Mythologie

Die nordische Schöpfungsgeschichte: Ymir, Ginnungagap und die ersten Menschen

Nordische Schöpfungsgeschichte: Ginnungagap, der Urriese Ymir, die Kuh Audhumla und die ersten Menschen Ask und Embla - was Edda und Snorri wirklich sagen.

Historisches Gemälde: Der Urriese Ymir kniet im Schnee und trinkt die Milch der Urkuh Audhumla, die an den Eisblöcken leckt
Inhalt
  1. Ginnungagap: Der Urschlund vor aller Zeit
  2. Ymir und Audhumla: Leben aus Reif und Salz
  3. Der Urmord: Wie aus einem Körper eine Welt wurde
  4. Midgard und die Ordnung der Zeit
  5. Ask und Embla: Die ersten Menschen aus Treibholz
  6. Mythos gegen Quelle: Was die nordische Schöpfungsgeschichte wirklich sagt
  7. Fazit: Eine Welt, die aus einem Mord gebaut ist

Jede Mythologie beginnt mit einer Frage, und im Norden lautet sie nicht “Wer hat die Welt gemacht?”, sondern “Woraus?”. Die nordische Schöpfungsgeschichte kennt keinen Gott, der aus dem Nichts spricht und das Licht entstehen lässt. Sie kennt einen klaffenden Schlund, einen Urriesen, eine Kuh und drei Brüder, die töten, zerteilen und verbauen. Am Ende steht keine geschaffene, sondern eine gebaute Welt: Erde aus Fleisch, Meer aus Blut, Himmel aus einem Schädel.

Die Belege dafür stehen an zwei Orten. In der Poetischen Edda, vor allem in Völuspá, Vafþrúðnismál und Grímnismál, und in Snorri Sturlusons Prosa-Edda, dort im Abschnitt Gylfaginning. Beide Textgruppen stammen aus dem 13. Jahrhundert, erzählen aber sehr unterschiedlich: Die Lieder sind knapp, dunkel und widersprüchlich, Snorri schreibt flüssig, geordnet und oft erklärend. Wo seine Version besonders rund wirkt, lohnt ein Blick in die Lieder, denn Snorri war Christ, Politiker und Lehrbuchautor zugleich. Er wollte ein heidnisches Material für junge Dichter benutzbar machen, nicht ein Glaubensbekenntnis bewahren.

Ginnungagap: Der Urschlund vor aller Zeit

Am Anfang war kein Chaos im biblischen Sinn, sondern eine Leere mit Rändern. Ginnungagap heißt dieser Schlund, und schon der Name ist umstritten. Der zweite Teil, gap, ist eindeutig die Kluft. Beim ersten Teil, ginnunga, streitet die Forschung bis heute: Die gängige Lesart verbindet ihn mit einem Verb für “gähnen, klaffen”, eine zweite Deutung sieht darin eine Verstärkung im Sinne von “magisch aufgeladen”. Wer Ihnen eine der beiden Varianten als gesicherte Wahrheit verkauft, geht über die Quellen hinaus.

Die berühmteste Beschreibung steht in der dritten Strophe der Völuspá, dem Lied, mit dem die Poetische Edda einsetzt. Eine Seherin erinnert sich an eine Zeit, die vor allem anderen lag:

Urzeit war es, da Ymir hauste: kein Sand, kein Meer, keine kühlen Wogen. Erde gab es nirgends, oben keinen Himmel, ein klaffender Schlund, und Gras nirgendwo.

Snorri füllt diese Leere mit Geografie. Nördlich von Ginnungagap liegt Niflheim, die Welt aus Nebel und Eis, in deren Mitte der Quell Hvergelmir sprudelt. Aus ihm fließen die Ströme, die unter dem Sammelnamen Élivágar laufen. Ihr giftiges Wasser erstarrt im Weiterfließen zu Schichten aus Reif und Eis, die sich immer tiefer in den Schlund schieben. Südlich davon liegt Muspelheim, heiß, hell und unbewohnbar, bewacht von Surtr mit dem flammenden Schwert. Von dort treiben Funken und warme Luft nordwärts.

In der Mitte, wo das Schmelzwasser des Eises auf die Wärme Muspelheims trifft, geschieht das Entscheidende. Die Tropfen gewinnen Leben. Die Schöpfung beginnt im Norden nicht mit einem Wort, sondern mit Tauwetter.

Ymir und Audhumla: Leben aus Reif und Salz

Das erste Wesen heißt Ymir, in Vafþrúðnismál trägt er zusätzlich den Namen Aurgelmir. Er ist der Urvater der Reifriesen, der hrímþursar, und seine Fortpflanzung ist so fremdartig, dass Snorri sie fast entschuldigend berichtet: Während Ymir schläft, wächst ihm unter dem linken Arm ein Paar, Mann und Frau, und seine Füße zeugen miteinander einen sechsköpfigen Sohn. Von diesem Geschlecht stammen die Jötnar ab, jene ältere Macht, mit der die Götter später ununterbrochen zu tun haben.

Gleichzeitig entsteht aus dem tauenden Reif die Kuh Audhumla. Sie ernährt Ymir mit vier Milchströmen und sich selbst, indem sie an salzigen Eisblöcken leckt. Am ersten Tag erscheint unter ihrer Zunge menschliches Haar, am zweiten ein Kopf, am dritten ein ganzer Mann: Búri. Dessen Sohn Borr heiratet Bestla, die Tochter des Jötunn Bölþorn, und aus dieser Ehe gehen drei Söhne hervor: Odin, Vili und Vé.

Hier lohnt eine Zwischenbemerkung, die in populären Nacherzählungen fast immer fehlt. Audhumla taucht ausschließlich bei Snorri auf. In der gesamten Poetischen Edda wird sie nicht erwähnt. Ob er hier eine mündliche Überlieferung bewahrt hat, die sonst verloren ging, oder ob er eine Lücke mit einem eigenen Bild schloss, lässt sich nicht entscheiden. Die nordische Schöpfungsgeschichte, wie sie in Bildbänden erzählt wird, ist zu einem spürbaren Teil Snorris Schöpfungsgeschichte.

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Der Urmord: Wie aus einem Körper eine Welt wurde

Die drei Brüder töten Ymir. Es gibt keinen Streit, der dem vorausgeht, keine Beleidigung, keine Prophezeiung. Die Quellen nennen keinen Grund, sie berichten nur das Ergebnis. Aus der Wunde strömt so viel Blut, dass es das gesamte Geschlecht der Reifriesen ertränkt. Nur einer entkommt: Bergelmir rettet sich mit seiner Frau in einem Gefäß, das im Altnordischen lúðr heißt. Das Wort bedeutet je nach Zusammenhang Mühlkasten, Trog oder Sarg, und genau darüber streiten Übersetzer seit dem 19. Jahrhundert. Dass die Edda hier eine Flutgeschichte mit einem einzigen überlebenden Paar erzählt, ist in jedem Fall bemerkenswert.

Danach schleppen die Brüder den Leichnam in die Mitte des Schlundes und bauen daraus die Welt. Snorri listet das in Gylfaginning auf, Grímnismál bestätigt dieselben Zuordnungen in Liedform und unabhängig von ihm.

Teil des YmirWas daraus wurdeBeleg
Fleischdie ErdeGylfaginning, Grímnismál 40
BlutMeer und GewässerGylfaginning, Grímnismál 40
KnochenBerge und FelsenGylfaginning, Grímnismál 40
Zähne und KnochensplitterSteine und GeröllGylfaginning
Schädeldas HimmelsgewölbeGylfaginning, Grímnismál 40
Hirndie WolkenGylfaginning, Grímnismál 41
Augenbrauen beziehungsweise Wimpernder Wall um MidgardGylfaginning, Grímnismál 41
Maden im Fleischdie ZwergeGylfaginning

Zwei Punkte in dieser Liste sind leicht zu überlesen. Erstens: Die Zwerge entstehen als Maden. Snorri schreibt, sie hätten zunächst wie Würmer im Fleisch gelebt und erst durch Ratschluss der Götter Verstand und Menschengestalt erhalten. Die berühmten Schmiede des Nordens, die später Mjölnir und Gungnir fertigen, beginnen als Verwesung. Zweitens: Vier von ihnen, Norðri, Suðri, Austri und Vestri, werden an die vier Ecken des Schädels gestellt und halten den Himmel. Die Himmelsrichtungen des Nordens sind damit Namen von Zwergen.

Midgard und die Ordnung der Zeit

Aus den Wimpern Ymirs ziehen die Götter einen Wall und umfrieden damit Midgard, wörtlich den “mittleren Hof”. Der Name beschreibt kein Zentrum im romantischen Sinn, sondern eine Rechtslage: Innerhalb des Zauns gilt Ordnung, außerhalb beginnt das, was den Jötnar gehört. Dieselbe Logik trägt die gesamte Raumvorstellung der Wikingerzeit, bis hinauf zu Yggdrasil, der Weltenesche, die die Ebenen zusammenhält.

Dass dieser Zaun kein bloß poetisches Bild ist, zeigt die Sprache selbst. Das zweite Namensglied garðr bedeutet schlicht Zaun, Hof und umfriedetes Land, und genau dieselbe Unterscheidung ordnet den Alltag auf einem nordischen Gehöft: innangarðs ist, was innerhalb der Einfriedung liegt und unter dem Recht des Hofes steht, útangarðs alles jenseits davon. Die Kosmologie überträgt damit eine Grenze, die jeder Bauer täglich vor Augen hatte, auf den Bau der Welt. Das Gegenstück zu Midgard heißt folgerichtig Útgarðr, der “Außenhof”, und ist das Land der Jötnar. Dass auch das Altenglische middangeard und das Gotische midjungards kennen, spricht dafür, dass diese Vorstellung deutlich älter ist als die Edda, die sie uns überliefert.

Erst danach wird die Zeit eingerichtet. Die Funken aus Muspelheim werden am Himmel befestigt und bekommen feste Bahnen. Sól und Máni, Sonne und Mond, sind nach Gylfaginning und Vafþrúðnismál Kinder des Mundilfæri, und sie fahren nicht aus freien Stücken, sondern getrieben: Die Wölfe Sköll und Hati jagen ihnen nach und werden sie bei Ragnarök einholen. Auch Nótt, die Nacht, und ihr Sohn Dagr, der Tag, erhalten Wagen und Pferde.

Das ist eine bemerkenswerte Konstruktion. Die nordische Schöpfungsgeschichte richtet nicht einfach einen Kalender ein, sie spannt ihn unter Druck. Vom ersten Tag an laufen Sonne und Mond vor etwas davon, das sie am Ende bekommt. Die Welt ist nicht nur gebaut, sie ist auch befristet.

Ask und Embla: Die ersten Menschen aus Treibholz

Die Entstehung der Menschen wird in beiden Hauptquellen erzählt, und sie weichen voneinander ab. Nach Völuspá 17 und 18 finden drei Asen an der Küste zwei Stämme aus Holz, kraftlos und ohne Schicksal. Die Namen der drei lauten dort Odin, Hœnir und Lóðurr. Sie geben, was fehlt, und machen aus Holz Menschen: Ask und Embla.

Welche Gaben das genau sind, ist eine der meistdiskutierten Stellen der Edda. Die altnordischen Begriffe lauten önd, óðr sowie lá und litu góða. Önd meint Atem und Lebenshauch, óðr steht für Geist, Sinn und dichterische Begeisterung, und das dritte Paar wird meist als Lebenswärme und gesunde Farbe übersetzt, bleibt aber unsicher. Snorri nennt in Gylfaginning andere Geber, nämlich die Brüder Odin, Vili und Vé, und teilt die Gaben in Atem und Leben, Verstand und Bewegung sowie Antlitz, Sprache, Gehör und Sehkraft.

Historische Federzeichnung: Odin, Lóðurr und Hœnir beugen sich über die beiden ersten Menschen Ask und Embla

Bildquelle: Lorenz Frølich (Public domain), via Wikimedia Commons

Auch die Namen geben Rätsel auf. Ask ist unstrittig die Esche. Bei Embla reicht die Deutung von “Ulme” über “Rebe” bis zu “Weinstock”, ohne dass sich eine Variante durchgesetzt hätte. Sicher ist nur, dass die ersten Menschen im Norden aus Bäumen oder angeschwemmtem Holz entstehen, nicht aus Lehm wie im Vorderen Orient. Für eine Kultur, deren Siedlungen, Schiffe, Hallen und Götterbilder aus Holz bestanden, ist das die naheliegendste aller Vorstellungen.

Meiner Einschätzung nach liegt genau hier der unterschätzte Kern des Themas. Die Menschen werden nicht erschaffen, sie werden gefunden und ausgestattet. Das Material lag schon am Strand, die Götter haben es aufgehoben und veredelt. Ein Mythos, der so beginnt, erzählt wenig über göttliche Allmacht und viel über Handwerk.

Mythos gegen Quelle: Was die nordische Schöpfungsgeschichte wirklich sagt

Populäre Darstellungen glätten das Material stark. Die folgende Gegenüberstellung zeigt, wo sich Nacherzählung und Text am weitesten voneinander entfernen.

Verbreitete VorstellungWas in den Quellen steht
Odin erschafft die Welt aus dem Nichts.Es wird nichts erschaffen. Odin, Vili und Vé töten ein vorhandenes Wesen und verbauen dessen Körper. Material war vorher da.
Ginnungagap ist völlige Leere.Der Schlund hat zwei Ränder, Niflheim im Norden und Muspelheim im Süden, und wird von Eisschichten und Funken gefüllt.
Audhumla ist uralte Überlieferung.Die Urkuh erscheint nur bei Snorri. Die Poetische Edda kennt sie nicht.
Die Zwerge sind ein eigenes Geschöpf der Götter.Nach Gylfaginning entstehen sie als Maden in Ymirs Fleisch und werden erst nachträglich mit Verstand und Gestalt versehen.
Sonne und Mond ziehen friedlich ihre Bahn.Sól und Máni werden von den Wölfen Sköll und Hati verfolgt. Die Zeitordnung ist von Anfang an eine Flucht.
Die ersten Menschen werden aus Erde geformt.Ask und Embla sind Holz, das die Götter am Ufer finden und mit Atem, Geist und Lebenswärme ausstatten.

Fazit: Eine Welt, die aus einem Mord gebaut ist

Wer die nordische Schöpfungsgeschichte neben andere Kosmogonien legt, merkt schnell, worin sie sich unterscheidet. Es gibt keinen Plan, keinen Segen und keinen Ruhetag. Es gibt eine Kluft, einen Körper, drei Brüder mit Waffen und eine Flut aus Blut, die beinahe alles auslöscht, was vorher da war. Die Erde, auf der Midgard steht, ist das Fleisch eines Getöteten, der Himmel darüber sein Schädel, und vier Zwerge halten ihn an den Ecken fest.

Dieses Bild ist unbequem, und es passt genau zu dem, was später folgt. Eine Welt, die durch einen Urmord entsteht, kann schwerlich friedlich enden, und tatsächlich endet sie im Feuer Surtrs, der schon am ersten Tag an der Südgrenze des Schlundes stand. Die nordische Schöpfungsgeschichte und der Untergang sind kein Anfang und kein Ende, sondern dieselbe Erzählung von zwei Seiten gelesen. Wer sie kennt, versteht auch, warum in den Eddas so wenig getröstet und so viel gebaut wird.

Bildquelle Titelbild: Nicolai Abildgaard, “Ymer dier koen Ødhumbla” (um 1777, Statens Museum for Kunst), Public domain, via Wikimedia Commons