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Wikinger-Lauchsuppe mit Zwiebeln: Rezept aus der Langhaus-Küche

Lauchsuppe nach Wikinger-Rezept: Zwiebeln, Lauch, Gerste und Butter aus dem Kessel. Was die Edda über den Lauch verrät und wie die Suppe heute gelingt.

Klare Lauchsuppe mit Zwiebeln in einer weißen Schale, daneben eine Scheibe dunkles Brot
Inhalt
  1. Laukr: warum der Lauch im Norden mehr war als Gemüse
  2. Was Runen, Edda und Grabungen hergeben
  3. Das Lauchsuppe-Rezept der Wikinger: was hineingehört und was nicht
  4. Zutaten
  5. Zubereitung
  6. Tipps & Variationen
  7. Was im Kessel bleibt

Zwiebel und Lauch fehlen in keiner Rekonstruktion der Wikingerküche, und trotzdem stehen sie fast nie im Mittelpunkt. Sie liegen immer daneben: im Eintopf, unter dem Braten, als Beiwerk zum Fisch. Dabei gibt es im Altnordischen kaum ein Pflanzenwort, das so weit vorne steht wie laukr. Dieses Lauchsuppe-Rezept nach Wikinger-Art dreht das Verhältnis um und macht die beiden Zwiebelgewächse zur Hauptsache: ein Kessel, reichlich Butter, eine Handvoll Gerste, zwei dicke Stangen Lauch und drei Zwiebeln, langsam weich geschmort, bis die Schärfe in Süße kippt.

Nur: Was davon ist belegt und was ist Küchenromantik? Das sortieren wir, bevor der Topf auf das Feuer kommt.

Laukr: warum der Lauch im Norden mehr war als Gemüse

Das altnordische Wort laukr meint nicht nur die Stange, die wir heute im Supermarkt kaufen. Es steht für die ganze Familie der Zwiebelgewächse, also auch für Zwiebel, Schalotte und Knoblauch. Diese Unschärfe ist kein Mangel der Sprache, sondern eine Auskunft über die Küche: Entscheidend war nicht die Sorte, sondern die Wirkung. Scharf im rohen Zustand, süß und weich nach langem Garen, haltbar über den ganzen Winter.

Wie zentral diese Pflanzengruppe war, zeigt ein einziges Wort. Der Garten heißt im Altnordischen laukagarðr, wörtlich “Lauchgarten”. Im Altenglischen, also in der Sprache der Gegenseite im Danelag, läuft es genauso: Ein Gemüsegarten ist ein leactun, ein “Lauchgehege”, und der Knoblauch heißt garleac, “Speer-Lauch”, nach der Form seiner Blätter. Zwei Sprachen benennen ihren gesamten Gartenbau nach einer einzigen Pflanzengattung. So etwas passiert nicht mit Beiwerk.

Dazu kommt die nüchterne Landwirtschaft. Zwiebeln und Lauch sind frosthart, wachsen auf mäßigem Boden, verlangen wenig Pflege und lassen sich lagern. Lauch steht bei Bedarf sogar den Winter über im Beet und wird gestochen, wenn der Topf ihn braucht. Für einen Hof, dessen Speiseplan auf Gerste, Milchprodukten und gepökeltem Fleisch beruhte, war das genau die richtige Eigenschaft: eine Pflanze, die Geschmack liefert, wenn sonst nichts mehr grün ist.

Was Runen, Edda und Grabungen hergeben

Die Quellenlage ist besser, als man erwarten würde, aber sie liegt nicht dort, wo man zuerst sucht. Nicht im Boden, sondern in der Sprache und in der Dichtung.

BelegDatierungWas er zeigt
Schaber von Fløksand, Hordaland in Norwegen, Runen lina laukaRum 350 bis 400 n. Chr.”Lein und Lauch” als feste Formel, lange vor der Wikingerzeit
Sigrdrífumál, Strophe 8 (Lieder-Edda)Dichtung, Handschrift 13. JahrhundertEin Lauch wird in das Getränk geworfen, um Schaden abzuwehren
Guðrúnarkviða I (Lieder-Edda)Dichtung, Handschrift 13. JahrhundertSigurd überragt die Gjukungen, wie der Geirlauch aus dem Gras wächst
Altnordisch laukagarðr, altenglisch leactunFrüh- und HochmittelalterDas Wort für Garten ist wörtlich ein Lauchgarten
Feuchtbodenschichten von Haithabu und Coppergate in York9. bis 11. JahrhundertTausende Pflanzenreste aus Abfall und Latrinen, Zwiebelgewächse aber kaum darunter

Die letzte Zeile ist die wichtigste, und sie wird in populären Texten fast immer unterschlagen. Zwiebelgewächse haben kein hartes Samenkorn und keine zähe Schale, die im feuchten Boden tausend Jahre übersteht. Sie verschwinden schlicht. Wenn in Haithabu Gerste, Hafer, Lein, Erbsen, Pflaumen und Haselnüsse in großen Mengen auftauchen, Lauch dagegen nicht, dann ist das kein Beweis für Abwesenheit, sondern ein Erhaltungsproblem. Archäobotanik misst, was haltbar ist, nicht, was gegessen wurde.

Mythos: Lauch war im Norden bloß Würzkraut, ein grüner Akzent am Rand des Tellers. Fakt: Das Gegenteil liegt näher. Eine Pflanze, deren Name den gesamten Garten benennt, die in der Edda als Schutzmittel in den Becher wandert und die in einer Runeninschrift neben dem Lein steht, war Grundnahrung und Kraftwort zugleich. Was fehlt, ist allein das Rezept.

Und das fehlt gründlich. Aus der Wikingerzeit ist keine einzige Rezeptsammlung überliefert. Das älteste bekannte nordische Kochbuch, das dänische Libellus de arte coquinaria, entstand erst um 1300, also rund drei Jahrhunderte nach dem Ende der Wikingerzeit. Alles, was heute als originales Wikingerrezept verkauft wird, ist eine Rekonstruktion aus Zutaten, Geräten und Funden. Das ist saubere Arbeit, solange es jemand dazusagt.

Das Lauchsuppe-Rezept der Wikinger: was hineingehört und was nicht

Unsere ehrliche Einschätzung aus der Redaktionsküche: Diese Suppe ist deutlich interessanter, als ihr Name vermuten lässt, und das hängt an einem einzigen Handgriff. Wer Zwiebel und Lauch nur kurz anschwitzt, bekommt eine dünne, leicht scharfe Brühe. Wer sich dagegen eine halbe Stunde Zeit nimmt und beides in Butter fast schmelzen lässt, bekommt eine tiefe, fast fleischige Süße, obwohl kein Gramm Fleisch im Topf liegt. Genau das macht aus einem Notgericht ein gutes Gericht, und genau dafür hatte ein Kessel über offenem Feuer alle Zeit der Welt.

Weglassen müssen wir dagegen einiges. Die Kartoffel kam erst Jahrhunderte später aus Amerika nach Europa und hat hier nichts verloren, auch wenn fast jedes moderne Lauchsuppenrezept sie als Bindung nutzt. Sahne aus dem Kühlregal ersetzen wir durch Sauerrahm oder Skyr, denn genau das stand im Norden zur Verfügung. Gebunden wird mit Gerste, dem dominierenden Getreide Skandinaviens in der Wikingerzeit. Pfeffer war über die Handelswege erreichbar, aber teuer und selten; näher am Alltag liegen Kümmel, Thymian und Senfkorn, wie wir sie im Überblick zu den Kräutern und Gewürzen der Wikingerküche beschrieben haben.

Der eine Handgriff, auf den es ankommt: Zwiebel und Lauch bei kleiner Hitze schmoren, nicht bei großer Hitze bräunen. Sobald Röstaromen entstehen, schmeckt die Suppe nach gebratener Zwiebel statt nach dem, was sie sein soll: mild, süß, buttrig. Lieber zehn Minuten länger und den Deckel halb auflegen.

Zutaten

Für 4 Portionen:

  • 2 dicke Stangen Lauch (etwa 500 g, weißer und hellgrüner Teil)
  • 3 mittelgroße Zwiebeln
  • 4 EL Butter
  • 70 g Gerstengraupen
  • 1,2 l kräftige Brühe (Fleisch- oder Gemüsebrühe)
  • 150 g Sauerrahm, Schmand oder Skyr
  • 1 TL Salz
  • 1/2 TL Kümmel, ganz
  • 2 Zweige Thymian
  • Das dunkelgrüne Lauchgrün, fein geschnitten, zum Bestreuen

Zubereitung

  1. Putzen. Lauch längs einschneiden und unter fließendem Wasser gründlich auswaschen, denn zwischen den Schichten sitzt Sand. Weißen und hellgrünen Teil in dünne Ringe schneiden, das dunkle Grün beiseitelegen. Zwiebeln halbieren und in feine Streifen schneiden.
  2. Schmoren. 3 EL Butter in einem schweren Topf schmelzen, Zwiebeln und Lauch zugeben, salzen und bei kleiner Hitze 25 bis 30 Minuten weich schmoren. Deckel halb auflegen und gelegentlich rühren. Das Gemüse soll zusammenfallen und glasig werden, nicht braun.
  3. Gerste zugeben. Graupen und Kümmel einrühren, kurz mitschwitzen, dann mit der Brühe auffüllen.
  4. Köcheln. Thymianzweige einlegen und alles bei mittlerer Hitze 25 bis 30 Minuten leise köcheln lassen, bis die Gerste weich ist und die Suppe leicht sämig wird.
  5. Abrunden. Thymian entfernen, Topf vom Feuer nehmen und Sauerrahm oder Skyr einrühren. Ab hier nicht mehr aufkochen, sonst flockt die Milchsäure aus. Zum Schluss die letzte Butterflocke untermontieren.
  6. Servieren. Mit dem fein geschnittenen Lauchgrün bestreuen und heiß servieren, am besten mit einer dicken Scheibe Roggenbrot nach Wikinger-Art.

Tipps & Variationen

  • Die karge Variante: Ohne Rahm, dafür mit einem Stück Speck ausgekocht und mit etwas mehr Gerste gebunden. Näher am Alltag eines Hofs im 10. Jahrhundert kommt man kaum.
  • Die festliche Variante: Die Hälfte der Suppe pürieren, den Rest stückig lassen, dazu geröstete Haselnüsse und einen Löffel Skyr obenauf.
  • Pürieren oder nicht: Beides funktioniert. Stückig schmeckt die Suppe ländlicher, püriert wird sie samtig und wirkt wie ein Gang aus einer modernen Küche.
  • Wilde Verwandtschaft: Bärlauch im Frühjahr oder Schnittlauch im Sommer ersetzen einen Teil des Lauchgrüns und bringen frische Schärfe zurück.
  • Haltbarkeit: Ohne Rahm gekocht hält sich die Suppe drei Tage im Kühlschrank und schmeckt am zweiten Tag sogar runder. Den Sauerrahm erst beim Aufwärmen einrühren.
  • Dickere Suppe: Statt Graupen 2 EL Gerstenmehl verwenden und gleich mit dem Gemüse anschwitzen.

Dieses Rezept ist nur eine Kostprobe: In unserem Kochbuch “Wikinger Festmahl” warten 141 nordische Rezepte auf dich, vom Kesselgericht über Festtagsbraten bis zu Brot, Met und Wildkräuterküche. Zum Kochbuch

Was im Kessel bleibt

Die großen Erzählungen des Nordens handeln von Königen, Schiffen und Schlachten. Der Alltag dagegen hing an Pflanzen, die niemand besungen hat, weil sie immer da waren. Der Lauch ist die Ausnahme: Er hat es in die Edda geschafft, in eine Runeninschrift und in das Wort für Garten. Diese Suppe schmeckt deshalb nicht nach Rekonstruktion, sondern nach einer Küche, die aus wenigen zuverlässigen Dingen das Beste holt. Zwiebel, Butter, Gerste, Zeit. Mehr braucht es nicht.

Bildquelle: PattayaPatrol (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons