Geschichte

Das Tune-Schiff: Das vergessene Wikingerschiff neben Oseberg

Das Tune-Schiff der Wikinger: 1867 als erstes Schiffsgrab Norwegens ausgegraben, nur halb erhalten, um 900 gebaut und bis heute im Schatten von Oseberg.

Der erhaltene Rumpf des Tune-Schiffs auf Stahlstützen im Wikingerschiffshaus in Oslo, frontal aufgenommen
Inhalt
  1. Der Fund von 1867: Norwegens erste Schiffsgrabung
  2. Was das Tune-Schiff über den Schiffbau der Wikinger verrät
  3. Der Mann im Grab und die leere Kammer
  4. Tune, Gokstad und Oseberg im direkten Vergleich
  5. Vom Vergessen zur Vermessung: 3D-Scan und Rekonstruktion
  6. Was gesichert ist und was offen bleibt
  7. Wo das Tune-Schiff heute steht

Wer in Oslo das Wikingerschiffshaus betritt, hat meist zwei Namen im Kopf: Oseberg und Gokstad. Zwischen diesen beiden Prachtstücken steht jedoch ein drittes Schiff, an das sich kaum jemand erinnert, wenn er das Museum wieder verlässt. Das Tune-Schiff ist das erste Wikingerschiff, das in Norwegen überhaupt archäologisch ausgegraben wurde, gefunden 1867 in Østfold, und zugleich das unscheinbarste der drei: ein zur Hälfte erhaltener Rumpf auf dünnen Stahlstützen, ohne geschnitzten Steven, ohne Prunkwagen, ohne Königinnenrätsel. Genau deshalb erzählt dieses Schiff der Wikinger etwas, was seine beiden berühmten Nachbarn nicht erzählen können: wie ein Schiffsgrab tatsächlich aussieht, wenn Boden, Zeit und Grabräuber ihre Arbeit getan haben.

Der Fund von 1867: Norwegens erste Schiffsgrabung

Der Fundort liegt auf dem Hof Haugen auf Rolvsøy in der alten Gemeinde Tune, heute Teil von Fredrikstad im südnorwegischen Østfold. Über Generationen hatte dort ein Grabhügel gelegen, den die Bauern der Umgebung schlicht “Båthaugen” nannten, den Boothügel, was zumindest darauf hindeutet, dass die lokale Überlieferung ungefähr wusste, was im Erdreich steckte. Als 1867 tatsächlich Holz zum Vorschein kam, übernahm der Archäologe Oluf Rygh von der Universität in Christiania, dem heutigen Oslo, die Untersuchung.

Was folgte, war nach heutigen Maßstäben eine Blitzgrabung: Rygh legte das Schiff in etwa zwei Wochen frei. Man muss das im Vergleich sehen. Beim Gokstad-Fund von 1880 wurde jede Planke nummeriert, bei der Oseberg-Grabung von 1904/05 dokumentierte man Schicht für Schicht über zwei Sommer hinweg. 1867 existierte dieser Standard noch gar nicht, denn er wurde erst an genau diesen späteren Grabungen entwickelt. Das Tune-Schiff war der Anfang, und Anfänge sind selten sauber.

Hinzu kam ein zweiter Nachteil, an dem niemand schuld war: der Boden. Oseberg und Gokstad lagen in dichtem blauem Ton, der Sauerstoff fernhielt und Holz, Textilien und Leder über tausend Jahre konservierte. Im Hügel von Rolvsøy waren die Bedingungen deutlich schlechter. Große Teile des oberen Rumpfes waren vergangen, bevor überhaupt jemand zu graben begann. Erhalten blieb im Wesentlichen der untere Teil des Schiffs, also Kiel, Bodenplanken und Teile der unteren Plankengänge.

Die geborgenen Hölzer gingen anschließend nach Christiania, wo sie über Jahrzehnte hinweg nur provisorisch untergebracht waren. Erst 1932 zog das Tune-Schiff in den eigens errichteten Bau auf Bygdøy ein, in dem es bis heute steht. Ein Foto des Osloer Fotografen Anders Beer Wilse aus genau diesem Jahr zeigt den Rumpf in der frisch verputzten Halle, flankiert von Rudern und Stützen, und wirkt merkwürdig vertraut. An der Aufstellung hat sich seither erstaunlich wenig geändert.

JahrEreignis
um 900Bau des Schiffs aus Eichenholz, kurz darauf Bestattung im Hügel
1867Ausgrabung durch Oluf Rygh, erste Wikingerschiff-Grabung Norwegens
1880Fund des Gokstad-Schiffs, methodischer Wendepunkt
1904/05Ausgrabung des Oseberg-Schiffs, der reichste Fund
1932Das Tune-Schiff bezieht seinen Platz im Wikingerschiffshaus auf Bygdøy
2016Vollständiger 3D-Scan des erhaltenen Rumpfes
ab 2021Neubau des Museums um die Schiffe herum, Halle für Publikum geschlossen

Was das Tune-Schiff über den Schiffbau der Wikinger verrät

Trotz des lückenhaften Erhaltungszustands lässt sich erstaunlich viel rekonstruieren. Das Schiff war rund 18,7 Meter lang und etwa 4,35 Meter breit, gebaut vollständig aus Eichenholz in Klinkerbauweise, bei der sich die Planken überlappen und dem Rumpf jene Elastizität geben, die auch das klassische Langschiff auszeichnet. Die erhaltenen Ruderöffnungen und Spantenabstände sprechen für elf bis zwölf Ruderpaare, also eine Besatzung, die deutlich kleiner war als die des Gokstad-Schiffs mit seinen sechzehn Paaren.

Entscheidend ist ein Detail, das man im Museum leicht übersieht: Der Kielschwein-Bereich, also die Verstärkung über dem Kiel, in der der Mastfuß saß, ist vorhanden. Das Tune-Schiff war damit unstrittig ein Segelschiff und kein reines Ruderboot. Zusammen mit dem vergleichsweise tiefen Kiel ergibt sich das Bild eines schmalen, schnellen Fahrzeugs, das für offenes Wasser taugte und nicht nur für ruhige Fjordfahrten gedacht war.

Der erhaltene Rumpf des Tune-Schiffs von der Seite, mit weißen Messpunkten für den 3D-Scan Bildquelle: Peulle (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Dendrochronologische und typologische Einordnungen datieren den Bau auf die Zeit um 900 nach Christus, die Bestattung erfolgte vermutlich kurz darauf. Damit gehört das Tune-Schiff in dieselbe Generation wie das Gokstad-Schiff und ist rund zwei Menschenalter jünger als das Oseberg-Schiff. Drei Schiffe, rund acht Jahrzehnte auseinander, drei völlig verschiedene Schicksale im Boden.

Hör dir Wellerman an, während du weiterliest, einen rauen Sea Shanty, der die Stimmung einer Seefahrernation gut trifft:

Der Mann im Grab und die leere Kammer

Im Schiff stand ursprünglich eine hölzerne Grabkammer. Gefunden wurden darin die spärlichen Überreste eines Mannes sowie Knochen von Pferden, dazu Fragmente von Holz und Textilien. Was praktisch vollständig fehlt, sind Metallgegenstände: keine Waffen, kein Schmuck, keine Beschläge von Rang. Der Befund entspricht dem, was Archäologen auch aus Oseberg und Gokstad kennen. Die Kammer war bereits in vorgeschichtlicher oder frühmittelalterlicher Zeit geöffnet und ausgeräumt worden, lange bevor moderne Archäologen den Hügel öffneten.

Die Pferdeknochen sind dabei kein Nebendetail. Tieropfer gehören zum festen Repertoire hochrangiger Schiffsgräber der Wikingerzeit, in Gokstad fanden sich zwölf Pferde, sechs Hunde und sogar ein Pfau, in Oseberg mehrere Pferde und Hunde. Das Muster ist überall dasselbe: Der Tote bekommt nicht nur ein Fahrzeug mit, sondern einen ganzen Haushalt an Mobilität und Status. Wie viele Tiere im Tune-Hügel ursprünglich lagen, lässt sich wegen der raschen Grabung von 1867 nicht mehr genau sagen, und genau solche Lücken sind der Preis, den die frühe Archäologie für ihre Eile bezahlt hat.

Wer der Bestattete war, weiß niemand. Es gibt keine Inschrift, keine Saga-Stelle, die sich zweifelsfrei auf dieses Grab beziehen ließe, und keine seriöse Identifikation. Sicher ist nur der soziale Rahmen: Ein Schiff dieser Größe zu bauen, zu unterhalten und anschließend als Grab in die Erde zu legen, konnte sich in der Wikingerzeit nur eine sehr kleine Oberschicht leisten. Ob der Mann ein Kleinkönig, ein Jarl oder ein wohlhabender Großbauer mit eigener Schiffsbesatzung war, lässt der Befund offen.

Das Tune-Schiff ist der ehrlichste der drei Osloer Funde: Es zeigt genau so viel, wie tatsächlich erhalten geblieben ist, und keinen Zentimeter mehr.

Das ist auch unsere redaktionelle Einschätzung zu der Frage, warum dieses Schiff so wenig bekannt ist. Es liegt nicht am wissenschaftlichen Wert, sondern an der Präsentation. Oseberg und Gokstad wurden aufwendig ergänzt und wieder zu Schiffen zusammengesetzt, die man als Schiffe erkennt. Beim Tune-Schiff hat man weitgehend darauf verzichtet. Wer davorsteht, sieht ein Skelett aus schwarzem Eichenholz und muss den Rest selbst dazudenken. Das ist museal anspruchsvoller, aber es ist die aufrichtigere Lösung, denn eine Rekonstruktion ist immer auch eine Interpretation.

Tune, Gokstad und Oseberg im direkten Vergleich

MerkmalTune-SchiffGokstad-SchiffOseberg-Schiff
Ausgrabung186718801904/05
FundregionRolvsøy, ØstfoldSandefjord, VestfoldTønsberg, Vestfold
Längeca. 18,7 m23,24 m21,58 m
Breiteca. 4,35 m5,20 mca. 5 m
Ruderpaare11 bis 121615
Bauzeitum 900um 890um 820
Erhaltungunterer Rumpf, etwa zur Hälftenahezu vollständignahezu vollständig
Bestattungein Mann, Pferdeein Mann, viele Tieropferzwei Frauen, reiche Beigaben
Beigabenfast alles geraubtMetall geraubt, Holz erhaltenHolz und Textil erhalten

Die Tabelle macht sichtbar, was Bekanntheit in der Archäologie eigentlich bedeutet: Sie hängt vor allem an der Erhaltung und an der Menge der Beigaben, nicht am Erkenntniswert. Für die Frage, wie ein normales, seetüchtiges Schiff der Wikingerzeit gebaut war, ist der schmale Tune-Rumpf mindestens so aufschlussreich wie der schwer beladene Prunkfund aus Oseberg.

Vom Vergessen zur Vermessung: 3D-Scan und Rekonstruktion

Seit den 2000er-Jahren hat das Tune-Schiff eine zweite wissenschaftliche Karriere begonnen. Der norwegische Schiffsarchäologe Knut Paasche legte 2010 eine Doktorarbeit vor, in der er den Rumpf digital rekonstruierte und zu dem Schluss kam, dass frühere Zeichnungen die Linienführung zu bauchig angesetzt hatten. In seiner Rekonstruktion ist das Tune-Schiff schlanker, schneller und klarer als Hochseesegler gebaut, als man lange annahm.

2016 wurde der gesamte erhaltene Rumpf mit Hunderten weißer Messpunkte versehen und vollständig dreidimensional gescannt. Solche Scans sind mehr als ein digitaler Katalogeintrag. Sie ermöglichen Verformungsanalysen, sie dokumentieren den Zustand vor jedem Transport, und sie erlauben Rekonstruktionsversuche, ohne das Original auch nur zu berühren. Für ein Objekt, das seit über 150 Jahren aus dem konservierenden Boden heraus ist, ist das keine Spielerei, sondern Bestandsschutz.

Bemerkenswert ist außerdem, dass ausgerechnet Østfold, die Region des Tune-Fundes, in den letzten Jahren wieder in die Schlagzeilen geraten ist. Nur wenige Kilometer entfernt entdeckten Archäologen mit Bodenradar die Spuren eines weiteren Schiffsgrabes, des sogenannten Gjellestad-Schiffs, das ab 2020 ausgegraben wurde. Vom Schiff selbst war fast nur noch der Abdruck im Boden übrig, doch die Grabung war die erste ihrer Art in Norwegen seit rund einem Jahrhundert. Die Landschaft um den Oslofjord hat ihre Schiffsgräber offenbar noch nicht alle abgegeben.

Das Tune-Schiff auf einem eigens gebauten Stahlgestell während der Arbeiten am neuen Museum in Oslo Bildquelle: Industriinfo (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Was gesichert ist und was offen bleibt

Bei einem so alt ausgegrabenen Fund lohnt sich die nüchterne Trennung. Gesichert sind: das Grabungsjahr 1867 unter Oluf Rygh, die Maße und die Klinkerbauweise, der erhaltene Mastfußbereich als Beleg für ein Segelschiff, die Einordnung des Baus in die Zeit um 900, die Bestattung eines Mannes samt Pferdeknochen sowie die Tatsache, dass die Kammer vor der Ausgrabung geplündert war.

Offen bleiben dagegen die Identität des Bestatteten, die genaue Zahl der geopferten Tiere, das ursprüngliche Aussehen von Steven und Rigg sowie die Frage, wie viele Beigaben das Grab einmal enthielt. Wer im Netz auf Texte stößt, die dem Tune-Schiff einen konkreten König zuweisen, sollte skeptisch bleiben. Solche Zuschreibungen stützen sich auf Sagas, die Jahrhunderte später entstanden sind, nicht auf den Befund im Boden.

Wo das Tune-Schiff heute steht

Seit 1932 ist das Tune-Schiff gemeinsam mit den Funden aus Gokstad und Oseberg im Wikingerschiffshaus auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo untergebracht. Das Gebäude erwies sich mit den Jahrzehnten als zu klein und klimatisch zu instabil für derart empfindliches Holz, weshalb an derselben Stelle ein deutlich größerer Museumsbau entsteht, das Museum der Wikingerzeit. Die alte Halle ist für Besucher seit 2021 geschlossen.

Der heikelste Teil dieses Projekts betrifft genau die Objekte, um die es geht. Die Schiffe gelten als zu fragil, um sie einfach fortzuschaffen, weshalb der Neubau um sie herum errichtet und der Baufortschritt messtechnisch überwacht wird. Fotos aus der Bauphase zeigen das Tune-Schiff auf einem eigens konstruierten Stahlgestell, umgeben von Restauratorinnen, Ingenieuren und Hebetechnik. Es ist ein passendes Bild für dieses Schiff: Es steht nicht im Rampenlicht, aber ohne es wäre die Geschichte der nordischen Schiffsarchäologie nie in Gang gekommen.

Wenn das neue Museum öffnet, bekommt der stille Dritte im Bunde zum ersten Mal seit über 150 Jahren eine Bühne, die seinem tatsächlichen Rang entspricht. Verdient hätte er sie längst.

Bildquelle: Petter Ulleland (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons