Mythologie
Helheim: Das Totenreich der nordischen Mythologie
Helheim einfach erklärt: Wer ist Hel, wie kommt man nach Helheim, und warum war das Totenreich der Wikinger kein Ort der Strafe, sondern des Alters und der Krankheit.
Inhalt
- Wer war Hel? Tochter des Loki, Schwester des Weltuntergangs
- Die Halle, der Hunger und die Dienerschaft: Hels Haushalt
- Der Weg nach Helheim: Gjöll, die Brücke und der Hund an der Höhle
- Helheim ist nicht Hölle: eine Verwechslung mit langer Geschichte
- Helheim im Vergleich: wohin die Toten wirklich gingen
- Helheim und Ragnarök: das Ende des Totenreichs
- Was Helheim über die nordische Weltsicht verrät
Wer an das nordische Jenseits denkt, hat meist nur ein Bild im Kopf: Walhall, goldene Halle, gefallene Krieger, ewiges Trinkgelage. Dabei war Helheim für die allermeisten Menschen der Wikingerzeit das weit wahrscheinlichere Ziel. Walhall nahm nur, wer im Kampf fiel, und selbst davon nur einen Teil - der Rest ging an Freyja. Wer an Krankheit, Alter oder einem Unfall starb, also fast jeder, landete stattdessen bei Hel, der Tochter Lokis, in ihrem kalten Reich tief unter den Wurzeln von Yggdrasil.
Das ist der erste Irrtum, den man über Helheim aus den Augen räumen muss: Es war kein Ort der Strafe. Anders als die christliche Hölle, mit der der Name später vermischt wurde, war Helheim schlicht das normale Ziel eines normalen Todes. Kein Gericht, keine Sünde, keine Verdammnis. Nur Kälte, Stille und eine Herrscherin, die ihr Reich mit einer Gründlichkeit verwaltete, die selbst Snorri Sturluson beeindruckt haben muss. Wer die nordische Jenseitsvorstellung wirklich verstehen will, kommt an diesem kalten, unterschätzten Reich also nicht vorbei.
Wer war Hel? Tochter des Loki, Schwester des Weltuntergangs
Nach der Prosa-Edda des Snorri Sturluson, genauer im Kapitel Gylfaginning, ist Hel eines von drei Kindern, die Loki mit der Riesin Angrboda zeugte. Ihre Geschwister sind der Wolf Fenrir und die Weltenschlange Jörmungandr, zwei Wesen, die beim Ragnarök die Welt in Brand und Flut reißen werden. Odin, der die Gefahr dieser Nachkommen erkannte, verteilte die drei: Fenrir wurde gefesselt, Jörmungandr in den Weltenozean geworfen, und Hel schickte er nach Niflheim, tief unten, mit der Macht über neun Welten und über alle, die an Krankheit oder Alter sterben.
Snorri beschreibt ihr Äußeres mit einer Bildsprache, die bis heute nachwirkt: zur Hälfte von normaler, lebendiger Hautfarbe, zur anderen Hälfte blauschwarz wie eine Leiche. Hel ist damit selbst ein Grenzwesen, halb Leben, halb Tod, und genau das macht sie zur passenden Herrin über ein Reich, das weder Himmel noch Strafe ist, sondern einfach das Ende.
Die Zahl neun, mit der Snorri Hels Machtbereich beschreibt, ist in der nordischen Mythologie kein Zufallswert. Neun Welten hängen entlang der Äste und Wurzeln von Yggdrasil, dem Weltenbaum, den wir in einem eigenen Beitrag ausführlich vorgestellt haben, und die Zahl taucht in eddischer Dichtung immer wieder als Maßeinheit kosmischer Ordnung auf, etwa bei den neun Nächten, die Hermód später auf seinem Ritt nach Helheim benötigt. Dass gerade Hel über so viele Welten herrschen soll, unterstreicht, wie zentral ihr Amt im Gesamtgefüge der Mythologie tatsächlich war, auch wenn sie in modernen Nacherzählungen oft nur als Randfigur neben ihren berühmteren Geschwistern auftaucht.
Die Halle, der Hunger und die Dienerschaft: Hels Haushalt
Was Snorri über Hels Besitz erzählt, liest sich beinahe wie ein bitterer Scherz. Ihre Halle heißt Éljúðnir, ihr Teller Hungr (Hunger), ihr Messer Sultr (Hungersnot). Ihr Diener heißt Ganglati, ihre Dienerin Ganglöt, beide Namen bedeuten etwa „der Langsame” und „die Langsame”. Die Schwelle zu ihrem Haus trägt den Namen Fallanda Forað, „stürzende Gefahr”, und ihr Bett heißt Kör (Krankenlager).
Snorri Sturluson, Gylfaginning: Hel bekam Macht über neun Welten, so dass sie all jenen eine Unterkunft zuweisen muss, die zu ihr gesandt werden, nämlich denen, die an Krankheit oder Alter sterben.
Diese Namensliste ist kein Zufall und keine Fleißarbeit mittelalterlicher Dichtkunst. Sie beschreibt eine Art Anti-Haushalt: Wo ein nordischer Hof für Gastfreundschaft, volle Teller und schnelle, nützliche Diener stand, bietet Hels Haus das genaue Gegenteil. Langsamkeit, Hunger, ein Krankenlager statt eines Ehrenplatzes. Wer in Helheim ankommt, findet keine Strafe, aber auch keinen Trost. Nur die nüchterne Fortsetzung dessen, was den Tod meist begleitet hatte: Erschöpfung und Mangel.
Der Weg nach Helheim: Gjöll, die Brücke und der Hund an der Höhle
Am konkretesten wird Helheim nicht in der Prosa-Edda, sondern in der eddischen Dichtung Baldrs draumar und in Snorris Erzählung vom Tod Baldrs. Als der Lichtgott Baldr stirbt, reitet sein Bruder Hermód auf Odins Pferd Sleipnir neun Nächte lang durch tiefe, dunkle Taler, um ihn zurückzuholen. Der Weg führt über den Fluss Gjöll, überspannt von einer Brücke, deren Pflaster aus glänzendem Gold besteht und die von einer Riesin namens Módgud bewacht wird. Sie fragt jeden Reiter nach Namen und Geschlecht, denn, so sagt sie zu Hermód, erst am Vortag seien fünf ganze Abteilungen toter Männer über dieselbe Brücke geritten, und die habe weniger gedröhnt als er allein.
Hinter der Brücke liegt ein hohes Tor, über das Hermód sein Pferd springen lässt, und schließlich Hels Halle selbst. Eine weitere, oft genannte Station ist die Höhle Gnipahellir, an der ein Hund namens Garm wacht, blutverschmiert, der beim Ragnarök losbrechen wird. Manche Forscher setzen Garm mit Fenrir gleich, andere sehen zwei getrennte Wesen; die Quellenlage selbst ist an dieser Stelle nicht eindeutig, und das sollte man offen zugeben, statt eine Harmonie zu erfinden, die die Texte nicht bieten.
Helheim ist nicht Hölle: eine Verwechslung mit langer Geschichte
Der Klang der Wörter hat Jahrhunderte an Verwirrung gestiftet. Hel und die christliche Hölle klingen im Deutschen wie im Englischen (hell) fast identisch, und tatsächlich besteht eine gemeinsame sprachliche Wurzel: das urgermanische Verb für „verbergen, verhüllen”. Beide Wörter beschreiben etymologisch einen verborgenen Ort. Doch die Bedeutung lief in unterschiedliche Richtungen. Die christliche Hölle ist ein Ort der Strafe für Sünder, moralisch sortiert, mit Feuer und Qual. Helheim kennt diese Sortierung nicht. Wer dort landet, hat nichts falsch gemacht, er ist nur nicht im Kampf gefallen.
Spätere, bereits stark christlich überformte Handschriften mischen die beiden Vorstellungen zunehmend, und genau deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn man vorchristliche nordische Religion rekonstruieren will. Der Religionshistoriker Hilda Ellis Davidson hat in ihren Arbeiten zur nordischen Totenvorstellung genau auf diesen Punkt hingewiesen: Je später eine Handschrift, desto wahrscheinlicher ist eine christliche Einfärbung des alten Hel-Bildes.
Interessanterweise kannte die nordische Mythologie durchaus einen Ort, der der christlichen Hölle inhaltlich näherkommt, nur eben nicht Helheim. Die Völuspá, die älteste und wichtigste Quelle der eddischen Weltuntergangsdichtung, beschreibt einen Saal namens Náströnd, den „Leichenstrand”, fern von der Sonne, mit nordwärts gerichteten Türen, dessen Wände aus geflochtenen Schlangenrücken bestehen und durch dessen Rauchloch Gift tropft. Dort, so das Gedicht, müssen Meineidige, Mörder und Verführer fremder Ehefrauen durch schwere Giftströme waten, während der Drache Nidhöggr an den Leichen der Toten saugt. Das zeigt: Eine moralische Bestrafung nach dem Tod war der nordischen Vorstellung nicht fremd, sie fand nur an einem ganz anderen Ort statt als in Hels Reich, das selbst für die redlichsten Menschen die normale letzte Adresse blieb.
Helheim im Vergleich: wohin die Toten wirklich gingen
Die nordische Mythologie kannte keine einzige, einheitliche Vorstellung vom Jenseits, sondern mehrere, teils widersprüchliche Ziele, je nachdem, wie und wer gestorben war. Diese Vielfalt wird oft unterschlagen, wenn Walhall zum Synonym für „das nordische Jenseits” verkürzt wird.
| Reich | Wer kommt dorthin | Herrscher |
|---|---|---|
| Helheim | die meisten Menschen, Tod durch Alter oder Krankheit | Hel |
| Walhall | die Hälfte der im Kampf Gefallenen | Odin |
| Fólkvangr | die andere Hälfte der im Kampf Gefallenen | Freyja |
| Rán | im Meer Ertrunkene (nach einigen Quellen) | die Meeresriesin Rán |
| Hügelgrab | nach manchen Sagas blieb der Tote im eigenen Grabhügel wohnen | - |
Unsere Einschätzung dazu, nach dem Vergleich der Quellen: Diese Aufteilung war weniger ein ausgeklügeltes theologisches System als eine Sammlung lokaler und literarischer Vorstellungen, die erst Snorri im 13. Jahrhundert zu einer Art Ordnung zusammenfasste. Für die Menschen der Wikingerzeit selbst dürfte Helheim schlicht die nüchterne, unspektakuläre Standarderwartung gewesen sein, über die man sich keine großen mythologischen Gedanken machte, solange man gesund war. Wer mehr über das andere, berühmtere Ziel wissen will, findet es in unserem Beitrag zu Walhall und den gefallenen Kriegern.
Helheim und Ragnarök: das Ende des Totenreichs
Helheim ist kein ewig stabiler Ort. Beim Ragnarök, dem Weltuntergang, bricht auch das Totenreich auf: Das Schiff Naglfar, gebaut aus den Nägeln der Toten, legt von dort ab, und der Hund Garm reißt sich von seiner Kette an Gnipahellir los. Selbst der Tod, so deutet es die Mythologie an, ist kein endgültiger Ruhezustand, sondern Teil eines Kreislaufs, der am Ende der Zeit wieder in Bewegung gerät. Mehr zu diesem Zusammenhang erklärt unser Artikel über Ragnarök und den Untergang der Götter.
Was Helheim über die nordische Weltsicht verrät
Am Ende ist Helheim weniger gruselig, als sein Name heute klingt. Es ist ein Reich ohne moralisches Urteil, ohne Strafgericht, nur mit der unbequemen Wahrheit, dass das Leben die meisten Menschen nicht als Held, sondern als Erschöpfte oder Kranke verlässt. Gerade das macht die Vorstellung ehrlich: Eine Gesellschaft, die den Kampftod verehrte, wusste trotzdem ganz genau, dass die Mehrheit anders starb, und baute dafür ein eigenes, kaltes, aber keineswegs grausames Zuhause.
Wer sich heute mit nordischer Mythologie beschäftigt, stößt fast zwangsläufig zuerst auf Walhall, weil es die glänzendere, kriegerischere Geschichte ist. Helheim verdient trotzdem genauso viel Aufmerksamkeit, gerade weil es die ehrlichere ist. Es erzählt nicht davon, wie man als Held in Erinnerung bleibt, sondern davon, wie eine ganze Kultur mit der schlichten, universellen Tatsache des gewöhnlichen Sterbens umging: ohne Verklärung, ohne Drohung, nur mit einem kalten Dach über dem Kopf und einer Herrscherin, die ihre Aufgabe ernst nahm.