Mythologie
Die Jötnar: Die Riesen der nordischen Mythologie
Jötunn und Riesen in der nordischen Mythologie: Warum die Jötnar älter sind als die Asen, klüger als ihr Ruf und mit den Göttern selbst eng verwandt sind.
Inhalt
- Jötunn, thurs, bergrisi: Warum Riese in der nordischen Mythologie in die Irre führt
- Ymir: Die Welt besteht aus dem Körper eines Jötunn
- Verwandtschaft statt Feindschaft: Eine erstaunlich durchmischte Genealogie
- Mythos vs. Fakt: Sechs Gegenüberstellungen
- Wissen als Waffe: Mímir, Suttungr und der Wettstreit mit Vafþrúðnir
- Utgard: Wie Thor gegen das Alter verliert
- Fazit: Woher der plumpe Riese wirklich kommt
Wer sich mit den Riesen der nordischen Mythologie beschäftigt, stolpert schon beim ersten Wort. Der altnordische Begriff lautet jötunn, im Plural jötnar, und “Riese” ist dafür eine schiefe Übersetzung. Sie schleppt ein Bild mit, das die Eddas gar nicht kennen: den schwerfälligen Koloss mit der Keule, der laut brüllt und am Ende an seiner eigenen Dummheit scheitert. Die Quellen erzählen etwas völlig anderes. Sie erzählen von Wesen, die älter sind als die Asen, aus deren Körper die Welt überhaupt erst geformt wurde, die den Met der Dichtung besaßen und die Odin im Wissenswettstreit beinahe geschlagen hätten.
Die Belege dafür stehen in der Poetischen Edda, vor allem in Völuspá, Vafþrúðnismál, Skírnismál, Hymiskviða und Þrymskviða, und in Snorri Sturlusons Prosa-Edda, besonders in Gylfaginning und Skáldskaparmál. Ein Hinweis vorweg, der für alles Folgende gilt: Snorri schrieb im 13. Jahrhundert als Christ über eine heidnische Überlieferung, die er ordnen, erklären und literarisch retten wollte. Was er systematisiert, war vorher mündlich, widersprüchlich und regional verschieden. Wo Snorri also besonders sauber sortiert, ist Skepsis angebracht.
Jötunn, thurs, bergrisi: Warum Riese in der nordischen Mythologie in die Irre führt
Das Altnordische kennt für diese Wesengruppe nicht ein Wort, sondern ein ganzes Bündel, und die Begriffe überlappen sich. Neben jötunn stehen þurs (thurs) und troll, dazu die Untergruppen bergrisar, die Bergriesen, und hrímþursar, die Reifriesen. Wären die Jötnar schlicht über ihre Körpergröße definiert, bräuchte es diese Vielfalt nicht. Tatsächlich spielt Größe in den Erzählungen eine erstaunlich kleine Rolle. Gerðr und Skaði werden nirgends als übermenschlich groß beschrieben, sie heiraten in die Götterwelt ein, ohne dass jemand ein Größenproblem erwähnt. Umgekehrt kann ein Jötunn im nächsten Lied eine Halle füllen.
Was die Jötnar definiert, ist nicht ihr Maß, sondern ihre Position. Sie sind die ältere, andere Macht, die außerhalb der Ordnung von Asgard und Midgard sitzt. Die Forschung beschreibt diesen Gegensatz gern mit dem altnordischen Begriffspaar innangarðs und útangarðs, also innerhalb und außerhalb des Zauns: drinnen liegt der gepflegte Hof, das Recht, die Siedlung, draußen das Ungezähmte. Jötunheim ist kein Land der Großen, sondern das Land des Draußen. Und Útgarðr, wörtlich der Bereich jenseits des Zauns, trägt diese Grenzziehung sogar im Namen.
| Begriff | Bedeutung | Beleg |
|---|---|---|
| jötunn (Pl. jötnar) | häufigster Sammelbegriff; die Etymologie wird meist mit “Esser, Verschlinger” verbunden, gesichert ist das nicht | Vafþrúðnismál, Gylfaginning |
| þurs / thurs | älterer, härterer Begriff mit deutlich bedrohlichem Klang; zugleich ein Runenname | Skírnismál, wo Skírnir das Zeichen þurs als Fluch ritzt |
| bergrisi (Pl. bergrisar) | Bergriese, an Fels und Gebirge gebunden | Prosa-Edda; ein Bergrisi ist auch einer der vier Landgeister Islands in Snorris Heimskringla |
| hrímþurs (Pl. hrímþursar) | Reifriese, aus dem Urfrost entstanden | Gylfaginning, Vafþrúðnismál |
| troll | in den Quellen unscharf, oft mit jötunn austauschbar; die klare Eigenkategorie ist jünger | Prosa-Edda, Sagaliteratur |
Diese Begriffsvielfalt ist kein Zufall, sondern der erste harte Beleg gegen das populäre Bild. Eine Kultur, die für dieselbe Sache fünf Wörter hat, denkt darüber differenzierter als eine, die nur “Riese” sagt.
Ymir: Die Welt besteht aus dem Körper eines Jötunn
Der wichtigste Punkt kommt vor allen Göttergeschichten. Nach der Prosa-Edda entsteht im Urschlund Ginnungagap aus der Begegnung von Frost und Hitze das Urwesen Ymir, der erste der Reifriesen. Aus ihm gehen weitere Wesen hervor, noch bevor von Asen die Rede ist. Erst danach treten Odin und seine Brüder Vili und Vé auf, töten Ymir und formen aus seinem Körper die Welt: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel den Himmel. Vafþrúðnismál bestätigt diese Kosmogonie unabhängig von Snorri, dort in Form einer Antwort des Jötunn Vafþrúðnir.
Man sollte sich klarmachen, was das bedeutet. Die Jötnar sind nicht die Gegner, die irgendwann von außen an die Götterwelt klopfen. Sie sind die Substanz, auf der diese Welt steht. Der Boden unter Midgard ist ein toter Jötunn. Snorri berichtet zudem, dass Ymirs Blut die Reifriesen in einer Flut ertränkte und nur Bergelmir mit seiner Familie entkam, ein Detail, das auch Vafþrúðnismál kennt. Die gesamte spätere Feindschaft beginnt also mit einem Mord und einer Beinahe-Auslöschung, und zwar durch die Götter, nicht durch die Jötnar.
Verwandtschaft statt Feindschaft: Eine erstaunlich durchmischte Genealogie
Wer die Stammbäume ernst nimmt, kann Götter und Jötnar biologisch gar nicht sauber trennen. Odins Mutter Bestla ist eine Jötunn. Der Allvater selbst ist damit zur Hälfte das, was er später bekämpft. Loki, der in Asgard sitzt und mit Odin Blutsbrüderschaft geschlossen hat, ist der Sohn des Jötunn Fárbauti. Skaði, Tochter des Þjazi, kommt nach dem Tod ihres Vaters nach Asgard und heiratet in die Götterwelt ein. Und in Skírnismál wirbt der Wanengott Freyr so verzweifelt um die Jötunn Gerðr, dass er seinen Diener Skírnir mit Drohungen und Flüchen losschickt, statt zu den Waffen zu greifen.
Der Blog-Redaktion fällt dabei auf, dass diese Ehen nie als Skandal erzählt werden. Niemand in den Eddas hält Freyr vor, er habe unter seinem Stand geheiratet. Die Trennlinie zwischen Asen und Jötnar ist deshalb keine biologische, sondern eine politische: Es geht um Macht, Territorium und Rangordnung, nicht um Art. Wer das einmal gesehen hat, liest die Konflikte anders. Þrymskviða etwa, wo der Jötunn Þrymr Thors Hammer stiehlt und dafür Freyja als Braut fordert, ist keine Monstergeschichte, sondern eine Brautwerbung mit Erpressung, geführt zwischen zwei Parteien, die einander kennen. Auch Lokis Doppelrolle wird erst verständlich, wenn man ihn nicht als Verräter in Asgard liest, sondern als das, was er von Geburt an ist: ein Wesen mit zwei Zugehörigkeiten.
Passend zu diesem Thema hat Domsgard einen Track, der genau diesen Moment des Erwachens einer älteren Macht vertont:
Mythos vs. Fakt: Sechs Gegenüberstellungen
| Populäre Vorstellung | Was die Quellen tatsächlich sagen |
|---|---|
| Jötnar sind vor allem riesig, Größe ist ihr Wesensmerkmal. | Größe wird selten thematisiert. Gerðr und Skaði heiraten in die Götterwelt ein, ohne dass Körpermaße eine Rolle spielen. Definierend ist die Lage außerhalb der Ordnung, nicht die Statur. |
| Jötnar sind dumm und langsam. | Vafþrúðnir beantwortet in Vafþrúðnismál jede Frage Odins über Ursprung und Ende der Welt. Der Weisheitsbrunnen gehört Mímir. Der Met der Dichtung war ursprünglich in der Hand Suttungrs. |
| Götter und Jötnar sind zwei getrennte Völker. | Odins Mutter Bestla ist eine Jötunn, Lokis Vater Fárbauti ebenfalls ein Jötunn. Skaði und Gerðr heiraten in die Götterwelt. Die Grenze verläuft politisch, nicht biologisch. |
| Jötnar kämpfen mit roher Gewalt. | In Utgard gewinnt Útgarða-Loki gegen Thor ausschließlich durch Sinnestäuschung. Þrymr gewinnt Mjölnir durch Diebstahl und Verhandlung. Suttungr sichert den Met durch Verstecken. |
| Die Jötnar sind schlicht die Bösen. | Sie sind zuerst die Älteren. Die Gewalt beginnt mit der Tötung Ymirs durch die Götter. Erst bei Ragnarök stehen sie geschlossen auf der Gegenseite. |
| Surtr ist der größte aller Riesen. | Surtr kommt aus Muspelheim und ist ein Feuerwesen. Die Quellen führen ihn als eigene Kategorie, nicht als besonders großen Jötunn. |
Wissen als Waffe: Mímir, Suttungr und der Wettstreit mit Vafþrúðnir
Die stärksten Belege gegen den dummen Riesen liegen dort, wo es um Wissen geht. Der Brunnen unter einer Wurzel der Weltenesche, in dem Weisheit verborgen liegt, ist der Brunnen Mímirs. Odin muss ein Auge als Pfand geben, um daraus trinken zu dürfen. Mímirs genaue Zuordnung ist in der Forschung umstritten, häufig wird er den Jötnar zugerechnet, eindeutig sagen es die Quellen nicht. Sicher ist nur dies: Die Weisheit lag nicht in Asgard, und der Allvater musste dafür zahlen.

Bildquelle: Elmer Boyd Smith (Public domain), via Wikimedia Commons
Dasselbe Muster beim Met der Dichtung. Nach Skáldskaparmál befand sich dieser Trank, der jedem, der ihn kostet, Dichtkunst und Gelehrsamkeit verleiht, ursprünglich im Besitz des Jötunn Suttungr, der ihn in einem Berg verwahren ließ. Odin gelangt nicht durch Kampf an ihn, sondern durch eine lange Kette von Verkleidung, Verführung und Diebstahl. Auch hier gilt: Die Götter besitzen die Dichtung nicht von Natur aus. Sie haben sie den Jötnar abgenommen.
Am deutlichsten wird es in Vafþrúðnismál. Odin sucht den Jötunn Vafþrúðnir in dessen Halle auf, unter falschem Namen, und die beiden treten zu einem Wissenswettstreit an, bei dem der Kopf des Verlierers auf dem Spiel steht. Vafþrúðnir beantwortet alles: Herkunft der Welt aus Ymirs Körper, Ursprung von Sonne und Mond, Zukunft nach dem Untergang. Odin gewinnt am Ende nicht durch besseres Wissen, sondern durch eine Frage, die nur er selbst beantworten kann, nämlich was er seinem Sohn Baldr ins Ohr geflüstert habe, bevor dieser auf den Scheiterhaufen gelegt wurde. Vafþrúðnir erkennt daran, mit wem er es zu tun hat, und gibt sich geschlagen.
Meiner Einschätzung nach ist das die entscheidende Stelle des ganzen Themas. Wenn ein Mythos seinen obersten Gott nur deshalb gewinnen lässt, weil er unfair fragt, dann hält dieser Mythos den Gegner nicht für dumm. Er hält ihn für gefährlich klug.
Utgard: Wie Thor gegen das Alter verliert
Die berühmteste Jötnar-Episode steht in Gylfaginning. Thor zieht mit Loki und dem Knecht Þjálfi nach Útgarðr, in die Burg des Útgarða-Loki, und dort wird die Gruppe zu einer Reihe von Wettkämpfen aufgefordert. Thor soll ein Trinkhorn in drei Zügen leeren und schafft es nicht. Er soll eine Katze vom Boden heben und bringt gerade eine Pfote hoch. Er soll gegen eine alte Frau namens Elli ringen und geht schließlich auf ein Knie.
Erst beim Abschied klärt Útgarða-Loki auf, was tatsächlich geschehen ist. Alles war sjónhverfing, Sinnestäuschung. Das Horn reichte hinab ins Weltmeer, und Thor hat den Meeresspiegel gesenkt. Die Katze war die Midgardschlange, und er hat sie ein Stück von der Erde gehoben. Elli war das Alter selbst, und gegen das Alter kommt niemand an, auch kein Gott. Danach verschwinden Burg und Gastgeber, und Thors Hammerschlag trifft ins Leere.
Man kann diese Geschichte als Schwank lesen. Sie ist aber vor allem eine Machtdemonstration ganz eigener Art: Der Jötunn gewinnt gegen den stärksten Gott des Nordens, ohne ihn ein einziges Mal zu berühren. Er gewinnt durch Inszenierung, durch Wissen über Wahrnehmung, durch Regie. Wer nach dieser Episode noch vom dummen Riesen spricht, hat die Quelle nicht gelesen.
Bei Ragnarök schließlich stehen die Jötnar geschlossen auf der Gegenseite, und dort endet das Verhältnis endgültig. Diese Schlacht hat ihren eigenen Artikel und soll hier nicht nacherzählt werden. Wichtig ist nur die Einordnung: Der Untergang ist der Punkt, an dem die ältere Macht zurückholt, was ihr abgenommen wurde.
Fazit: Woher der plumpe Riese wirklich kommt
Das populäre Bild stammt nicht aus den Eddas, sondern aus dem, was danach kam. Die europäische Märchentradition brauchte den großen, dummen Gegner, den ein kleiner, schlauer Held überlistet, und die moderne Fantasy hat diese Figur übernommen und vervielfacht. Selbst das bekannte Motiv, dass ein Wesen im Sonnenlicht zu Stein wird, trifft in der Poetischen Edda einen Zwerg, nicht einen Jötunn. Der plumpe Riese ist also eine spätere Erfindung, die rückwärts auf ein Material projiziert wurde, das etwas ganz anderes erzählt.
Was bleibt, wenn man ihn abzieht? Eine Wesengruppe, die älter ist als die Götter, aus deren Urvater die Welt gebaut wurde, die Weisheit, Dichtung und Prophetie in der Hand hielt, mit den Asen verschwägert und verwandt ist, und die zweimal dokumentiert gewinnt: einmal gegen Thors Kraft und einmal beinahe gegen Odins Wissen. Die Jötnar sind in der nordischen Mythologie nicht das Chaos, das der Ordnung gegenübersteht. Sie sind das Ältere, aus dem die Ordnung herausgeschnitten wurde, und das weiß, dass es irgendwann zurückkommt.