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Hnefatafl: Das Brettspiel der Wikinger und seine Regeln

Hnefatafl war das Brettspiel der Wikinger: Ein König flieht, die doppelte Übermacht jagt ihn. Die Regeln, die echten Funde und warum Schach es verdrängte.

Originales Hnefatafl-Spielbrett aus dem 12. Jahrhundert, gefunden bei Ausgrabungen in Trondheim, mit eingeritztem Raster, vier Spielsteinen und einem Würfel
Inhalt
  1. Hnefatafl: ein Spiel mit zwei ungleichen Seiten
  2. Die Regeln: So funktioniert das Wikinger-Brettspiel Hnefatafl
  3. Was im Boden lag: Bretter, Steine und ein bärtiger König
  4. Hnefatafl in Edda und Sagas
  5. Mythos und Fakt: Was über das Spiel erzählt wird
  6. Warum Schach das Tafl verdrängte
  7. Unsere Einschätzung

Ein König steht in der Mitte des Bretts, um ihn herum seine Leibwache, und von allen vier Seiten rückt eine doppelt so starke Übermacht heran. Er muss hinaus, sie müssen ihn festnageln. Mehr Regeln braucht es im Kern nicht, und genau deshalb wurde Hnefatafl, das Brettspiel der Wikinger, über Jahrhunderte in Langhäusern, auf Schiffsplanken und in den Hallen der Jarle gespielt. Spielbretter und Spielsteine liegen in skandinavischen Gräbern neben Schwertern, Waagen und Schmuck. Die Edda lässt sogar die Götter zu den Spielsteinen greifen.

Und trotzdem besitzen wir bis heute keine einzige vollständige Regelbeschreibung aus der Wikingerzeit. Was wir über das Spiel zu wissen glauben, stammt aus drei Quellen: aus der Erde, aus Versen und aus dem Reisetagebuch eines schwedischen Botanikers, der 1732 in Lappland zufällig zwei Spielern über die Schulter sah. Dieser Artikel sortiert, was gesichert ist, was rekonstruiert wurde und was schlicht erfunden ist.

Hnefatafl: ein Spiel mit zwei ungleichen Seiten

Der Name sagt bereits, worum es geht. Altnordisch tafl bezeichnet das Brett und allgemein das Brettspiel, hnefi heißt wörtlich “Faust” und meint die große Figur in der Mitte, den König. Hnefatafl ist also sinngemäß die “Königstafel”. Fachleute sprechen heute meist von der Familie der Tafl-Spiele, denn das Prinzip taucht im gesamten nordischen und keltischen Raum unter verschiedenen Namen auf: brandubh in Irland, tawlbwrdd in Wales, tablut bei den Samen in Lappland und, in einer christlich überformten Variante, alea evangelii in England.

Allen gemeinsam ist eine Eigenschaft, die unter Brettspielen selten ist: Die beiden Parteien sind nicht gleich. Es treten keine zwei spiegelbildlichen Armeen gegeneinander an, sondern eine Belagerung gegen einen Ausbruch. In der Mitte sitzt der König mit einer kleinen Schar Verteidiger, am Rand steht ungefähr die doppelte Zahl an Angreifern. Die Bretter haben immer eine ungerade Kantenlänge, damit es ein echtes Mittelfeld gibt, und reichen von 7x7 über 9x9 und 11x11 bis 13x13 Feldern. Je größer das Brett, desto mehr Steine und desto länger die Partie.

Diese Asymmetrie ist der eigentliche Reiz. Beide Seiten spielen das gleiche Spiel mit völlig verschiedenen Zielen: Die eine braucht eine Lücke, die andere darf keine lassen.

Die Regeln: So funktioniert das Wikinger-Brettspiel Hnefatafl

Hier ist die unbequeme Wahrheit vorweg: Aus der Wikingerzeit ist keine einzige Regelanleitung überliefert. Jeder Regelsatz, den man heute einem Hnefatafl-Brett beilegt, ist eine Rekonstruktion. Ihr Kern stammt aus einer überraschenden Quelle.

Im Sommer 1732 reiste der junge Carl von Linné, international bekannt als Linnaeus, durch Lappland. In seinem Reisetagebuch, das später unter dem Titel Lachesis Lapponica gedruckt wurde, notierte er neben Pflanzen und Vogelnestern auch ein Brettspiel, das er bei den Samen beobachtete: tablut. Er zeichnete die Aufstellung, benannte die Parteien als “Schweden” und “Muscoviten” und schrieb die Regeln auf. Es ist die einzige Beschreibung eines Tafl-Spiels aus lebender Spielpraxis, die wir besitzen. Alles andere ist Rückschluss.

ElementRegel nach Linnaeus’ Tablut
Brett9x9 Felder, das Mittelfeld ist der Thron
AufstellungKönig und 8 Verteidiger als Kreuz in der Mitte, 16 Angreifer in Vierergruppen an den vier Randmitten
Zugalle Steine ziehen wie der Turm im Schach: gerade, beliebig weit, ohne zu überspringen
Schlageneinen gegnerischen Stein zwischen zwei eigene Steine einklemmen
Freiwillig dazwischenwer selbst zwischen zwei Gegner zieht, ist sicher
König schlagenihn von allen vier Seiten umstellen
Sieg der Verteidigerder König erreicht den Brettrand
Sieg der Angreiferder König ist gefangen
Thronfeldnur der König darf darauf stehen

Wer das einmal spielt, merkt sofort, wie anders sich das anfühlt als Schach. Es gibt kein Schlagen durch Draufziehen, nur den Zangengriff. Es gibt keine unterschiedlichen Figurenwerte, nur Position. Und es gibt eine Uhr im Kopf: Mit jedem Zug, den die Angreifer verpassen, wandert der König ein Stück näher an die Freiheit.

Die heute verbreiteten Varianten weichen an einem Punkt von Linnaeus ab. Statt des gesamten Randes müssen viele moderne Regelsätze den König in eine der vier Ecken bringen. Das ist keine alte Überlieferung, sondern eine Balance-Korrektur: Auf dem offenen Rand entkommt der König in der Praxis zu leicht.

Was im Boden lag: Bretter, Steine und ein bärtiger König

Verlässlicher als jede Regelfrage sind die Funde. Sie zeigen, dass Tafl-Spiele deutlich älter sind als die Wikingerzeit und dass sie in der Oberschicht fest verankert waren.

  • Vimose, Dänemark, etwa 4. Jahrhundert. Aus dem berühmten Moorfund auf Fünen stammt ein hölzernes Spielbrettfragment mit Feldraster. Es gehört zu den ältesten Belegen eines Tafl-artigen Spiels im Norden und liegt rund vier Jahrhunderte vor dem ersten Wikingerzug.
  • Ballinderry, Irland, 10. Jahrhundert. Im Crannog von Ballinderry in der Grafschaft Westmeath kam ein hölzernes Brett mit 7x7 Bohrlöchern ans Licht, verziert im nordischen Stil. Gespielt wurde hier mit gestielten Steckfiguren, die im Loch sitzen bleiben, was auf Schiffen und auf schwankenden Tischen ein handfester Vorteil ist. Das Stück liegt im National Museum of Ireland.
  • Gokstad, Norwegen, um 900. Im Schiffsgrab von Gokstad fand sich ein Spielbrett, das auf der einen Seite ein Tafl-Raster trägt und auf der anderen ein Mühlespiel. Wer mehr über dieses Grab wissen will, findet die Details in unserem Artikel zum Gokstad-Schiff.
  • Baldursheimur, Island, 9. oder 10. Jahrhundert. Ein heidnisches Grab in Mývatnssveit enthielt 24 Spielsteine aus Walbein, einen Würfel und eine kleine Figur: ein sitzender Mann, der seinen Bart mit beiden Händen fasst. Die naheliegende Deutung ist, dass hier der hnefi selbst vorliegt, der König des Spiels. Heute steht er im Nationalmuseum von Island in Reykjavík.
  • Birka, Schweden, 9. und 10. Jahrhundert. In den Kammergräbern der Handelsstadt im Mälarsee tauchen immer wieder komplette Sätze gläserner Spielsteine auf. Das meistdiskutierte Beispiel ist Grab Bj 581: volle Waffenausrüstung, zwei Pferde und dazu ein Spielsatz samt Brett. Eine DNA-Untersuchung aus dem Jahr 2017 ergab, dass die bestattete Person biologisch weiblich war, und die Spielsteine werden seither gern als Hinweis auf eine taktisch führende Rolle gelesen.
  • Lindisfarne, England, 2019 geborgen. Bei Grabungen auf der Klosterinsel kam ein winziger Spielstein aus Glas zutage, blau mit weißer Verzierung. Ein kleines Objekt, das zeigt, wie weit die Spielkultur des Nordens reiste.
  • Trondheim, Norwegen, 12. Jahrhundert. Bei den Stadtgrabungen auf der Folkebibliotekstomten fand sich im Abfall eines Hinterhofs ein hölzernes Spielbrett mit eingeritztem Raster, dazu Spielsteine und ein Würfel. Es ist das Brett auf unserem Titelbild und zeigt, dass Tafl auch nach der Wikingerzeit noch auf dem Tisch stand.

Auffällig ist das Muster: Spielsteine liegen fast immer in gut ausgestatteten Gräbern. Ein Schwert hatte fast jeder freie Mann. Ein Spielbrett und ein vollständiges Set hatte, wer Zeit, Rang und den Ruf eines klugen Kopfes besaß.

Passend dazu ein Hörangebot fürs Weiterlesen: Víkingr von Domsgard, ein ganzes Album Nordklang für genau diese Hallenstimmung aus Feuer, Bier und Spielbrett.

Hnefatafl in Edda und Sagas

Die schriftlichen Quellen erklären die Regeln nicht, aber sie verraten, welchen Rang das Spiel hatte. In der Vǫluspá, dem Eröffnungsgedicht der Lieder-Edda, spielen die Götter in der Frühzeit der Welt mit goldenen Spielsteinen auf der Wiese. Nach dem Weltenbrand, als die Erde neu und grün aus dem Meer steigt, findet die nächste Göttergeneration diese goldenen Steine im Gras wieder.

Da werden sich wieder die wunderbaren goldenen Spielsteine im Gras finden, die sie in der Vorzeit besessen hatten. Sinngemäß nach der Vǫluspá der Lieder-Edda.

Das ist ein starkes Bild: Das Spielbrett steht für den heilen Zustand der Welt, sein Verlust für die Katastrophe, sein Wiederfinden für den Neuanfang. Kein Dichter benutzt ein beliebiges Objekt für so eine Stelle.

In der Hervarar saga stellt der verkleidete Odin unter dem Namen Gestumblindi dem König Heiðrekr eine Reihe von Rätseln. Eines davon beschreibt Mägde, die waffenlos um ihren Herrn kämpfen, während die einen ihn abschirmen und die anderen auf ihn losgehen. Die Lösung lautet: hnefatafl. Dass ein Rätsel so funktioniert, setzt voraus, dass jeder Zuhörer das Spiel vor Augen hatte.

Und in der Orkneyinga saga zählt Jarl Rögnvald Kali Kolsson in einer berühmten Strophe die neun Fertigkeiten auf, die er beherrscht. Er beginnt nicht mit dem Schwert.

Tafl spiele ich geschickt, neun Künste beherrsche ich. Sinngemäß nach der Strophe des Jarls Rögnvald Kali Kolsson in der Orkneyinga saga.

Dazu kommt die Friðþjófs saga, in der der Held eine laufende Tafl-Partie als Geheimcode nutzt: Er antwortet den Boten des Königs scheinbar über Spielzüge und spricht in Wahrheit über Politik. Brettspiel als Verschlüsselung, im 13. Jahrhundert aufgeschrieben.

Mythos und Fakt: Was über das Spiel erzählt wird

Rund um Hnefatafl haben sich einige Behauptungen festgesetzt, die in Shop-Beschreibungen und Serien gern wiederholt werden. Ein nüchterner Abgleich hilft.

Verbreitete BehauptungWas die Quellen hergeben
”Wir kennen die Regeln der Wikinger.”Nein. Keine Regelschrift der Wikingerzeit ist erhalten. Alle heutigen Regelsätze sind Rekonstruktionen, deren Kern aus Linnaeus’ Notizen von 1732 stammt.
”Hnefatafl ist das Wikinger-Schach.”Irreführend. Schach stellt zwei gleiche Armeen gegeneinander, Tafl eine Belagerung gegen einen Ausbruch. Das sind zwei verschiedene Spielideen.
”Der König muss in die Ecke fliehen.”Bei Linnaeus genügt der Brettrand. Die Ecken-Regel ist eine moderne Korrektur, weil der Rand den Verteidigern zu leicht fällt.
”Das Spiel bildet eine bestimmte historische Schlacht ab.”Dafür gibt es keine Quelle. Die Deutung als Flucht eines Königs mit seiner Leibwache ist plausibel, bleibt aber Interpretation.
”Jeder Bauernhof hatte ein Tafl-Brett.”Die erhaltenen Sätze stammen weit überwiegend aus reich ausgestatteten Gräbern. Ein vollständiges Spiel war ein Standesabzeichen.
”Tafl verschwand mit den Wikingern.”Es hielt sich an den Rändern deutlich länger, in Wales bis ins 16. und bei den Samen bis ins 18. Jahrhundert.

Warum Schach das Tafl verdrängte

Im 11. und 12. Jahrhundert kam über die Handelswege ein neues Spiel in den Norden: Schach, aus Indien über Persien und die arabische Welt nach Europa gewandert. Es brachte mit, was Tafl fehlte: zwei gleichberechtigte Seiten, eine europäische Mode im Rücken und ein Figurenpersonal, das genau die Ordnung abbildete, in die der Norden gerade hineinwuchs. König, Königin, Bischof, Reiter, Fußvolk. Die Lewis-Schachfiguren, geschnitzt um 1150 bis 1200 aus Walross-Elfenbein, sind das sichtbarste Denkmal dieses Übergangs. Bezeichnend ist, dass in demselben Hortfund noch Spielsteine für ein älteres Brettspiel lagen: Die Welten überlappten sich eine Zeit lang.

Die wichtigsten Stationen im Überblick:

  • um 400: Brettfragment aus dem Moor von Vimose auf Fünen
    1. und 10. Jahrhundert: Spielsätze in den Gräbern von Baldursheimur, Birka und Gokstad
    1. Jahrhundert: Lochbrett aus dem Crannog von Ballinderry in Irland
    1. und 12. Jahrhundert: Schach erreicht über die Handelswege Nordeuropa
  • um 1150 bis 1200: die Lewis-Schachfiguren entstehen, vermutlich in Trondheim
  • 1587: der Waliser Robert ap Ifan beschreibt und zeichnet das tawlbwrdd
  • 1732: Linnaeus notiert in Lappland die Regeln des tablut

Dass Tafl ausgerechnet am geografischen Rand überlebte, ist kein Zufall. Neue Moden kommen über Handelsplätze und Höfe. Wo weder das eine noch das andere liegt, bleibt das alte Spiel länger auf dem Tisch.

Unsere Einschätzung

Spielbretter gehören zu den am meisten unterschätzten Fundgattungen der Wikingerzeit. Ein Schwert sagt uns, dass jemand kämpfen konnte. Ein vollständiges Spielset sagt uns, dass jemand Rang, Muße und den Ruf hatte, strategisch zu denken, und das ist über eine Person deutlich mehr Information. Wir halten die Asymmetrie von Hnefatafl außerdem für den ehrlichsten Spiegel nordischer Politik, den wir aus dieser Zeit haben: Es geht nicht um zwei gleich starke Reiche, sondern um einen Anführer, der mit wenigen Getreuen aus einer Umklammerung herausmuss, und um eine Mehrheit, die genau das verhindern will. Jede zweite Saga erzählt genau diese Geschichte.

Und die fehlenden Regeln? Das ist ärgerlich, aber auch der Grund, warum das Spiel lebendig bleibt. Seit Jahrzehnten testen Spieler Brettgrößen, Thronfeld-Varianten und Siegbedingungen gegeneinander, weil keine Variante allen gerecht wird. Wer heute Hnefatafl spielt, spielt kein museales Stück, sondern eine offene Rekonstruktion. Ehrlicher wäre: Wir kennen das Gerüst, nicht den Feinschliff. Wer etwas anderes behauptet, verkauft meistens gerade ein Brett.

Bildquelle Titelbild: NTNU Vitenskapsmuseet (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons