Krieger & Schlachten

Schildmaiden: Kämpften Wikinger-Frauen wirklich?

Kämpften Schildmaiden wirklich? Was Saxo Grammaticus, die Hervarar-Saga und das Birka-Grab Bj 581 über Wikinger-Frauen im Kampf tatsächlich belegen können.

Eine bewaffnete Wikinger-Frau mit Schild und Schwert vor einem Schildwall
Inhalt
  1. Was der Begriff “Schildmaid” überhaupt meint
  2. Saxo Grammaticus und die 300 Schildmaiden von Bråvalla
  3. Die Hervarar-Saga: Hervör, die Grabräuberin
  4. Was die Archäologie tatsächlich zeigt: Birka Bj 581
  5. Weitere Gräber, weitere Fragezeichen
  6. Rus-Chroniken und byzantinische Berichte
  7. Warum die Frage so umstritten bleibt
  8. Fiktion, Übertreibung und der harte Kern

Gab es sie wirklich - Frauen, die mit Schild und Schwert in den Schildwall traten und an der Seite der Männer kämpften? Die Schildmaiden gehören zu den hartnäckigsten Fragen der gesamten Wikingerforschung, und ausgerechnet ihre Beliebtheit macht die Antwort schwerer, nicht leichter. Fernsehserien haben aus ihnen selbstverständliche Heldinnen gemacht. Die Quellenlage ist deutlich unbequemer: ein Gewirr aus Sagas, einem einzigen viel zitierten Grab und jeder Menge Wunschdenken auf beiden Seiten der Debatte.

Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht genau - und genau das macht die Sache spannend. Schauen wir uns an, was die Quellen tatsächlich hergeben.

Was der Begriff “Schildmaid” überhaupt meint

Zunächst eine Klärung, die in der Debatte oft untergeht: Schildmaid (altnordisch skjaldmær) bezeichnet eine sterbliche Frau, die als Kriegerin kämpft - kein übernatürliches Wesen. Das unterscheidet sie klar von den Walküren, jenen Schicksalsgeistern Odins, die über Leben und Tod auf dem Schlachtfeld entscheiden, ohne selbst am Kampf teilzunehmen. Wer mehr über diese Totenwählerinnen erfahren möchte, findet sie in unserem Artikel über die Walküren - dort geht es um Mythologie, hier geht es um eine historische und literarische Figur aus Fleisch und Blut, oder zumindest um deren Behauptung.

Die Grenze zwischen beiden verschwimmt in den Quellen selbst immer wieder, was die Verwirrung nur vergrößert. Manche Dichter benutzen “Schildmaid” fast synonym mit “Walküre”, andere meinen eindeutig eine reale Kämpferin. Genau diese Unschärfe ist der erste Hinweis darauf, wie schwierig das Thema wird.

Saxo Grammaticus und die 300 Schildmaiden von Bråvalla

Die ausführlichste und zugleich problematischste Quelle stammt nicht aus Skandinavien selbst, sondern von einem dänischen Geistlichen. Saxo Grammaticus schrieb um 1200 seine Gesta Danorum, eine lateinische Geschichte der Dänen, die mythische Vorzeit und halbhistorische Ereignisse munter vermischt. Saxo berichtet von der legendären Schlacht von Bråvalla, in der angeblich rund 300 Schildmaiden auf Seiten des schwedischen Königs Sigurd Ring kämpften, angeführt von einer gewissen Webiorg und der berühmteren Hetha.

Saxo selbst war von dieser Vorstellung sichtlich unwohl. Er schreibt sinngemäß, solche Frauen hätten “die Natur verleugnet” und ihre Weiblichkeit gegen kriegerische Härte eingetauscht - ein Kommentar, der weniger Faktenbericht als moralische Warnung ist. Das ist bezeichnend: Saxo erzählt von Schildmaiden nicht, weil er sie bewundert, sondern weil er sie als Zeichen einer aus den Fugen geratenen, vorchristlichen Welt versteht.

Aus derselben Feder stammt auch die früheste Fassung der Lagertha-Legende, jener Kriegerin, die angeblich an der Seite Ragnar Lodbroks kämpfte und ihn später sogar heiratete. Saxo beschreibt sie mit offenem Haar, das ihr im Kampf über die Schultern fällt - ein Bild, das sich seither durch jede moderne Nacherzählung zieht. Nur: Saxo schrieb das rund 400 Jahre nach der Zeit, in der Ragnar gelebt haben soll, in einer literarischen Tradition, die Heldenlegenden gezielt ausschmückte. Als Augenzeugenbericht taugt das nicht.

Die Hervarar-Saga: Hervör, die Grabräuberin

Ein zweites zentrales Zeugnis liefert die Hervarar saga ok Heiðreks, eine der isländischen Fornaldarsögur (“Sagas der Vorzeit”), niedergeschrieben im 13. Jahrhundert. Ihre Heldin Hervör ist eine der eindrucksvollsten Kriegerinnengestalten der gesamten altnordischen Literatur.

Hervör wächst als Tochter eines gefallenen Kriegers auf, kleidet sich in Männerkleidung, nennt sich zeitweise “Hervarðr” und zieht schließlich zur Grabinsel ihres toten Vaters Angantýr, um dessen verfluchtes Schwert Tyrfing zurückzufordern. Die Saga beschreibt die Szene mit einer Wucht, die bis heute nachwirkt:

Hervör ruft in die brennenden Grabfeuer hinein: “Weckt mich nicht mit Zauber, wenn ihr mir das Schwert nicht gebt, das die Zwerge schmiedeten. Es ziemt sich nicht, dass ihr im Grabe Waffen tragt, während ich, eine Frau, ohne Furcht vor euch stehe.”

Hervör bekommt das Schwert, zieht danach jahrelang als Wikingerin und Kriegerin durch die Welt, bevor sie später heiratet und ein geregeltes Leben führt. Genau dieser letzte Punkt ist bemerkenswert: Die Saga behandelt ihr Kriegerdasein nicht als permanenten Zustand, sondern als eine Lebensphase, die sie später gegen Ehe und Mutterschaft eintauscht. Das passt zu einem Muster, das in mehreren Sagas auftaucht - junge, unverheiratete Frauen dürfen vorübergehend männliche Rollen annehmen, bevor die gesellschaftliche Ordnung sie wieder einholt.

Was die Archäologie tatsächlich zeigt: Birka Bj 581

Über Jahrzehnte konnten sich Skeptiker auf ein Argument verlassen: Die Sagas sind Literatur, keine Geschichtsschreibung, und kein einziges Grab beweise eine bewaffnete Wikinger-Frau. Dieses Argument brach 2017 in sich zusammen.

Das Grab Bj 581 in Birka, Schwedens bedeutendstem Handelsort der Wikingerzeit, war bereits 1878 vom Archäologen Hjalmar Stolpe ausgegraben worden. Es enthielt eine beeindruckende Kriegerausstattung: ein Schwert, eine Streitaxt, einen Speer, Pfeile, zwei Schilde und - besonders bemerkenswert - ein komplettes Brettspiel samt Spielsteinen, das man mit taktischer Kriegsführung in Verbindung bringt. Jahrzehntelang galt das Grab selbstverständlich als das eines männlichen Kriegers, so wie es in praktisch jedem Museumskatalog beschrieben wurde.

2017 veröffentlichte ein Team um die Osteologin Anna Kjellström und die Genetikerin Charlotte Hedenstierna-Jonson eine DNA-Analyse der Knochen in der Fachzeitschrift American Journal of Physical Anthropology. Das Ergebnis: keine Y-Chromosomen, dafür zwei X-Chromosomen. Das Skelett in Bj 581 gehörte biologisch eindeutig einer Frau.

Die Debatte, die daraufhin losbrach, ist bis heute nicht abgeschlossen. Kritiker wandten ein, die Knochen im Grab könnten mit Grabbeigaben aus einer anderen, benachbarten Bestattung vermischt worden sein - eine berechtigte methodische Sorge angesichts der Ausgrabungstechnik des 19. Jahrhunderts. Eine Folgestudie 2019 unter Hedenstierna-Jonson widersprach dem allerdings: Die Knochen zeigten keine Anzeichen einer Vermischung, alle untersuchten Elemente stammten von ein und demselben Individuum. Andere Forscher, etwa der Archäologe Neil Price, unterstützten die Deutung als Kriegerinnengrab; wieder andere, wie Judith Jesch, mahnten zur Vorsicht: Waffen im Grab beweisen noch nicht, dass die Frau tatsächlich gekämpft hat - sie könnten auch Statussymbole, Erbstücke oder Zeichen einer militärischen Führungsrolle ohne eigenen Waffengang gewesen sein.

Das ist der Kern der heutigen wissenschaftlichen Kontroverse, und Redlichkeit gebietet, sie genau so stehen zu lassen: Bj 581 beweist, dass eine biologische Frau mit voller Kriegerausstattung bestattet wurde. Es beweist nicht zweifelsfrei, dass diese Frau selbst in der Schlacht stand.

Weitere Gräber, weitere Fragezeichen

Bj 581 steht nicht völlig allein, auch wenn es das bekannteste Beispiel ist. In Solør, Norwegen, wurde bereits im 19. Jahrhundert ein Grab mit Schwert, Axt, Speer und Schild ausgegraben, das man lange einem Mann zuschrieb - erst eine osteologische Neuuntersuchung 2019 identifizierte die Knochen als weiblich. Auch aus Nordre Kjølen in Norwegen und vereinzelt aus dänischen Fundorten sind Frauengräber mit Waffenbeigaben bekannt, wenn auch in deutlich geringerer Zahl als Männergräber mit Waffen.

Diese Funde bleiben Ausnahmen. Die überwältigende Mehrheit der Waffengräber der Wikingerzeit gehört Männern, und die überwältigende Mehrheit der Frauengräber enthält typisch weibliche Grabbeigaben wie Schmuck, Webgewichte und Schlüssel - Objekte, die auf die Verwaltung des Haushalts verweisen, eine ebenfalls machtvolle Rolle in der Wikingergesellschaft. Wer aus einer Handvoll Gräber auf eine ganze Klasse regulärer Kriegerinnen schließt, überdehnt die Beweislage. Wer die Funde aber komplett ignoriert, tut dasselbe in die andere Richtung.

Rus-Chroniken und byzantinische Berichte

Ein weiteres, oft übersehenes Indiz stammt aus einer ganz anderen Richtung: den Berichten über die Rus, die schwedischstämmigen Wikinger, die Handelswege bis nach Konstantinopel und ins heutige Russland unterhielten. Der byzantinische Chronist Johannes Skylitzes notiert in seiner Beschreibung der Kämpfe zwischen den Rus und dem byzantinischen Reich im Jahr 971 bei der Belagerung von Dorostolon, dass unter den gefallenen Rus-Kriegern, die die Byzantiner nach der Schlacht auf dem Feld fanden, auch bewaffnete Frauen entdeckt wurden.

Diese Notiz ist knapp, beiläufig und stammt nicht aus nordischer Feder, was sie in mancher Hinsicht glaubwürdiger macht als eine ausschmückende Saga - ein fremder Chronist hatte keinen offensichtlichen Grund, so etwas zu erfinden. Sie beweist keine institutionalisierte Kriegerinnenkaste, aber sie passt zu einem Muster: vereinzelte, reale Fälle bewaffneter Frauen in einem im Kern männlich dominierten Kriegerwesen.

Warum die Frage so umstritten bleibt

Die Debatte um Schildmaiden ist deshalb so hitzig, weil sie selten rein historisch geführt wird. Auf der einen Seite steht der berechtigte Wunsch, das oft einseitig männlich erzählte Wikingerbild zu korrigieren und Frauen ihren tatsächlichen Anteil an dieser Gesellschaft zurückzugeben - als Kauffrauen, Gutsherrinnen, Priesterinnen und, ja, vielleicht auch als Kriegerinnen. Auf der anderen Seite steht die berechtigte Sorge, ein modernes Wunschbild in eine Quellenlage hineinzulesen, die dafür schlicht zu dünn ist.

Beide Extreme greifen zu kurz. Wer behauptet, Schildmaiden hätten regulär in geschlossenen Formationen neben Männern gekämpft, überstrapaziert die Belege deutlich. Wer aber behauptet, es habe nie eine bewaffnete Frau gegeben, ignoriert Bj 581, Solør und den Bericht des Skylitzes. Die ehrlichste Position liegt in der Mitte: Es gab wahrscheinlich vereinzelte Frauen, die kämpften oder zumindest mit voller Kriegerausrüstung bestattet wurden - aber es gibt keinen Beleg für reguläre, gesellschaftlich institutionalisierte Frauentruppen, wie Saxos 300 Schildmaiden von Bråvalla sie schildern. Das Massenphänomen bleibt Legende. Der Einzelfall ist plausibel.

Interessant ist auch, wie diese Kriegerinnen bewaffnet gewesen wären. Das ikonische Langschiff der Wikinger transportierte Krieger beiderlei Geschlechts über weite Strecken - wer sich für die Technik hinter diesen Fahrten interessiert, findet mehr dazu in unserem Artikel über das Langschiff. Und wer als Schildmaid tatsächlich kämpfte, tat das vermutlich mit denselben Waffen wie ihre männlichen Zeitgenossen: Rundschild, Speer, Axt, seltener das teure Schwert - wie es auch in Bj 581 lag.

Fiktion, Übertreibung und der harte Kern

Am Ende bleibt eine Beobachtung, die für die gesamte Wikingerforschung typisch ist: Die Fiktion war ihrer Zeit voraus, und die Archäologie holt sie erst Jahrhunderte später ein - manchmal bestätigend, manchmal widerlegend, meistens beides zugleich. Saxo Grammaticus und die Verfasser der Hervarar-Saga erzählten von Schildmaiden, weil solche Figuren gute Geschichten abgeben: Grenzüberschreitung, Rache, Ehre. Ob sie damit eine verbreitete Realität beschrieben oder eine literarische Ausnahmeerscheinung zur Legende aufblähten, lässt sich aus dem Text allein nicht entscheiden.

Bj 581 verschiebt die Debatte, ohne sie zu beenden. Es zeigt: Mindestens eine Frau der Wikingerzeit wurde mit dem vollen Rüstzeug eines Kriegers begraben, in einem der wichtigsten Handelszentren Skandinaviens. Das reicht nicht, um Saxos 300 Kämpferinnen von Bråvalla zu bestätigen. Es reicht aber auch nicht, um Hervör und ihre literarischen Schwestern als reine Erfindung abzutun.

Vielleicht ist genau das die richtige Haltung gegenüber der Wikingerzeit insgesamt: weder das romantische Bild kritiklos zu übernehmen, noch es aus reiner Vorsicht komplett zu verwerfen. Die Schildmaid war wohl selten - aber sie war, allen Zweifeln zum Trotz, wahrscheinlich nicht bloß erfunden.

Bildquelle: Peter Nicolai Arbo (Public domain), via Wikimedia Commons