Geschichte

Das Große Heidnische Heer: Die Invasion Englands

865 landete das Große Heidnische Heer in East Anglia - eine Chronik der Eroberung Northumbrias, des Königsmords an Edmund und der Entstehung des Danelaw.

Handschriftseite der Angelsächsischen Chronik mit mittelalterlicher Initiale
Inhalt
  1. Der Auftakt: Landung in East Anglia, 865
  2. Chronik einer Eroberung: Die wichtigsten Stationen
  3. York fällt: Das Ende Northumbrias
  4. Der Tod Edmunds: Ein Königreich wird ausgelöscht
  5. 871: Das Jahr der Schlachten
  6. Was die Archäologie bestätigt: Repton und Torksey
  7. Mercia unter Druck und der Wendepunkt bei Wessex
  8. Was aus den Anführern wurde
  9. Das Erbe: Danelaw und dauerhafte Besiedlung

Im Jahr 865 landete an der Küste East Anglias eine Streitmacht, wie England sie zuvor nicht gesehen hatte. Die Angelsächsische Chronik nennt sie schlicht mycel hæþen here, das “Große Heidnische Heer” - keine gewöhnliche Plünderungsfahrt, sondern eine Streitmacht, die über ein Jahrzehnt blieb, drei der vier großen angelsächsischen Königreiche zu Fall brachte und am Ende einen ganzen Landstrich unter dänischer Herrschaft zurückließ. Was mit einer Landung begann, endete mit einer politischen Neuordnung Englands, deren Spuren sich bis heute in Ortsnamen und Rechtstraditionen finden lassen.

Der Auftakt: Landung in East Anglia, 865

Anders als die berüchtigten Blitzüberfälle früherer Jahrzehnte, etwa der Überfall auf Lindisfarne von 793, war das Große Heidnische Heer von Anfang an auf Eroberung angelegt, nicht auf schnelle Beute. Die Chronik berichtet, dass die Streitmacht im Königreich East Anglia überwinterte, wo der dortige König den Wikingern Pferde überließ, vermutlich als eine Art Tributzahlung, um den eigenen Landstrich vorerst zu verschonen. Diese Strategie des Freikaufens sollte sich, wie sich zeigen würde, als kurzsichtig erweisen.

Die Anführer des Heeres werden in späteren Quellen, vor allem den nordischen Sagas, als Söhne des halblegendären Ragnar Lodbrok bezeichnet: Ivar der Knochenlose, Halfdan Ragnarsson und Ubba. Wie viel an dieser Verwandtschaftsangabe historisch belastbar ist, bleibt unter Historikern umstritten - die zeitgenössischen englischen Quellen nennen die Anführer, aber die genealogische Verbindung zu Ragnar stammt größtenteils aus deutlich späteren isländischen Sagas, die mit Vorsicht zu lesen sind.

Chronik einer Eroberung: Die wichtigsten Stationen

JahrEreignis
865Landung in East Anglia, Überwinterung, Tributzahlung der Ostangeln
866–867Eroberung Yorks, Sturz des northumbrischen Königreichs
869Rückkehr nach East Anglia, Tod König Edmunds
870erFeldzüge gegen Mercia, weite Teile fallen unter dänische Kontrolle
878Niederlage gegen Alfred den Großen bei Edington
878–886Vertrag von Wedmore, Entstehung des Danelaw

Diese Tabelle zeigt bereits das Muster, das sich durch die gesamte Kampagne zieht: Ein Königreich nach dem anderen wird destabilisiert, erobert oder zur Tributzahlung gezwungen, während sich das Heer je nach militärischer Lage neu formiert und weiterzieht.

York fällt: Das Ende Northumbrias

866 zog das Heer weiter nach Norden und eroberte York, die Hauptstadt des Königreichs Northumbria, das zu diesem Zeitpunkt durch einen inneren Machtkampf zwischen zwei rivalisierenden Königen, Ælla und Osberht, ohnehin geschwächt war. Als beide Könige im folgenden Jahr gemeinsam versuchten, die Stadt zurückzuerobern, endete der Gegenangriff in einer vernichtenden Niederlage für die Angelsachsen. Beide Könige kamen dabei ums Leben.

Die nordische Sagatradition berichtet, Ælla sei durch das grausame Ritual des “Blutadlers” hingerichtet worden - eine Erzählung, die von modernen Historikern überwiegend als spätere literarische Ausschmückung eingestuft wird, nicht als verlässlicher historischer Bericht.

York blieb fortan unter der Kontrolle des Heeres und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu Jorvik, einem der bedeutendsten Handelszentren der Wikinger in England - ein Umstand, der zeigt, dass auf die militärische Eroberung rasch eine wirtschaftliche Verankerung folgte, keine reine Verwüstung.

Der Tod Edmunds: Ein Königreich wird ausgelöscht

869 kehrte das Heer nach East Anglia zurück, dessen König offenbar auf eine dauerhafte Duldung durch Tribute gehofft hatte. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht: König Edmund wurde in der Schlacht besiegt, gefangen genommen und getötet. Spätere Hagiographie, insbesondere die Passio Sancti Eadmundi des Abbo von Fleury aus dem späten 10. Jahrhundert, stilisierte Edmunds Tod zu einem Martyrium - er soll sich geweigert haben, seinen christlichen Glauben aufzugeben, und sei deshalb an einen Baum gebunden und mit Pfeilen durchbohrt worden.

Wie historisch exakt diese detailreiche Schilderung ist, lässt sich hundert Jahre nach den Ereignissen kaum mehr überprüfen, doch der Kult um den heiligen Edmund entwickelte sich rasch zu einem der bedeutendsten in ganz England - bis heute erinnert die Stadt Bury St Edmunds an seinen Namen.

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871: Das Jahr der Schlachten

871 verstärkte sich das Heer durch die Ankunft einer zweiten Flotte, die die Angelsächsische Chronik als micel sumorlida, das “Große Sommerheer”, bezeichnet. Im selben Jahr kam es zu einer ganzen Serie von Schlachten gegen Wessex, deren genaue Zahl die Chronik mit bemerkenswerter Präzision auflistet: mindestens neun größere Zusammenstöße innerhalb weniger Monate, darunter die Schlachten bei Reading und Ashdown.

Bei Ashdown führte noch Alfreds älterer Bruder, König Æthelred von Wessex, gemeinsam mit Alfred selbst die angelsächsischen Truppen an und errang einen der wenigen klaren Siege dieses Jahres. Æthelred starb jedoch kurz darauf, vermutlich an einer Krankheit oder an Kampfverletzungen, und Alfred bestieg noch im selben Jahr den Thron von Wessex - unter denkbar ungünstigen Vorzeichen, mitten im heftigsten Jahr der gesamten Invasion.

Was die Archäologie bestätigt: Repton und Torksey

Lange stützte sich das Bild vom Großen Heidnischen Heer fast ausschließlich auf schriftliche Quellen. Das änderte sich mit Ausgrabungen am englischen Ort Repton, wo das Heer nachweislich 873/874 überwinterte. Archäologen fanden dort die Überreste eines befestigten, D-förmigen Lagers direkt am Fluss Trent sowie ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von mehreren hundert Personen, überwiegend Männern im kampffähigen Alter, von denen viele Spuren von Gewalteinwirkung aufwiesen. Radiokarbondatierungen und Untersuchungen zur Ernährung der Bestatteten stützen die Zuordnung zum Winterlager des Heeres.

Ein weiterer bedeutender Fundort ist Torksey in Lincolnshire, wo das Heer im Winter 872/873 lagerte. Grabungen und systematische Metallsondengänge förderten dort tausende Objekte zutage, von Münzen über Gewichte bis zu Handwerkszeug, die auf ein regelrechtes temporäres Handels- und Handwerkszentrum hindeuten - kein reines Militärlager also, sondern eine Art bewegliche Wikingerstadt, in der auch Frauen und Kinder lebten, wie einzelne Grabbeigaben nahelegen. Diese Funde bestätigen eindrücklich, was die Chronik nur andeutet: Das Heer war weit mehr als eine reine Kampftruppe, es war eine mobile Gesellschaft mit eigener Infrastruktur.

Mercia unter Druck und der Wendepunkt bei Wessex

In den folgenden Jahren geriet auch Mercia, das dritte der vier großen angelsächsischen Königreiche, zunehmend unter Druck. König Burgred floh schließlich ins Exil nach Rom, und ein Teil Mercias fiel faktisch unter dänische Kontrolle, während der Rest unter einem vom Heer eingesetzten, abhängigen König weiterbestand. Damit war nur noch Wessex unter König Alfred als unabhängiges angelsächsisches Königreich übrig.

Die Kämpfe gegen Wessex verliefen über Jahre wechselhaft. Alfred musste sich zeitweise sogar in den Sümpfen von Somerset verstecken, bevor er 878 in der Schlacht von Edington einen entscheidenden Sieg gegen den Wikingerführer Guthrum errang. Der anschließende Vertrag von Wedmore verpflichtete Guthrum nicht nur zum Rückzug aus Wessex, sondern auch zur christlichen Taufe - ein politisch wie religiös bedeutsamer Schritt, der die Grenzen zwischen angelsächsischem und dänisch kontrolliertem Gebiet erstmals vertraglich festschrieb.

Was aus den Anführern wurde

Die weiteren Schicksale der Anführer verliefen sehr unterschiedlich. Halfdan zog sich 875/876 mit einem Teil des Heeres nach Northumbria zurück, wo die Chronik vermerkt, er habe begonnen, “das Land unter seinen Männern aufzuteilen” - ein früher, direkter Beleg für die einsetzende dauerhafte Besiedlung. Ivar der Knochenlose taucht in irischen Annalen unter dem Namen Ímar als bedeutender König von Dublin auf; sein Tod wird dort auf das Jahr 873 datiert, wobei manche Historiker Ímar und Ivar für dieselbe historische Person halten, andere Zweifel an dieser Gleichsetzung äußern. Guthrum, der Wessex-Gegner Alfreds, nahm nach seiner Niederlage bei Edington den christlichen Namen Æthelstan an und regierte anschließend als anerkannter, getaufter König über East Anglia - ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie schnell aus einem militärischen Gegner ein politisch integrierter Herrscher werden konnte.

Das Erbe: Danelaw und dauerhafte Besiedlung

Aus diesem Vertrag und den folgenden Jahrzehnten entstand das sogenannte Danelaw, ein weites Gebiet im Osten und Norden Englands, in dem dänisches Recht und dänische Bräuche galten und in dem sich zahlreiche skandinavische Siedler dauerhaft niederließen. Anders als frühere Raubzüge zielte das Große Heidnische Heer also letztlich nicht nur auf Plünderung, sondern auf Landnahme - ein Umstand, der bis heute in hunderten englischen Ortsnamen mit skandinavischen Endungen wie “-by” oder “-thorpe” nachweisbar ist, etwa in Derby, Whitby oder Scunthorpe.

Unsere Einschätzung: Was das Große Heidnische Heer von früheren Wikingerüberfällen unterscheidet, ist nicht seine Brutalität, sondern seine Ausdauer und sein strategisches Kalkül. Statt einzelner Küstenorte nahm es sich systematisch ganze Königreiche vor, verhandelte, wenn es sich lohnte, und siedelte, sobald militärischer Erfolg dauerhafte Kontrolle ermöglichte. Wer verstehen will, wie aus gefürchteten Räubern wie den Berserkern am Ende sesshafte Landesherren wurden, findet in dieser jahrzehntelangen Kampagne eines der aufschlussreichsten Beispiele der gesamten Wikingerzeit.