Runen & Symbole
Die Bildsteine von Gotland: Comics aus der Wikingerzeit
Die Bildsteine von Gotland erzählen von Odin, Sleipnir und Walhall wie Comics der Wikinger. Geschichte, berühmte Steine und ihre Deutung im Überblick.
Inhalt
- Was die Bildsteine von Gotland so einzigartig macht
- Vom Sonnenrad zum Segelschiff: 700 Jahre in Stein
- Der Stein von Tjängvide: Ein Reiter auf acht Beinen
- Ardre VIII: Ein ganzes Sagenbuch auf einer Platte
- Stora Hammars: Opferszene mit Valknut
- Wie man einen Bildstein liest: Comics aus Stein
- Wo du die Bildsteine von Gotland heute sehen kannst
Wer verstehen will, wie sich die Nordmänner ihre Götter, ihre Schiffe und ihr Jenseits vorstellten, muss nicht in staubigen Handschriften blättern. Er kann einfach hinschauen. Auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland stehen die Bildsteine der Wikinger und ihrer Vorfahren: flache Kalksteinplatten, über und über bedeckt mit Segelschiffen, Reitern, Kampfszenen und Gestalten, die direkt aus der nordischen Mythologie zu kommen scheinen. Die Bildsteine von Gotland sind das größte erhaltene Bilderarchiv des vorchristlichen Nordens, entstanden Jahrhunderte bevor die Edda niedergeschrieben wurde. Und sie funktionieren tatsächlich ein bisschen wie Comics: gerahmte Bildfelder, feste Symbole, Geschichten in Fortsetzung. Nur dass hier niemand mehr die Sprechblasen liefert. Genau das macht sie so faszinierend und so rätselhaft zugleich.
Was die Bildsteine von Gotland so einzigartig macht
Mehr als 500 Bildsteine und Bruchstücke sind heute von Gotland bekannt, und praktisch alle stammen von dieser einen Insel. Das ist bemerkenswert, denn Runensteine gibt es in ganz Skandinavien zu Tausenden, Bildsteine dieser Art dagegen fast nur hier. Ein paar wenige Exemplare gotländischen Typs fanden sich außerhalb, etwa im lettischen Grobina, wo Archäologen eine wikingerzeitliche Siedlung mit gotländischen Wurzeln ausgruben. Die Steine reisten also mit ihren Menschen.
Der Werkstoff lag buchstäblich vor der Haustür: Gotland besteht aus Kalkstein, der sich in großen, ebenen Platten brechen und vergleichsweise leicht bearbeiten lässt. Die Bildhauer arbeiteten die Motive in flachem Relief heraus und bemalten sie anschließend, davon zeugen Farbreste an einzelnen Funden. Die kräftigen roten Flächen, die man heute auf Museumssteinen sieht, sind moderne Ausmalungen, die die verwitterten Linien wieder lesbar machen.
Der zweite große Unterschied zu den bekannteren Runensteinen: Die meisten Bildsteine schweigen. Während ein Runenstein seine Botschaft in Schriftzeichen meißelt, erzählen die gotländischen Platten fast ausschließlich in Bildern. Erst die späten Exemplare kombinieren beides und tragen Runenbänder am Rand, ganz so, wie es die klassischen Gedenksteine des schwedischen Festlands tun. Für uns heute ist dieses Schweigen Fluch und Segen zugleich. Es zwingt zur Deutung, denn keine Inschrift verrät, wer auf dem Pferd sitzt oder wessen Schiff da segelt. Aber es bewahrt auch etwas, das Texte selten leisten: einen unverstellten Blick darauf, welche Bilder den Menschen selbst wichtig genug waren, um sie in Stein zu hauen.
Vom Sonnenrad zum Segelschiff: 700 Jahre in Stein
Die Bildsteine sind keine Erfindung der Wikingerzeit. Als die ersten Platten aufgerichtet wurden, lag der Überfall auf Lindisfarne noch fast 400 Jahre in der Zukunft. Der schwedische Archäologe Sune Lindqvist, der die Steine in seinem Standardwerk “Gotlands Bildsteine” in den 1940er Jahren erstmals systematisch ordnete, unterschied mehrere Gruppen, die sich über rund 700 Jahre erstrecken. Vereinfacht sieht die Entwicklung so aus:
| Zeitraum | Form und Motive |
|---|---|
| ca. 400-600 | Hohe Platten mit Wirbelscheiben und Sonnensymbolen, dazu Tierpaare und Ruderschiffe |
| ca. 500-700 | Kleinere Steine, oft schlichter, mit Tieren und geometrischen Mustern |
| ca. 700-900 | Die großen Erzählsteine in Pilzform: Segelschiffe, Reiter, Kampf- und Willkommensszenen |
| ca. 900-1100 | Späte Steine mit Runenbändern, allmählicher Übergang zum christlich geprägten Runenstein |
Die Tabelle zeigt einen bemerkenswerten Wandel. Die frühen Steine denken in Symbolen: Sonnenrad, Wirbel, Schlangenpaar. Die späten Steine denken in Geschichten. Ab dem 8. Jahrhundert, also mit Beginn der Wikingerzeit, explodiert die Erzählfreude förmlich. Jetzt bekommen die Schiffe Segel, die Reiter Ziele und die Szenen Personal. Es ist, als hätte jemand vom Symbolbild auf den Bildroman umgeschaltet.
Der Stein von Tjängvide: Ein Reiter auf acht Beinen
Kein Bildstein wird häufiger abgebildet als die Platte, die 1844 auf dem Hof Tjängvide im Kirchspiel Alskog entdeckt wurde und heute im Schwedischen Historischen Museum in Stockholm steht. Ihr oberes Bildfeld zeigt einen Reiter auf einem Pferd mit acht Beinen, dem eine Frau mit erhobenem Trinkhorn entgegentritt. Dahinter erkennt man ein Gebäude und weitere Figuren.
Bildquelle: Berig (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Ein achtbeiniges Pferd ist in der nordischen Überlieferung eindeutig besetzt: Sleipnir, das Ross Odins, von dem die Edda erzählt. Ob hier allerdings Odin selbst reitet oder ein gefallener Krieger, der auf dem Götterpferd ins Jenseits getragen wird, darüber diskutiert die Forschung seit über 150 Jahren. Die Frau mit dem Trinkhorn wird meist als Walküre gedeutet, die den Ankömmling in Walhall willkommen heißt. Diese Willkommensszene ist kein Einzelfall, sie kehrt auf mehreren Steinen fast formelhaft wieder, wie ein festes Bildmotiv, das jeder Betrachter der Zeit sofort verstand. Darunter segelt ein Schiff mit geflochtenem Rautensegel, vermutlich die Reise der Toten über das Wasser. Der Stein von Tjängvide trägt übrigens auch eine Runeninschrift, ein Hinweis darauf, dass er als Gedenkstein für einen Verstorbenen errichtet wurde.
Höre dir Valhalla von Domsgard an, während du weiterliest. Der Song erzählt genau die Reise, die dieser Stein zeigt: den Weg eines Kriegers in die goldene Halle.
Ardre VIII: Ein ganzes Sagenbuch auf einer Platte
Im Jahr 1900 hoben Handwerker den Holzfußboden der Kirche von Ardre an und fanden darunter acht Bildsteine, die im Mittelalter schlicht als Bodenplatten wiederverwendet worden waren. Der größte von ihnen, heute als Ardre VIII bekannt, entpuppte sich als einer der reichsten Erzählsteine überhaupt. Auf einer einzigen Platte drängen sich Dutzende Figuren und Szenen, datiert wird sie meist ins 8. oder 9. Jahrhundert.
Bildquelle: Ola Myrin, Historiska museet (CC BY 4.0), via Wikimedia Commons
Oben reitet wieder ein achtbeiniges Pferd auf eine Halle zu. Darunter kreuzt ein großes Segelschiff mit voller Besatzung. Und im unteren Teil wird es richtig erzählerisch: Zu sehen ist eine Schmiede mit Werkzeugen, daneben liegen zwei kopflose Gestalten, und ein vogelartiges Wesen fliegt davon. Das passt verblüffend genau zur Sage von Wieland dem Schmied, wie sie die Lieder-Edda im Völundlied überliefert: Der gefangene Schmied tötet die Söhne seines Peinigers und entkommt mit einem selbstgebauten Fluggewand. Eine weitere Szene wird gern auf Thors berühmten Fischzug gedeutet, bei dem der Donnergott mit einem Ochsenkopf als Köder die Midgardschlange angelt. Ein Stein, mehrere Sagen, Jahrhunderte bevor sie in Island niedergeschrieben wurden: Ardre VIII ist der stärkste Beleg dafür, dass diese Geschichten schon in der Wikingerzeit in aller Munde waren.
Stora Hammars: Opferszene mit Valknut
Nicht alle großen Steine stehen im Museum. Bei Stora Hammars im Kirchspiel Lärbro im Norden Gotlands ragen die Bildsteine noch heute unter freiem Himmel auf, dort, wo sie seit weit über tausend Jahren stehen. Der bekannteste von ihnen, Stora Hammars I, ist in mehrere übereinanderliegende Bildfelder gegliedert wie die Seiten eines Buches.
Bildquelle: Berig (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Ein Bildfeld hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht: Eine Gestalt liegt bäuchlings über einem Altar, ein bewaffneter Mann beugt sich mit einer Waffe über sie, links hängt eine Figur in einem Baum, und über der Szene schwebt ein Valknut, das Symbol der drei verschlungenen Dreiecke, das immer wieder in der Nähe Odins auftaucht. Vieles spricht dafür, dass hier ein Menschenopfer für den Göttervater dargestellt ist, denn Erhängte galten nach den Schriftquellen als Odins Opfer. Manche Forscher wollten in der Szene sogar den berüchtigten Blutaar erkennen, jene grausame Hinrichtungsform aus den Sagas. Beweisen lässt sich das nicht, und genau hier ist Vorsicht angebracht: Der Stein zeigt, die Deutung liefern wir. Sicher ist nur, dass Gewalt, Kult und Tod auf diesem Stein auffallend dicht beieinander liegen.
Wie man einen Bildstein liest: Comics aus Stein
Der Vergleich mit Comics ist mehr als ein hübscher Aufhänger. Die großen Erzählsteine arbeiten tatsächlich mit denselben Grundtechniken wie ein moderner Bildroman. Sie teilen die Fläche in gerahmte Felder, die von oben nach unten gelesen werden. Sie verwenden wiederkehrende, sofort erkennbare Bildformeln: das Schiff für die Reise, der Reiter für die Ankunft im Jenseits, die Frau mit dem Horn für den Empfang. Und sie verdichten ganze Sagen auf eine einzige Schlüsselszene, so wie ein Comicpanel eine ganze Handlung in einem Bild einfriert.
Unsere redaktionelle Einschätzung nach vielen Beschäftigungen mit wikingerzeitlichen Denkmälern: Die Bildsteine sind die am meisten unterschätzte Quelle zur nordischen Mythologie. Jeder kennt die Edda, viele kennen die großen Runensteine, aber dass es aus der Wikingerzeit selbst gemalte und gemeißelte Bildergeschichten der Mythen gibt, wissen erstaunlich wenige. Dabei sind die Steine näher dran als jede Handschrift, denn sie entstanden mitten in der Zeit, von der sie erzählen.
Wozu das alles? Die Steine standen an Wegen, Brücken und Grenzen, gut sichtbar für jeden, der vorbeikam. Die meisten Forscher deuten sie als Gedenksteine für Verstorbene, wobei der Tote nicht zwingend darunter begraben lag. Ein Bildstein war eher ein öffentliches Denkmal als ein Grabstein: Er sicherte dem Toten Erinnerung und zeigte zugleich, was für ein Jenseits ihn erwartete.
Wo du die Bildsteine von Gotland heute sehen kannst
Die mit Abstand größte Sammlung zeigt das Gotlands Museum in Visby, dessen Bildsteinhalle im Fornsalen die wichtigsten Platten der Insel unter einem Dach vereint. Einzelne Spitzenstücke wie der Stein von Tjängvide und Ardre VIII stehen im Schwedischen Historischen Museum in Stockholm. Wer die Steine lieber dort erlebt, wo sie hingehören, findet auf Gotland mehrere Standorte unter freiem Himmel, neben Stora Hammars etwa die beiden mächtigen Platten von Buttle Änge, die noch immer in der Wiesenlandschaft stehen, für die sie einst geschaffen wurden.
Dazu kommt ein praktischer Tipp: Viele Steine stehen oder standen in der Nähe von Kirchen, weil mittelalterliche Baumeister die praktischen Kalksteinplatten gern als Baumaterial wiederverwendeten. Wer über Gotland fährt, sollte deshalb auch in unscheinbaren Landkirchen die Augen offen halten, immer wieder stecken Bildsteinfragmente in Mauern, Schwellen und Fußböden. Der Fund von Ardre war kein Einzelfall, sondern die Regel.
Ein Besuch lohnt sich zu jeder Jahreszeit, und er verändert den Blick auf die Wikinger nachhaltig. Denn zwischen all den Schwertern und Schiffen der Museen sind die Bildsteine etwas Besonderes: kein Werkzeug, keine Waffe, sondern Weltbild. Auf diesen Kalksteinplatten haben uns die Menschen der Wikingerzeit ohne ein einziges Wort erklärt, wie sie sich den Tod, die Götter und die letzte große Reise vorstellten. Man muss nur lesen lernen, was sie gezeichnet haben.
Bildquelle Titelbild: Historiska museet (CC BY 2.5), via Wikimedia Commons