Alltag & Kultur
Die Lewis-Schachfiguren: Elfenbein aus der Welt der Wikinger
Die Lewis-Schachfiguren verbinden die Welt der Wikinger mit einer schottischen Düne: 93 Funde aus Walross-Elfenbein, Berserker-Türme und ein altes Rätsel.
Inhalt
- Ein Sandhügel bei Uig: Der Fund von 1831
- 93 Objekte aus Walross-Elfenbein: Was genau gefunden wurde
- Berserker am Spielbrett: Die schildbeißenden Türme
- Die Lewis-Schachfiguren und die Welt der Wikinger
- Trondheim oder Island: Wer hat die Figuren geschnitzt?
- Vom Sandhügel zum Weltstar: Museen, Auktionen, Popkultur
- Unsere Einschätzung
Kleine Gesichter mit aufgerissenen Augen, Könige mit Schwert auf den Knien, Bischöfe mit Krummstab und Türme, die vor Kampfeswut in ihre eigenen Schilde beißen: Kaum ein Fund erzählt so viel über die nordische Welt des Mittelalters wie die Lewis-Schachfiguren. 1831 tauchten sie auf der Isle of Lewis in den schottischen Äußeren Hebriden auf, geschnitzt aus Walross-Elfenbein, vermutlich in Norwegen, und über Jahrhunderte im Sand vergraben. Sie stammen aus einer Zeit, in der die große Ära der Raubzüge bereits vorbei war, aber die Welt der Wikinger noch lange nachwirkte: Lewis gehörte damals zur norwegischen Krone, und die Seewege der Nordmänner verbanden Trondheim mit Dublin. Wie die Figuren auf die Insel kamen, warum niemand sie je wieder abholte und wer sie überhaupt geschnitzt hat - all das ist bis heute nicht restlos geklärt.
Ein Sandhügel bei Uig: Der Fund von 1831
Über die genauen Fundumstände existieren mehrere, teils widersprüchliche Erzählungen. Gesichert ist der Ort: die Bucht von Uig an der Westküste der Isle of Lewis, wo die Figuren in oder unter einer Sanddüne zum Vorschein kamen. Um die Entdeckung selbst ranken sich dagegen Legenden - mal soll eine weidende Kuh den Sand aufgewühlt haben, mal ein Bauer beim Graben auf eine kleine Steinkammer gestoßen sein, aus der ihn Dutzende bleiche Gesichter anstarrten. Solche Geschichten wurden erst Jahrzehnte später aufgeschrieben und sind mit Vorsicht zu genießen.
Verlässlich dokumentiert ist erst der nächste Schritt: Im April 1831 wurde der Fund der Society of Antiquaries of Scotland in Edinburgh vorgeführt. Noch im selben Jahr sicherte sich das British Museum in London auf Betreiben seines Handschriftenkurators Frederic Madden, eines leidenschaftlichen Schachhistorikers, den Großteil des Schatzes. Madden veröffentlichte 1832 auch die erste wissenschaftliche Beschreibung der Figuren - inklusive der bemerkenswerten Notiz, dass etliche Stücke bei der Auffindung noch rötlich gefärbt gewesen seien. Das mittelalterliche Schachspiel wurde demnach wohl nicht in Schwarz und Weiß gespielt, sondern in Rot und Weiß.
Ein kleinerer Teil des Fundes ging durch die Hände des Sammlers Charles Kirkpatrick Sharpe und später Lord Londesboroughs, bevor er 1888 zurück nach Edinburgh gelangte. Diese Aufteilung besteht bis heute: 82 Objekte liegen im British Museum, 11 Figuren im National Museum of Scotland.
93 Objekte aus Walross-Elfenbein: Was genau gefunden wurde
Der Hortfund von Uig umfasst insgesamt 93 Objekte: 78 Schachfiguren, 14 schlichte runde Spielsteine für ein Brettspiel der Tabula-Familie und eine Gürtelschnalle aus Elfenbein. Das Material ist fast durchgehend Walross-Elfenbein, einzelne Figuren bestehen aus Walzahn. Genau diese Zusammensetzung macht den Fund so rätselhaft: Wer vergräbt vier fast komplette Schachspiele auf einmal?
| Figurentyp | Gefunden | Für 4 Spiele nötig | Es fehlen |
|---|---|---|---|
| Könige | 8 | 8 | 0 |
| Damen | 8 | 8 | 0 |
| Läufer | 16 | 16 | 0 |
| Springer | 15 | 16 | 1 |
| Türme (Wächter) | 12 | 16 | 4 |
| Bauern | 19 | 64 | 45 |
Die Zahlen legen nahe, dass es sich um Händlerware handelte: vier Spielsätze, bei denen vor allem die schlichten, schnell nachproduzierbaren Bauern fehlen. Die gängigste Deutung lautet daher, ein Kaufmann habe seine wertvolle Fracht auf dem Weg von Norwegen zu den Märkten Irlands oder der Irischen See auf Lewis zwischengelagert oder nach einem Schiffbruch geborgen und versteckt - und sei nie zurückgekehrt. Beweisen lässt sich das nicht, aber die Warenstruktur des Fundes spricht eine deutliche Sprache.
Die größten Könige messen etwa zehn Zentimeter, und jede Figur ist ein Unikat: Kein Gesicht gleicht dem anderen, keine Faltenwurf-Lösung wiederholt sich exakt. Wer die Stücke heute in London oder Edinburgh betrachtet, sieht keine Massenware, sondern das Werk hochspezialisierter Schnitzer, die ihr Material - den Stoßzahn des Walrosses - bis an die Grenzen ausreizten.
Berserker am Spielbrett: Die schildbeißenden Türme
Der heimliche Star des Fundes ist eine Handvoll Türme. Während die meisten dieser Wächterfiguren als gerüstete Fußsoldaten mit Schild und Schwert dargestellt sind, verdrehen einige von ihnen die Augen und beißen mit blanken Zähnen in die Oberkante ihres Schildes. Das ist keine künstlerische Laune, sondern ein direktes Zitat aus der nordischen Überlieferung: Snorri Sturluson beschreibt in der Ynglinga saga Krieger Odins, die ohne Rüstung kämpften, heulten wie Wölfe und in ihre Schilde bissen - die berühmten Berserker.
Bildquelle: National Museums Scotland (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Dass ein Schnitzer um 1200 diese Figur des rasenden Kriegers noch so präzise abrufen konnte, zeigt, wie lebendig die alten Erzählungen zu diesem Zeitpunkt waren - Jahrzehnte bevor Snorri sie auf Island niederschrieb. Die schildbeißenden Wächter sind damit eine der frühesten bildlichen Darstellungen des Berserker-Motivs überhaupt, und sie verankern das Schachspiel fest in der nordischen Vorstellungswelt: Aus dem Streitwagen des indisch-persischen Urschachs wurde im Norden ein tobender Krieger.
Passend zu den wütendsten Figuren des Spiels: Hör dir Berserkir Bróðir an, während du weiterliest - einen Song über genau jene Krieger, die hier seit 800 Jahren in ihre Schilde beißen:
Die Lewis-Schachfiguren und die Welt der Wikinger
Streng genommen sind die Lewis-Schachfiguren kein Fund aus der Wikingerzeit: Sie entstanden nach gängiger Datierung zwischen etwa 1150 und 1200, also gut ein Jahrhundert nach der Schlacht von Stamford Bridge, mit der die Ära der großen Wikingerzüge traditionell endet. Und doch sind sie ohne die Wikinger nicht zu verstehen. Die Äußeren Hebriden waren im 9. Jahrhundert von Skandinaviern besiedelt worden und standen im 12. Jahrhundert immer noch unter norwegischer Oberhoheit - als Teil des Königreichs der Inseln, das erst 1266 mit dem Vertrag von Perth an Schottland fiel. Ortsnamen auf Lewis sind bis heute voller nordischer Wurzeln, und die Seeroute von Trondheim über die Hebriden nach Dublin war eine direkte Erbschaft der Wikinger-Seefahrt.
Auch die Spielkultur selbst erzählt diese Geschichte. Die Skandinavier spielten seit Jahrhunderten Hnefatafl, ein taktisches Brettspiel, bei dem ein König mit seiner Leibwache aus der Mitte des Brettes entkommen muss - Spielsteine dafür tauchen in Gräbern der Wikingerzeit immer wieder auf, ein Stück Alltagskultur wie das tägliche Leben der Wikinger insgesamt. Als das Schachspiel über die Handelswege aus dem Orient nach Nordeuropa gelangte, traf es auf eine Gesellschaft, die strategische Brettspiele längst als Statussymbol und Zeitvertreib der Oberschicht kannte. Die Lewis-Schachfiguren markieren genau diesen Übergang: das neue Spiel, ausgestattet mit dem Personal der alten nordischen Welt.
Trondheim oder Island: Wer hat die Figuren geschnitzt?
Die Frage nach der Werkstatt beschäftigt die Forschung seit fast 200 Jahren. Die Mehrheit der Fachwelt tippt auf Trondheim, das mittelalterliche Nidaros: Die Stadt war Sitz des Erzbischofs, ein Zentrum der Elfenbeinschnitzerei, und Kunsthistoriker sehen enge Stilparallelen zwischen den Schachfiguren und Ornamenten norwegischer Kirchenkunst dieser Zeit. Auch der Rohstoff passt - Walross-Elfenbein kam über den Grönland- und Islandhandel in großen Mengen nach Norwegen und war der wichtigste “Luxuskunststoff” des Nordens, bevor Elefanten-Elfenbein den Markt übernahm.
Daneben hält sich hartnäckig eine isländische Theorie. Sie stützt sich auf die Páls saga biskups, die Lebensbeschreibung des Bischofs Páll von Skálholt, in der eine Schnitzerin namens Margrét hin haga - Margret die Geschickte - erwähnt wird.
Margrét schnitzte Walross-Elfenbein so meisterhaft wie niemand sonst auf Island - sinngemäß nach der Überlieferung der Páls saga biskups.
Für die These, dass ausgerechnet diese Frau die Lewis-Schachfiguren schuf, gibt es keinen materiellen Beweis, und die meisten Forscher bleiben skeptisch. Interessant ist die Debatte trotzdem, weil sie zeigt, wie eng vernetzt die nordatlantische Welt war: Ob die Werkstatt nun in Trondheim, auf Island oder anderswo im norwegischen Einflussraum stand - die Figuren entstanden in einem Kulturraum, den die Wikinger mit ihren Schiffen überhaupt erst zusammengefügt hatten.
Bildquelle: National Museums Scotland (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Ein Detail verdient besondere Aufmerksamkeit: die Läufer. Die Lewis-Schachfiguren gehören zu den frühesten bekannten Schachspielen, die diese Figur eindeutig als Bischof mit Mitra und Krummstab darstellen. Das Spiel spiegelt damit exakt die Gesellschaft seiner Entstehungszeit - König, Königin, Kirche, Reiterkrieger und Fußvolk -, und es zeigt, wie selbstverständlich die christliche Kirche inzwischen Teil der nordischen Machtordnung geworden war.
Vom Sandhügel zum Weltstar: Museen, Auktionen, Popkultur
Heute zählen die Lewis-Schachfiguren zu den berühmtesten Museumsobjekten Großbritanniens. Das British Museum führte sie in der BBC-Reihe “A History of the World in 100 Objects” als eines von hundert Objekten, die die Weltgeschichte erzählen, und Nachbildungen der Figuren standen Modell für das Zauberschach im ersten Harry-Potter-Film. Seit 2016 sind zudem sechs Figuren als Dauerleihgabe im Museum nan Eilean in Stornoway zu sehen - erstmals seit 1831 wieder dauerhaft auf der Isle of Lewis selbst.
Wie viel Magie der Fund bis heute entfaltet, zeigte sich 2019: Ein Antiquitätenhändler aus Edinburgh hatte 1964 für fünf Pfund eine kleine Elfenbeinfigur gekauft, die jahrzehntelang in einer Schublade lag. Seine Erben ließen sie prüfen - es war ein verschollener Wächter der Lewis-Gruppe, eine von fünf bis heute fehlenden Hauptfiguren. Bei Sotheby’s in London erzielte die Figur 735.000 Pfund.
Die wichtigsten Stationen im Überblick:
- um 1150-1200: Herstellung der Figuren, vermutlich in Trondheim
- 1266: Vertrag von Perth, die Hebriden fallen von Norwegen an Schottland
- 1831: Fund bei Uig, Präsentation in Edinburgh, Ankauf durch das British Museum
- 1888: 11 Figuren gelangen dauerhaft nach Edinburgh
- 2001: Auftritt als Vorbild des Zauberschachs im ersten Harry-Potter-Film
- 2019: Ein wiederentdeckter Wächter erzielt bei Sotheby’s 735.000 Pfund
Unsere Einschätzung
Die Lewis-Schachfiguren werden gern als niedliche Kuriosität behandelt - kleine Gesichter für Museumsshop-Tassen. Wir halten das für ein Missverständnis. Dieser Fund ist eine der dichtesten Momentaufnahmen des Nordens im 12. Jahrhundert, die wir besitzen: Er zeigt eine Gesellschaft zwischen Heidentum und Kirche, zwischen Saga-Erinnerung und europäischer Mode, verbunden durch Seewege, die aus der Wikingerzeit stammten. Dass ausgerechnet ein Spiel diese Welt konserviert hat, ist kein Zufall - Brettspiele waren im Norden nie bloß Zeitvertreib, sondern Ausweis von Rang, Bildung und strategischem Denken. Wer den wütenden kleinen Berserkern von Lewis in die Augen schaut, blickt direkt in die Vorstellungswelt der späten nordischen Welt. Mehr davon konserviert kein Geschichtsbuch.
Bildquelle Titelbild: Helen Simonsson (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons