Krieger & Schlachten

Ulfberht Schwert: Die Hightech-Klinge der Wikingerzeit

Ulfberht Schwert: Warum rund 170 Klingen mit der Inschrift +VLFBERH+T als Hightech des 10. Jahrhunderts gelten und was die Metallurgie heute wirklich zeigt.

Griff und Klingenansatz eines Ulfberht-Schwerts in einer Museumsvitrine, die eingelegte Inschrift auf der Klinge ist deutlich zu erkennen
Inhalt
  1. Was ein Ulfberht Schwert ausmacht
  2. Die Inschrift lesen: +VLFBERH+T und was die Kreuze verraten
  3. Ein Stahl, den es in Europa nicht geben dürfte
  4. Die Spur nach Osten und der Einspruch aus Hannover
  5. Markenpiraterie im 10. Jahrhundert
  6. Verbotene Ware: Wie fränkische Könige den Export stoppen wollten
  7. Was vom Ulfberht Schwert wirklich bleibt

Es gibt in der Wikingerzeit wenige Objekte, bei denen Materialwissenschaft, Fernhandel und so etwas wie frühes Markenrecht derart unbequem ineinandergreifen. Ein Ulfberht Schwert erkennt man nicht an seiner Form, nicht am Griff und nicht am Fundort, sondern an acht Zeichen, die jemand in die glühende Klinge eingelegt hat: +VLFBERH+T. Rund 170 solcher Klingen sind heute bekannt, geborgen aus norwegischen Gräbern, aus der Weser, aus Flüssen und Seen in Polen und aus Gräberfeldern an der Wolga. Sie verteilen sich über das 9. bis 11. Jahrhundert, und ein Teil von ihnen besteht aus einem Stahl, den man im Europa dieser Zeit nach allem, was wir über die damaligen Öfen wissen, gar nicht herstellen konnte. Genau diese Lücke zwischen Befund und Erwartung macht die Gruppe seit über hundert Jahren zu einem Dauerthema der Forschung.

Was ein Ulfberht Schwert ausmacht

Zuerst das Wichtigste, weil es fast immer durcheinandergeht: Ulfberht ist kein Schwerttyp. Es ist eine Signatur auf der Klinge, und zwar nur auf der Klinge.

Die Waffen selbst sehen aus wie andere Schwerter ihrer Zeit. Zweischneidig, meist um die 90 Zentimeter lang, mit einer breiten Hohlkehle in der Mitte, die Gewicht spart, ohne die Steifigkeit zu zerstören. Die Griffe dagegen sind völlig uneinheitlich. In der Typologie, die der norwegische Archäologe Jan Petersen 1919 in seiner Arbeit über die norwegischen Wikingerschwerter aufgestellt hat, verteilen sich die Ulfberht-Funde über mehrere verschiedene Griffformen. Das klingt nach einem Detail, ist aber der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Phänomens.

Denn es bedeutet: Klinge und Griff kamen nicht aus derselben Werkstatt. Die Klinge wurde gehandelt, der Griff vor Ort montiert, oft Jahrzehnte nach der Herstellung und im Geschmack der jeweiligen Region. Wer ein solches Schwert kaufte, kaufte in erster Linie Stahl. Alles andere ließ er sich dort machen, wo er lebte. Wie teuer ein fertiges Schwert dadurch wurde und warum es in Gräbern deutlich seltener auftaucht als Axt oder Speer, haben wir im Überblick über die Waffen der Wikinger genauer aufgeschlüsselt.

Der Name selbst ist kontinentalgermanisch, nicht nordisch. Er setzt sich aus den Bestandteilen Wolf und hell oder glänzend zusammen, so wie Dutzende fränkische Namen dieser Zeit. Dass die Inschrift über rund zwei Jahrhunderte auftaucht, spricht gegen einen einzelnen Schmied. Wahrscheinlicher ist eine Werkstatt oder eine Familie im fränkischen Raum, in der der Name weitergegeben wurde wie später ein Firmenname.

Die Inschrift lesen: +VLFBERH+T und was die Kreuze verraten

Die Buchstaben sind nicht eingeritzt und nicht eingeschlagen. Sie sitzen im Metall.

Der Schmied meißelte die Zeichen als Vertiefungen in die noch warme Klinge, legte dünne, meist tordierte Eisen- oder Stahldrähte hinein, verschweißte sie im Feuer mit dem Klingenkörper und schliff die Oberfläche anschließend plan. Nach dem Polieren oder leichtem Ätzen hoben sich die Buchstaben hell gegen den dunkleren Grund ab. Das ist derselbe Gedanke wie bei der Tauschierung an Prunkwaffen, nur ohne Edelmetall und auf dem Teil der Waffe, der im Kampf wirklich belastet wird.

+VLFBERH+T

Eine Besonderheit beschäftigt die Forschung besonders. Bei einem Teil der Klingen steht das zweite Kreuz zwischen H und T, bei anderen hinter dem T, also +VLFBERHT+. Der britische Metallurge Alan Williams, lange an der Wallace Collection in London tätig, hat in seinen Untersuchungen den Zusammenhang hergestellt, der diese Kleinigkeit berühmt gemacht hat: Die Klingen mit dem eingeschobenen Kreuz gehören auffallend oft zur Gruppe mit dem außergewöhnlichen Stahl, die mit dem nachgestellten Kreuz eher nicht. Die Schreibweise wird dadurch zum Prüfstein, fast zu einem Echtheitsmerkmal.

Man sollte daraus allerdings keine Regel machen, die über jeden Einzelfall entscheidet. Die Zahl der chemisch untersuchten Klingen ist klein, die Korrosion hat vielen Inschriften zugesetzt, und manche Lesung ist Interpretation. Was bleibt, ist ein starker Trend, kein Gesetz.

Die Klinge des Schwerts aus der Weser bei Großenwieden, unten ist die Inschrift +VLFBERH+T zur besseren Lesbarkeit nachgezeichnet

Bildquelle: Axel Hindemith (CC BY 3.0), via Wikimedia Commons

Hör dir Járn ok þrumr an, während du weiterliest:

Ein Stahl, den es in Europa nicht geben dürfte

Um zu verstehen, warum Fachleute bei manchen dieser Klingen aufhorchen, muss man wissen, wie Eisen im frühen Mittelalter entstand.

Europäische Schmiede arbeiteten mit dem Rennfeuer. Darin wurde Erz bei Temperaturen verhüttet, die zum Schmelzen des Eisens nicht ausreichten. Übrig blieb eine schwammige, mit Schlacke durchsetzte Luppe, die man auskochen, falten und immer wieder ausschmieden musste. Der Kohlenstoffgehalt war dabei nicht steuerbar, sondern Glückssache: an einer Stelle zu weich, an der anderen zu spröde. Die Antwort auf dieses Problem heißt Damaszierung oder genauer Musterschweißen. Man verschweißt Stäbe unterschiedlicher Härte miteinander, tordiert sie und erhält eine Klinge, die ihre Schwächen über die ganze Länge verteilt. Die charakteristischen Muster, die dabei entstehen, waren ursprünglich ein Nebenprodukt der Technik und wurden erst später zum Schmuck.

Musterverschweißte Klinge eines Wikingerschwerts, nachgeschmiedet von einem dänischen Schwertschmied, mit deutlich sichtbarem Chevronmuster

Bildquelle: Niels Provos (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons, Klinge von Ejvind Nørgård

Und genau hier weichen die besten Ulfberht-Klingen ab. Sie sind nicht musterverschweißt. Sie bestehen aus einem weitgehend gleichmäßigen, hochgekohlten Stahl mit rund einem Prozent Kohlenstoff und auffallend wenigen Schlackeneinschlüssen. Solches Material entsteht nur, wenn das Metall vollständig flüssig war. Vollständig flüssig wurde Eisen in Europa aber erst Jahrhunderte später, mit dem Hochofen. Im Tiegelverfahren, wie es in Zentralasien, Persien und Indien seit langem beherrscht wurde, war es dagegen möglich: Erz, Kohlenstoffträger und Flussmittel wurden in einem geschlossenen Gefäß so lange erhitzt, bis sich alles zu einem homogenen Barren verband.

Eine Klinge aus diesem Material ist einer gewöhnlichen Rennfeuerklinge überlegen. Sie ist härter, hält die Schneide länger, lässt sich schlanker schmieden und bricht trotzdem nicht so leicht. Übernatürlich ist daran nichts. Es ist schlicht besseres Ausgangsmaterial.

Die Spur nach Osten und der Einspruch aus Hannover

Wenn das Material aus dem Osten kam, braucht es einen Weg. Den gibt es, und er ist archäologisch gut belegt.

Über die russischen Flusssysteme verband die Wolgaroute Skandinavien mit dem Reich der Wolgabulgaren und über das Kaspische Meer mit dem islamischen Kulturraum. Zurück flossen vor allem Silbermünzen: Hunderttausende arabische Dirhams liegen in nordeuropäischen Horten, in Gotland besonders dicht. Dass auf demselben Weg auch Barren aus Tiegelstahl nach Westen gelangten, ist eine naheliegende, aber nicht direkt bewiesene Annahme. Wie dicht dieses Netz tatsächlich war, zeigt unser Artikel über die Handelswege der Wikinger.

Ein Fund macht die Verbindung besonders anschaulich: Im Historischen Museum in Kasan liegt eine Ulfberht-Klinge, eine von mehreren, die im Gebiet der Wolgabulgaren gefunden wurden. Eine fränkische Markenklinge, über tausende Kilometer östlich ihres Herstellungsorts, in einer Region, aus der womöglich der Rohstoff selbst stammte.

Ulfberht-Schwert im Historischen Museum in Kasan, eine von mehreren Klingen aus dem Gebiet der Wolgabulgaren

Bildquelle: Dbachmann (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Gegen die reine Ostvariante steht allerdings ein ernstzunehmender Einspruch. Der Chemiker Robert Lehmann von der Leibniz Universität Hannover untersuchte das Schwert aus der Weser bei Großenwieden und kam über Spurenelemente und Bleiisotope zu einem mitteleuropäischen Ursprung des Metalls, mit einem Hinweis auf Erz aus dem Taunus. Für diese eine Klinge spricht der Befund gegen eine Reise aus Zentralasien.

Beides schließt sich nicht aus, und das ist die redaktionelle Einschätzung, die wir an dieser Stelle für die ehrlichste halten: Eine Marke, die über zweihundert Jahre läuft, ist keine Serie. Sie ist ein Name, unter dem zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gutes Material verarbeitet wurde, mal importiert, mal regional. Wer die Frage nach der Herkunft mit einer einzigen Antwort schließen will, verwechselt ein Werkstattzeichen mit einer Rezeptur.

Markenpiraterie im 10. Jahrhundert

Das vielleicht Menschlichste an dieser Geschichte sind die Fälschungen.

Neben den hochwertigen Klingen existieren zahlreiche Stücke mit derselben Inschrift, deren Material schlicht gewöhnlich ist: zusammengeschweißtes Eisen, weicher Kern, unregelmäßiger Kohlenstoffgehalt. Teilweise sind die Buchstaben verdreht, verschoben oder falsch verteilt, was bei einem Schmied, der des Lesens nicht mächtig war, kein Wunder ist. Der Name allein war offenbar schon Verkaufsargument genug. Es ist einer der frühesten greifbaren Fälle von Produktpiraterie in Europa, und er sagt mehr über den Ruf der Werkstatt aus als jedes Lob in einer Saga.

Verbreitete BehauptungWas der Befund hergibt
Ulfberht war ein einzelner MeisterschmiedDie Inschrift läuft über rund zwei Jahrhunderte, das überlebt kein Handwerkerleben
Jedes Ulfberht-Schwert ist SpitzenqualitätNur ein Teil der untersuchten Klingen zeigt den hochwertigen Stahl, andere sind Massenware mit berühmtem Namen
Die Klingen waren WikingerarbeitName und Technik weisen in den fränkischen Raum, in den Norden kamen sie über Handel und Beute
Der Stahl war ein verlorenes GeheimnisTiegelstahl war im Osten bekannt, in Europa fehlte die Ofentechnik, nicht die Idee
Die Inschrift war magisch gemeintSie steht an der Stelle, an der heute eine Marke steht, und wurde genau deshalb kopiert

Verbotene Ware: Wie fränkische Könige den Export stoppen wollten

Dass Waffen dieser Güte in den Norden gingen, war der fränkischen Obrigkeit durchaus bewusst, und sie versuchte es zu unterbinden.

Bereits unter Karl dem Großen untersagten Kapitularien den Verkauf von Waffen und Rüstungen an Völker jenseits der Reichsgrenzen. Karl der Kahle wiederholte das Verbot im Edikt von Pîtres im Jahr 864 und richtete es ausdrücklich gegen die Normannen, also gegen die Wikinger, die zu diesem Zeitpunkt tief ins Frankenreich hinein operierten. Dass ein Verbot mehrfach erlassen werden muss, ist in der Regel ein Hinweis darauf, dass es nicht funktioniert hat.

Die Fundkarte bestätigt das eindrucksvoll. Gerade in Norwegen, wo die Sitte der Waffenbeigabe im Grab besonders ausgeprägt war, liegt der Schwerpunkt der Ulfberht-Funde. Was verboten war, wurde geschmuggelt, erbeutet oder als Tribut weitergereicht.

Einige bekannte Stücke und wo sie heute liegen:

Fundort oder FundregionAufbewahrungBesonderheit
Altrhein bei der Friesenheimer Insel, MannheimGermanisches Nationalmuseum, Nürnberg1960 geborgen, Klinge des 9. Jahrhunderts mit klar lesbarer Inschrift
Weser bei Großenwieden, NiedersachsenNiedersachsen, naturwissenschaftlich untersuchtGrundlage der Analyse, die auf Erz aus dem Taunus deutet
Schwedt, BrandenburgMuseum für Vor- und Frühgeschichte, BerlinKlinge des 10. Jahrhunderts, mehrfach in Ausstellungen gezeigt
Gebiet der WolgabulgarenHistorisches Museum, KasanBeleg für die Reichweite der Klingen nach Osten
Norwegen, verschiedene GrabfundeNorwegische MuseumssammlungenGrößte zusammenhängende Fundgruppe überhaupt

Was vom Ulfberht Schwert wirklich bleibt

Die Popkultur hat aus diesen Klingen eine Art Zauberschwert gemacht, und die Dokumentationen der letzten Jahre haben kräftig mitgeholfen. Das ist schade, denn die nüchterne Version ist die interessantere.

Ein Ulfberht Schwert belegt, dass im 9. und 10. Jahrhundert ein Werkstattname über zweihundert Jahre und über tausende Kilometer hinweg einen Wert hatte. Es belegt, dass Material, Technik und Ruf schon damals drei getrennte Dinge waren, die man getrennt kaufen, kopieren und verlieren konnte. Und es belegt, dass die Wikingerzeit kein geschlossener nordischer Kosmos war, sondern ein Netz, in dem fränkischer Stahl, arabisches Silber und möglicherweise zentralasiatische Barren in denselben Gräbern landeten.

Was wir nicht wissen, bleibt groß. Wir kennen keine Werkstatt, keinen Ofen, keine Lieferliste und keinen einzigen Namen eines Käufers. Wir haben eine Signatur, ein paar Dutzend untersuchte Klingen und eine Verbreitungskarte. Für ein Objekt, das seit über hundert Jahren in jedem Standardwerk zur Wikingerzeit auftaucht, ist das erstaunlich wenig. Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Thema nicht zur Ruhe kommt.

Bildquelle Titelbild: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons