Alltag & Kultur

Kindheit bei den Wikingern: Spielzeug, Arbeit und Erwachsenwerden

Kindheit bei den Wikingern: Was Spielzeugfunde, Gräber und Sagas über Arbeit, Pflegekinder und das Erwachsenwerden der Wikinger-Kinder wirklich verraten.

Darsteller in wikingerzeitlicher Kleidung mit einem Kleinkind auf dem Arm und einem Jungen vor einer Blockhauswand
Inhalt
  1. Wasser, Name und Anerkennung: Wie ein Leben begann
  2. Kurze Leben, leere Gräber: Was die Bestattungen verraten
  3. Spielzeug der Wikinger-Kinder: Boote, Pferde und Schlittschuhe aus Knochen
  4. Arbeit statt Schulbank: Was Kinder leisten mussten
  5. Pflegekinder: Warum Erziehung politisch war
  6. Wann endete die Kindheit bei den Wikingern?
  7. Was von der Kindheit der Wikinger bleibt

Ein Kind der Wikingerzeit hatte keine Schulbank, keine Geburtstagstorte und keine Kindheit in unserem Sinn. Die Kindheit bei den Wikingern war kurz, körperlich und früh von Arbeit durchzogen. Trotzdem wäre es falsch, sich Wikinger-Kinder nur als kleine Arbeitskräfte vorzustellen: In den Siedlungsschichten von Dublin, Trondheim und Haithabu liegen geschnitzte Holzboote, Spielzeugpferde und hölzerne Schwerter, dazu Schlittschuhe aus Tierknochen in auffällig kleinen Größen. Gespielt wurde also, und zwar reichlich. Das Spiel hörte nur sehr viel früher auf als heute.

Die Quellenlage ist dabei heikel, und das sollte man wissen, bevor man den ersten Satz über nordische Kindheit glaubt. Kinder hinterlassen wenig: Ihre Knochen vergehen schneller, ihre Sachen wurden weitergereicht oder verheizt, und die isländischen Sagas wurden zwei bis drei Jahrhunderte nach der Wikingerzeit von christlichen Schreibern aufgezeichnet, die sich für Helden interessierten und nicht für Säuglinge. Was wir wissen, setzt sich deshalb aus drei sehr ungleichen Puzzleteilen zusammen: aus Gräberfeldern, aus dem Abfall der Handelsstädte und aus Texten, die man gegen den Strich lesen muss.

Wasser, Name und Anerkennung: Wie ein Leben begann

Ein Neugeborenes war im Norden nicht automatisch ein Mitglied der Familie. Es wurde eines, und zwar durch einen Akt, den mehrere Sagas und eine Strophe des eddischen Hávamál erwähnen: das Begießen mit Wasser, altnordisch vatni ausa, verbunden mit der Vergabe des Namens. Die Ähnlichkeit zur christlichen Taufe ist auffällig, doch der Brauch ist in den Quellen ausdrücklich für die heidnische Zeit bezeugt. Erst mit diesem Ritual war das Kind aufgenommen, und erst danach galt seine Tötung als Totschlag.

Vorher nicht. Die Aussetzung von Neugeborenen, altnordisch barnaútburðr, war eine reale, wenn auch vermutlich seltene Praxis in Notlagen, bei Missbildungen oder wenn ein Hof einen weiteren Esser schlicht nicht tragen konnte. Wie ernst dieses Recht genommen wurde, zeigt eine der nüchternsten Stellen der gesamten nordischen Überlieferung: Ari Þorgilsson berichtet in der Íslendingabók, dass die Isländer um das Jahr 1000 zwar geschlossen das Christentum annahmen, sich aber ausbedungen, die alten Regeln zur Kindesaussetzung und zum Verzehr von Pferdefleisch zunächst beizubehalten. Erst einige Jahre später wurden beide Zugeständnisse kassiert. Eine ganze Gesellschaft handelte ihren Glaubenswechsel aus, und auf dem Verhandlungstisch lagen Säuglinge.

Der Name selbst war alles andere als Dekoration. Besonders häufig erhielten Kinder den Namen eines verstorbenen Großelternteils, und in den Sagas klingt mehrfach an, dass mit dem Namen auch etwas vom Glück des Toten auf das Kind überging. Wie systematisch dieser Namensvorrat aufgebaut war, zeigt unser Beitrag über Wikinger-Namen und ihre Bedeutung. Ein Kind bekam damit vom ersten Tag an eine Rolle zugewiesen, die es ausfüllen sollte.

Kurze Leben, leere Gräber: Was die Bestattungen verraten

Wer Kindheit archäologisch untersuchen will, stößt sofort auf ein Paradox. In vielen wikingerzeitlichen Gräberfeldern sind Kinder deutlich seltener bestattet, als es die vermutete Sterblichkeit erwarten lässt. In einer vorindustriellen Gesellschaft starb ein erheblicher Teil der Kinder vor dem fünften Lebensjahr, doch in den Gräberreihen tauchen sie nicht in entsprechender Zahl auf.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen, und wahrscheinlich treffen sie alle zusammen zu. Kinderknochen sind dünn und porös, sie überstehen tausend Jahre im sauren nordischen Boden oft schlicht nicht. Kleine Gruben fallen bei Grabungen leichter durchs Raster als monumentale Kammergräber. Und es ist gut möglich, dass sehr kleine Kinder gar nicht auf dem regulären Gräberfeld beigesetzt wurden, sondern nahe am Hof, dort, wo sie gelebt hatten.

Wo Kindergräber dokumentiert sind, etwa auf dem großen Gräberfeld von Birka, zeigen sie ein berührendes Muster: Perlen, kleine Messer, gelegentlich Miniaturen von Erwachsenengerät. Ein Kind wurde also nicht anonym verscharrt, sondern als Person ausgestattet, oft mit genau den Gegenständen, die seine künftige Rolle markiert hätten. Unsere Einschätzung dazu ist unbequem, aber naheliegend: Die Lücke in den Gräberfeldern ist die ehrlichste Quelle, die wir zur nordischen Kindheit besitzen. Sie erzählt von einer Gesellschaft, in der der Tod eines Kleinkindes so alltäglich war, dass er nicht zwingend ein eigenes Denkmal brauchte, während derselbe Hof für einen erwachsenen Krieger ein ganzes Schiff in die Erde legte.

Wer diese ersten Jahre überstand, hatte allerdings gute Aussichten. Skelettanalysen aus verschiedenen Gräberfeldern zeigen, dass Menschen, die das Kindesalter hinter sich ließen, durchaus fünfzig, sechzig Jahre und mehr erreichen konnten.

Passend zum rauen Alltag auf dem Hof, hier ein Stück Musik zum Weiterlesen:

Spielzeug der Wikinger-Kinder: Boote, Pferde und Schlittschuhe aus Knochen

Der schönste Beweis dafür, dass es Kindheit im Norden wirklich gab, liegt im Müll. Die wassergesättigten Siedlungsschichten von Dublin, Trondheim und Bergen haben Holz konserviert, das sonst längst zerfallen wäre, und darunter befinden sich Dutzende kleiner Schiffsmodelle: Rümpfe von wenigen Zentimetern Länge, manche mit Loch für einen Mast, manche mit angedeuteten Ruderpforten. Kein Erwachsener brauchte so etwas. Das waren Spielzeuge, und zwar erstaunlich gute.

Dazu kommen geschnitzte Pferdchen, kleine Holzschwerter, hölzerne Tierfiguren und Kreisel. Besonders verbreitet waren Knochenschlittschuhe: Mittelfußknochen von Pferd oder Rind, flach geschliffen und vorn angespitzt, mit denen man sich über zugefrorene Seen stakte. Sie gehören in Birka, Haithabu und im wikingerzeitlichen York zu den häufigsten Funden überhaupt, und sie sind oft klein genug, dass nur Kinderfüße hineinpassten.

FundFundortWas er über Kinder verrät
Hölzerne SchiffsmodelleDublin, Trondheim, BergenSpielzeug, das die Erwachsenenwelt der Seefahrt im Kleinen nachbaut
Geschnitzte Pferde und Tierfigurennordische Stadtgrabungenfrühes Rollenspiel mit Vieh und Hof
Kleine HolzschwerterStadt- und SiedlungsschichtenÜbung und Nachahmung der Waffenwelt der Männer
KnochenschlittschuheBirka, Haithabu, YorkWinterspiel und zugleich praktische Fortbewegung
Knochenpfeifen und KreiselYork, HaithabuLärm, Musik und Geschicklichkeitsspiele
Spielsteine und Spielbretterunter anderem Schiffsgrab von GokstadBrettspiele wie Hnefatafl als Zeitvertreib aller Altersgruppen
Perlen und Miniaturgerät in KindergräbernBirkaKinder wurden als Personen mit eigener Rolle bestattet

Das Brettspiel Hnefatafl, ein Belagerungsspiel mit ungleichen Parteien, war in ganz Skandinavien verbreitet; im Schiffsgrab von Gokstad lagen Spielbrett und Spielsteine mit im Boden. Ob Kinder mitspielten, sagt kein Fund direkt, aber die Vorstellung, dass ein Spiel dieser Verbreitung an langen Winterabenden nur Erwachsenen vorbehalten blieb, ist wenig plausibel.

Arbeit statt Schulbank: Was Kinder leisten mussten

Schulen gab es nicht. Wissen wurde durch Zuschauen, Mitmachen und Erzählen weitergegeben, und die Lehrzeit begann früh. Mit fünf oder sechs Jahren übernahmen Kinder leichte, aber reale Aufgaben: Tiere hüten, Feuerholz sammeln, Wasser holen, Vögel von den Feldern verscheuchen, Beeren und Eier sammeln. Mit zehn wuchsen die Anforderungen in Richtung Feldarbeit, Fischfang, Melken und Handwerk, und spätestens mit zwölf arbeitete ein Kind in vielen Bereichen wie ein Erwachsener, nur langsamer.

Die Arbeitsteilung folgte dabei denselben Linien wie bei den Erwachsenen, über die wir im Beitrag zum Alltag der Wikinger ausführlich schreiben. Mädchen wuchsen in die Textilarbeit hinein, in Spinnen, Weben und Vorratshaltung, Jungen in Feld, Vieh, Werkzeug und Boot. Spinnwirtel aus Ton oder Stein gehören zu den häufigsten Fundstücken überhaupt, und sie sind ein stiller Hinweis darauf, wie viele Hände am Faden hingen.

Wie eng Herkunft und Lebensweg zusammenhingen, zeigt kaum ein Text so direkt wie das eddische Gedicht Rígsþula. Es erzählt, wie der Gott Ríg auf seiner Wanderung drei Haushalte besucht und dort drei Söhne zeugt, aus denen die drei Stände hervorgehen: die Nachkommen des Þræll mit groben Namen und schwerer Hofarbeit, die Kinder des Karl als freie Bauern, und schließlich Jarl, dessen jüngster Sohn Konr ungr als einziger die Runen lernt. Das Gedicht ist keine Sozialstatistik, sondern eine mythische Rechtfertigung bestehender Verhältnisse. Genau als solche ist es aufschlussreich: Es sagt, dass die Zukunft eines Kindes im Norden weitgehend feststand, bevor es laufen konnte.

Für Kinder unfreier Eltern galt das am härtesten. Wer als Kind eines Thralls geboren wurde, war selbst unfrei, und Kinder gehörten auf Raubzügen zu den Menschen, die verschleppt und verkauft wurden. Die Kindheit der Wikingerzeit hatte einen Boden, und der war brutal.

Pflegekinder: Warum Erziehung politisch war

Eine Besonderheit des Nordens war das weitverbreitete Pflegekindwesen, altnordisch fóstr. Kinder wuchsen häufig nicht bei den eigenen Eltern auf, sondern bei Verwandten, Freunden oder Verbündeten der Familie. Daraus entstanden Bindungen, die in den Sagas oft stärker wiegen als Blutsverwandtschaft: Ziehbrüder stehen füreinander ein, Ziehväter rächen ihre Zöglinge.

Snorri Sturluson überliefert in der Heimskringla, dass derjenige, der das Kind eines anderen aufzieht, als der geringere Mann gilt. Genau darauf beruht die Geschichte, wie Harald Schönhaar seinen Sohn Hákon an den englischen König Æthelstan gab, der ihn aufzog und ihm für immer den Beinamen Aðalsteinsfóstri eintrug.

Pflegschaft war also nie nur Fürsorge, sondern immer auch Machtpolitik: ein Pfand, ein Bündnis, eine dauerhafte Verpflichtung. Dass ausgerechnet die Erziehung eines Kindes zur Währung zwischen Königshäusern werden konnte, sagt mehr über die nordische Gesellschaft aus als jede Beschreibung eines Raubzugs.

Wann endete die Kindheit bei den Wikingern?

Eine klare Volljährigkeitsgrenze, wie wir sie kennen, kannte der Norden nicht überall gleich. Die isländische Rechtssammlung Grágás nennt sechzehn Jahre als Alter, in dem ein Mensch seine Angelegenheiten selbst regeln konnte; in norwegischen Rechtstexten wie dem Gulathing tauchen je nach Sachfrage Schwellen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren auf. Entscheidend war ohnehin weniger das Alter als die Fähigkeit: Wer die Arbeit eines Erwachsenen leisten, eine Waffe führen oder einen Hof verwalten konnte, galt als erwachsen.

Die Sagas liefern dazu Szenen, die man nicht als Protokoll lesen darf, aber als Spiegel der Erwartungen durchaus. Die Egils saga erzählt, wie der dreijährige Egill sich nicht davon abhalten lässt, zu einem Gastmahl mitzureiten, und wie derselbe Egill als etwa Sechs- oder Siebenjähriger nach einem verlorenen Ballspiel, dem rauen knattleikr, zur Axt greift und einen älteren Jungen erschlägt. Die Saga erzählt das nicht als Skandal, sondern als frühen Beleg für Egills Charakter. Welche Haltung dahintersteht, ist unmissverständlich: Härte war keine Fehlentwicklung, sondern ein Versprechen.

  • 0 bis 2 Jahre: Wasserweihe und Namensgebung, höchste Sterblichkeit
  • 5 bis 7 Jahre: erste feste Aufgaben, Hüten, Sammeln, Botengänge
  • ab etwa 7 Jahren: häufiger Beginn einer Pflegschaft außerhalb des Elternhauses
  • 10 bis 12 Jahre: vollwertige Mitarbeit in Feld, Stall, Werkstatt oder Weberei
  • 12 bis 16 Jahre: Rechtsfähigkeit je nach Region und Sachfrage, Heirat möglich

Was von der Kindheit der Wikinger bleibt

Am Ende bleibt ein Bild, das weder rührselig noch finster ist. Wikinger Kinder wurden früh gebraucht, früh belastet und oft früh begraben, aber sie waren keine kleinen Erwachsenen ohne eigene Welt. Jemand hat ihnen Boote geschnitzt, Pferdchen geformt, Knochen zu Schlittschuhen geschliffen. Jemand hat sie nach einer verstorbenen Großmutter benannt und ihnen damit eine Geschichte mitgegeben.

Unsere Einschätzung nach dem Blick auf Funde und Texte: Der größte Unterschied zu heute liegt nicht in der Härte, sondern im Zeitpunkt. Eine Gesellschaft ohne Versicherungen und Vorräte für zwei Winter konnte sich eine lange Schonzeit schlicht nicht leisten, also endete die Kindheit dann, wenn die Hände gebraucht wurden. Dass trotzdem jemand abends ein Stück Holz zum Schiff schnitzte, ist der eigentlich bemerkenswerte Teil dieser Geschichte.

Bildquelle: Marsilar (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons