Geschichte

Die Grabhügel von Alt-Uppsala: Königshügel und der legendäre Tempel

Die Grabhügel von Alt-Uppsala bergen Könige der Vendelzeit. Was die Ausgrabungen wirklich zeigen und warum Adam von Bremens Goldtempel umstritten bleibt.

Zwei der drei Königshügel von Alt-Uppsala in Schweden, grasbewachsen über einer flachen Ebene
Inhalt
  1. Drei Hügel auf einem Kiesrücken: Was die Grabhügel von Alt-Uppsala wirklich sind
  2. Was in den Königshügeln gefunden wurde
  3. Adam von Bremen und der Tempel aus Gold
  4. Mythos und Fakt: Was in Alt-Uppsala gesichert ist
  5. Die Pfostenreihen von 2012 und die Königshallen
  6. Zeitleiste: Von der Königshalle zum Erzbistum
  7. Was man heute in Alt-Uppsala sehen kann

Fünf Kilometer nördlich der schwedischen Universitätsstadt Uppsala wölben sich drei grasbewachsene Kuppen über eine ansonsten fast ebene Landschaft. Man sieht sie von weitem, und wer vor ihnen steht, begreift sofort, dass hier niemand Erde aufgeschüttet hat, um Tote zu verstecken. Die Grabhügel von Alt-Uppsala sollten gesehen werden. Sie gehören zu den größten vorchristlichen Monumenten Nordeuropas, und sie sind älter, als die meisten Besucher vermuten: Aufgeschüttet wurden sie nicht in der Wikingerzeit, sondern in den Jahrhunderten davor. Über demselben Ort liegt zugleich eine der hartnäckigsten Erzählungen der nordischen Religionsgeschichte. Ein Bremer Domherr beschrieb hier um 1070 einen Tempel, der ganz aus Gold gewesen sein soll, einen heiligen Hain voller gehängter Opfer und ein Fest, das sich alle neun Jahre wiederholte. Zwischen dem, was sich ausgraben lässt, und dem, was geschrieben wurde, klafft in Alt-Uppsala eine Lücke, die die Forschung bis heute nicht geschlossen hat.

Drei Hügel auf einem Kiesrücken: Was die Grabhügel von Alt-Uppsala wirklich sind

Die drei großen Hügel heißen auf Schwedisch schlicht Kungshögarna, die Königshügel, und werden nach ihrer Lage als Osthügel, Mittelhügel und Westhügel unterschieden. Jeder von ihnen misst zwischen rund fünfzig und fünfundsiebzig Meter im Durchmesser und erhebt sich bis zu etwa zehn Meter über das umgebende Gelände. Dass sie noch mächtiger wirken, als sie ohnehin sind, verdankt sich einem Trick der Landschaft und der Erbauer: Die Hügel stehen auf einem natürlichen Kiesrücken, einem eiszeitlichen Os, der sich wie ein Damm durch die Ebene zieht. Wer von Süden kommt, sieht die Kuppen also auf einem Sockel, den die Natur geliefert hat.

Gebaut wurden diese Monumente in der sogenannten Vendelzeit, also in den Jahrhunderten zwischen dem Ende der Völkerwanderung und dem Beginn der Wikingerzeit. Die archäologische Datierung weist auf das 6. Jahrhundert, teilweise auf das frühe 7. Jahrhundert. Das ist ein wichtiger Punkt, der in populären Darstellungen fast immer untergeht: Als Lindisfarne überfallen wurde und die klassische Wikingerzeit begann, waren die Hügel von Alt-Uppsala bereits rund zweihundert Jahre alt. Sie sind keine Wikingergräber. Sie sind die Monumente der Generationen, aus deren Welt die Wikinger erst hervorgingen.

Die volkstümlichen Namen Odinshügel, Thorshügel und Freyrshügel klingen uralt, sind es aber nicht. Sie stammen aus der gelehrten Altertumsbegeisterung des 17. Jahrhunderts, als schwedische Antiquare die Hügel mit den Göttertrias aus Adam von Bremens Tempelbericht kurzschlossen. Wer heute vor Ort einem Schild mit diesen Namen begegnet, liest also eine Deutung der Barockzeit, keine Überlieferung der Vendelzeit.

Etwas abseits liegt ein vierter, deutlich flacherer Hügel mit abgeplatteter Spitze, der Tingshügel. Er diente nach schriftlicher Überlieferung des Mittelalters als Versammlungsplatz, als Bühne für Rechtsprechung und Königswahl. Alt-Uppsala war damit kein reiner Friedhof, sondern ein Ort, an dem Bestattung, Kult, Markt und Politik auf engstem Raum zusammenfielen.

Was in den Königshügeln gefunden wurde

Zwei der drei großen Hügel sind archäologisch geöffnet worden. Der Osthügel wurde 1846 und 1847 unter der Leitung des Reichsantiquars Bror Emil Hildebrand untersucht, der Westhügel folgte 1874. Der Mittelhügel blieb bis heute im Wesentlichen unangetastet, was aus Sicht der heutigen Forschung ein Glücksfall ist: Was dort liegt, wartet auf Methoden, die noch niemand erfunden hat.

In beiden geöffneten Hügeln fanden sich keine Körperbestattungen, sondern Brandbestattungen. Die Toten waren auf einem Scheiterhaufen bei sehr hohen Temperaturen verbrannt worden, zusammen mit ihren Beigaben, und die Reste anschließend in einem Gefäß oder einer Packung im Zentrum des Hügels niedergelegt. Genau das macht die Auswertung so schwierig: Was übrig blieb, sind verschmolzene Metallklumpen, Knochensplitter und verglaste Reste. Dass die Archäologie daraus überhaupt ein Bild gewinnen konnte, grenzt an Detektivarbeit.

Die wichtigsten Befunde lassen sich so zusammenfassen:

  • Goldarbeiten mit Granateinlagen, also Cloisonné-Schmuck in der aufwendigsten Technik der Zeit, wie er sonst nur aus Elitegräbern Nord- und Mitteleuropas bekannt ist
  • Spielsteine aus Bein und Elfenbein, Hinweis auf ein Brettspiel und damit auf ein Statussymbol der Oberschicht
  • Bärenkrallen, die darauf hindeuten, dass die Toten auf Bärenfellen verbrannt wurden, ein in vendelzeitlichen Elitegräbern wiederkehrender Befund
  • Importiertes Glas und Reste kostbarer Gefäße, Beleg für Fernkontakte bis in den fränkischen und oströmischen Raum
  • Waffen- und Rüstungsteile, stark vom Feuer zerstört, im Westhügel darunter Beschläge, die zu einem reich verzierten Schwert gehörten

Wer dort tatsächlich lag, ist nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Für den Westhügel geht die Forschung mehrheitlich von einem Mann aus. Beim Osthügel ist die osteologische Deutung über Jahrzehnte hin und her gegangen, unter anderem wurde eine Frau sowie eine zusätzliche jüngere Person für möglich gehalten. Ehrlich bleibt nur die Feststellung: Die Hügel beweisen den Rang der Bestatteten, nicht ihren Namen. Jede Zuordnung an einen konkreten König aus der Ynglinga-Dynastie ist Vermutung, keine Fundlage.

Die Königshügel von Alt-Uppsala mit Besuchern auf den Kuppen, die den Maßstab der Monumente zeigen Bildquelle: Gunnar Creutz (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Adam von Bremen und der Tempel aus Gold

Der berühmteste Text über Alt-Uppsala stammt nicht aus Schweden. Adam von Bremen, Domherr und Geschichtsschreiber, verfasste um 1070 seine Kirchengeschichte der Hamburger Erzbischöfe. Im vierten Buch, einer Beschreibung der nordischen Länder, kommt er auf einen Ort zu sprechen, den er Ubsola nennt. Dort stehe ein Tempel, der ganz mit Gold überzogen sei. Darin verehre das Volk drei Götterbilder: Thor in der Mitte, zu seinen Seiten Wotan und Fricco. Thor herrsche über Donner, Wetter und Ernte, Wotan über den Krieg, Fricco über Frieden und körperliche Lust. Jedem Gott seien eigene Priester zugeordnet. Alle neun Jahre, so Adam weiter, finde ein gemeinsames Fest statt, zu dem alle Landschaften des Reiches Gaben schickten. Neun männliche Wesen jeder Art würden geopfert, und die Körper hänge man in einen heiligen Hain neben dem Tempel. Eine Randbemerkung in den Handschriften spricht von zweiundsiebzig hängenden Leibern, darunter Hunde und Pferde neben Menschen. Daneben nennt Adam einen immergrünen Baum, dessen Art niemand kenne, und eine Quelle, in der Menschen versenkt worden seien.

Dieser Bericht hat die Vorstellung vom heidnischen Norden geprägt wie kaum ein zweiter Text, und genau deshalb lohnt der kritische Blick. Adam war nie in Uppsala. Er schrieb aus Bremen und stützte sich auf Gewährsleute, allen voran den dänischen König Sven Estridsson, einen christlichen Herrscher, der keinen Anlass hatte, die noch heidnischen Schweden freundlich darzustellen. Adams Werk ist zudem kein neutraler Reisebericht, sondern eine Kirchengeschichte mit einem Zweck: Sie sollte den Missionsanspruch des Erzbistums Hamburg-Bremen über den gesamten Norden begründen. Ein Tempel voller Gold und ein Hain voller Gehängter sind in dieser Erzähllogik keine beiläufigen Details, sondern Argumente. Dazu kommt, dass Thietmar von Merseburg schon Jahrzehnte früher ein auffallend ähnliches Neunjahresopfer im dänischen Lejre beschrieb. Das Muster wiederholt sich, was den Verdacht nährt, dass hier ein literarischer Topos mitreist.

Redaktionell gesagt: Adam von Bremen als Lügner abzutun, wäre genauso bequem wie falsch. Dass in Alt-Uppsala über Generationen im großen Stil geopfert und gefeiert wurde, ist durch den Ort selbst kaum zu bestreiten. Nur sollte man seine Zahlen, sein Gold und seine Galgen als das lesen, was sie sind: Hörensagen aus zweiter Hand, aufgeladen für ein kirchliches Publikum.

Die Kirche von Alt-Uppsala, erbaut im 12. Jahrhundert auf dem alten Kultplatz Bildquelle: ArildV (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Mythos und Fakt: Was in Alt-Uppsala gesichert ist

Wo Text und Spaten auseinandergehen, hilft eine nüchterne Gegenüberstellung mehr als jede Erzählung.

BehauptungStand der Forschung
Drei große Hügel aus der VendelzeitGesichert, archäologisch datiert ins 6. bis frühe 7. Jahrhundert
Brandbestattungen mit ElitebeigabenGesichert durch die Grabungen von 1846/47 und 1874
Die Hügel gehören Odin, Thor und FreyrFalsch, die Namen stammen aus dem 17. Jahrhundert
Alt-Uppsala war ein Macht- und KultzentrumGesichert durch Hallenbauten, Pfostenreihen und Grabfelder
Ein Tempel ganz aus GoldNicht nachgewiesen, einzige Quelle ist Adam von Bremen
Opferfeste alle neun Jahre, Hain mit GehängtenUmstritten, literarisches Parallelmuster bei Thietmar von Merseburg
Der Tempel stand unter der heutigen KircheOffen, die Pfostenlöcher von 1926 sind verschieden deutbar
Hier lagen bestimmte Ynglinga-KönigeSpekulation, kein Fund nennt einen Namen

Die Pfostenreihen von 2012 und die Königshallen

Die größte Überraschung der jüngeren Forschung kam nicht aus den Hügeln, sondern aus dem flachen Feld daneben. Bei Untersuchungen in den Jahren 2012 und 2013, ausgelöst durch Bauarbeiten an der Verkehrsinfrastruktur, stießen schwedische Archäologen auf zwei nahezu parallele Reihen aus gewaltigen Pfostengruben. Jede Reihe zieht sich über eine Strecke von annähernd einem Kilometer durch die Landschaft. Die Pfosten selbst waren starke Stämme, von denen nur die Verfärbungen im Boden übrig sind, datiert in das 5. bis 6. Jahrhundert, also in die Zeit unmittelbar vor und während der Hügelbauten.

Was diese Anlage war, lässt sich nicht beweisen, aber die naheliegende Deutung ist bestechend: eine monumentale Zufahrt, eine Art Prozessionsstraße, die jeden Ankommenden zwischen zwei Reihen aufragender Hölzer hindurchführte, bevor er die Hügel und die Hallen erreichte. Wer Macht inszenieren will, baut nicht nur hoch, sondern lang.

Dazu passen die Hallenterrassen nördlich der heutigen Kirche. Dort wurde ein Gebäude von rund fünfzig Metern Länge nachgewiesen, eine Königshalle des 7. Jahrhunderts, die schließlich niederbrannte. Zusammen ergibt sich das Bild eines geplanten Ensembles: Anfahrt, Halle, Hügel, Versammlungsplatz. Alt-Uppsala war ein politisches Bühnenbild, und das über Jahrhunderte. Ein Vergleich drängt sich auf: Während Birka im Mälarsee der wirtschaftliche Knotenpunkt Svealands war, war Alt-Uppsala sein ritueller und dynastischer Mittelpunkt.

Der Tempel selbst aber bleibt flüchtig. 1926 legte der Archäologe Sune Lindqvist unter dem Boden der Kirche Pfostenlöcher frei und deutete sie als Reste genau jenes Tempels, von dem Adam schreibt. Spätere Forschergenerationen lasen dieselben Befunde anders, etwa als Spuren einer älteren Holzkirche oder eines Hallenbaus. Entschieden ist die Frage bis heute nicht, und seriös ist nur, das auch so zu sagen.

Zeitleiste: Von der Königshalle zum Erzbistum

  • 5. bis 6. Jahrhundert: Errichtung der monumentalen Pfostenreihen, erste große Hallenbauten auf den Terrassen
  • 6. bis frühes 7. Jahrhundert: Aufschüttung der drei Königshügel über Brandbestattungen der Elite
  • 7. Jahrhundert: Eine Halle von rund fünfzig Metern Länge steht nördlich des späteren Kirchplatzes und brennt später nieder
  • Um 1070: Adam von Bremen beschreibt Ubsola samt Tempel, Hain und Neunjahresopfer
  • 12. Jahrhundert: Bau der heutigen Steinkirche auf dem alten Zentrum
  • 1164: Alt-Uppsala wird Sitz des ersten schwedischen Erzbischofs
  • 1273: Der Erzbischofssitz wird nach Östra Aros verlegt, dem heutigen Uppsala
  • 1846/47 und 1874: Ausgrabung von Ost- und Westhügel
  • 2012/13: Entdeckung der kilometerlangen Pfostenreihen

Besonders aufschlussreich ist der Sprung von 1164 zu 1273. Alt-Uppsala wurde nicht einfach verlassen, es wurde christlich weitergenutzt und erst danach überholt. Der Ort verlor seine Bedeutung nicht an das Christentum, sondern an die Logistik: Östra Aros lag am Wasser und damit am Handel.

Was man heute in Alt-Uppsala sehen kann

Die Hügel sind frei zugänglich. Ein Pfad führt über die Wiese, man darf hinaufsteigen, und oben versteht man in wenigen Sekunden, warum dieser Ort gewählt wurde: Der Blick reicht weit über die Ebene, und die Ebene sieht zurück. Daneben steht die Kirche, deren heutige Gestalt nur ein Rest des größeren mittelalterlichen Baus ist, und ein Museum am Ort zeigt Funde, Rekonstruktionen und die Grabungsgeschichte. Wie eine solche Bestattung im Detail abgelaufen sein könnte, vertieft unser Artikel über die Schiffsbestattung der Wikinger.

Ein Faden reicht bis in die Gegenwart: Der Distingsmarkt, der bis heute jedes Jahr im Februar in Uppsala stattfindet, geht auf eine im Mittelalter bezeugte Markt- und Versammlungstradition der Region zurück. Zwischen dem vendelzeitlichen Fest auf dem Kiesrücken und dem Jahrmarkt der Gegenwart liegen anderthalb Jahrtausende, aber der Kalendertermin hat sich erstaunlich zäh gehalten.

Am Ende sind die Grabhügel von Alt-Uppsala genau deshalb so faszinierend, weil sie zwei Arten von Wissen gegeneinanderstellen. Die Erde liefert harte, sperrige Fakten: verbrannte Knochen, geschmolzenes Gold, Pfostenlöcher im Kies. Die Schrift liefert eine große, goldene, blutige Erzählung aus zweiter Hand. Beides gehört zum Ort. Nur wer beides sauber auseinanderhält, sieht Alt-Uppsala so, wie es tatsächlich war: nicht als Kulisse, sondern als Machtzentrum eines Reiches, dessen Namen wir bis heute nur in Bruchstücken kennen.

Bildquelle Titelbild: Pudelek (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons