Krieger & Schlachten
Wikinger Schild Aufbau: Material, Bauweise und Schildwall
Wikinger Schild Aufbau im Faktencheck: welches Holz, welcher Buckel, welches Gewicht und was die Funde von Gokstad und Trelleborg über den Schildwall verraten.
Inhalt
Kein Ausrüstungsstück der Wikingerzeit wird so oft gezeichnet und so selten verstanden wie der Rundschild. Wer sich den Wikinger Schild Aufbau genauer ansieht, findet keine schwere Bohlenplatte mit umlaufendem Eisenrand, sondern ein erstaunlich leichtes, fast zerbrechlich wirkendes Stück Handwerk: dünne Bretter, ein eiserner Buckel über der Faust, ein Rand aus Rohhaut und ein einziger Quergriff hinter der Mitte. Genau diese Bauweise entscheidet darüber, wie in der Wikingerzeit tatsächlich gekämpft wurde.
Und sie erklärt zugleich, warum von Zehntausenden Schilden fast nur rostige Metallteile übrig geblieben sind. Holz verrottet, Leder vergeht, Farbe löst sich auf. Was in den Museumsvitrinen liegt, ist meist nur der eiserne Kern eines Objekts, das zu neunzig Prozent aus organischem Material bestand. Umso wertvoller sind die wenigen Fundplätze, an denen Boden, Wasser oder Brandschutt ganze Schildscheiben konserviert haben.
Wikinger Schild Aufbau: dünne Bretter statt massiver Platte
Der typische Schild der Wikingerzeit war eine runde Scheibe aus mehreren schmalen Brettern, die Kante an Kante gelegt und nicht etwa verzahnt oder in einen Rahmen gespannt wurden. In der Mitte saß ein kreisrundes Loch, über dem von außen ein halbkugeliger Schildbuckel aus Eisen vernietet war. Dahinter, quer über die Öffnung, lief ein hölzerner Griff, den die Faust frei umschloss. Der Schild hing also nicht am Unterarm wie ein mittelalterlicher Reiterschild, sondern balancierte an einem einzigen Punkt vor der Hand.
Die Maße überraschen fast jeden, der die Objekte zum ersten Mal in natura sieht. Die Schilde aus dem Schiffsgrab von Gokstad in Vestfold, Norwegen, haben rund 94 Zentimeter Durchmesser, bestehen aber nur aus etwa sieben Millimeter dünnen Brettern. Das 2008 im dänischen Ringwall Trelleborg geborgene Exemplar misst etwa 80 Zentimeter und liegt mit rund sechs Millimetern Dicke noch darunter. Rekonstruktionen nach diesen Maßen wiegen je nach Beschlag und Randverstärkung ungefähr drei Kilogramm, manche sogar weniger. Das ist leichter als die meisten Repliken, die heute auf Mittelaltermärkten verkauft werden.
Dünn heißt in diesem Fall nicht schlecht. Ein dünnes Brett fängt einen Hieb nicht ab, es gibt nach, splittert kontrolliert und bremst die Klinge, statt sie starr zu blockieren. Ein schwerer Schild dagegen hätte jede Armbewegung verlangsamt, genau das, was im Nahkampf mit Axt, Speer und Seax tödlich endet. Die wikingerzeitlichen Schildmacher haben also nicht gespart, sie haben optimiert.
Welches Holz nahmen die Schildmacher?
Hier klaffen Dichtung und Befund auf interessante Weise auseinander. In der skaldischen Dichtung heißt der Schild gern lind, also Linde, und Linde ist tatsächlich ein ideales Schildholz: leicht, zäh, splittert nicht in großen Stücken. Die erhaltenen Scheiben erzählen jedoch eine andere Geschichte. Die Gokstad-Schilde bestehen aus Nadelholz, das Trelleborg-Exemplar wurde vom dänischen Nationalmuseum als Tannenholz bestimmt. Andere Fragmente, etwa aus dem Hafenschlamm von Haithabu, zeigen ebenfalls Nadelhölzer und vereinzelt Laubholz.
Die plausibelste Erklärung ist die unspektakulärste: Man nahm, was in der Nähe wuchs und sich gut spalten ließ. In Norwegen und Jütland war das Fichte, Kiefer oder Tanne, in waldärmeren Regionen notfalls alles, was gerade trocken lag. Der poetische Lindenschild gehört dagegen in dieselbe Kategorie wie das goldene Schwert des Helden: ein Bild, kein Materialnachweis. Wer die Waffen dazu kennenlernen will, findet im Artikel über die Waffen der Wikinger den passenden Überblick über Axt, Schwert und Speer.
Hör dir Járn ok þrumr an, während du weiterliest:
Der Schildbuckel: Eisen über der Faust
Der Schildbuckel ist das Teil, das die Jahrhunderte überlebt. In skandinavischen Gräbern, etwa in den zahlreichen Kriegerbestattungen von Birka auf der Insel Björkö im Mälaren, ist er häufig das einzige Zeugnis dafür, dass der Tote überhaupt einen Schild besaß: ein verrosteter Eisenhut, drumherum nichts als Erde.
Funktional ist er die eleganteste Lösung des gesamten Konstruktionsprinzips. Weil die Hand in der Mitte des Schildes sitzt und von vorn völlig ungeschützt wäre, wölbt sich über ihr eine Eisenhaube, die mit vier bis sechs Nieten durch die Holzscheibe gezogen ist. Diese Nieten halten gleichzeitig den Griff auf der Rückseite. Der Buckel schützt also nicht nur, er ist auch das statische Zentrum, das die lose nebeneinanderliegenden Bretter zusammenhält.
Im Kampf wurde er zudem offensiv eingesetzt. Ein Stoß mit dem Buckel bringt einen Gegner aus dem Gleichgewicht, und die harte Wölbung lässt eine anlaufende Klinge abgleiten, statt sie zu stoppen. Dass sich die Buckelformen im Lauf der Wikingerzeit verändern, von flacheren, breitkrempigen Typen hin zu höheren, spitzeren Varianten, erlaubt Archäologen heute grobe Datierungen auch dort, wo sonst nichts erhalten blieb.
Für die Grabforschung hat dieser Umstand eine unangenehme Nebenwirkung. Weil nur der Buckel überdauert, zählt die Statistik streng genommen nicht Schilde, sondern Eisenteile. Gräber ohne Buckel müssen deshalb nicht schildlos gewesen sein, und umgekehrt sagt ein einzelner Buckel wenig darüber, wie groß, wie bemalt oder wie abgenutzt die Scheibe war, die einmal daran hing. Wer Zahlen zur Bewaffnung der Wikingerzeit liest, sollte diese Lücke immer mitdenken.
Bildquelle: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons
Rand, Leder und Farbe: die unterschätzten Details
Der verwundbarste Punkt eines Schildes aus nebeneinanderliegenden Brettern ist die Kante. Ein Axthieb auf den Rand sprengt die Scheibe sonst wie ein Scheit Brennholz. Deshalb wurde der Rand gefasst: mit Rohhaut, die feucht aufgezogen wurde und beim Trocknen schrumpfte, mit genähtem Leder oder mit kleinen eisernen Klammern, die sich in Gräbern immer wieder einzeln finden. Ein durchgehender Metallring, wie ihn Filmrequisiten lieben, ist dagegen archäologisch nicht belegt.
Umstrittener ist die Frage, ob die Vorderseite flächig mit Leder oder Pergament bespannt war. Der dänische Archäologe Rolf Warming hat in seinen Studien zu wikingerzeitlichen Schilden dafür argumentiert, dass eine solche Bespannung die Regel und nicht die Ausnahme war, weil sie die dünnen Bretter zusammenhält und die Splitterwirkung deutlich senkt. Experimente mit Nachbauten stützen diese These, eindeutige organische Reste sind allerdings selten. Hier endet der Befund, und die Interpretation beginnt.
Farbe dagegen ist gesichert. Die Gokstad-Schilde waren abwechselnd gelb und schwarz bemalt und hingen in dieser Reihenfolge an der Bordwand des Schiffes. Aus dem Wikingergrab von Ballateare auf der Isle of Man stammen Schildbretter mit erhaltenen Farbspuren. Und die skaldische Dichtung kennt eine eigene Gattung, in der ein Dichter einen geschenkten, bemalten Schild beschreibt: Bragi Boddasons Ragnarsdrápa und Þjóðólfr ór Hvinis Haustlöng schildern mythologische Szenen, die angeblich auf der Schildfläche zu sehen waren. Ein Prunkschild war damit auch Bildträger und Statusobjekt.
| Fundstück | Ort | Was es über den Aufbau zeigt |
|---|---|---|
| Gokstad-Schilde | Vestfold, Norwegen | 64 Schilde am Schiffsrumpf, rund 94 cm, etwa 7 mm dünn, gelb und schwarz bemalt |
| Trelleborg-Schild | Seeland, Dänemark | nahezu vollständige Scheibe, rund 80 cm, etwa 6 mm, Tannenholz |
| Ballateare | Isle of Man | Schildbretter mit erhaltenen Farbresten aus einem Kriegergrab |
| Birka-Gräber | Uppland, Schweden | zahlreiche Schildbuckel ohne Holz, Grundlage der Buckel-Typologie |
| Haithabu, Hafenbereich | Schleswig | Holzfragmente, die die Brettbauweise bestätigen |
Der Schildwall: was die Quellen wirklich sagen
Das altnordische Wort skjaldborg, wörtlich Schildburg, taucht in Sagas und Skaldenstrophen regelmäßig auf, das altenglische Gegenstück bordweal unter anderem im Gedicht über die Schlacht von Maldon im Jahr 991. Es gab die Formation also, und sie war den Zeitgenossen ein eigenes Wort wert. Snorri Sturluson beschreibt in der Heimskringla mehrfach, wie sich eine Schildburg um einen König schließt, zuletzt in den Schilderungen zur Schlacht bei Stamford Bridge 1066.
Nur: Wie dicht diese Wand stand, sagt keine einzige Quelle. Die populäre Vorstellung, in der sich Schilde wie Dachziegel überlappen und die Reihe zur geschlossenen Mauer erstarrt, stammt eher aus römischen Darstellungen und aus dem Kino als aus nordischen Texten. Gegen sie spricht ausgerechnet der Aufbau des Schildes selbst: Eine Scheibe, die an einem einzigen Fausthandgriff hängt, lässt sich kippen, drehen und vorstoßen, aber nur schwer starr gegen die Nachbarscheibe pressen. Sechs Millimeter Tannenholz sind kein Baumaterial für eine Mauer, sie sind ein bewegliches Werkzeug.
Hinzu kommt ein praktisches Argument. In einer wirklich verzahnten Wand könnte kaum jemand seine Waffe sinnvoll führen, weil der eigene Schild den Nachbarn blockiert und jeder Speerstoß an fremdem Holz hängen bleibt. Die Schlachtberichte beschreiben dagegen Reihen, die vorrücken, wanken und nachsetzen, dazu Männer, die aus der Linie ausbrechen und wieder aufgenommen werden. Das klingt nach Zusammenhalt, nicht nach Verriegelung.
Unsere Einschätzung in der Redaktion: Der Schildwall der Wikingerzeit war vermutlich eher eine dichte, disziplinierte Reihe als ein verzahnter Block, in der jeder Kämpfer seinen eigenen Schild aktiv führte und dabei die Flanke des Nebenmanns mitdeckte. Das passt zur Materialfrage, es passt zu den Speeren, die in den Gräbern dominieren, und es passt zu Berichten, in denen Schildwälle sich öffnen, verschieben und wieder schließen. Eine wirklich verriegelte Mauer wäre dafür schlicht zu unbeweglich gewesen.
Mythos gegen Fakt
- Mythos: Wikingerschilde waren schwere Bohlen mit Eisenrand. Fakt: Sechs bis zehn Millimeter dünne Bretter, der Rand meist aus Rohhaut oder Leder.
- Mythos: Jeder Schild war ein individuelles Kunstwerk. Fakt: Die Gokstad-Schilde folgen einem schlichten Zweifarbenschema, aufwendige Bildschilde waren Geschenke für die Oberschicht.
- Mythos: Der Schild hing am Unterarm. Fakt: Er wurde mit einem Quergriff in der Faust geführt, geschützt vom Buckel.
- Mythos: Schilde an der Bordwand dienten im Kampf als Reling-Panzer. Fakt: Die Gokstad-Anordnung gilt heute vor allem als Zier- und Transportlösung, nicht als Gefechtsstellung.
- Mythos: Die Berserker bissen in den Schildrand, weil es die Sagas erfanden. Fakt: Snorri schreibt es in der Ynglinga saga tatsächlich, ob es je geschah, steht auf einem anderen Blatt.
Was der Wikingerschild über seine Besitzer verrät
Der Wikinger Schild Aufbau ist ein Lehrstück darüber, wie Material, Handwerk und Kampfweise zusammenhängen. Ein Schild aus gespaltenen Brettern, einem Stück Rohhaut und einer Handvoll Nieten kostete wenig, war in Tagen gebaut und nach einer harten Schlacht Verbrauchsmaterial. Genau deshalb konnte sich praktisch jeder wehrfähige Mann einen leisten, während ein Schwert dem Vermögen eines kleinen Hofes entsprach.
Wer verstehen will, wie aus diesen leichten Scheiben ganze Flotten und Heere wurden, findet im Artikel über das Gokstad-Schiff den Kontext: dasselbe Grab, dieselbe Werkstattkultur, dieselbe nüchterne Logik aus Holz, Eisen und Erfahrung. Der Rundschild war kein Prunkstück, sondern das Gegenteil davon, und gerade das macht ihn zum ehrlichsten Ausrüstungsstück der Wikingerzeit.
Bildquelle Titelbild: Paul Hermans (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons