Mythologie

Heimdall: Der Wächter der Regenbogenbrücke

Heimdall, der Wächter an der Bifröst: Was Edda, Snorri und die Húsdrápa über Gjallarhorn, neun Mütter und goldene Zähne wirklich belegen - und was nicht.

Historische Illustration von 1908: Heimdall reitet auf seinem Pferd Gulltoppr durch die Wolken und bläst das Gjallarhorn
Inhalt
  1. Wer war Heimdall? Der weiße Ase mit den goldenen Zähnen
  2. Heimdall als Wächter: Himinbjörg, Bifröst und das Gjallarhorn
  3. Neun Mütter und viele Namen: Heimdalls Beinamen im Quellenvergleich
  4. Heimdall und Loki: Zwei Robben, ein Halsschmuck, ein letztes Duell
  5. Rígsþula: Der Wächter als Stammvater der Menschen
  6. Mythos gegen Fakt: Was über Heimdall wirklich belegt ist
  7. Warum Heimdall der rätselhafteste Gott des Nordens bleibt

Kein anderer Gott des Nordens ist so sehr durch seine Aufgabe definiert wie Heimdall. Odin sucht Wissen, Thor erschlägt Riesen, Loki stiftet Unordnung, und Heimdall steht. Er ist der Wächter am oberen Ende der Bifröst, der Brücke, die Midgard mit Asgard verbindet, und er tut dort über Jahrhunderte hinweg genau eine Sache: Er passt auf. Das klingt nach der undankbarsten Rolle der gesamten nordischen Mythologie, und tatsächlich spottet ausgerechnet Loki in der Lokasenna genau darüber.

Doch sobald man die Quellen nebeneinanderlegt, wird dieser scheinbar simple Türsteher zur rätselhaftesten Figur im ganzen Götterkreis. Er hat neun Mütter. Er hat goldene Zähne. Er hört das Gras wachsen. Er kämpft als Robbe gegen Loki. Und gleich in der ersten Strophe der Völuspá sind die Menschen nicht Odins Geschöpfe, sondern “Heimdalls Söhne”. Dieser Artikel sortiert, was tatsächlich in den Texten steht, was Snorri Sturluson daraus gemacht hat und wo die Überlieferung schlicht abbricht.

Wer war Heimdall? Der weiße Ase mit den goldenen Zähnen

Die geschlossenste Beschreibung liefert Snorri im Gylfaginning, dem mythologischen Teil der Prosa-Edda, niedergeschrieben um 1220 in Island. Dort heißt Heimdall der “weiße Ase”, groß und heilig, und neun Jungfrauen hätten ihn geboren, allesamt Schwestern. Er trage die Beinamen Hallinskíði und Gullintanni, denn seine Zähne seien aus Gold. Sein Pferd heißt Gulltoppr, “Goldmähne”.

Dann folgt der Katalog der Fähigkeiten, der Heimdall berühmt gemacht hat. Er brauche weniger Schlaf als ein Vogel. Er sehe bei Nacht so gut wie bei Tag, und zwar über eine Entfernung von hundert Rasten. Er höre das Gras auf der Erde wachsen und die Wolle auf den Schafen, und alles, was lauter ist als das. Ihm gehöre das Gjallarhorn, und wenn er hineinblase, sei der Klang in allen Welten zu hören.

Man sollte sich klarmachen, wie ungewöhnlich diese Aufzählung ist. Snorri beschreibt hier keinen Charakter, sondern ein Sinnesorgan in Göttergestalt. Heimdall hat in der gesamten Überlieferung keinen einzigen Dialog, der seine Persönlichkeit zeigt, keine Liebesgeschichte, keinen Fehltritt, keine eigene Abenteuerfahrt. Was er hat, ist eine Stellenbeschreibung, und die ist so präzise formuliert wie bei keinem anderen Asen.

Heimdall als Wächter: Himinbjörg, Bifröst und das Gjallarhorn

Sein Dienstort steht fest. Das Grímnismál der Poetischen Edda nennt in Strophe 13 Himinbjörg, “Himmelsberge”, als achte Wohnstatt und berichtet, dort walte Heimdall über die Heiligtümer und trinke in der freundlichen Halle froh den guten Met. Snorri greift das auf und präzisiert die Lage: Himinbjörg liege am Ende des Himmels, dort, wo die Brücke in den Himmel mündet. Heimdall ist der Wächter der Götter, er sitzt am Rand des Himmels und bewacht die Brücke gegen die Bergriesen.

Über die Brücke selbst schreibt Snorri erstaunlich technisch. Sie bestehe aus drei Farben, sei mit großer Kunst gebaut und stärker als alles andere, und die Menschen nennten sie den Regenbogen. Die rote Farbe darin sei brennendes Feuer, sonst würden die Frostriesen und Bergriesen den Himmel erstürmen. Und dann folgt einer der nüchternsten Sätze der ganzen Edda: Es gebe eben nichts auf der Welt, das so stark sei, dass man sich darauf verlassen könne. Wenn die Söhne Muspells über die Bifröst reiten, bricht sie.

Genau darin liegt die Pointe von Heimdalls Posten. Er bewacht eine Grenzanlage, von der die Götter wissen, dass sie nicht halten wird. Wie wenig Ansehen dieser Dienst in der Götterwelt genoss, zeigt die Lokasenna: Loki wirft Heimdall dort vor, ihm sei ein hassenswertes Leben zugewiesen worden, er müsse als Wächter der Götter mit steifem Rücken dastehen und habe immer einen nassen Rücken. Was dieser nasse Rücken bedeutet, ist bis heute ungeklärt. Regen auf dem Außenposten, Gischt, eine Anspielung auf seine Herkunft aus dem Meer: Die Übersetzungen weichen hier merklich voneinander ab.

Hör dir dazu Heimdall an, während du weiterliest:

Neun Mütter und viele Namen: Heimdalls Beinamen im Quellenvergleich

Heimdall trägt mehr Namen als die meisten Asen, und fast jeder davon wirft eine eigene Frage auf. Die folgende Übersicht hält auseinander, was belegt ist und was Deutung bleibt.

NameBedeutungQuelleSicherheit
Heimdallrnicht geklärt, diskutiert werden Bezüge zu “Heim” und zu einem Wort für GlanzEdda-Lieder, Prosa-EddaEtymologie offen
Gullintanni”Goldzahn”, seine Zähne seien aus GoldGylfaginningim Text ausdrücklich erklärt
HallinskíðiBedeutung unklar, in den Namenslisten der Edda steht dasselbe Wort auch für “Widder”Gylfaginning, Þulurnur der Name ist gesichert
Vindlér / Vindhlérmeist mit Wind oder Meer in Verbindung gebracht, Deutung umstrittenSkáldskaparmál, Húsdrápanur der Name ist gesichert
Rígr”König”, wohl aus dem altirischen Wort für König entlehntRígsþula, Prosa-VorredeGleichsetzung nur in der Vorrede
Gulltoppr”Goldmähne”, sein PferdGylfaginninggesichert
Himinbjörg”Himmelsberge”, seine HalleGrímnismál 13, Gylfaginninggesichert
Gjallarhorn”das gellende Horn”Völuspá 46, Gylfaginninggesichert

Der merkwürdigste Punkt bleibt die Herkunft. Snorri zitiert im Skáldskaparmál zwei Zeilen aus einem heute verlorenen Gedicht, dem Heimdallargaldr, in dem der Gott selbst spricht:

“Neun Mütter habe ich, neun Schwestern bin ich entsprossen.”

Mehr ist von diesem Lied nicht erhalten. Wer diese neun Frauen waren, sagt Snorri an dieser Stelle nicht. Die Forschung verweist gern auf das Hyndluljóð, wo in den Strophen 35 bis 37 ein Wesen beschrieben wird, das am Rand der Erde von neun Riesinnen geboren und mit der Kraft der Erde, dem kalten Meer und Opferblut gestärkt wurde. Dass damit Heimdall gemeint ist, gilt als sehr wahrscheinlich, steht aber in den Strophen selbst nicht ausdrücklich. Wer behauptet, die neun Mütter seien eindeutig die neun Töchter des Meerriesen Ägir, verkauft eine naheliegende Vermutung als Textbefund.

Heimdall und Loki: Zwei Robben, ein Halsschmuck, ein letztes Duell

Die einzige größere Erzählung, in der Heimdall handelt statt bewacht, ist ausgerechnet nur noch in Bruchstücken erhalten. Der Skalde Úlfr Uggason trug um 985 auf einem Hochzeitsfest in Hjarðarholt auf Island sein Gedicht Húsdrápa vor, in dem er die Bildschnitzereien einer Halle beschrieb. Eine dieser Szenen zeigt Heimdall und Loki, die in Robbengestalt am Felsen Singasteinn um Freyjas Halsschmuck Brísingamen kämpfen.

Snorri zitiert diese Strophe im Skáldskaparmál und hält als Dichterregel fest, man dürfe Heimdall unter anderem als “Besucher von Vágasker und Singasteinn” und als Lokis Feind umschreiben, Loki wiederum als den Dieb des Brísingamen. Damit ist der Mythos selbst verloren, die Umschreibungen aber haben ihn überlebt. Wie Loki an das Schmuckstück kam, warum ausgerechnet Heimdall es zurückholte und wieso beide dafür die Gestalt von Robben annahmen, steht in keiner erhaltenen Quelle. Das ist kein Mangel an Fantasie der Überlieferung, sondern ein handfester Textverlust.

Die Rechnung zwischen beiden wird am Weltenende beglichen. Snorri schildert im Gylfaginning, wie bei Ragnarök Heimdall und Loki aufeinandertreffen und einander gegenseitig töten. Zwei Figuren, die über die gesamte Mythologie hinweg Gegenpole bilden, der Grenzwächter und der Grenzüberschreiter, enden in einem Zweikampf, bei dem niemand übrig bleibt.

Rígsþula: Der Wächter als Stammvater der Menschen

Es gibt ein Edda-Lied, das Heimdall eine Rolle gibt, die man eher bei Odin erwarten würde. Die Rígsþula erzählt, wie der Gott Rígr am Meeresufer entlangwandert und nacheinander drei Höfe besucht. Bei Ái und Edda, dem ärmlichsten Paar, wird neun Monate später Þræll geboren, der Unfreie. Bei Afi und Amma kommt Karl zur Welt, der freie Bauer. Bei Faðir und Móðir schließlich Jarl, der Adlige, dessen jüngster Sohn Konr ungr die Runen lernt und zum König wird. Die Prosa-Vorrede des Liedes stellt gleich zu Beginn fest, dieser Rígr sei Heimdall gewesen.

Dazu passt die berühmte Eröffnung der Völuspá, in der die Seherin um Gehör bittet und sich an die “größeren und kleineren Söhne Heimdalls” wendet, also an die Menschen insgesamt. Zwei voneinander unabhängige Texte machen Heimdall damit zum Ahnherrn der menschlichen Gesellschaft, und das Gedicht, das den Weltuntergang erzählt, spricht die Menschheit ausgerechnet als seine Nachkommen an.

Dennoch ist Vorsicht angebracht. Die Gleichsetzung von Rígr und Heimdall steht nur in der Prosa-Vorrede, nicht im Liedtext selbst, und sie stammt vom Schreiber der Handschrift, nicht vom Dichter. Mehr als ein Forscher hat deshalb vorgeschlagen, dass ursprünglich Odin gemeint war, der als Wanderer durch die Welt zieht. Die Völuspá-Zeile bleibt davon unberührt, aber sie bleibt eben auch eine einzelne Zeile.

Mythos gegen Fakt: Was über Heimdall wirklich belegt ist

  • Mythos: Heimdall ist ein Sonnen- oder Lichtgott. Fakt: Snorri nennt ihn den “weißen Asen” und erklärt den Beinamen nicht. Die Deutung als Lichtgottheit ist eine moderne Zusammenstellung aus weißer Farbe, Goldzähnen und Himmelsposten, keine Aussage der Quellen.
  • Mythos: Die Bifröst ist der Regenbogen. Fakt: Diese Gleichsetzung stammt von Snorri. Die Poetische Edda nennt die Brücke auch Bilröst und beschreibt sie nirgends als Regenbogen, weshalb ebenso die Milchstraße vorgeschlagen wurde.
  • Mythos: Heimdall startet mit dem Hornstoß den Ragnarök. Fakt: In der Völuspá hebt er das Horn hoch und bläst, als der Untergang bereits begonnen hat. Es ist ein Alarm, kein Startsignal. In Strophe 27 heißt es außerdem, Heimdalls hljóð liege verborgen unter dem heiligen Baum, und ob damit sein Gehör oder sein Horn gemeint ist, streitet die Forschung bis heute.
  • Mythos: Es gibt wikingerzeitliche Abbildungen von Heimdall. Fakt: Keine einzige gesicherte. Am häufigsten wird eine Figur mit Horn auf dem Gosforth-Kreuz in Cumbria aus dem 10. Jahrhundert genannt, doch das Kreuz trägt keine Beschriftung, und die Deutung bleibt ein Vorschlag.
  • Mythos: Heimdall war ein großer Kultgott. Fakt: Anders als bei Thor, Odin oder Freyr fehlen Orts- und Personennamen, die auf eine Verehrung Heimdalls schließen lassen, fast vollständig. Der Wächter ist literarisch prominent und archäologisch so gut wie unsichtbar.

Aus Sicht der Nordweg-Redaktion ist genau dieser letzte Punkt der interessanteste. Heimdall ist, anders gesagt, der am besten beschriebene und am schlechtesten bezeugte Gott des Nordens. Seine Sinne, sein Pferd, seine Halle, sein Horn, seine Zähne, all das steht mit einer Detailschärfe da, die bei Thor oft fehlt. Was fehlt, ist jeder Hinweis darauf, dass irgendjemand im 9. oder 10. Jahrhundert ihm geopfert, einen Hof nach ihm benannt oder sein Kind nach ihm gerufen hätte. Wir lesen das nicht als Beweis, dass Heimdall erfunden wurde, sondern als Hinweis darauf, dass er von Anfang an eine Erzählfigur war: eine Funktion, die ein Kosmos braucht, damit seine Grenzen überhaupt erzählbar werden.

Warum Heimdall der rätselhafteste Gott des Nordens bleibt

Am Ende steht eine Figur, die fast vollständig aus Lücken besteht. Neun Mütter, die ihm nur über einen Rückschluss zugeordnet werden. Ein Lied über seine Geburt, von dem zwei Zeilen übrig sind. Ein Robbenkampf, den wir nur aus einer Dichterregel kennen. Eine Stammvaterschaft, die an einer Vorbemerkung hängt. Ein Hornstoß, dessen Zeitpunkt feststeht, während unklar bleibt, ob das Horn in Strophe 27 überhaupt ein Horn ist.

Und doch ergibt all das zusammen ein erstaunlich stimmiges Bild, und das ist unsere zweite Einschätzung zu diesem Gott. Heimdall ist in jeder einzelnen Überlieferung dort zu finden, wo etwas aneinandergrenzt: zwischen Asgard und Midgard, zwischen Meer und Land in Robbengestalt, zwischen den Ständen in der Rígsþula, zwischen Schlaf und Wachen, zwischen Lärm und Stille. Er ist nicht der Gott einer Sache, sondern der Gott der Nahtstelle. Dass eine Kultur, die ihr Weltbild in Zäunen, Thingplätzen und Hofgrenzen dachte, ausgerechnet dafür einen eigenen Wächter brauchte, erklärt diesen Gott besser als jede Lichtgott-Theorie.

Wer ihn also auf den Türsteher Asgards verkürzt, übersieht die eigentliche Leistung dieser Figur. Heimdall bewacht nicht nur eine Brücke. Er markiert jede Linie, die im nordischen Weltbild gezogen wird, und er weiß, wie jede Grenzziehung endet: Die Bifröst bricht, und er bläst trotzdem.

Bildquelle: Dorothy Hardy (1868 - 1937) (Public domain), via Wikimedia Commons