Alltag & Kultur
Was trugen die Wikinger? Kleidung und Schmuck
Wikinger Kleidung und Schmuck: Was Funde aus Birka, Haithabu, Oseberg und Mammen über Tuniken, Fibeln, Glasperlen und silberne Thorshammer-Anhänger verraten.
Inhalt
- Wolle, Leinen, Seide: Die Stoffe des Nordens
- Die Kleidung der Männer: Tunika, Hose, Wickelbänder
- Die Kleidung der Frauen: Trägerrock und Schalenfibeln
- Kleidung und Schmuck als Statussymbol
- Wikinger-Schmuck: Silber, Perlen und der Hammer des Thor
- Die wichtigsten Fundorte im Überblick
- Was vom grauen Norden übrig bleibt
Graue Lumpen, verfilzte Felle, vielleicht ein Strick um die Hüfte: So stellt sich das Kino den Kleiderschrank des Nordens vor. Die Archäologie erzählt eine völlig andere Geschichte. Kleidung und Schmuck der Wikinger waren farbig, aufwendig gearbeitet und mit einer Sorgfalt hergestellt, die moderne Handweber ins Schwitzen bringt. Wer wissen will, was die Menschen Skandinaviens zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert wirklich trugen, muss in die Gräber von Birka, in den Hafenschlick von Haithabu und in die Grabkammern von Oseberg und Mammen schauen. Dort liegen die Stofffetzen, Fibeln und Perlen, aus denen sich das echte Bild zusammensetzen lässt.
Und dieses Bild hat es in sich: importierte Seide aus dem Osten, leuchtend rot gefärbte Wolle, massenhaft produzierte Bronzefibeln und Silberschmuck, der gleichzeitig als Währung diente. Kleidung war im Norden nie nur Wetterschutz. Sie war Visitenkarte, Vermögensanlage und religiöses Bekenntnis in einem.
Wolle, Leinen, Seide: Die Stoffe des Nordens
Das Fundament jeder wikingerzeitlichen Garderobe war Wolle. Sie wurde auf dem eigenen Hof geschoren, gekämmt, gesponnen und auf dem senkrechten Gewichtswebstuhl zu Stoff verwebt, dessen tönerne Webgewichte zu den häufigsten Funden auf skandinavischen Hofstellen gehören. Wie viel Arbeit darin steckte, wird oft unterschätzt: Für ein einziges Segel oder eine komplette Familienausstattung rechnen Experimentalarchäologen mit hunderten Stunden reiner Spinnarbeit, noch bevor der Webstuhl überhaupt eingerichtet war. Kein Wunder, dass standardisiertes Wolltuch, das sogenannte Vadmal, im mittelalterlichen Island sogar als gesetzlich geregeltes Zahlungsmittel diente.
Die zweite Säule war Leinen aus Flachs, kühler und feiner als Wolle und darum bevorzugt für Untergewänder und Hemden. Und dann gab es die Königsklasse: Seide. Sie wurde nicht im Norden produziert, sondern über die Handelsrouten aus Byzanz und Persien importiert und war so kostbar, dass man sie in schmale Streifen schnitt und als Besatz an Kragen, Säumen und Mützen nähte. Allein im Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen, das dendrochronologisch auf das Jahr 834 datiert ist, fanden sich über hundert Seidenfragmente.
Genauso falsch wie das Bild vom groben Stoff ist das Bild vom farblosen Norden. Farbstoffanalysen an Textilien aus York und Skandinavien weisen Krapp für Rottöne, Waid für Blau und Wau für Gelb nach, dazu Flechtenfarbstoffe für violette Nuancen und Walnussschalen für Braun. Gefärbte Kleidung, in den Sagas als “litklaedi” von der Alltagskleidung unterschieden, war ein sichtbares Zeichen von Wohlstand. Der Norden war bunt, und zwar ganz bewusst.
Die Kleidung der Männer: Tunika, Hose, Wickelbänder
Der Kern der Männerkleidung war die knielange Tunika (altnordisch kyrtill) aus Wolle, getragen über einem leichteren Unterhemd und einer Hose, dazu Wickelbänder um die Unterschenkel, ein Gürtel mit Messer und Beutel und bei Kälte ein schwerer Wollmantel. Diesen Mantel verschloss meist eine Ringfibel an der rechten Schulter, und die Position dieser Fibeln in Männergräbern verrät ein praktisches Detail: So blieb der rechte Arm, der Schwertarm, frei beweglich.
Wie solche Kleidungsstücke tatsächlich geschnitten waren, wissen wir vor allem dank Haithabu. Im Hafenschlick der Handelsstadt an der Schlei haben sich hunderte Textilreste erhalten, viele davon nur deshalb, weil sie mit Teer getränkt und als Dichtmaterial für Schiffe wiederverwendet wurden. Die Textilarchäologin Inga Hägg konnte aus diesen unscheinbaren Fetzen ganze Schnittmuster rekonstruieren: tailliert zulaufende Tuniken, erstaunlich schmal geschnittene Hosenbeine, dazu Reste fein plissierter Leinenhemden. Ausgerechnet der Abfall einer Werft wurde so zur wichtigsten Quelle für die Alltagsmode des Nordens.
In den Kriegergräbern von Birka zeigt sich zusätzlich ein östlicher Einschlag: kleine Bronzeknöpfe und Gewandreste, die auf kaftanartige Übermäntel nach dem Vorbild der Steppen- und Rus-Mode hindeuten. Wer bis an die Wolga handelte, brachte eben nicht nur Silber mit nach Hause, sondern auch Kleidungsstil. An den Füßen trug man wendegenähte Lederschuhe, wie sie in Haithabu und im wikingerzeitlichen York in großer Zahl gefunden wurden, und gegen die Kälte halfen Mützen, Fäustlinge und Socken in Nadelbindungstechnik.
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Die Kleidung der Frauen: Trägerrock und Schalenfibeln
Die Frauentracht der Wikingerzeit ist archäologisch sogar noch klarer zu fassen, und das liegt an einem Schmuckstück: der Schalenfibel. Diese ovalen, gewölbten Bronzefibeln wurden paarweise getragen und hielten die Träger eines wollenen Überkleides, des sogenannten Trägerrocks (oft als Hangerock oder smokkr bezeichnet), der über einem langen Leinenunterkleid saß. Weil an den Nadeln und Ösen der Fibeln winzige Stoff- und Schlaufenreste haften blieben, lässt sich der Aufbau dieser Tracht bis ins Detail nachvollziehen.
Nirgendwo ist das besser dokumentiert als in Birka. In den über tausend ausgegrabenen Gräbern der schwedischen Handelsstadt fanden sich Schalenfibeln in Serie, dazu Seidenbänder und feinste Ziergeflechte aus Silberdraht. Schon die Textilforscherin Agnes Geijer, die die Birka-Stoffe in den 1930er Jahren analysierte, staunte über die Qualität der feinen Wollköper aus diesen Gräbern. Wie eng Mode, Handel und Stadtleben dort verflochten waren, zeigt unser Artikel über Birka, Schwedens erste Stadt.
Zwischen den beiden Fibeln hingen Ketten aus Glas-, Bernstein- und manchmal Karneolperlen, oft ergänzt um praktische Anhänger: Schere, Nadeldose, Schlüssel. Eine dritte Fibel, häufig kleeblattförmig, verschloss darüber Schal oder Umhang. Verheiratete Frauen bedeckten das Haar wohl häufig mit Tüchern oder Hauben, und dass solche Hauben auch aus Seide sein konnten, beweist ein Fund aus dem York der Wikingerzeit.
Kleidung und Schmuck als Statussymbol
Kaum eine Quellengattung macht soziale Unterschiede so sichtbar wie die Tracht. Das eddische Gedicht Rigsthula erzählt, wie der Gott Rig die drei Stände der Gesellschaft zeugt, und unterscheidet Knecht, Bauer und Jarl ganz selbstverständlich auch über ihr Äußeres. Was das Gedicht literarisch behauptet, bestätigen die Gräber: Wer reich war, trug es am Körper.
Das eindrucksvollste Beispiel ist das Grab von Mammen in Dänemark, dessen Grabkammer dendrochronologisch auf den Winter 970/71 datiert wird. Der dort bestattete Mann, offenbar ein Angehöriger der Elite um König Harald Blauzahn, trug Kleidung aus feiner Wolle mit aufwendigen Stickereien, verziert mit Seide und Fäden aus Gold und Silber. Zusammen mit der berühmten silbertauschierten Mammen-Axt ergibt sich das Bild eines Mannes, der Macht nicht nur besaß, sondern buchstäblich zur Schau trug.
Unsere Einschätzung nach jahrelanger Beschäftigung mit diesen Funden: Kleidung ist die am meisten unterschätzte Quelle der Wikingerforschung. Schwerter und Schiffe dominieren die Ausstellungen, aber ein einziger bestickter Ärmelrest aus Mammen oder ein Seidenband aus Birka erzählt mehr über Handelswege, Vermögen und Selbstbild dieser Gesellschaft als manche Waffe. Textilien sind vergänglich, und gerade deshalb ist jeder erhaltene Fetzen ein kleines Wunder.
Wikinger-Schmuck: Silber, Perlen und der Hammer des Thor
Beim Schmuck der Wikinger verschwimmt die Grenze zwischen Zierde und Zahlungsmittel vollständig. Silberne Armringe wurden in genormten Gewichten gegossen und dienten als tragbares Vermögen: Wer bezahlen musste, hackte schlicht ein Stück ab. Dieses “Hacksilber” füllt ganze Schatzfunde, allen voran den Hort von Cuerdale in England, der 1840 am Ufer des Ribble entdeckt wurde und mit rund 8.600 Objekten aus etwa 40 Kilogramm Silber zu den größten Wikingerschätzen überhaupt gehört. Auch arabische Silbermünzen, die Dirhams, wurden durchbohrt und als Anhänger getragen, Geld und Geschmeide zugleich.
Perlen waren das Schmuckstück für jede Vermögensklasse. In den Werkstätten von Ribe und Haithabu wurden Glasperlen in Serie gefertigt, während Karneol und Bergkristall über die östlichen Routen importiert wurden und entsprechend teurer waren. Dazu kamen Fingerringe, Halsringe und filigrane Silberanhänger, deren Feinschmiedearbeit bis heute beeindruckt.
Eine eigene Kategorie bilden die Thorshammer-Anhänger, kleine Mjölnir-Amulette aus Silber, Bronze oder Eisen, die in ganz Skandinavien gefunden werden und sich gerade in der Zeit häufen, in der das Christentum mit seinem Kreuzsymbol in den Norden drängte. Lange stritt die Forschung, ob diese Anhänger wirklich Thors Hammer darstellen. Dann kam 2014 der Fund von Kobelev auf der dänischen Insel Lolland: ein kleiner Hammer aus Bronze mit einer Runeninschrift, die schlicht “Dies ist ein Hammer” bedeutet. Deutlicher kann ein Fund eine Debatte kaum beenden.
Der arabische Reisende Ahmad ibn Fadlan, der um 921/22 nordische Händler an der Wolga beobachtete, notierte, dass deren Frauen Halsringe aus Silber und Gold trugen, deren Zahl mit dem Vermögen des Mannes wuchs, dazu auffällige Fibeln auf der Brust mit angehängtem Messer. Schmuck war für ihn erkennbar das, was er auch archäologisch ist: eine offen zur Schau getragene Bilanz.
Die wichtigsten Fundorte im Überblick
Wer sich selbst ein Bild machen will, kommt an einer Handvoll Schlüsselfunden nicht vorbei. Diese Übersicht zeigt, worauf unser heutiges Wissen über die Tracht des Nordens tatsächlich beruht:
| Fundort | Datierung | Was gefunden wurde | Warum es zählt |
|---|---|---|---|
| Oseberg (Norwegen) | Bestattung 834 | Über 100 Seidenfragmente, Brettchenborten, Wollstoffe | Beweis für Seidenimport und Elitetracht |
| Birka (Schweden) | 8. bis 10. Jh. | Schalenfibeln, Seidenbänder, Silberdrahtgeflechte | Dichtestes Bild der Frauentracht |
| Haithabu (Schleswig) | 9. bis 11. Jh. | Geteerte Textilreste aus dem Hafen | Rekonstruierbare Schnitte von Alltagskleidung |
| Mammen (Dänemark) | Winter 970/71 | Bestickte Wolle, Seide, Gold- und Silberfäden | Prunktracht der dänischen Elite |
| Jorvik/York (England) | 10. Jh. | Nadelbindungssocke, Seidenhaube, Lederschuhe | Alltagsaccessoires einer Handelsstadt |
| Kobelev (Dänemark) | 10. Jh. | Thorshammer mit Runeninschrift | Belegt die Deutung der Hammeramulette |
Auffällig ist, wie sehr Handelsplätze diese Liste dominieren. Städte wie Birka, Haithabu und York boten nicht nur die Bodenbedingungen, die Textilien konservierten, sondern auch das Publikum, für das sich modischer Aufwand überhaupt lohnte.
Was vom grauen Norden übrig bleibt
Am Ende bleibt vom Klischee des zottigen Barbaren wenig übrig. Die Menschen der Wikingerzeit kleideten sich farbig, pflegten ihre Erscheinung und investierten erstaunliche Mengen an Arbeit und Silber in ihr Äußeres. Das passt zu allem, was wir sonst über ihren Alltag wissen: eine Gesellschaft von Bauern, Händlern und Handwerkern, die auf Kämme, saubere Kleidung und sichtbaren Status großen Wert legte.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre aus den Stofffetzen von Haithabu und den Fibeln von Birka: Eine Kultur, die Seide aus Byzanz an den Kragen näht, Perlen aus Indien um den Hals trägt und ihre Weltanschauung als silbernen Hammer auf der Brust zeigt, war alles Mögliche, nur nicht primitiv. Sie war vernetzt, statusbewusst und modischer, als es ihr die Nachwelt tausend Jahre lang zugestehen wollte.
Bildquelle: Hesse1309 (GFDL), via Wikimedia Commons