Geschichte

Das Oseberg-Schiff: Das prunkvollste Wikinger-Grab der Geschichte

Das Oseberg-Schiff ist der reichste Wikinger-Schiffsfund: Ausgrabung 1904/05, zwei bestattete Frauen, Tierkopfpfosten und ein bis heute ungelöstes Rätsel.

Der reich geschnitzte Bug des Oseberg-Schiffs im Vikingskipshuset in Oslo
Inhalt
  1. Die Entdeckung: Ein Hügel voller Geheimnisse
  2. Ein Prunkschiff aus Eichenholz
  3. Zwei Frauen im Zentrum des Rätsels
  4. Der Schatz aus blauem Ton
  5. Was gesichert ist, und was Spekulation bleibt
  6. Das Vikingskipshuset: Wo das Schiff heute steht

Kaum ein archäologischer Fund hat unser Bild der Wikingerzeit so nachhaltig geprägt wie das Oseberg-Schiff. Als ein Bauer im Sommer 1903 auf einem Hof bei Tønsberg in Südnorwegen auf verdächtig dunkles, weiches Holz stieß, ahnte niemand, was sich unter dem Hügel verbarg: ein über 21 Meter langes, aufwendig geschnitztes Schiff, das im 9. Jahrhundert als letzte Ruhestätte für zwei Frauen diente, ausgestattet mit einer Fülle an Grabbeigaben, wie sie kein anderes Wikingergrab je hervorgebracht hat. Bis heute gilt das Oseberg-Schiff als der spektakulärste Einzelfund der gesamten nordischen Archäologie, und bis heute ist nicht restlos geklärt, wer die beiden Frauen waren, die darin bestattet wurden.

Die Entdeckung: Ein Hügel voller Geheimnisse

Der Fundort liegt auf dem Hof Lille Oseberg, unweit von Tønsberg, einer der ältesten Städte Norwegens. Als der Landwirt Oskar Rom im August 1903 in den Grabhügel grub und auf Holzreste stieß, erkannte er sofort, dass es sich um etwas Bedeutendes handeln musste, und informierte die Universität in Kristiania, dem heutigen Oslo. Der Archäologe Gabriel Gustafson untersuchte die Fundstelle noch im selben Jahr, und was er sah, überzeugte ihn, im folgenden Sommer eine vollständige Ausgrabung zu beginnen.

Diese Ausgrabung, die von 1904 bis 1905 dauerte, zählt zu den methodisch sorgfältigsten Grabungen ihrer Zeit. Gustafson und sein Team dokumentierten jede Schicht, jeden Fund, jede Position penibel, was sich als Glücksfall erweisen sollte: Der Grabhügel bestand aus dichtem, blauem Ton, der Sauerstoff weitgehend fernhielt und dadurch organisches Material wie Holz, Textilien und Leder über tausend Jahre hinweg in einem Zustand konservierte, der andernorts undenkbar gewesen wäre. Ohne diesen glücklichen bodenchemischen Zufall wüssten wir heute weit weniger über das Handwerk, die Kunst und den Alltag der Wikingerzeit.

Dendrochronologische Untersuchungen, also die Datierung anhand von Baumringen, konnten später präzise Zahlen liefern: Das Holz für den Schiffsbau wurde um etwa 820 nach Christus gefällt, während Holz aus der eigentlichen Grabkammer auf das Jahr 834 nach Christus datiert wird. Das Schiff war zum Zeitpunkt der Bestattung also bereits gut ein Jahrzehnt in Gebrauch, ein Detail, das nahelegt, dass es zumindest zeitweise auch tatsächlich gefahren wurde, bevor man es zum Grab umfunktionierte.

Ein Prunkschiff aus Eichenholz

Das Oseberg-Schiff ist 21,58 Meter lang, etwa 5 Meter breit und vollständig aus Eichenholz in der für Wikingerschiffe typischen Klinkerbauweise gefertigt, bei der sich die Planken überlappen und dem Rumpf jene Flexibilität verleihen, die auch das klassische Langschiff so seetüchtig machte. Anders als reine Kriegsschiffe wie das später gefundene Gokstad-Schiff war das Oseberg-Schiff jedoch vor allem für ruhige Gewässer und zeremonielle Zwecke gebaut. Sein flacher Kiel und die vergleichsweise leichte Bauweise machten es elegant und schnell auf Fjorden und Flüssen, aber weniger geeignet für schwere See.

Was das Schiff jedoch unverwechselbar macht, ist seine Verzierung. Bug und Heck laufen in kunstvoll geschnitzten Spiralen aus, die sich über die gesamte Außenhaut ziehen, und im Grab fanden sich zusätzlich mehrere separate Tierkopfpfosten, kunstvoll geschnitzte Pfähle im sogenannten “Greiftier”-Stil (dyrehode), deren genaue Funktion bis heute diskutiert wird. Vermutlich dienten sie als tragbare Zeremonialobjekte, vielleicht zur Abwehr böser Geister, vielleicht als Rangabzeichen. Die Schnitzkunst an diesen Pfosten gilt als eine der aufwendigsten, die aus der gesamten Wikingerzeit erhalten ist.

Kunstvoll geschnitzter Tierkopfpfosten aus dem Oseberg-Grab Bildquelle: William Allen, Image Historian (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons

Hör dir Wellerman an, während du weiterliest, einen rauen Sea Shanty, der die Stimmung einer Seefahrernation gut einfängt:

Zwei Frauen im Zentrum des Rätsels

Im Zentrum der Grabkammer, unter einem Zelt aus Textilien, lagen die sterblichen Überreste zweier Frauen. Osteologische Untersuchungen zeigen, dass eine der beiden bei ihrem Tod etwa 70 bis 80 Jahre alt war, die andere deutlich jünger, ungefähr 50 Jahre. Beide waren zum Zeitpunkt ihres Todes für die damalige Zeit bemerkenswert alt geworden, was allein schon auf einen gewissen Wohlstand und eine privilegierte Lebensweise hindeutet.

Wer diese beiden Frauen wirklich waren, ist eine der meistdiskutierten Fragen der nordischen Archäologie, und ehrlicherweise muss man sagen: Wir wissen es nicht sicher. Die norwegische Sagatradition kennt eine Königin namens Åsa, die mit der Region Vestfold in Verbindung gebracht wird, und manche Forscher haben spekuliert, ob eine der Bestatteten mit ihr identisch sein könnte. Belegen lässt sich das jedoch nicht, die Sagas wurden erst Jahrhunderte nach den Ereignissen niedergeschrieben und sind als historische Quelle mit Vorsicht zu genießen. Andere Hypothesen reichen von einer hochrangigen Adligen mit ihrer Dienerin oder Gefolgsfrau bis hin zur Vermutung, eine der Frauen könnte eine Völva gewesen sein, eine Seherin oder Kultführerin mit besonderem religiösem Status, worauf manche der Grabbeigaben, etwa Kräuterreste und ein möglicherweise rituell genutzter Stab, hindeuten könnten.

Die ehrlichste Antwort auf die Frage, wer im Oseberg-Schiff ruht, lautet: zwei Frauen von offenkundig hohem Rang, deren Namen und genaue Rollen die Geschichte nicht überliefert hat.

Auffällig ist zudem, dass das Verhältnis der beiden Frauen zueinander unklar bleibt. Waren sie verwandt, etwa Mutter und Tochter? War die jüngere eine Gefolgsfrau oder gar eine rituell geopferte Begleiterin, ähnlich der Sklavin, die der arabische Reisende Ibn Fadlan bei einer Rus-Bestattung an der Wolga beschrieb? Keine dieser Möglichkeiten lässt sich mit den vorhandenen Daten ausschließen oder beweisen, und genau diese Unsicherheit macht das Oseberg-Grab zu einem Fall, bei dem Archäologie an ihre eigenen Grenzen stößt.

Der Schatz aus blauem Ton

Was die Grabkammer an Beigaben enthielt, übertrifft praktisch jeden anderen Fund der Wikingerzeit an Vielfalt und Erhaltungszustand. Neben dem Schiff selbst fanden die Archäologen einen reich verzierten Prunkwagen, vermutlich für zeremonielle Prozessionen gedacht, sowie mehrere Schlitten, von denen manche kunstvoll mit Schnitzereien versehen waren. Dazu kamen landwirtschaftliche Geräte, Küchenausstattung, Webrahmen, Truhen, Betten und Kämme, ein umfassendes Inventar dessen, was ein wohlhabender Haushalt der Wikingerzeit besaß.

Besonders bedeutsam sind die Fragmente eines gewebten Wandteppichs, der zu den ältesten erhaltenen Textilkunstwerken der nordischen Welt zählt. Die erhaltenen Stücke zeigen eine Prozessionsszene mit Wagen, Reitern und menschlichen Figuren, deren genaue Bedeutung Forscher bis heute beschäftigt. Manche lesen darin eine rituelle oder mythologische Szene, vielleicht sogar mit Bezug zu den nordischen Göttern und ihren Kulten, andere sehen schlicht die Darstellung einer weltlichen Zeremonie. Beweisen lässt sich keine der beiden Deutungen abschließend, aber allein die Existenz eines derart komplexen, figürlichen Webbilds aus dem 9. Jahrhundert ist ein textilhistorischer Glücksfall ohnegleichen.

Fragment des berühmten Oseberg-Wandteppichs mit Prozessionsszene Bildquelle: Skadinaujo (CC BY-SA 2.5), via Wikimedia Commons

Zu den ungewöhnlichsten Funden zählt ein kleiner Eimer mit Bronzebeschlägen im sogenannten “Buddha-Eimer”-Stil (Buddha bucket), dessen Verzierung stilistisch auf Werkstätten weit außerhalb Skandinaviens verweist, vermutlich aus dem Bereich des heutigen Irlands, mit möglichen Wurzeln in noch weiter entfernten Kunsttraditionen. Ein solcher Gegenstand belegt eindrucksvoll, wie weitreichend die Handels- und Beutewege der Wikingerzeit tatsächlich waren, lange bevor man gemeinhin an internationale Verflechtung denkt.

Nicht unerwähnt bleiben sollten die Tieropfer: Mehrere Pferde und Hunde, in manchen Aufzeichnungen auch ein Ochse, wurden zusammen mit den Frauen bestattet, ein Brauch, der auch von anderen Wikinger-Schiffsgräbern bekannt ist und auf eine Vorstellung vom Jenseits schließen lässt, in dem Tiere weiterhin gebraucht wurden.

FundBedeutung
Schiffsrumpf (21,58 m, Eiche)Prunkschiff, umfunktioniert zur Grabkammer, dendrochronologisch auf ca. 820 n. Chr. datiert
TierkopfpfostenKunstvoll geschnitzte Zeremonialobjekte im Greiftier-Stil, vermutlich rituelle Funktion
Wandteppich-FragmenteEines der ältesten erhaltenen Textilkunstwerke der Wikingerzeit, zeigt eine Prozessionsszene
PrunkwagenReich verzierter Zeremonialwagen, ohne Parallele in anderen Funden dieser Zeit
Schlitten (mehrere)Teils kunstvoll geschnitzt, vermutlich für winterliche Prozessionen genutzt
Landwirtschaftliche GeräteZeugnis des ländlichen Alltags der Wikingerzeit, ungewöhnlich gut erhalten
”Buddha-Eimer”Bronzebeschläge fremder Stilherkunft, Beleg für weitreichende Handelskontakte
Tieropfer (Pferde, Hunde)Hinweis auf Jenseitsvorstellungen, in denen Tiere weiterhin benötigt wurden

Bemerkenswert ist außerdem, was fehlt: Die Grabkammer wurde nachweislich bereits in der Wikingerzeit selbst geöffnet und gestört, vermutlich im 10. Jahrhundert. Archäologen gehen davon aus, dass gezielt nach Objekten aus Edelmetall gesucht wurde, Schmuck, Waffen oder Münzen, die vollständig fehlen. Ironischerweise ist genau das ein Glücksfall für die Wissenschaft: Die Plünderer interessierten sich nicht für Holz, Textilien oder Werkzeug, sodass ausgerechnet jenes Material erhalten blieb, das uns heute am meisten über das tägliche Leben und Handwerk der Wikingerzeit verrät.

Was gesichert ist, und was Spekulation bleibt

Bei einem Fund von dieser Tragweite lohnt sich eine nüchterne Bestandsaufnahme. Sicher belegt sind: das Ausgrabungsjahr 1904/05 unter Gabriel Gustafson, die dendrochronologische Datierung auf 834 nach Christus, die exakten Maße und die Bauweise des Schiffs, das vollständige Inventar der erhaltenen Grabbeigaben sowie die Tatsache, dass die Kammer bereits in der Wikingerzeit geplündert wurde. Auch das Alter der beiden bestatteten Frauen gilt als gesichert.

Spekulativ bleibt dagegen fast alles, was mit Identität und Bedeutung zu tun hat: Wer die beiden Frauen waren, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, ob eine von ihnen tatsächlich eine Königin war, was die Szenen auf dem Wandteppich genau darstellen, und warum gerade dieses Schiff, dieser Ort und diese Personen eine derart aufwendige Bestattung erhielten. Seriöse Archäologie unterscheidet hier klar zwischen dem, was Funde direkt belegen, und dem, was plausible, aber unbewiesene Interpretation ist. Wer im Internet auf eindeutige Behauptungen stößt, “die Oseberg-Königin” sei zweifelsfrei identifiziert, sollte diese Aussage mit Vorsicht behandeln: Die Fachliteratur selbst bleibt in dieser Frage bewusst zurückhaltend.

Das Vikingskipshuset: Wo das Schiff heute steht

Heute ist das Oseberg-Schiff, zusammen mit einem Großteil seiner Grabbeigaben, im Vikingskipshuset (Wikingerschiffshaus) auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo ausgestellt, gemeinsam mit dem Gokstad-Schiff und weiteren bedeutenden Funden. Das Museum zählt zu den meistbesuchten Norwegens, und wer vor dem restaurierten Rumpf steht, versteht auf einen Blick, warum dieser Fund die Vorstellung von der Wikingerzeit bis heute prägt.

Aufgrund des baulichen Zustands des historischen Museumsgebäudes und wachsender Sorgen um die langfristige Konservierung der empfindlichen Holzobjekte wird derzeit an einem neuen, deutlich größeren Museumsbau gearbeitet, der die Sammlung künftig aufnehmen soll. Bis zur Fertigstellung bleibt das Oseberg-Schiff jedoch am angestammten Ort zu besichtigen, ein über hundertjähriges Zeugnis norwegischer Museumsgeschichte in eigener Sache.

Kein anderer Fund zeigt so eindringlich, wie viel ein einzelnes Grab über eine ganze Epoche erzählen kann, und wie viele Fragen selbst die reichsten Funde am Ende offenlassen.

Bildquelle: Daderot (Public domain), via Wikimedia Commons