazu, mehrere reale Personen zu einer einzigen, größeren Gestalt zu verschmelzen.
Die Ragnars saga berichtet sinngemäß, Ragnar sei aus Eifersucht auf den wachsenden Ruhm seiner Söhne zu einem letzten, unbedachten Alleingang nach England aufgebrochen - mit zu wenigen Schiffen, um seinen eigenen Erfolgen noch einmal gerecht zu werden.
Diese psychologisch aufgeladene Motivation ist erzählerisch reizvoll. Als historische Tatsache lässt sie sich nicht belegen.
Die Sache mit der Schlangengrube
Der bekannteste Teil der Ragnar-Legende ist zugleich der unwahrscheinlichste: sein Tod. Der Saga zufolge wurde Ragnar bei seinem letzten England-Feldzug gefangen genommen und auf Befehl von König Ælla von Northumbria in eine Grube voller Giftschlangen geworfen. Sterbend soll er die berühmten Worte gesprochen haben, die Ferkel würden grunzen, wüssten sie, wie es dem Eber ergehe - eine Ankündigung, dass seine Söhne seinen Tod fürchterlich rächen würden.
Diese Szene ist reinstes Sagenmaterial: dramatisch, symbolisch aufgeladen, mit einer Pointe, die direkt in die nächste Erzählung überleitet. Kein zeitgenössisches englisches oder fränkisches Dokument erwähnt einen Tod Ragnars in einer Schlangengrube - und das ist bemerkenswert, denn genau diese Chroniken sind auffallend genau, wenn es um andere Ereignisse derselben Zeit geht. Die Schlangengrube gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bereich der legendären Ausschmückung, vielleicht sogar der nachträglichen Erklärung: eine plausible Ursache für etwas, das ohnehin schon feststand - nämlich, dass Ælla später von Ragnars Söhnen getötet wurde.
Wo die Legende auf echte Geschichte trifft
Hier wird es interessant. Denn während Ragnar selbst im Nebel der Sagenwelt verschwimmt, treten seine angeblichen Söhne unvermittelt ins helle Licht echter, zeitgenössischer Geschichtsschreibung.
Die Angelsächsische Chronik, eine der zuverlässigsten Quellen zur englischen Geschichte des frühen Mittelalters, berichtet für das Jahr 865 n. Chr. von der Landung einer gewaltigen Streitmacht in Ostengland - von späteren Historikern als Great Heathen Army (“Großes heidnisches Heer”) bezeichnet. Das war keine gewöhnliche Raubfahrt mehr, wie sie England seit dem Überfall auf Lindisfarne im Jahr 793 kannte, sondern eine koordinierte, mehrjährige Invasion mit dem erklärten Ziel der Eroberung, nicht nur der Plünderung.
Angeführt wurde dieses Heer der Chronik zufolge von mehreren Brüdern, darunter:
- Ivar der Knochenlose (Ívarr hinn beinlausi), der als militärischer Anführer und Stratege gilt
- Halfdan Ragnarsson, der später Teile Northumbrias direkt beherrschte
- Björn Eisenseite (Björn Járnsíða), dem in späteren Quellen Feldzüge bis nach Frankreich und angeblich sogar ins Mittelmeer zugeschrieben werden
- Sigurd Schlange-im-Auge (Sigurðr ormr í auga), dessen Beiname selbst schon sagenhaft klingt
Diese Männer sind, anders als ihr Vater, historisch weit besser bezeugt. Ivar und Halfdan tauchen namentlich in der Angelsächsischen Chronik auf, nicht nur in nordischen Sagas. Die Great Heathen Army eroberte in den folgenden Jahren die angelsächsischen Königreiche Northumbria und East Anglia, tötete dabei nachweislich König Ælla von Northumbria im Jahr 867 sowie König Edmund von East Anglia im Jahr 869 - beides Ereignisse, die von mehreren unabhängigen Quellen bestätigt werden.
Genau hier liegt die Pointe der Geschichte: Der Vater ist Legende, die Söhne sind Geschichte. Und die Verbindung zwischen beiden - dass diese realen, mächtigen Anführer sich als Söhne eines gemeinsamen, schon zu Lebzeiten berühmten Vaters verstanden (oder späteren Chronisten so zugeschrieben wurden) - könnte durchaus der Kern sein, aus dem die Ragnar-Legende überhaupt erst wuchs.
Warum Ælla als Bösewicht so gut passte
Dass ausgerechnet König Ælla als Ragnars Mörder in die Legende einging, ergibt aus Erzählerperspektive Sinn. Ælla war tatsächlich der historische König, der 867 von der Great Heathen Army - angeführt von den Ragnarssöhnen - gestürzt und getötet wurde. Die Saga braucht diesen Tod nur um ein Motiv zu ergänzen: Wenn die Söhne Ælla ohnehin schon besiegten, lag es nahe, ihm auch den Tod ihres (legendären) Vaters anzulasten und daraus eine Rachegeschichte zu formen. Ob Ælla tatsächlich für Ragnars Tod verantwortlich war - so er denn existierte -, lässt sich aus den Quellen nicht belegen.
Manche Historiker vermuten in diesem Zusammenhang sogar, dass die berühmte, grausame Hinrichtungsmethode des Blutadlers, die manche späteren Quellen Ivar dem Knochenlosen bei der Rache an Ælla zuschreiben, selbst eine literarische Ausschmückung späterer Jahrhunderte ist - ein weiteres Beispiel dafür, wie schwer sich Fakt und Dichtung in dieser Überlieferung trennen lassen.
Was die Archäologie zur Great Heathen Army sagt
Anders als bei Ragnar selbst gibt es zur Great Heathen Army handfeste archäologische Spuren. In Repton, einer Ortschaft in den englischen Midlands, wo die Chronik ein Winterlager der Armee für das Jahr 873/874 verzeichnet, fanden Ausgrabungen ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von rund 260 bis 300 Menschen, überwiegend Männern im kampffähigen Alter, viele mit Verletzungen durch Waffengewalt. Radiokohlenstoffdatierungen unter Berücksichtigung des sogenannten “Meeresreservoireffekts” - einer Verzerrung, die bei Menschen mit fischreicher Ernährung auftritt - ordnen den Fund heute überzeugend in die Zeit der Great Heathen Army ein.
Auch in Torksey in Lincolnshire, wo die Chronik ein Winterlager für 872/873 nennt, förderten Grabungen zahlreiche Münzen, Gewichte und Metallobjekte zutage, die zu einem großen, saisonalen Heerlager passen - kein dauerhafter Siedlungsort, sondern ein befestigtes Lager für eine Armee, die überwintern musste, bevor sie den nächsten Feldzug begann. Diese Funde bestätigen unabhängig von jeder Saga, dass die Chronikberichte über Ausmaß und Vorgehen der Great Heathen Army im Kern zutreffen - auch wenn sie nichts über einen Anführer namens Ragnar aussagen können, da Gräber naturgemäß keine Familienstammbäume mitliefern.
Was wir also sicher wissen - und was nicht
Fassen wir den Stand der Forschung zusammen:
- Sicher belegt: Eine Great Heathen Army landete 865 in England, eroberte mehrere angelsächsische Königreiche und wurde von einer Gruppe namentlich bekannter Brüder angeführt.
- Sicher belegt: Ivar der Knochenlose und Halfdan Ragnarsson erscheinen als reale Personen in der Angelsächsischen Chronik.
- Unsicher bis unwahrscheinlich: Dass ein einzelner Mann namens Ragnar Lodbrok als Vater dieser Brüder tatsächlich existierte und alle ihm zugeschriebenen Feldzüge selbst durchführte.
- Nahezu sicher legendär: Die Details seines Lebens - Lindwurmkampf, Ehe mit Lagertha, Tod in der Schlangengrube.
Diese Unterscheidung ist keine Spitzfindigkeit. Sie zeigt exemplarisch, wie Wikingergeschichte funktioniert: Eine reale, dramatische Begebenheit - die Invasion von 865 und der Sturz zweier Königreiche - erzeugt über Generationen mündlicher Erzählung einen Erklärungsbedarf. Wer waren diese Männer? Wer war ihr Vater? Und aus diesem Erklärungsbedarf wächst eine Figur, die zunehmend mit den Zügen klassischer Heldensagen ausgestattet wird, bis am Ende ein charismatischer Einzelheld dasteht, den keine zeitgenössische Quelle je erwähnt hat.
Das Erbe eines möglicherweise erfundenen Königs
Ob Ragnar Lodbrok nun ein Mensch, mehrere Menschen oder eine reine Erzählfigur war - seine Wirkung ist real. Er wurde zur Symbolfigur des Wikingerzeitalters schlechthin, zum Vater einer der folgenreichsten Militärkampagnen der englischen Geschichte, zur Blaupause unzähliger späterer Erzählungen über nordische Krieger. Die Sagas selbst haben daran kein Interesse an nüchterner Quellenkritik - sie wollen eine gute Geschichte erzählen, und das haben sie über Jahrhunderte hinweg glänzend geschafft.
Für uns heute liegt der Reiz gerade in der Doppelbödigkeit: Wir können der Legende folgen und uns von der Schlangengrube und dem Racheschwur faszinieren lassen - und gleichzeitig wissen, dass die eigentliche, verbürgte Geschichte, die der Great Heathen Army und ihrer realen Anführer, mindestens ebenso dramatisch war. Manchmal braucht es gar keine Erfindung. Die Wahrheit der Wikingerzeit war fesselnd genug für sich allein.
Bildquelle: Roger from Derby, UK (CC BY 3.0), via Wikimedia Commons