Mythologie

Midgardschlange Jörmungandr: Thors Erzfeind aus der Edda

Midgardschlange Jörmungandr: Herkunft bei Loki, Thors Angelfahrt mit Hymir, Steinbilder der Wikingerzeit und das tödliche Duell der beiden bei Ragnarök.

Thor mit erhobenem Hammer vor der aufgerichteten Midgardschlange unter rotem Himmel
Inhalt
  1. Herkunft: Das mittlere Kind Lokis
  2. Midgardschlange Jörmungandr: Der Ring, der die Welt zusammenhält
  3. Begegnung eins: Die Katze in Utgard
  4. Begegnung zwei: Thors Angelfahrt mit Hymir
  5. Steinerne Zeugen: Wo die Wikinger den Mythos festhielten
  6. Begegnung drei: Ragnarök und die neun Schritte
  7. Was die Midgardschlange über nordisches Denken verrät

In der nordischen Mythologie gibt es Gegner, die man besiegen kann, und Gegner, die man nur aufschieben kann. Die Midgardschlange Jörmungandr gehört ohne jeden Zweifel zur zweiten Sorte. Sie ist kein Monster, das irgendwo am Rand der Welt lauert und auf einen Helden wartet. Sie ist die Grenze der Welt selbst: ein Wesen, das so groß wurde, dass es den bewohnten Erdkreis vollständig umschließt und sich dabei in den eigenen Schwanz beißt. Wer die Weltvorstellung der Wikingerzeit verstehen will, kommt an dieser Schlange nicht vorbei, denn sie hält Midgard zusammen und bedroht es im selben Atemzug.

Die Quellenlage ist für nordische Verhältnisse ungewöhnlich gut. Jörmungandr erscheint in der Poetischen Edda, vor allem in der Völuspá und in der Hymiskviða, sowie in der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson, der im frühen 13. Jahrhundert mündlich überliefertes Material zu zusammenhängender Prosa ordnete. Dazu kommen zwei Skaldengedichte, die deutlich älter sind als Snorri: die Húsdrápa des Úlfr Uggason, entstanden um 985 als Beschreibung geschnitzter Holztafeln in einer isländischen Halle, und die Ragnarsdrápa, die Bragi Boddason zugeschrieben wird. Beide schildern dieselbe Szene, auf die wir gleich kommen. Und dann gibt es noch die Steine, in die Menschen der Wikingerzeit den Mythos gehauen haben.

Herkunft: Das mittlere Kind Lokis

Jörmungandr ist nach Snorris Gylfaginning eines von drei Kindern, die Loki mit der Riesin Angrboða in Jötunheim zeugte. Die Geschwister sind der Wolf Fenrir, Hel, die Herrscherin über das gleichnamige Totenreich, und eben die Schlange. Diese Dreiheit ist das strukturelle Rückgrat der nordischen Weltuntergangserzählung: Jedes der drei Kinder verkörpert eine Bedrohung, die den Göttern durch Weissagung bekannt war, lange bevor sie eintrat.

Odin reagierte, wie Götter in dieser Mythologie meistens reagieren, nämlich mit einer Vorsorge, die sich später als Teil des Problems entpuppt. Er ließ Hel in die Unterwelt bringen, Fenrir nach Asgard holen und dort mit dem Zwergenband Gleipnir fesseln, und Jörmungandr warf er kurzerhand in das Meer, das Midgard umgibt. Der Gedanke war offenbar, die Schlange möglichst weit weg und möglichst tief unten zu verwahren.

Es kam anders. Im Weltmeer wuchs Jörmungandr ungehindert weiter, bis der Körper lang genug war, um die gesamte bewohnte Welt zu umspannen. Dort liegt sie seitdem auf dem Meeresgrund und hält den eigenen Schwanz zwischen den Zähnen. Der Name trägt diese Dimension bereits in sich: Das altnordische jǫrmun- bedeutet “gewaltig” oder “ungeheuer”, gandr bezeichnet einen Stab, ein Zauberwesen oder ein Ungeheuer. Der zweite, nüchternere Name lautet schlicht Miðgarðsormr, Wurm oder Schlange von Midgard.

Midgardschlange Jörmungandr: Der Ring, der die Welt zusammenhält

Hier liegt die eigentliche gedankliche Pointe, und sie wird in populären Nacherzählungen fast immer unterschlagen. Die Midgardschlange Jörmungandr ist keine Bestie, die Midgard belagert. Sie ist das, was Midgard als Raum überhaupt erst abgrenzt. Jenseits ihres Körperrings beginnt das Unbekannte, das Ungeordnete, das Riesenhafte. Solange die Schlange ruhig liegt und den Schwanz im Maul behält, bleibt die Welt eine geschlossene Form.

Deshalb ist der Mythos so unbehaglich: Die Ordnung der Welt und ihre größte Bedrohung sind in dieser Figur dasselbe Wesen. Löst die Schlange den Biss, zerfällt nicht nur ein Feind seine Bindungen, sondern der Rahmen der Welt selbst. Genau das geschieht am Ende. Für Seefahrer der Wikingerzeit, die den Horizont als sehr konkrete Grenze erlebten, dürfte dieses Bild erheblich greifbarer gewesen sein als für uns.

Hör dir Midgard an, während du weiterliest:

Begegnung eins: Die Katze in Utgard

Die erste Konfrontation zwischen Thor, dem Donnergott, und der Schlange ist zugleich die einzige, die Thor nicht als solche erkennt. Snorri erzählt in der Gylfaginning von Thors Reise zur Burg des Riesenkönigs Útgarða-Loki, wo der Gott zu einer Reihe scheinbar harmloser Wettkämpfe herausgefordert wird.

Einer davon besteht darin, eine graue Hauskatze vom Boden zu heben. Thor packt zu, zerrt mit aller Kraft und schafft es gerade, eine einzige Pfote vom Boden zu lösen. Der Riesenkönig erklärt das Ganze erst danach: Die Katze war Jörmungandr, durch Blendwerk verkleinert, und Thor hatte in diesem Moment beinahe die Weltschlange aus dem Meer gehoben. Útgarða-Loki gibt offen zu, dass ihm dabei angst und bange wurde.

Die Szene ist einer der wenigen Momente, in denen die nordische Überlieferung Humor und kosmischen Schrecken in dieselbe Episode packt. Thor verliert einen Wettkampf gegen eine Katze und war in Wahrheit kurz davor, die Weltordnung anzuheben.

Begegnung zwei: Thors Angelfahrt mit Hymir

Die berühmteste Episode ist die Angelfahrt, und sie ist zugleich die am besten bezeugte Szene der gesamten nordischen Mythologie. Sie steht in der Hymiskviða, bei Snorri, in der Húsdrápa und in der Ragnarsdrápa, und sie wurde in Stein gehauen.

Thor kommt als Gast zum Riesen Hymir, der aufs Meer hinausrudern will. Als Köder nimmt Thor den Kopf von Hymirs größtem Ochsen, Himinhrjóðr, und zwingt den widerstrebenden Riesen, weit über die gewohnten Fanggründe hinauszurudern. Dann wirft er aus. Was anbeißt, ist Jörmungandr.

Thor stemmt sich so fest gegen die Planken, dass seine Füße durch den Bootsboden brechen und erst auf dem Meeresgrund Halt finden. Er zieht die Schlange bis an die Wasseroberfläche. In diesem einen Augenblick stehen sich die beiden zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein gegenüber, der Gott mit erhobenem Hammer, das Ungeheuer mit Gift im Maul. Dann greift Hymir ein. Vor Entsetzen kappt er die Angelschnur, und die Schlange versinkt wieder.

Interessant ist die Uneinigkeit der Quellen genau an dieser Stelle. Bei Snorri rettet Hymirs Angst die Schlange, und Thor schlägt dem Riesen aus Wut die Faust ins Gesicht. In der Hymiskviða klingt dagegen an, dass Thor die Schlange noch mit dem Hammer trifft, bevor sie in die Tiefe zurücksinkt. Diese zweite Variante passt besser zu den erhaltenen Bildsteinen, auf denen Thor den Hammer bereits erhoben hat.

BegegnungQuelleAusgang
Die Katze in UtgardGylfaginning (Snorri)Thor hebt eine Pfote, erkennt die Schlange nicht
Die Angelfahrt mit HymirHymiskviða, Gylfaginning, HúsdrápaHymir kappt die Schnur, die Schlange entkommt
RagnarökVöluspá, GylfaginningThor tötet Jörmungandr und stirbt am Gift

Steinerne Zeugen: Wo die Wikinger den Mythos festhielten

Dass die Angelfahrt kein gelehrtes Konstrukt des 13. Jahrhunderts ist, lässt sich an Objekten zeigen, die Jahrhunderte älter sind als Snorris Text. Vier Fundstücke gelten in der Forschung als besonders aussagekräftig:

  • Altuna-Runenstein (U 1161), Uppland, Schweden. Ritzung aus dem 11. Jahrhundert. Zeigt eine Figur im Boot mit erhobenem Hammer, einer Angelschnur und einem Ochsenkopf als Köder. Die Füße stoßen deutlich durch den Bootsboden.
  • Hørdum-Stein, Thy, Nordjütland, Dänemark. Fragmentarisch erhaltene Bildplatte, ebenfalls mit Boot, Angelschnur und einem Fuß, der den Bootsrumpf durchbricht.
  • Gosforth Fishing Stone, Cumbria, England. Teil eines Steinensembles aus dem 10. Jahrhundert, das christliche und nordische Bildsprache mischt. Deutlich erkennbar sind zwei Figuren im Boot und ein Ochsenkopf an der Leine.
  • Ardre-Bildstein VIII, Gotland, Schweden. Gotländischer Bildstein, in dessen Szenenfolge eine Bootsszene häufig als dieselbe Episode gedeutet wird.

Das Bemerkenswerte an dieser Liste ist die geografische Streuung. Schweden, Dänemark und das von Nordleuten besiedelte Nordengland zeigen dieselbe Szene mit denselben Erkennungsmerkmalen: das Boot, der Ochsenkopf, der durchbrochene Bootsboden. Dieser Mythos war also kein regionaler Sonderweg, sondern gemeinsames Bildgut über den gesamten nordischen Raum hinweg, und er war offenbar so bekannt, dass ein einziges Detail genügte, um ihn aufzurufen.

Begegnung drei: Ragnarök und die neun Schritte

Die dritte Begegnung ist die endgültige. Bei Ragnarök lässt Jörmungandr den eigenen Schwanz los und windet sich an Land. Die Völuspá beschreibt, wie das Meer über die Küsten steigt, weil der Körper der Schlange sich in Bewegung setzt, und wie die Luft sich mit Gift füllt.

Thor und Jörmungandr treffen zum letzten Mal aufeinander, und diesmal gibt es keinen Riesen, der die Schnur kappt. Thor erschlägt die Schlange mit Mjölnir. Dann geht er neun Schritte und fällt tot um, vergiftet vom Atem des sterbenden Ungeheuers.

Neun Schritte geht Fjörgyns Sohn, vom Wurm bezwungen, ohne Furcht vor Schmach.

Diese neun Schritte sind eines der dichtesten Bilder der gesamten Überlieferung. Thor gewinnt. Er gewinnt tatsächlich, und das Ergebnis ist trotzdem sein Tod. Es gibt keinen Triumphzug, keine Rettung in letzter Sekunde, nur eine kurze, gezählte Strecke zwischen Sieg und Ende. Die Zahl Neun begegnet im nordischen Material auffällig oft, etwa bei den neun Welten oder bei Odins neun Nächten am Weltenbaum, und dürfte hier bewusst als Vollzahl gewählt sein.

Was die Midgardschlange über nordisches Denken verrät

Nach unserer Einschätzung ist Jörmungandr die ehrlichste Figur der nordischen Mythologie, und zwar gerade weil sie nichts Persönliches will. Fenrir hat ein Motiv, nämlich den Verrat an seinem Vertrauen. Loki hat Kränkungen, offene Rechnungen, Launen. Die Schlange hat nichts davon. Sie liegt im Meer und ist einfach da, bis die Zeit um ist.

Damit ist sie die präziseste Verkörperung dessen, was die nordische Überlieferung unter Schicksal versteht: keine Strafe, keine Bosheit, sondern eine Tatsache, die wächst, während man wegsieht. Odin hat Jörmungandr ins Meer geworfen, um das Problem loszuwerden. Er hat es damit nicht gelöst, sondern nur aus dem Blickfeld geschafft und ihm Platz zum Wachsen gegeben. Das ist dieselbe Logik, die auch bei Fenrir greift, und beide Male geht sie schief.

Interessant ist außerdem, welche Rolle Thor dabei spielt. Er ist der Gott der Bauern und Seefahrer, derjenige, den man im Sturm anrief, und seine Aufgabe in diesem Mythos ist nicht Weisheit, sondern Widerstand. Er weiß, dass die Schlange ihn töten wird. Er rudert trotzdem hinaus, er wirft trotzdem aus, und am Ende schlägt er trotzdem zu. Mehr noch als die Prophezeiung selbst ist es diese Haltung, die den Menschen der Wikingerzeit offenbar etwas bedeutet hat, sonst hätten sie die Angelfahrt nicht über drei Länder hinweg in Stein gehauen.

Die Midgardschlange ist damit weit mehr als ein Seeungeheuer. Sie ist die Grenze der Welt, die Uhr, die abläuft, und der Beweis dafür, dass in dieser Mythologie selbst ein gewonnener Kampf nicht bedeutet, dass man überlebt.

Bildquelle: Emil Doepler (Public domain), via Wikimedia Commons