Geschichte
Die Stabkirche von Urnes in Norwegen: Wo Heidentum auf Christentum trifft
Die Stabkirche von Urnes in Norwegen ist die älteste Stabkirche des Landes. Ihre Wikinger-Schnitzereien erzählen vom Übergang vom Heidentum zum Christentum.
Inhalt
- Warum die Stabkirche von Urnes Norwegens ältestes Gotteshaus ist
- Ausgrabungen unter dem Kirchenboden: Die verschwundenen Vorgängerkirchen
- Löwe gegen Schlange oder Nidhöggr am Weltenbaum? Das Rätsel des Nordportals
- Der Urnes-Stil: Die letzte große Kunst der Wikingerzeit
- Christus zieht ein: Der Innenraum und seine Schätze
- Zeitleiste: Von der Pfostenkirche zum Weltkulturerbe
- Die Stabkirche von Urnes heute: Besuch am Lustrafjord
Hoch über dem türkisfarbenen Wasser des Lustrafjords, auf einem schmalen Grasplateau im norwegischen Sogn, steht ein dunkles Holzgebäude, das älter ist als der Kölner Dom. Die Stabkirche von Urnes in Norwegen gilt als die älteste erhaltene Stabkirche des Landes und zählt zu den ältesten Holzbauwerken Europas überhaupt. Ihre eigentliche Sensation trägt sie jedoch an der Nordwand: geschnitzte Portale und Wandplanken aus einer noch älteren Kirche, deren ineinander verschlungene Tiere direkt aus der Bildwelt der Wikinger stammen. Nirgendwo sonst lässt sich der Moment, in dem die heidnische Kunst der Nordmänner in den Dienst des Christentums trat, so unmittelbar betrachten wie hier. Seit 1979 gehört die Kirche zum UNESCO-Weltkulturerbe, und wer einmal vor ihrem Nordportal gestanden hat, versteht sofort, warum die UNESCO sie in einem Atemzug mit den größten Kathedralen des Kontinents nennt.
Warum die Stabkirche von Urnes Norwegens ältestes Gotteshaus ist
Die heutige Kirche entstand um das Jahr 1130. Dendrochronologische Untersuchungen der Bauhölzer zeigen, dass die verwendeten Stämme in den Jahren um 1129 und 1130 gefällt wurden, was die Stabkirche von Urnes zur ältesten der 28 erhaltenen Stabkirchen Norwegens macht. Berühmtere Schwestern wie die vieltürmige Stabkirche von Borgund, die um 1180 entstand, oder die mächtige Kirche von Heddal sind allesamt deutlich jünger. Zum Vergleich: In der Blütezeit des Kirchenbaus dürfte es in Norwegen weit über tausend solcher Holzkirchen gegeben haben. Fast alle fielen Bränden, Stürmen, Verfall oder schlicht dem Abriss zum Opfer, als größere Gemeinden im 19. Jahrhundert Platz für mehr Kirchgänger brauchten.
Ihren Namen verdankt die Bauform den “Stäben”, den mächtigen tragenden Eckpfosten aus Kiefernholz, die das gesamte Gerüst der Kirche bilden. Anders als bei früheren Holzkirchen stehen diese Stäbe nicht mehr direkt im Erdreich, sondern auf einem Rahmen aus liegenden Schwellbalken über einem Steinfundament. Genau diese Neuerung entschied über Leben und Tod eines Gebäudes: Holz, das im feuchten Boden steckt, verrottet in wenigen Jahrzehnten, während trocken gelagertes Kiefernkernholz Jahrhunderte übersteht. Dazu kommt die regelmäßige Pflege mit Holzteer, die den Wänden ihre charakteristische schwarzbraune Farbe verleiht und Wind und Regen seit Jahrhunderten abweist. Dass Urnes seit bald 900 Jahren steht, ist also keine Laune des Schicksals, sondern das Ergebnis kluger Ingenieurskunst und beharrlicher Instandhaltung. Seit 1881 kümmert sich Fortidsminneforeningen, der norwegische Verein zur Bewahrung historischer Denkmäler, um den Erhalt der Kirche.
Ausgrabungen unter dem Kirchenboden: Die verschwundenen Vorgängerkirchen
Die Kirche von 1130 war nicht die erste an dieser Stelle. Bei archäologischen Untersuchungen in den 1950er Jahren, geleitet vom Architekten und Stabkirchenforscher Håkon Christie, kamen unter dem Boden der heutigen Kirche Pfostenlöcher und Bauspuren zum Vorschein, die auf mindestens einen, möglicherweise sogar zwei ältere Kirchenbauten hindeuten. Diese Vorgänger waren noch Pfostenkirchen alten Typs, deren tragende Hölzer im Erdreich standen und dort unweigerlich verfaulten.
Von einem dieser Vorgängerbauten hat sich etwas Außergewöhnliches erhalten. Als die Bauleute um 1130 die neue Kirche errichteten, verwendeten sie mehrere prachtvoll geschnitzte Bauteile der alten Kirche wieder: das berühmte Portal an der Nordwand, zwei geschnitzte Wandplanken, einen Eckpfosten und ein Giebelfeld. Diese Stücke werden stilistisch in die Jahrzehnte um 1050 bis 1070 datiert und sind damit rund zwei Generationen älter als die Kirche, in der sie heute stecken. Vermutlich diente das Portal einst als Hauptzugang des Vorgängerbaus. Dass man es nicht verbrannte oder als Bauholz zersägte, sondern sichtbar in die Nordwand einsetzte, spricht dafür, dass die Menschen von Urnes den Wert dieser Schnitzereien sehr genau kannten.
Bildquelle: Bjørn Erik Pedersen (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Löwe gegen Schlange oder Nidhöggr am Weltenbaum? Das Rätsel des Nordportals
Was zeigt das Nordportal eigentlich? Auf den ersten Blick ein elegantes Gewirr aus schlanken, bandartigen Körpern. Schaut man genauer hin, erkennt man ein großes vierbeiniges Tier, das von Schlangen umwunden wird und in einen der Schlangenleiber beißt, während die Schlangen ihrerseits zubeißen. Über die Deutung dieser Szene streitet die Forschung seit weit über hundert Jahren, und im Kern stehen sich zwei Lesarten gegenüber.
Die christliche Deutung sieht in dem Vierbeiner einen Löwen, ein seit der Antike etabliertes Christus-Symbol, der gegen die Schlange als Verkörperung des Teufels kämpft. Das Portal wäre damit eine Kampfansage: Wer die Kirche betritt, geht durch den Sieg des Guten über das Böse. Die nordische Deutung liest die Szene dagegen aus der alten Mythologie heraus. Der Vierbeiner wäre dann ein Hirsch, wie er in der Edda in den Zweigen des Weltenbaums äst, und die nagenden Schlangen erinnerten an Nidhöggr, den Drachen, der an den Wurzeln von Yggdrasil frisst. Der ewige Kreislauf von Zerstörung und Erneuerung, in Holz gebannt an einer christlichen Kirche.
Aus redaktioneller Sicht ist die spannendste Antwort: wahrscheinlich beides. Eine Bildsprache, die heidnische Betrachter als Weltenbaum und christliche Betrachter als Sieg Christi lesen konnten, war im Norwegen des 11. Jahrhunderts kein Widerspruch, sondern kluge Missionsstrategie.
Sicher belegen lässt sich keine der Deutungen, denn die Schnitzer haben keine Inschrift hinterlassen. Genau diese Offenheit macht das Portal aber zu einem einzigartigen Zeugnis einer Übergangszeit, in der die alten Götter noch nicht vergessen und der neue Glaube noch nicht selbstverständlich war.
Der Urnes-Stil: Die letzte große Kunst der Wikingerzeit
Die Schnitzereien von Urnes sind so charakteristisch, dass die Kunstgeschichte eine ganze Stilepoche nach ihnen benannt hat. Der Urnes-Stil ist die letzte Phase der wikingerzeitlichen Tierornamentik und war etwa von der Mitte des 11. bis ins frühe 12. Jahrhundert in Mode. Typisch sind extrem schlanke, fast fadenförmige Tierkörper, die sich in eleganten Schlaufen und Achterschlingen durchdringen, dazu mandelförmige Augen und ein bewusstes Spiel mit breiten und schmalen Linien. Entwickelt hat sich diese Formensprache aus dem älteren Ringerike-Stil, dessen Tierleiber noch gedrungener wirkten und dessen Ranken deutlich pflanzlicher ausfielen. Im Urnes-Stil wurde daraus ein reines Linienspiel von beinahe kalligrafischer Eleganz, das viele Fachleute als künstlerischen Höhepunkt der gesamten nordischen Tierornamentik werten.
Der Stil war keineswegs auf Norwegen beschränkt. In der schwedischen Provinz Uppland tragen hunderte Runensteine des 11. Jahrhunderts Schlangenbänder in eben dieser Formensprache. Und selbst in Irland hinterließ der Stil Spuren: Kirchliche Prunkstücke wie das um 1123 gefertigte Kreuz von Cong verbinden irische Goldschmiedekunst mit Tierornamenten nach skandinavischem Geschmack, weshalb Fachleute von einem eigenen hiberno-nordischen Zweig des Urnes-Stils sprechen. Ausgerechnet die letzte Kunstform der Wikinger wurde damit zu einer ihrer erfolgreichsten Exportwaren, getragen nicht mehr von Kriegern, sondern von Händlern, Handwerkern und Mönchen.
Christus zieht ein: Der Innenraum und seine Schätze
Betritt man die Kirche durch die niedrige Tür, steht man in einem überraschend hohen, dämmrigen Raum, getragen von Rundpfosten mit geschnitzten Würfelkapitellen, auf denen Fabeltiere, Masken und Ranken zu erkennen sind. Über dem Chorbogen hängt der größte Schatz des Innenraums: eine geschnitzte Kreuzigungsgruppe aus der Zeit um 1150, Christus am Kreuz, flankiert von Maria und Johannes, mit deutlichen Resten der originalen Bemalung. Sie gehört zu den ältesten erhaltenen Bildwerken dieser Art in Norwegen. Ein Kuriosum ist außerdem ein mittelalterlicher Kerzenleuchter aus Metall, der die Form eines kleinen Wikingerschiffs hat, als hätte die alte Welt auch im Kirchenschiff ein Andenken hinterlassen dürfen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Kirche bis heute geweiht ist und gelegentlich für Gottesdienste der kleinen Gemeinde genutzt wird. Sie ist also kein stillgelegtes Museumsstück, sondern ein Gebäude, das seine ursprüngliche Aufgabe seit fast 900 Jahren ohne Unterbrechung erfüllt.
Der Innenraum erzählt damit dieselbe Geschichte wie das Nordportal, nur mit vertauschten Rollen: außen die alten Tiere der Wikingerkunst, innen der neue Gott in römisch geprägter Bildsprache. Wie politisch dieser Glaubenswechsel in Skandinavien ablief, zeigt übrigens kaum ein Denkmal besser als die Jelling-Steine in Dänemark, auf denen König Harald Blauzahn die Christianisierung gleich ganzer Völker in Runen verewigen ließ. In Urnes war die Bekehrung um 1130 längst vollzogen, doch die Kunst der Ahnen blieb sichtbar an der Wand.
Bildquelle: Bjørn Erik Pedersen (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Zeitleiste: Von der Pfostenkirche zum Weltkulturerbe
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 11. Jahrhundert | Eine oder zwei frühe Pfostenkirchen stehen auf dem Plateau von Ornes |
| um 1050-1070 | Entstehung der berühmten Schnitzereien, heute an der Nordwand |
| um 1129/1130 | Fällung der Bauhölzer, Errichtung der heutigen Stabkirche |
| um 1150 | Kreuzigungsgruppe für den Innenraum entsteht |
| 17. Jahrhundert | Umbauten, neue Fenster und Kirchengestühl |
| 1881 | Fortidsminneforeningen übernimmt die Kirche |
| 1950er Jahre | Ausgrabungen unter Håkon Christie belegen Vorgängerbauten |
| 1979 | Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO |
Die Tabelle zeigt, wie ungewöhnlich dicht die Geschichte dieses einen Ortes ist: Zwischen den ältesten Schnitzereien und der UNESCO-Ernennung liegen mehr als 900 Jahre, in denen die Kirche nie aufgehört hat, genutzt zu werden. Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt der Auszeichnung: 1979 nahm die UNESCO neben Urnes auch das Hanseviertel Bryggen in Bergen auf, womit die kleine Fjordkirche zu den allerersten Welterbestätten Norwegens überhaupt gehört.
Die Stabkirche von Urnes heute: Besuch am Lustrafjord
Wer die Stabkirche von Urnes besuchen will, muss sich die Anreise verdienen. Das Kirchlein steht beim Weiler Ornes am Ostufer des Lustrafjords, eines inneren Arms des mächtigen Sognefjords. Die meisten Besucher nehmen im Sommer die kleine Fähre vom gegenüberliegenden Solvorn und wandern anschließend den Hang hinauf. Oben angekommen, gehört der Blick über Fjord, Obstwiesen und schneegefleckte Berge zu den schönsten Norwegens, und das völlig unabhängig vom Wetter.
Geöffnet ist die Kirche in der Saison von etwa Mai bis September, der Zugang ins Innere ist nur mit Führung möglich, was angesichts der empfindlichen Holzsubstanz mehr als vernünftig ist. Unsere Einschätzung nach mehreren Jahren Beschäftigung mit wikingerzeitlichen Denkmälern: Es gibt größere Stabkirchen, fotogenere sowieso, aber keine, die den Übergang von der Welt Odins zur Welt Christi so ehrlich erzählt wie diese. Die Jahrhunderte liegen hier nicht hinter Museumsglas, sondern greifbar nah in schwarzem, teergetränktem Holz. Man geht an Schlangen der Wikinger vorbei hinein und steht vor dem gekreuzigten Christus. Ein kürzerer Weg durch 200 Jahre norwegischer Religionsgeschichte ist nirgends zu haben.
Bildquelle Titelbild: Leo-setä (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons