Geschichte
Der Helm von Gjermundbu: Der einzige echte Wikinger-Helm seiner Art
Der Gjermundbu-Helm ist der einzige fast vollständige Wikinger-Helm der Welt: 1943 in Norwegen entdeckt, mit Brillenvisier, Kettenhemd und vielen Rätseln.
Inhalt
Wenn irgendwo auf der Welt ein Wikinger gezeichnet, gefilmt oder als Plastikfigur verkauft wird, trägt er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Version ein und desselben Helms. Der Gjermundbu Helm ist der einzige fast vollständig erhaltene Wikinger-Helm, den die Archäologie je gefunden hat - ein unscheinbares, korrodiertes Stück Eisen aus einem Grabhügel in Norwegen, das trotzdem das Bild einer ganzen Epoche prägt. Gefunden wurde er ausgerechnet mitten im Zweiten Weltkrieg, von einem Bauern, der eigentlich nur auf seinem Hof graben wollte. Die Geschichte dieses Fundes, und die Frage, warum von Hunderttausenden Kriegern ausgerechnet nur ein einziger Helm übrig blieb, gehört zu den spannendsten Kapiteln der Wikinger-Archäologie.
Ein Bauer, ein Hügel und ein Kriegsjahr
Ende März 1943 erreichte die Altertumssammlung der Universität Oslo eine bemerkenswerte Nachricht: Der Landwirt Lars Gjermundbo hatte auf seinem Hof Gjermundbu bei Haugsbygd in der Region Ringerike, nordwestlich von Oslo, in einen großen Erdhügel gegraben und war dabei auf alte Eisenobjekte gestoßen. Norwegen stand zu diesem Zeitpunkt unter deutscher Besatzung, an groß angelegte Forschungsprojekte war kaum zu denken. Trotzdem reisten die Archäologen Sverre Marstrander und Charlotte Blindheim noch im selben Frühjahr an, um die Fundstelle fachgerecht zu untersuchen.
Was sie freilegten, übertraf alle Erwartungen. Der rund 25 Meter lange Hügel barg zwei Bestattungen aus der Wikingerzeit. Die reichere der beiden, heute schlicht als Grab I bekannt, erwies sich als eines der bedeutendsten Kriegergräber, die in Norwegen je entdeckt wurden. Es handelte sich um eine Brandbestattung: Der Tote war mitsamt seiner Ausrüstung verbrannt worden, die Überreste hatte man anschließend im Hügel beigesetzt. Datiert wird das Grab auf die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts, also auf die Zeit zwischen etwa 950 und 1000 nach Christus.
Was im Grab von Gjermundbu lag
Die Ausstattung des Grabes lässt keinen Zweifel daran, dass hier ein Mann von erheblichem Rang und Vermögen bestattet wurde. Neben dem berühmten Helm fanden die Archäologen ein Kettenhemd, Waffen, Reitausrüstung wie Steigbügel und Sporen sowie Spielsteine und Würfel - eine Kombination, die das Kulturhistorische Museum in Oslo heute als Grab eines berittenen Kriegers deutet. Gerade das Reitzeug ist bemerkenswert: Es zeichnet das Bild eines Mannes, der nicht als einfacher Fußkämpfer diente, sondern zur militärischen Elite seiner Zeit gehörte.
Das Kettenhemd verdient dabei fast so viel Aufmerksamkeit wie der Helm selbst. Ringpanzer waren in der Wikingerzeit extrem wertvoll, ihre Herstellung verschlang Tausende einzeln vernieteter Eisenringe und viele Wochen Arbeit. Erhalten haben sich solche Panzer aus skandinavischen Funden fast nie - das Exemplar aus Gjermundbu ist der mit Abstand bedeutendste Kettenhemd-Fund der norwegischen Wikingerzeit und wird heute gemeinsam mit dem Helm ausgestellt.
Bildquelle: Wolfmann (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Wer sich für die übrige Bewaffnung dieser Epoche interessiert, findet in unserem Artikel über die Waffen der Wikinger einen ausführlichen Überblick darüber, womit ein Krieger wie der Herr von Gjermundbu in die Schlacht zog.
Der Gjermundbu Helm im Detail: Bauweise eines Meisterstücks
Der Helm selbst kam nicht als glänzendes Ausstellungsstück aus der Erde, sondern in Fragmenten, die erst mühsam zusammengesetzt werden mussten. Das Ergebnis dieser Rekonstruktion ist die Form, die heute jeder kennt: eine gerundete Eisenkalotte, gefertigt aus mehreren Platten, die durch genietete Eisenbänder zusammengehalten werden. Über den Scheitel läuft ein kräftiger Kamm, der in einem kleinen Dorn endet - ein Detail, das auf vielen modernen Nachbildungen fehlt.
Das auffälligste Merkmal ist jedoch der sogenannte Brillenschutz: ein geschwungenes Eisenstück, das Augen und Nase des Trägers umschließt und dem Gesicht des Helms seinen unverwechselbaren, fast maskenhaften Ausdruck verleiht. Diese Bauform steht in einer langen nordischen Tradition, denn schon die prunkvollen Helme der Vendelzeit, also der Jahrhunderte unmittelbar vor der Wikingerzeit, besaßen vergleichbare Gesichtsschutz-Konstruktionen. Der Gjermundbu-Helm wirkt dagegen geradezu nüchtern: kein Goldblech, keine Bildfriese, kein Prunk - ein funktionales Stück Kriegsgerät.
Ob am unteren Rand ursprünglich ein Kettengeflecht als Nackenschutz befestigt war, wird diskutiert, lässt sich am erhaltenen Material aber nicht zweifelsfrei belegen. Sicher ist: Wer diesen Helm trug, investierte in seinen Kopfschutz mehr, als sich die allermeisten Zeitgenossen je hätten leisten können.
Höre Járn ok þrumr (Iron and Thunder), während du weiterliest - einen Track, der das Klirren von Eisen und die Wucht dieser Kriegerwelt musikalisch einfängt:
Warum gibt es nur diesen einen?
Hier liegt das eigentliche Rätsel des Fundes. Die Wikingerzeit dauerte rund 250 Jahre, ihre Heere zählten Zehntausende Krieger, und trotzdem existiert weltweit nur dieser eine fast vollständige Helm aus dem skandinavischen Raum. Die Forschung diskutiert dafür im Wesentlichen zwei Erklärungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen.
Die erste: Eisenhelme waren schlicht selten. Eisen war teuer, die Herstellung eines Helms aufwendig, und die meisten Kämpfer dürften sich mit Kappen aus Leder oder gar keinem Kopfschutz beholfen haben. Die zweite Erklärung setzt bei den Fundumständen an: Eisen vergeht im Boden, und ein Helm war ein zu wertvolles Objekt, um ihn leichtfertig ins Grab zu legen. Helme wurden vererbt, repariert, umgearbeitet und weitergegeben, bis sie buchstäblich aufgebraucht waren. Dass der Herr von Gjermundbu seinen Helm mit auf den Scheiterhaufen nehmen durfte, war die absolute Ausnahme - und genau dieser Ausnahme verdanken wir heute unser einziges vollständiges Anschauungsobjekt.
Einen indirekten Hinweis liefern zeitgenössische Bilddarstellungen: Auf Bildsteinen und Schnitzereien der Wikingerzeit tragen Krieger meist einfache, oft spitz zulaufende Kopfbedeckungen, deren Material sich aus den Darstellungen nicht ablesen lässt - Eisen, Leder oder dicker Stoff sind gleichermaßen denkbar. Das passt gut zu dem Befund, dass aufwendige Eisenhelme wie der aus Gjermundbu eher Statussymbole einer kleinen Oberschicht waren als Standardausrüstung ganzer Heere.
Ein einziger Helm muss heute für Hunderttausende Krieger stehen - kaum ein anderes Objekt der Archäologie trägt eine so große Beweislast auf so wenig Eisen.
Unsere Einschätzung: Genau darin liegt auch eine Gefahr. Weil der Gjermundbu-Helm konkurrenzlos ist, wird er schnell zum Standard erklärt, nach dem jeder Wikinger-Kopf geformt wird. Dabei ist er zunächst nur eines: der Helm eines einzelnen, außergewöhnlich reichen Reiterkriegers aus Ringerike. Wie der Kopfschutz eines durchschnittlichen Kämpfers aussah, wissen wir schlicht nicht - und seriöse Archäologie sollte diese Lücke benennen, statt sie mit einem einzigen Fund zu füllen.
Helmfunde der Wikingerzeit im Vergleich
Wie dünn die Fundlage tatsächlich ist, zeigt der Blick auf die wenigen anderen bekannten Helmreste aus der Epoche:
| Fund | Ort | Erhaltungszustand | Datierung |
|---|---|---|---|
| Gjermundbu | Ringerike, Norwegen | fast vollständig, aus Fragmenten rekonstruiert | 2. Hälfte 10. Jh. |
| Yarm | Yorkshire, England | weitgehend vollständig, Zuordnung zur Wikingerzeit seit 2020 diskutiert | ca. 10. Jh. |
| Tjele | Jütland, Dänemark | Fragment aus Augen- und Nasenschutz | 10. Jh. |
| Lokrume | Gotland, Schweden | Fragment eines Brauenbogens mit Verzierung | 10. Jh. |
Der Helm von Yarm, der lange unbeachtet in einem englischen Museum lag, wurde erst 2020 in einer Untersuchung der Universität Durham als wahrscheinlich anglo-skandinavisches Stück des 10. Jahrhunderts eingeordnet. Sollte sich diese Deutung dauerhaft bestätigen, hätte der Gjermundbu-Helm zumindest einen entfernten Verwandten - sein Status als einziger fast vollständiger Helm aus dem skandinavischen Kernraum bliebe davon aber unberührt.
Mythos und Fakt: Die Sache mit den Hörnern
Kein Artikel über Wikinger-Helme kommt an der berühmtesten Falschvorstellung der Populärkultur vorbei, deshalb in aller Kürze:
- Mythos: Wikinger trugen Hörnerhelme in der Schlacht.
- Fakt: Kein einziger Helmfund der Wikingerzeit, auch nicht der aus Gjermundbu, trägt Hörner oder Ansätze dafür. Das Bild stammt im Kern aus dem 19. Jahrhundert, als Kostümbildner wie Carl Emil Doepler für Wagners Ring-Inszenierung von 1876 die Germanen- und Nordmannen-Fantasie der Romantik auf die Bühne brachten.
- Fakt: Gehörnte Darstellungen gibt es in Skandinavien durchaus, etwa auf Bildquellen mit vermutlich rituellen Figuren - nur eben nicht als Gefechtsausrüstung historischer Wikinger.
Ein Hörnerpaar wäre im Schildwall auch schlicht unpraktisch gewesen: Es bietet gegnerischen Waffen Angriffsfläche und leitet Hiebe direkt zum Kopf, statt sie abgleiten zu lassen.
Wo der Helm heute steht
Der Gjermundbu-Helm wird heute im Kulturhistorisk Museum (Historisches Museum) der Universität Oslo aufbewahrt und ist dort das unbestrittene Herzstück der Wikingerzeit-Ausstellung VIKINGR. Gezeigt wird er gemeinsam mit dem Kettenhemd und weiteren Beigaben aus dem Grab, kunstvoll beleuchtet in einer eigenen Vitrine - ein bemerkenswerter Aufstieg für ein Objekt, das 1943 als Haufen verrosteter Fragmente aus einem Acker in Ringerike kam.
Bildquelle: Wolfmann (CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
Die Fundstelle selbst ist dagegen heute völlig unscheinbar: Wer den Hof Gjermundbu bei Haugsbygd besucht, findet Wiesen, Wald und Ackerland - kaum etwas erinnert daran, dass hier eines der berühmtesten Objekte der gesamten nordischen Archäologie über tausend Jahre im Boden lag.
Wer sich dafür interessiert, wie außergewöhnliche Bestattungen der Wikingerzeit insgesamt aussahen, vom einfachen Brandgrab bis zum kompletten Schiff unter einem Hügel, findet mehr dazu in unserem Beitrag über Wikinger-Bestattungen und Schiffsgräber.
Ein Stück Eisen als Gesicht einer Epoche
Der Helm von Gjermundbu ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr ein einzelner Fund unsere Vorstellung von Geschichte formen kann. Jede seriöse Rekonstruktion, jedes Museumsdiorama und jeder halbwegs recherchierte Film greift auf dieses eine Objekt zurück, weil es schlicht nichts Vergleichbares gibt. Dass ausgerechnet ein namenloser Reiterkrieger aus Ringerike, verbrannt und unter einem Hügel vergessen, zum Gesicht der gesamten Wikingerzeit wurde, gehört zu den stillen Ironien der Archäologie. Sein Name ist verloren, sein Helm ist unsterblich.
Bildquelle Titelbild: NTNU Vitenskapsmuseet (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons