Runen & Symbole

Thorshammer-Amulett-Funde: Was sie wirklich zeigen

Thorshammer Amulett Fund im Faktencheck: über tausend Hämmer von Island bis zur Wolga, der Runenhammer von Købelev und was die Gräber tatsächlich hergeben.

Silberner Thorshammer-Anhänger mit Filigran- und Granulationsdekor aus der Sammlung des Historischen Museums in Stockholm
Inhalt
  1. Was als Thorshammer-Amulett-Fund überhaupt zählt
  2. Die Fundkarte: von Island bis an die Wolga
  3. Der Hammer von Købelev: der Fund, der eine Debatte beendete
  4. Thorshammerringe: die übersehene zweite Fundgattung
  5. Hammer und Kreuz aus derselben Form
  6. Mythos gegen Fundlage
  7. Was wir aus dem Fundbestand nicht ableiten können

Ein neuer Thorshammer-Amulett-Fund ist in Skandinavien längst keine Sensation mehr, sondern Routine. Detektorgänger, Baggerfahrer und Grabungsteams melden Jahr für Jahr neue Exemplare, und in den Magazinen der großen Museen liegen sie zu Hunderten. Genau deshalb sind sie so wertvoll. Wo Mythen nur erzählt werden, ist dieses Material hart messbar: Man kann die Hämmer zählen, kartieren, datieren und ihren Grabkontext auswerten. Und was dabei herauskommt, deckt sich nur teilweise mit dem populären Bild vom hammertragenden Kriegerwikinger.

Dieser Artikel schaut deshalb bewusst nicht auf den Mythos, sondern auf das Fundmaterial. Über die religiöse Bedeutung von Mjölnir haben wir an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Hier geht es um die Objekte selbst: wie viele es gibt, wo sie liegen, wann sie auftauchen, wann sie verschwinden, und welche wenigen Einzelstücke die Forschung wirklich weitergebracht haben.

Was als Thorshammer-Amulett-Fund überhaupt zählt

Die Definition ist enger, als viele annehmen. Als Thorshammer gilt in der Archäologie ein kleiner Anhänger mit T-förmigem oder kreuzförmigem Kopf, einem kurzen Schaft und einer Öse oder einem umgebogenen Haken am oberen Ende. Die Größe liegt meist zwischen zwei und fünf Zentimetern, das Gewicht oft unter zehn Gramm. Materialien sind Silber, Kupferlegierungen, Eisen, Blei, Bernstein und in seltenen Fällen Gold.

Weit über tausend solcher Anhänger sind heute aus wikingerzeitlichen Kontexten publiziert. Die verlässlichste Grundlage für diese Größenordnung ist die Katalogarbeit des Archäologen Jörn Staecker, der Ende der 1990er-Jahre systematisch Kreuz- und Hammeranhänger aus dem gesamten Ostseeraum erfasst und typologisch geordnet hat. Seither ist die Zahl durch Metallsuche und Notgrabungen weiter gestiegen, ohne dass sich das Gesamtbild grundlegend verschoben hätte.

Wichtig ist die zeitliche Einordnung, denn sie ist überraschend eng. Hammeranhänger tauchen im Fundmaterial nicht seit jeher auf. Die frühen Stücke stammen aus dem 9. Jahrhundert, die große Masse aus dem 10., und im Lauf des 11. Jahrhunderts verschwinden sie fast vollständig. Das ist ein Zeitfenster von rund zwei Jahrhunderten, und es fällt fast exakt mit der Phase zusammen, in der das Christentum in Skandinavien an Boden gewann. Diese Gleichzeitigkeit ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der gesamten Fundgattung.

Silberner Thorshammer mit gepunztem Dekor, noch an seinem originalen Aufhängering

Bildquelle: Ola Myrin, Historiska museet (CC BY 4.0), via Wikimedia Commons

Die Fundkarte: von Island bis an die Wolga

Kartiert man alle bekannten Exemplare, entsteht eine Verbreitung, die dem wikingerzeitlichen Aktionsradius fast deckungsgleich folgt. Die höchste Funddichte liegt in Mittelschweden und auf den Ostseeinseln, gefolgt von Dänemark und Südnorwegen. Von dort aus zieht sich die Streuung nach Westen bis nach Island und Irland, nach Süden bis in den norddeutschen Raum und nach Osten entlang der Flusswege bis nach Staraja Ladoga und Gnjosdowo im heutigen Russland.

Besonders aufschlussreich sind die Randzonen. In England hat das Portable Antiquities Scheme, ein Meldesystem für Zufallsfunde, inzwischen eine ganze Reihe von Hammeranhängern aus dem Danelaw dokumentiert, darunter Stücke aus Lincolnshire und Norfolk. Und im Winterlager der dänischen Armee im englischen Repton fand sich in einem Kriegergrab ein Hammeranhänger neben Waffen und einem Eberzahn, ein seltener Fall, in dem sich ein Fund mit einem historisch datierten Ereignis verknüpfen lässt.

Goldener Thorshammer-Anhänger aus Lincolnshire in mehreren Ansichten mit Maßstab

Bildquelle: Lincolnshire County Council, Adam Daubney, Portable Antiquities Scheme (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons

Diese weite Streuung sagt allerdings weniger über Missionierung oder Glaubenskämpfe aus, als man vermuten könnte. Sie sagt vor allem etwas über Handel. Hammeranhänger reisten mit denselben Menschen und auf denselben Routen wie Silberbarren, Perlen und Waagen, und sie tauchen bevorzugt dort auf, wo auch andere skandinavische Importgüter liegen: an Handelsplätzen, Flussmündungen und Umschlagorten wie Birka.

Hör dir Þórr an, während du weiterliest, das Stück zum Gott hinter diesen Amuletten:

Der Hammer von Købelev: der Fund, der eine Debatte beendete

Jahrzehntelang gab es ein methodisches Problem mit dieser gesamten Objektgruppe. Alle Deutungen beruhten auf einem Analogieschluss: Das Ding sieht aus wie ein Hammer, Thor hatte einen Hammer, also ist es ein Thorshammer. Kein einziges Exemplar sagte selbst, was es darstellen sollte. Für skeptische Forscher blieb damit immer die Möglichkeit im Raum, es könne sich um Werkzeugmodelle, Amboss-Symbole oder schlicht um ein beliebtes Schmuckmotiv handeln.

Diese Lücke schloss 2014 ein Fund auf der dänischen Insel Lolland. Bei Købelev kam ein kleiner Hammeranhänger aus Bronze mit Silberauflage zutage, und auf seiner Fläche stand eine kurze Runeninschrift: hmar x is. Das ist eine leicht verschriebene Form von altnordisch hamar es, also schlicht:

Dies ist ein Hammer.

So banal der Satz klingt, so groß ist seine Beweiskraft. Zum ersten Mal benennt ein Objekt dieser Gattung sich selbst. Damit ist gesichert, dass die Menschen der Wikingerzeit diese Anhänger tatsächlich als Hämmer verstanden und nicht als abstraktes Ornament trugen. Der Fund liegt heute im Nationalmuseum in Kopenhagen und ist bis heute das einzige bekannte Stück mit einer solchen Selbstbezeichnung.

Thorshammerringe: die übersehene zweite Fundgattung

Wer an einen Thorshammer-Amulett-Fund denkt, denkt an einen Anhänger an einer Kette. Es gibt aber eine zweite, ganz eigene Objektgruppe, die in der Populärkultur praktisch nicht vorkommt: die sogenannten Thorshammerringe. Das sind offene Eisenringe von Hals- oder Armumfang, an denen ein oder mehrere kleine Hammeranhänger aus Eisen befestigt sind, oft zusätzlich mit Spiralen oder Ösen.

Ihre Verbreitung ist bemerkenswert eng. Die große Mehrheit stammt aus dem schwedischen Mälartal, also aus Uppland, Södermanland und Västmanland, mit einzelnen Ausläufern nach Osten. Und fast alle kommen aus Brandgräbern, wurden also gemeinsam mit dem Leichenbrand niedergelegt oder in die Grabgrube gesteckt. Das unterscheidet sie funktional deutlich von den silbernen Anhängern: Ein rostiger Eisenring war kein Schmuckstück für den Alltag, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein rituelles Objekt, das für die Bestattung selbst gefertigt oder zumindest bewusst dort deponiert wurde.

Eiserner Thorshammerring aus einem schwedischen Brandgrab mit angehängtem Hammer

Bildquelle: The Swedish History Museum, Stockholm (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons

Diese regionale Konzentration ist einer der stärksten Hinweise darauf, dass es keine einheitliche, überall gleiche Hammerverehrung gab. Was im Mälartal offenbar zum Bestattungsritual gehörte, spielte in Jütland oder Westnorwegen keine erkennbare Rolle. Die Fundgattung zerfällt bei genauem Hinsehen in lokale Praxisformen.

Hammer und Kreuz aus derselben Form

Der aufschlussreichste Einzelfund für die religionsgeschichtliche Deutung ist kein Schmuckstück, sondern ein Werkzeug. In Trendgården in Nordjütland kam eine Gussform aus Speckstein zutage, die Vertiefungen für mehrere Objekte gleichzeitig besitzt, darunter einen Thorshammer und ein christliches Kreuz. Ein einziger Handwerker konnte in einem Arbeitsgang beides gießen, aus demselben Metall, für dieselbe Kundschaft.

Ähnlich vieldeutig ist ein silberner Anhänger von Foss in Island, dessen Form sich mit gleichem Recht als Hammer wie als Kreuz lesen lässt. Solche Objekte sind kein Kuriosum, sondern ein Muster. Sie passen zu dem, was die Schriftquellen über die Übergangszeit berichten. Im Landnámabók heißt es von Helgi dem Mageren, er habe an Christus geglaubt, aber auf See und in schwierigen Lagen Thor angerufen. Und Snorri Sturluson erzählt in der Hákonar saga góða, wie König Hakon das Kreuzzeichen über den Trinkhorn machte und ein Jarl den anwesenden Bauern erklärte, der König habe das Hammerzeichen geschlagen.

FundOrtDatierungWarum er zählt
Hammer von KøbelevLolland, Dänemark10. Jh.Einzige Runeninschrift: “Dies ist ein Hammer”
Gussform von TrendgårdenNordjütland, Dänemark10. Jh.Hammer und Kreuz aus einer Form
Anhänger von FossIsland10. Jh.Form zwischen Hammer und Kreuz
Grab 511 von ReptonDerbyshire, Englandum 873/874Hammer im datierten Kriegergrab
ThorshammerringeMälartal, Schweden9. bis 10. Jh.Eigene Gattung, fast nur in Brandgräbern

Mythos gegen Fundlage

An dieser Stelle lohnt ein nüchterner Abgleich zwischen dem, was gern behauptet wird, und dem, was das Material tatsächlich hergibt.

Populäre AnnahmeWas die Funde zeigen
Der Hammer war ein Männer- und KriegersymbolAnhänger erscheinen in Männer- wie Frauengräbern, in Schweden auffällig oft bei Frauen
Jeder Wikinger trug einenSie bleiben Minderheitenbeigabe, die meisten Gräber enthalten keinen
Der Hammer ist uralt, so alt wie der Glaube an ThorAls Anhänger erst ab dem 9. Jahrhundert fassbar
Hammer und Kreuz waren GegensätzeTrendgården beweist Produktion beider Formen in einer Werkstatt
Alle Hämmer sehen gleich ausVon grob geschmiedetem Eisen bis zu Filigranarbeit, ohne Einheitsform

Der letzte Punkt verdient eine Ergänzung. Die kunstvollen Silberstücke mit Granulation und Filigran, wie das Exemplar oben im Beitrag, sind Prestigearbeiten und keineswegs typisch. Sie sind nur überrepräsentiert, weil Museen und Bildarchive sie bevorzugt zeigen. Der statistisch normale Thorshammer ist ein kleines, schlichtes, oft grob gearbeitetes Stück.

Was wir aus dem Fundbestand nicht ableiten können

Bei aller Materialfülle bleibt eine Grenze, die in populären Darstellungen regelmäßig überschritten wird. Kein Hammeranhänger sagt uns, woran seine Trägerin oder sein Träger geglaubt hat. Ein Objekt im Grab kann Bekenntnis sein, Erbstück, Schutzzauber, Modeschmuck oder eine Entscheidung der Hinterbliebenen, die der Verstorbene nie getroffen hat. Die Archäologie kann Anwesenheit belegen, nicht Überzeugung.

Unsere Einschätzung nach Durchsicht der Fundlage: Die spannendste Aussage dieser Objektgruppe ist nicht religiös, sondern zeitlich. Dass Hammeranhänger genau in dem Moment massenhaft auftreten, in dem das Christentum sichtbar wird, und genau dann verschwinden, wenn es sich durchgesetzt hat, spricht dafür, dass sie erst durch die Konkurrenzsituation zum tragbaren Zeichen wurden. Vorher brauchte niemand ein Abzeichen für etwas, das ohnehin alle teilten. Der Thorshammer als Anhänger wäre demnach kein uraltes Erbstück heidnischer Frömmigkeit, sondern eine späte Erfindung, entstanden aus dem Bedürfnis, in einer religiös gemischten Umgebung sichtbar Position zu beziehen. Das ist eine Deutung, keine gesicherte Tatsache, aber sie erklärt die Datierungskurve besser als jede andere.

Wie stark der Hammer als Segensgeste verankert war, zeigt schließlich auch die Dichtung. In der Þrymskviða der Lieder-Edda fordert der Riese Þrymr bei der vermeintlichen Hochzeit:

Bringt den Hammer herein, die Braut zu weihen.

Der Hammer war also nicht nur Waffe, sondern ein Werkzeug der Weihe. Genau diese Doppelfunktion erklärt, warum er sich so mühelos in ein tragbares Zeichen verwandeln ließ, und warum die kleinen Stücke aus Silber, Eisen und Bernstein bis heute zu den aussagekräftigsten Objekten der gesamten Wikingerzeit gehören.

Bildquelle Titelbild: The Swedish History Museum, Stockholm (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons