Mythologie

Sleipnir: Odins achtbeiniges Pferd zwischen Mythos und Runenstein

Sleipnir, Odins achtbeiniges Pferd: Was die Prosa-Edda über seine Geburt erzählt, und was der Tjängvide-Bildstein von Gotland archäologisch wirklich belegt.

Der Tjängvide-Bildstein von Gotland: ein achtbeiniges Pferd trägt einen Reiter, von der Forschung häufig als Sleipnir gedeutet
Inhalt
  1. Sleipnir in der Snorra-Edda: Lokis ungewöhnlichste Geburt
  2. Das beste aller Pferde: Sleipnir im Grímnismál
  3. Der Tjängvide-Stein: Das älteste Bild eines achtbeinigen Pferdes?
  4. Der Ardre-VIII-Stein: Ein zweiter Zeuge aus Gotland
  5. Mythos vs. Fakt: Was Text und Stein wirklich hergeben
  6. Sleipnirs Aufgaben: Von Asgard bis in die Totenwelt
  7. Warum Sleipnir bis heute fasziniert

Kein Reittier der Weltliteratur ist so seltsam und zugleich so genau beschrieben wie Sleipnir, das achtbeinige Pferd des Gottes Odin. Grau, schnell wie kein anderes Ross der neun Welten, geboren aus einer Geschichte, die selbst nach nordischen Maßstäben ungewöhnlich ist: Sleipnir ist Sohn eines Gottes, der zur Stute wurde. Doch neben den Texten gibt es noch eine zweite Spur, in Stein gehauen, mehrere Jahrhunderte älter als die schriftliche Überlieferung. Dieser Artikel stellt beide Spuren nebeneinander: was die Edda über Sleipnir erzählt, und was die Archäologie tatsächlich beweisen kann, wenn Bildsteine ins Spiel kommen.

Sleipnir in der Snorra-Edda: Lokis ungewöhnlichste Geburt

Die Geschichte von Sleipnirs Geburt steht schwarz auf weiß im Gylfaginning, dem mythologischen Kernteil der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson, verfasst um 1220. Sie beginnt mit einem Bauvorhaben: Ein namenloser Baumeister, in Wahrheit ein Riese, bietet den Göttern an, die Mauer um Asgard in nur drei Winterhalbjahren fertigzustellen. Als Lohn verlangt er die Sonne, den Mond und die Göttin Freyja zur Frau. Auf Lokis Rat willigen die Götter ein, überzeugt, die Frist sei ohnehin unmöglich zu halten.

Der Baumeister besitzt jedoch einen außergewöhnlichen Hengst namens Svaðilfari, der doppelt so viel Fels schleppt wie sein Herr, und der Bau schreitet beängstigend schnell voran. Kurz vor Vollendung der Mauer geraten die Götter in Panik und machen Loki für die missliche Lage verantwortlich. Um die Frist doch noch platzen zu lassen, verwandelt sich Loki in eine Stute und lockt Svaðilfari eine ganze Nacht lang vom Bauplatz fort. Der Baumeister verliert dadurch entscheidende Zeit und verfehlt die Frist, woraufhin Thor ihn mit Mjölnir erschlägt, sobald klar wird, dass hinter der Maskerade ein Riese steckt.

Einige Zeit später, so berichtet Snorri lapidar, brachte Loki ein Fohlen zur Welt, grau und mit acht Beinen. Dieses Fohlen ist Sleipnir. Snorri erwähnt die Episode fast beiläufig, ohne sie dramatisch aufzuladen, ein Gott, der das Geschlecht wechselt, sich paart und gebiert, wird in der Edda einfach als Tatsache berichtet, eingebettet zwischen Baugeschichte und Götterlist. Wer mehr über Loki und seine anderen, deutlich bedrohlicheren Nachkommen erfahren möchte, findet die ganze Geschichte in unserem Artikel über Odin, den Allvater, dem Sleipnir später als treuestes Reittier dient.

Das beste aller Pferde: Sleipnir im Grímnismál

Während das Gylfaginning die Herkunft erklärt, ist es die Poetische Edda, genauer das Grímnismál, die Sleipnirs Rang unter den Pferden festhält. In Strophe 44 heißt es, Odin selbst zähle die besten Dinge jeder Kategorie auf, unter Bäumen Yggdrasil, unter Göttern die Asen, und unter Pferden Sleipnir. Der Vers wird gewöhnlich sinngemäß mit “Sleipnir ist das beste der Pferde” wiedergegeben, ein knappes, fast beiläufiges Urteil, das in der Forschung dennoch häufig zitiert wird, weil es Sleipnirs Status außerhalb der Geburtsgeschichte bestätigt. Sleipnir ist nicht nur eine kuriose Randfigur einer Loki-Anekdote, sondern in einer eigenen Textquelle als das Maß aller Pferde verankert.

Genau diese doppelte Bezeugung, einmal als Ergebnis einer Verwandlungsgeschichte im Gylfaginning, einmal als feststehendes Attribut im Grímnismál, macht Sleipnir zu einer der textlich am besten abgesicherten Figuren der nordischen Tiermythologie. Zwei unabhängige Werke, beide im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben, stimmen im Kern überein: Sleipnir gehört zu Odin, und Sleipnir ist unübertroffen schnell.

Bevor wir uns der zweiten, ganz anderen Quellengattung zuwenden, lohnt sich ein Blick zurück auf die Musik, die genau diese Verbindung zwischen Gott und Pferd wieder aufgreift.

Der Tjängvide-Stein: Das älteste Bild eines achtbeinigen Pferdes?

Text ist die eine Quellengattung, Stein die andere, und hier wird es interessant. Der Tjängvide-Bildstein stammt aus Alskog auf Gotland und wird auf das 8. bis 9. Jahrhundert datiert, also mehrere Jahrhunderte vor Snorris Niederschrift der Prosa-Edda. Er zeigt, grob umrissen, ein Pferd mit acht sichtbaren Beinen, auf dem eine Gestalt reitet, die von einer zweiten Figur mit einem Trinkhorn empfangen wird, darunter ein Schiff mit gesetztem Segel. Der Stein befindet sich heute im Schwedischen Historischen Museum (Statens historiska museum) in Stockholm und zählt zu den bekanntesten gotländischen Bildsteinen überhaupt.

Die naheliegende Deutung lautet: Odin reitet auf Sleipnir und wird von einer Walküre oder einer anderen weiblichen Gestalt mit einem Willkommenstrunk empfangen, eine Ankunftsszene in der Jenseitswelt. Diese Lesart ist in der populären Literatur inzwischen fast zum Standard geworden, und sie ist plausibel, denn sie passt zu dem, was die Edda über Sleipnir und Odins Reisen in die Totenwelt berichtet.

Doch genau hier beginnt die Vorsicht, die eine seriöse Auseinandersetzung mit der Quelle verlangt. Der Stein trägt keine Inschrift, die die Figur benennt. Niemand aus dem 9. Jahrhundert hat vermerkt, wer hier dargestellt sein soll. Die Zuordnung zu Odin und Sleipnir stützt sich ausschließlich auf den späteren Vergleich mit den schriftlichen Quellen, die selbst erst rund 400 Jahre nach der Errichtung des Steins entstanden sind.

Der Ardre-VIII-Stein: Ein zweiter Zeuge aus Gotland

Nicht allein steht der Tjängvide-Stein mit seinem Motiv. Der Ardre-VIII-Stein, ebenfalls von Gotland und ebenfalls im Schwedischen Historischen Museum verwahrt, zeigt auf einer deutlich größeren Bildfläche gleich mehrere Szenen übereinander, darunter erneut ein Pferd mit acht Beinen, umgeben von weiteren Figuren und Gebäuden, die manche Forscher mit Walhall in Verbindung bringen. Der Stein gilt als einer der bildreichsten erhaltenen gotländischen Bildsteine und wird, wie der Tjängvide-Stein, in die Wikingerzeit datiert.

Dass gleich zwei unabhängige gotländische Steine ein achtbeiniges Pferd zeigen, stärkt die Deutung, es könnte sich tatsächlich um Sleipnir handeln, denn ein Zufall, der sich zweimal wiederholt, wird statistisch schon eher zu einem Muster. Gleichzeitig warnen Bildstein-Forscher davor, aus zwei Beispielen bereits eine gesicherte Ikonografie abzuleiten. Es bleibt denkbar, dass die achtbeinige Darstellung schlicht eine künstlerische Konvention war, mit der gotländische Steinmetze Schnelligkeit oder Bewegung eines Pferdes andeuteten, ähnlich wie man in moderneren Bildsprachen Bewegungslinien einsetzt, unabhängig davon, ob damit ein bestimmtes mythisches Tier gemeint war oder nicht.

Mythos vs. Fakt: Was Text und Stein wirklich hergeben

An dieser Stelle lohnt sich eine nüchterne Gegenüberstellung, denn die beiden Quellengattungen, Text und Stein, beantworten unterschiedliche Fragen und lassen sich nicht einfach ineinander übersetzen.

AspektWas der Mythos behauptetWas die Archäologie belegen kann
Herkunft SleipnirsGeboren aus Loki in Stutengestalt und dem Hengst Svaðilfari, laut GylfaginningKann archäologisch nicht geprüft werden, es gibt keine bildliche Geburtsszene
Status des Pferdes”Das beste der Pferde”, laut Grímnismál, Strophe 44Kein Bildstein trägt eine Inschrift, die ein Pferd als “Sleipnir” benennt
Tjängvide- und Ardre-VIII-SteinIn populären Deutungen als Odin auf Sleipnir gelesenZeigen nachweislich ein achtbeiniges Pferd mit Reiter, die Identität der Reiterfigur bleibt unbenannt
DatierungProsa-Edda und Poetische Edda schriftlich fixiert im 13. JahrhundertBeide Steine stammen aus dem 8. bis 9. Jahrhundert, also deutlich älter als der Text
Sichere AussageDie Erzähltradition um ein achtbeiniges Götterpferd existierte spätestens im 13. JahrhundertDie bildliche Motivtradition des achtbeinigen Pferdes existierte bereits Jahrhunderte zuvor auf Gotland

Was daraus folgt, ist bemerkenswert: Die Bildsteine belegen, dass die Vorstellung eines Pferdes mit acht Beinen in der Wikingerzeit bereits kursierte, lange bevor Snorri sie niederschrieb. Ob dieses Bild aber schon damals denselben Sleipnir meinte, den die spätere Edda beschreibt, oder ob es sich um ein älteres, allgemeineres Motiv handelte, dem die Sleipnir-Geschichte erst nachträglich zugeordnet wurde, lässt sich mit archäologischen Mitteln allein nicht entscheiden. Stein und Text erzählen zwei Geschichten, die sich sehr wahrscheinlich, aber nicht beweisbar sicher, aufeinander beziehen.

Sleipnirs Aufgaben: Von Asgard bis in die Totenwelt

Innerhalb der Mythologie ist Sleipnir weit mehr als ein schnelles Reittier. In der Poetischen Edda, im Gedicht Baldrs draumar, reitet Odin selbst auf Sleipnir hinab nach Niflhel, um eine tote Seherin zu wecken und sie nach dem drohenden Schicksal seines Sohnes Baldr zu befragen, eine der wenigen Stellen, an denen Odin persönlich das Pferd durch die Grenze zwischen den Welten der Lebenden und der Toten führt. Nach Baldrs Tod ist es dann, laut Snorris Gylfaginning, nicht Odin selbst, sondern sein Sohn Hermóðr, der sich Sleipnir leiht, um nach Hel zu reiten und die Herrin der Totenwelt um Baldrs Freilassung zu bitten, ein Ritt, der neun Nächte durch dunkle, tiefe Täler führt, bevor er den Fluss Gjöll überquert. Diese Episode gehört zum Vorspiel des Weltuntergangs, den wir ausführlich in unserem Artikel über Ragnarök beschrieben haben.

Sleipnir ist damit ein Pferd, das die Grenze zwischen den neun Welten mühelos überwindet, ganz gleich, wer im Sattel sitzt. Genau diese Fähigkeit, zwischen Leben und Tod zu vermitteln, dürfte auch erklären, warum Bildsteine mit Ankunftsszenen in der Forschung so gerne mit Sleipnir in Verbindung gebracht werden: Ein achtbeiniges Pferd, das einen Reiter in eine andere Welt trägt, passt inhaltlich exakt zu der Rolle, die die Texte dem Tier zuschreiben, selbst wenn der Beweis am Stein selbst fehlt.

Warum Sleipnir bis heute fasziniert

Am Ende bleibt eine Figur, die auf ungewöhnliche Weise zwei Quellenarten zusammenhält, die sonst selten so klar aufeinander verweisen. Die Nordweg-Redaktion hält es für wichtig, hier ehrlich zu bleiben: Die Verbindung zwischen den gotländischen Bildsteinen und dem Sleipnir der Edda ist eine der am häufigsten wiederholten, aber am schwächsten direkt belegten Zuschreibungen der gesamten nordischen Ikonografie. Sie ist plausibel, sie ist naheliegend, und die meisten Fachpublikationen zur Wikingerzeit übernehmen sie inzwischen als wahrscheinlichste Deutung. Beweisen im strengen Sinn lässt sie sich jedoch nicht, solange keine beschriftete Parallele auftaucht, die das Pferd eindeutig benennt.

Gerade diese Unsicherheit macht Sleipnir aus Sicht der Redaktion zu einem lehrreichen Fall für den Umgang mit nordischer Mythologie insgesamt: Texte und Bilder ergänzen sich, widersprechen sich aber gelegentlich in dem, was sie tatsächlich beweisen können. Wer Sleipnir ernst nehmen will, muss beides nebeneinander stehen lassen, die Geschichte aus Lokis Verwandlung und Odins Ritten, und das nüchterne, unbeschriftete Pferd auf zwei Steinen aus Gotland, das vielleicht, aber eben nicht sicher, genau diese Geschichte in Stein festhält. In dieser Spannung zwischen Erzählung und Fundstück liegt, mehr als in jeder einzelnen Quelle für sich, das eigentlich Faszinierende an Odins Pferd.

Bildquelle: Berig (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons