Alltag & Kultur
Wikinger-Hygiene: Was Geweihkämme und gefeilte Zähne verraten
Wikinger-Hygiene ohne Mythos: wie Verbundkämme aus Geweih entstanden, warum der Samstag laugardagr hieß und was die Kloaken von Jorvik wirklich hergeben.
Inhalt
- Wikinger-Hygiene beginnt in der Werkstatt, nicht im Grab
- Wie ein Verbundkamm entsteht
- Laugardagr: die Sprachgeschichte des nordischen Waschtags
- Hávamál: gewaschen zum Thing
- Snorralaug, baðstofa und die Grenzen der Badehaus-These
- Was Fremde über die Nordmänner schrieben
- Coppergate: Läuse, Würmer und gefeilte Zähne
- Mythos gegen Fakt
- Unsere Einschätzung: Pflege war zuerst ein Handwerk
Wer in Haithabu gräbt, stößt irgendwann auf eine Schicht, die aussieht wie der Boden einer Schreinerei: Späne, Abschnitte, Sägestaub. Nur ist das Material kein Holz, sondern Geweih. Diese Abfallberge sind der härteste Beleg zum Thema Wikinger-Hygiene, den die Archäologie zu bieten hat. Sie zeigen nicht, dass sich ein Häuptling einen schönen Kamm leisten konnte. Sie zeigen, dass im Norden Leute davon lebten, Kämme in Serie herzustellen, und dass es dafür über Generationen genug Käufer gab.
Dieser Artikel geht deshalb nicht noch einmal der Frage nach, ob sich die Wikinger wuschen. Das taten sie, und unser Überblick zum Alltag der Wikinger führt das übliche Pflege-Set aus Kamm, Pinzette, Ohrlöffel und Rasiermesser samt dem wöchentlichen Waschtag bereits vor. Hier geht es um die Schicht darunter: um das Handwerk hinter dem Gerät, um die Sprachgeschichte des Waschtags, um die Grenzen der Badehaus-These und um den unbequemen Befund aus den Abfallgruben von York.
Wikinger-Hygiene beginnt in der Werkstatt, nicht im Grab
Geweih ist kein beliebiges Material. Es besteht aus einer dichten Außenschicht und einem porösen Kern, und seine Fasern machen es elastisch genug, um feine Zähne auszuhalten, ohne auszusplittern. Knochen ist spröder. Er bricht beim Sägen eher aus und hält dem täglichen Zug durchs Haar schlechter stand. Dass die Kammmacher der Wikingerzeit fast immer Geweih wählten, ist deshalb keine Geschmacksfrage, sondern eine Materialentscheidung von Leuten, die ihr Handwerk kannten. Neben dem Rothirsch lieferten in nördlicheren Regionen auch Elch und Rentier den Rohstoff.
Dazu kommt ein wirtschaftlicher Vorteil, der leicht übersehen wird: Hirsche werfen ihre Stangen jedes Jahr ab. Das Rohmaterial ließ sich einsammeln, lagern und über weite Strecken handeln, ohne dass ein einziges Tier dafür sterben musste. Geweih war damit ein nachwachsender Werkstoff mit berechenbarem Nachschub, und genau das macht Serienproduktion überhaupt erst möglich. In den Werkstattbereichen von Haithabu an der Schlei und im älteren Ribe in Jütland liegen die Reste dieser Lieferkette offen zutage: Stangenabschnitte, misslungene Zahnplatten, Sägespäne in dicken Lagen.
Das Bild über diesem Text zeigt einen typischen wikingerzeitlichen Verbundkamm: schmale Zahnplatten, zwischen zwei Deckleisten geklemmt, mit Eisennieten fixiert, darüber geritzte Schraffurmuster. Diese Form bleibt über Jahrhunderte und über ganz Nordeuropa hinweg erstaunlich konstant. Konstanz dieser Art entsteht nicht durch Zufall, sondern durch eingespielte Werkstattroutinen.
| Arbeitsschritt | Was dabei anfällt | Wo man es findet |
|---|---|---|
| Geweih sammeln und lagern | Stangenabschnitte, Spitzen | Werkstattbereiche in Haithabu und Ribe |
| Platten aussägen | Sägespäne, Fehlschnitte | Abfallschichten der Kammmacherei |
| Deckleisten zuschneiden | Formabfall aus der Außenschicht | Haithabu |
| Nieten setzen | Eisennieten in gleichmäßiger Reihe | erhaltene Kämme aus Gräbern |
| Zähne einsägen | Sägespuren an der Deckleistenkante | sichtbar an Originalstücken |
| Dekor einritzen | Kreuzschraffur, Punkt-Kreis-Muster | Kämme aus Birka und Gotland |
| Futteral anfertigen | zweiter Kammkörper ohne Zähne | Kammfutterale aus Birka und Gotland |
Wie ein Verbundkamm entsteht
Ein wikingerzeitlicher Kamm ist kein geschnitztes Einzelstück, sondern ein zusammengesetztes Gerät aus einem Dutzend oder mehr Teilen. Entscheidend ist die Reihenfolge der Arbeitsschritte, und sie lässt sich an den Funden direkt ablesen: Zuerst wurden die glatten Zahnplatten zwischen die beiden Deckleisten genietet, erst danach sägte der Handwerker die Zähne ein. Dabei lief die Säge regelmäßig über die Platten hinaus und hinterließ an der Unterkante der Deckleisten feine parallele Kerben. Diese Sägespuren gelten als Erkennungsmerkmal der Bauweise und verraten bis heute, in welcher Reihenfolge gearbeitet wurde.
Die Zähne selbst sind zweierlei. Grobe Zähne entwirren, feine Zähne ziehen Nissen samt der Kittsubstanz aus dem Haar, mit der sie am Schaft kleben. Bei doppelreihigen Exemplaren sitzen beide Feinheiten auf gegenüberliegenden Kanten, bei einreihigen oft nebeneinander auf derselben Seite. Wer einen solchen Kamm am Gürtel trug, hatte also kein Schmuckstück dabei, sondern ein Werkzeug mit zwei klar getrennten Funktionen.
Ein letztes Detail verrät den Gebrauchswert. Kämme wurden repariert. Weil die Bauweise genietet und nicht geschnitzt ist, ließ sich eine ausgebrochene Zahnplatte einzeln austauschen, ohne das ganze Stück zu verwerfen. Genau darin liegt der Sinn der aufwendigen Konstruktion, und es ist zugleich der beste Hinweis darauf, dass diese Gegenstände hart benutzt wurden, statt nur schön im Grab zu liegen. Ein Luxusobjekt repariert man nicht, man ersetzt es.
Hör dir Scar an, während du weiterliest:
Laugardagr: die Sprachgeschichte des nordischen Waschtags
Der altnordische Name des Samstags lautet laugardagr, zusammengesetzt aus laug und dagr. Dagr ist der Tag. Laug bezeichnet das Bad und das warme Waschwasser und ist mit dem deutschen Wort Lauge verwandt. Wörtlich heißt der Wochentag also Badetag.
Das ist kein rekonstruiertes Konstrukt aus einem Wörterbuch, sondern lebendige Sprache: schwedisch lördag, dänisch und norwegisch lørdag, isländisch laugardagur, färöisch leygardagur. Aufschlussreicher ist der Blick über die Sprachgrenze. Das finnische lauantai ist aus dem Altnordischen entlehnt. Ein Nachbarvolk übernahm also nicht irgendein Allerweltswort, sondern ausgerechnet den Namen des Waschtags. Wörter wandern dann, wenn die Sache dahinter auffällt.
Im Deutschen fehlt diese Spur vollständig. “Samstag” geht über die Kirchensprache auf den Sabbat zurück, “Sonnabend” auf den Abend vor dem Sonntag, und beide haben mit Wasser nichts zu tun. Dass der Waschtag im Norden ein fester sozialer Termin war, ist im Alltags-Artikel beschrieben. Bemerkenswert ist hier etwas anderes: die Zähigkeit des Wortes. Christianisierung, Sprachwandel und tausend Jahre Alltag haben den Badetag aus dem Kalender nicht herausbekommen.
Hávamál: gewaschen zum Thing
Die Hávamál im Codex Regius sind keine Hygieneschrift, aber sie behandeln Waschen als Teil des Anstands. Strophe 4 zählt auf, was ein Gast beim Betreten einer Halle erwarten darf:
“Wasser braucht, wer zum Mahle kommt, ein Handtuch und freundlichen Gruß.” (Hávamál, Strophe 4)
Wasser und Handtuch stehen hier gleichrangig neben Essen und Begrüßung. Nicht als Höflichkeitsfloskel, sondern als Pflicht des Gastgebers.
Strophe 61 dreht die Perspektive um und ist der interessantere Vers: Gewaschen und satt solle ein Mann zum Thing reiten, auch wenn seine Kleidung schlecht sei, und wegen Schuhen und Hosen solle sich niemand schämen. Darin steckt eine klare Rangfolge. Der Körper muss in Ordnung sein, die Kleidung darf arm sein. In einer Gesellschaft, die Rechtsstreitigkeiten öffentlich vor versammelter Nachbarschaft austrug, war der gewaschene Kopf Teil der eigenen Glaubwürdigkeit, und ein abgetragener Mantel eben nicht.
Snorralaug, baðstofa und die Grenzen der Badehaus-These
Hier wird die Beweislage dünn, und das sollte man offen sagen. Ein gemauertes Badehaus mit Zuleitung ist für die skandinavische Wikingerzeit nicht gesichert. Das meistfotografierte Beispiel, die Snorralaug in Reykholt auf Island, ist ein steinernes Becken, das von einer heißen Quelle gespeist wird und traditionell mit dem Historiker Snorri Sturluson verbunden wird, der 1241 erschlagen wurde. Das ist Hochmittelalter, rund zweihundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit. Wer das Becken als Wikingerbad abbildet, verwischt einen Abstand, der größer ist als der zwischen uns und dem Dreißigjährigen Krieg.
Ähnlich vorsichtig muss man mit dem isländischen baðstofa umgehen, wörtlich Badestube. Der Name stammt von einem Raum, in dem mit erhitzten Steinen und Wasser Dampf erzeugt wurde. In den Jahrhunderten danach verschob sich die Bedeutung auf die gemeinsame Wohn- und Schlafstube des Hofes, in der gesponnen, erzählt und geschlafen wurde. Der Name blieb, die Funktion wanderte. Das Wort belegt also eine Praxis, aber nicht zwingend ihr Alter.
Dasselbe gilt für die oft wiederholte Behauptung, nordische Männer hätten Haar und Bart mit scharfer Lauge gebleicht. Das altnordische Wort für Seife, sápa, existiert, und Plinius der Ältere beschreibt in seiner Naturalis Historia eine germanisch-gallische Seife, mit der Haare gefärbt wurden. Plinius schrieb allerdings im ersten Jahrhundert über andere Leute. Wir führen das Bleichen deshalb als plausible Annahme, nicht als Befund.
Was Fremde über die Nordmänner schrieben
Die englische Chronik, die John of Wallingford zugeschrieben wird, beschwert sich über die Dänen im Land: Sie kämmten täglich ihr Haar, badeten jeden Samstag, wechselten häufig die Kleidung und hätten damit den englischen Frauen den Kopf verdreht. Gemeint war das als Vorwurf gegen Eindringlinge. Übrig bleibt eine Beschreibung von Routine, aufgeschrieben von jemandem, der nicht den geringsten Grund hatte, die Nordleute zu loben. Genau das macht die Stelle wertvoll: Lob aus feindlicher Feder wiegt schwerer als Eigenwerbung.
Aus Haithabu selbst kommt eine zweite Stimme. Ibrahim ibn Yaqub al-Tartuschi, ein Reisender aus Al-Andalus, besuchte die Handelsstadt um 965 und notierte unter anderem ein künstliches Augen-Make-up, das dort von Männern wie Frauen benutzt worden sei. Körperpflege war im Norden also nicht nur Reinigung, sondern auch Gestaltung. Wer mehr über diesen Umschlagplatz wissen will, findet ihn im Porträt von Haithabu.
Die dritte und bekannteste Quelle, der Bericht des arabischen Gesandten Ahmad ibn Fadlan von der Wolga, ist im Alltags-Artikel bereits eingeordnet: Er kritisierte nicht fehlendes Waschen, sondern das geteilte Wasserbecken.
Coppergate: Läuse, Würmer und gefeilte Zähne
Jorvik, das wikingerzeitliche York, liefert die Gegenprobe. In den feuchten, sauerstoffarmen Schichten von Coppergate blieb organisches Material erhalten, das anderswo längst vergangen wäre: Läuse, Flöhe, Nissen zwischen Kammzähnen. Berühmt wurde ein 1972 geborgener menschlicher Kotstein vom Gelände der Lloyds Bank, in dem sich Eier von Peitschenwürmern und Spulwürmern nachweisen ließen. Dieselbe Person konnte einen fein verzierten Kamm am Gürtel tragen und Darmparasiten im Bauch.
Das ist kein Widerspruch zur Kammproduktion, sondern ihre Erklärung. Gegen Läuse half im zehnten Jahrhundert genau ein Gerät, und es ist dasselbe, das in den Gräbern liegt: ein feinzahniger Kamm, geduldig und oft benutzt. Die Werkstätten von Haithabu bedienten keinen Schönheitsmarkt im modernen Sinn, sondern ein konkretes, dauerhaftes und sehr juckendes Problem. Wasser kam aus Bach, Brunnen oder Fjord und wurde im Kessel über dem Herdfeuer erhitzt, im Winter lebte das Vieh mit im Haus, Stroh und Felle ließen sich nicht auskochen. Unter diesen Bedingungen war der Kamm keine Eitelkeit, sondern die wirksamste verfügbare Technik.
Die Zähne der Toten erzählen zwei Geschichten gleichzeitig. Die erste ist unfreiwillig: Mehl aus Handdrehmühlen enthielt feinen Steinabrieb, der die Kauflächen über Jahre abschliff. Die zweite ist Absicht. Die schwedische Osteologin Caroline Arcini legte 2005 eine Untersuchung vor, in der rund zwei Dutzend Männer aus skandinavischen Gräberfeldern beschrieben werden, deren obere Schneidezähne waagrechte Feilrillen tragen, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Kopparsvik bei Visby auf Gotland. Seither sind weitere Fälle in Dänemark und England aufgetaucht, und spätere Forschung hat die Zahl der bekannten Individuen deutlich erhöht. Die Erstbeschreibung dieses Phänomens stammt aber von Arcini, und ihre Zahl war eine andere Größenordnung. Was dieser Befund über das nordische Körperbild aussagt, haben wir im Artikel über Wikinger-Tattoos ausführlich behandelt.
Mythos gegen Fakt
| Behauptung | Was der Befund sagt |
|---|---|
| Wikinger wuschen sich nie | Falsch. Kämme sind Serienware aus spezialisierten Werkstätten |
| Wikinger waren sauber nach heutigem Maßstab | Falsch. Läuse, Nissen und Darmparasiten sind nachgewiesen |
| Kämme bestanden meist aus Knochen | Verkürzt. Geweih war das bevorzugte Material, weil es elastischer ist |
| Der Kamm war Luxus der Oberschicht | Falsch. Kämme liegen quer durch alle Grabtypen |
| Blondbleichen mit Lauge ist bewiesen | Unklar. Plausibel, aber ohne harten wikingerzeitlichen Beleg |
| Gefeilte Zähne waren Zahnpflege | Falsch. Körpermodifikation, 2005 von Arcini erstmals systematisch beschrieben |
| Badehäuser sind für die Wikingerzeit gesichert | Teilweise. Die bekannteste Anlage, Snorralaug, ist hochmittelalterlich |
Unsere Einschätzung: Pflege war zuerst ein Handwerk
Die populäre Erzählung ist in den letzten Jahren vom einen Extrem ins andere gekippt. Erst war der Wikinger der verlauste Dreckskerl, inzwischen gilt er in Dokumentationen gern als Hygiene-Vorbild, das halb Europa beschämte. Beides misst den Norden an einer Badewanne und übersieht, was die Funde tatsächlich dicht belegen.
Unsere Lesart: Körperpflege war im Norden vor allem eine Handwerksleistung. Jemand musste Geweih sammeln, zersägen, nieten, Zähne schneiden, verzieren und ein Futteral dazu anfertigen, und jemand musste das bezahlen. Der Verbundkamm gehört damit zu den wenigen wikingerzeitlichen Massenprodukten, die wir lückenlos verfolgen können, vom abgeworfenen Geweih über die Werkstattgrube bis in die Grabkammer. Diese Kette hätte es ohne stetige Nachfrage nie gegeben. Nicht die Sauberkeit ist also die eigentliche Pointe, sondern eine funktionierende Produktionskette für ein Pflegewerkzeug.
Dazu passt der zweite Strang dieses Artikels. Dieselbe Kultur, die Kämme in Serie fertigte, feilte einzelnen Männern Rillen in die Schneidezähne. Beides behandelt den Körper als etwas, das bearbeitet, gezeigt und von anderen gelesen wird. Wer Wikinger-Hygiene nur an der Frage misst, wie oft sich jemand wusch, verfehlt diesen Punkt. Interessanter ist, wie viel Arbeitszeit eine bäuerliche Gesellschaft ohne jeden Begriff von Bakterien bereit war, in die Oberfläche des eigenen Körpers zu stecken.
Bildquelle: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons