Krieger & Schlachten

Berserker: Die rasenden Krieger der Wikinger

Wer waren die Berserker der Wikinger wirklich? Was Ynglinga-Saga, Haraldskvæði und Grettis-Saga über Kampfrausch, Wolfskrieger und ihr Verbot verraten.

Die bronzenen Torslunda-Platten mit Waffentänzer und Wolfskrieger, eine frühe Darstellung von Berserkern und Úlfheðnar
Inhalt
  1. Was die Quellen über die Berserker der Wikinger sagen
  2. Haraldskvæði: der älteste Beleg
  3. Úlfheðnar: die Wolfskrieger Odins
  4. Vom Elitekrieger zum Schurken der Sagas
  5. Woher kam der Kampfrausch?
  6. Das Ende der Raserei
  7. Was vom Berserker bleibt

Kaum eine Gestalt der Wikingerzeit beflügelt die Fantasie so sehr wie die Berserker der Wikinger: Krieger, die ohne Rüstung in die Schlacht stürmten, in ihre Schilde bissen und in ihrer Raserei angeblich weder Feuer noch Eisen fürchteten. Hollywood liebt sie. Videospiele sowieso. Doch was davon steht tatsächlich in den alten Quellen – und was ist moderne Ausschmückung?

Die ehrliche Antwort: Die Berserker waren wohl beides. Reale Elitekrieger mit kultischem Hintergrund und literarische Schreckgestalten, die schon im Mittelalter zur Legende wurden. Um die einen von den anderen zu trennen, müssen wir dorthin gehen, wo alles beginnt – zu den Texten selbst.

Was die Quellen über die Berserker der Wikinger sagen

Die berühmteste Beschreibung stammt von Snorri Sturluson, dem isländischen Gelehrten, der um 1225 die Heimskringla verfasste, eine große Geschichte der norwegischen Könige. In deren erstem Teil, der Ynglinga-Saga, schildert er die Krieger Odins – und liefert damit das Bild, das bis heute jede Vorstellung vom Berserker prägt:

“Seine Männer gingen ohne Brünne vor, wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen die Menschen, und weder Feuer noch Eisen konnte ihnen etwas anhaben. Das nennt man Berserkergang.” – Snorri Sturluson, Ynglinga-Saga (sinngemäß)

Ein packendes Bild – aber Vorsicht. Snorri schrieb rund zweihundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit, als Christ, über eine heidnische Vergangenheit, die er selbst nur noch aus Liedern und Erzählungen kannte. Seine Berserker sind bereits Figuren der Erinnerung, nicht der Gegenwart.

Selbst der Name gibt Rätsel auf. Berserkr kann altnordisch zweierlei bedeuten: “Bärenhemd” (ber- wie Bär) oder “bloßes Hemd” (berr wie bloß, nackt) – also entweder ein Krieger im Bärenfell oder einer, der ohne Rüstung kämpft. Die Forschung neigt heute überwiegend zum Bärenhemd, auch weil es ein genaues Gegenstück gibt, zu dem wir gleich kommen. Ganz entschieden ist der Streit aber bis heute nicht. Und ist das nicht bezeichnend? Schon beim Namen beginnt der Nebel.

Haraldskvæði: der älteste Beleg

Zum Glück gibt es eine Quelle, die deutlich näher am Geschehen liegt. Das Preislied Haraldskvæði (auch Hrafnsmál, “Rabenlied”) wird dem norwegischen Skalden Þorbjörn Hornklofi zugeschrieben und entstand um 900, zu Lebzeiten König Harald Schönhaars. Es ist als Zwiegespräch angelegt: Ein Rabe, der den Schlachtfeldern folgt, erzählt einer Walküre vom Kriegsleben des Königs. Wer mehr über diese Totenwählerinnen wissen will, findet sie in unserem Artikel über die Walküren.

In diesem Gedicht tauchen die Berserker zum ersten Mal namentlich auf. Der Rabe berichtet von der Seeschlacht bei Hafrsfjord (traditionell um 872 datiert), mit der Harald seine Herrschaft über Norwegen festigte – und er beschreibt zwei Kriegergruppen an Bord des Königsschiffs:

  • Die Berserker, die im Kampf “brüllten” und deren Ergehen die Walküre eigens erfragt – das Gedicht nennt sie Männer, die im Kampf Blut waten.
  • Die Úlfheðnar, wörtlich “Wolfspelze”, die “heulten” und die blutigen Schilde trugen.

Das ist bemerkenswert nüchtern. Keine Unverwundbarkeit, kein Schaum vor dem Mund – sondern offenbar eine erkennbare Elitetruppe im Gefolge eines historischen Königs. Wenn die Berserker je real waren, dann hier: als Garde- und Stoßtruppen, deren Auftreten Furcht verbreiten sollte. Dass ein Herrscher sich mit solchen Männern umgab, ergibt strategisch durchaus Sinn. Angst war im Schildwall eine Waffe wie jede andere.

Úlfheðnar: die Wolfskrieger Odins

Die Wolfspelze verdienen einen eigenen Blick, denn sie sind das erwähnte Gegenstück zum “Bärenhemd”. Wo der Berserker mit dem Bären verbunden wird, steht der Úlfheðinn für den Wolf. Auch die Vatnsdæla-Saga erwähnt Úlfheðnar in Haralds Gefolge und beschreibt sie als Männer, die Wolfsfelle über der Brünne trugen.

Erstaunlich ist, wie weit die Bildtradition zurückreicht. Auf den Torslunda-Platten von der schwedischen Insel Öland – Bronzemodel aus der Vendelzeit, also dem 6. bis 7. Jahrhundert und damit vor der eigentlichen Wikingerzeit – sieht man einen Waffentänzer mit Hörnerhelm neben einem Krieger im Wolfsfell mit gezogenem Schwert. Genau diese Platten zeigen wir oben im Titelbild. Viele Forscher deuten die Szene als kultischen Kriegertanz: ein Ritual, in dem sich der Kämpfer symbolisch in das Tier verwandelt.

Damit sind wir bei Odin. Snorri nennt die Berserker ausdrücklich “Odins Männer”, und die Verbindung liegt nahe: Odin ist der Gott der Ekstase, der Raserei, der entgrenzten Zustände – sein Name hängt mit dem altnordischen óðr zusammen, “rasend, inspiriert”. Manche Religionswissenschaftler vermuten hinter Berserkern und Úlfheðnar deshalb kultische Männerbünde, deren Mitglieder durch Initiationsriten zu “Tierkriegern” wurden. Beweisen lässt sich das nicht, aber es würde erklären, warum die Tierverwandlung so hartnäckig an ihnen haftet. Wer die Welt dieses dunklen, wissenshungrigen Gottes besser verstehen will, findet ihn in unserem Überblick über die nordischen Götter.

Vom Elitekrieger zum Schurken der Sagas

Und dann passiert etwas Merkwürdiges. In den isländischen Sagas, niedergeschrieben ab dem 13. Jahrhundert, ist vom königlichen Elitekrieger kaum noch etwas übrig. Der Berserker der Sagas ist ein Schläger, ein Raufbold – der Standardbösewicht, an dem der Held sich beweisen darf.

Die Grettis-Saga führt das mustergültig vor. Ihr Held Grettir erschlägt gleich eine ganze Schiffsbesatzung von Berserkern um die Anführer Þórir Þömb und Ögmund den Bösen, die eine Insel heimsuchen wollen. Später fordert der Berserker Snækoll einen Bauern heraus und verlangt dessen Tochter – ein klassisches Motiv: Der Berserker fordert zum Holmgang, dem Zweikampf, und beansprucht Frau oder Hof des Unterlegenen. Grettir beendet den Auftritt beinahe komisch: Als Snækoll sich in Rage heult und in seinen Schildrand beißt, tritt Grettir den Schild von unten ins Maul des Berserkers. Von übermenschlicher Unverwundbarkeit keine Spur.

Auch die Egils-Saga kennt die Raserei, aber differenzierter. Egils Großvater heißt Kveldúlfr, “Abendwolf” – ein Mann, von dem die Leute raunten, er sei ein Gestaltwandler. Die Saga beschreibt an ihm ein Detail, das seltsam glaubwürdig wirkt: Nach dem großen Wutanfall folgt die große Erschöpfung. Wer den Berserkergang durchlitten hat, ist danach “kraftlos wie ein Kranker”. Solche Nebensächlichkeiten erfindet man selten – sie klingen nach einer echten, beobachteten Erfahrung. Und in der Hrólfs saga kraka kämpft der Held Böðvarr Bjarki gar in Gestalt eines Bären, während sein Körper schlafend im Lager liegt – die Tierkrieger-Idee, ins Märchenhafte gesteigert.

Auffällig ist übrigens, wie oft die Berserker in Gruppen von zwölf auftreten. König Hrólf Kraki hält sich zwölf Berserker als Leibwache, und in der Hervarar-Saga zieht der Berserker Angantýr mit seinen elf Brüdern in den letzten Kampf – zwölf Söhne des Kriegers Arngrím, allesamt der Raserei verfallen. Die Zwölfzahl ist natürlich ein Erzählmuster. Aber sie passt verdächtig gut zu einer festen Kriegertruppe, wie das Haraldskvæði sie beschreibt – ein weiteres Indiz, dass hinter dem literarischen Schrecken eine reale Institution stand.

Woher kam der Kampfrausch?

Die vielleicht meistgestellte Frage zu den Berserkern lautet: Wie haben die das gemacht? Die Antworten füllen inzwischen ganze Regale.

  • Fliegenpilz: Die berühmteste Theorie stammt von dem schwedischen Theologen Samuel Ödmann (1784). Sie ist auch die schwächste: Keine einzige Quelle erwähnt Pilze, und die Wirkung des Fliegenpilzes macht eher benommen als rasend.
  • Bilsenkraut: Jüngere Vorschläge verweisen auf das Nachtschattengewächs, dessen Samen tatsächlich in einem Grab der Wikingerzeit im dänischen Fyrkat gefunden wurden – allerdings im Grab einer mutmaßlichen Seherin, nicht eines Kriegers.
  • Alkohol: Naheliegend, aber banal – und betrunkene Krieger sind erfahrungsgemäß schlechtere Krieger.
  • Trance und Ritual: Die heute wohl plausibelste Deutung. Selbsthypnose, rhythmisches Arbeiten in der Gruppe, Tanz, Schreien, Schildbeißen als Auslöser – ein kulturell erlernter Ausnahmezustand, wie ihn Ethnologen aus vielen Kriegerkulturen kennen.

Ehrlicherweise muss man sagen: Wir wissen es nicht. Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt. Wer nach der einen Substanz sucht, behandelt den Berserkergang als medizinisches Problem – die Quellen aber beschreiben ihn als etwas zwischen Kult, Kampftechnik und Ruf. Ein Ruf, wohlgemerkt, von dem jeder Berserker profitierte: Wer als unverwundbar galt, musste seltener kämpfen.

Das Ende der Raserei

So furchteinflößend die Berserker gewesen sein mögen – ihre Tage waren gezählt, und ausgerechnet die Ordnungsmacht des neuen Glaubens besiegelte ihr Ende. Um das Jahr 1015 ließ Jarl Eiríkr Hákonarson in Norwegen Holmgänge verbieten und Berserker für vogelfrei erklären; die Grettis-Saga berichtet davon. Im christlichen Island stellte das Rechtsbuch Grágás den Berserkergang unter Strafe: Wer in die Raserei verfiel, riskierte die Acht – und wer danebenstand, ohne den Rasenden zu bändigen, gleich mit.

Dahinter steckte mehr als frommer Eifer. Die junge Königsmacht duldete keine Kämpfer, deren Wut nicht dem Herrscher gehorchte, sondern nur dem eigenen Rausch. Und eine Gesellschaft, die ihre Streitigkeiten zunehmend vor dem Thing statt im Zweikampf austrug, hatte für professionelle Herausforderer schlicht keine Verwendung mehr.

Innerhalb weniger Generationen verschwinden die Berserker aus den zeitgenössischen Berichten. Was bleibt, ist die Literatur: Dort wandert der Berserker in die Rolle des heidnischen Unholds, den der christliche Erzähler genüsslich scheitern lässt. Man kann darin auch eine Abrechnung sehen – die neue Zeit verspottet die Schrecken der alten.

Was vom Berserker bleibt

Und heute? Heute “geht” der Berserker durch unsere Sprache: Wer tobt, rast wie ein Berserker, im Englischen goes berserk. Aus einer kleinen, unheimlichen Kriegerelite des Nordens ist eine weltweite Metapher für den Kontrollverlust geworden.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe. Die Wikinger selbst haben den Berserker nie eindeutig bewundert – in ihren eigenen Geschichten ist er öfter Bedrohung als Vorbild, öfter Snækoll als Held. Fasziniert hat er sie trotzdem, so wie er uns fasziniert: als Bild für die Frage, was geschieht, wenn ein Mensch die Grenze zum Tier bewusst überschreitet. Die Antwort der Sagas ist erstaunlich modern. Kurzfristig gewinnt er jede Schlacht. Auf lange Sicht verliert er alles.

Bildquelle: Wikimedia Commons (CC BY 4.0), via Wikimedia Commons