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Wie navigierten die Wikinger? Sonnenstein und Sterne

Ohne Kompass über den offenen Atlantik: Wie Wikinger mit Sonnenstand, Sonnenstein, Sternen und Wellenmustern navigierten - Sagas, Funde und Physik im Check.

Nachbau eines Wikingerschiffs auf offener See bei bewölktem Himmel
Inhalt
  1. Kein Kompass, kein Problem: Koppelnavigation und Erfahrungswissen
  2. Der Sonnenstein: Was die Sagas erzählen
  3. Was Wissenschaftler wirklich bewiesen haben - und was nicht
  4. Der Sonnenkompass von Uunartoq
  5. Sterne, Wellen und Vögel: Das ganze Orientierungssystem
  6. Experimentelle Archäologie: Nachbauten auf großer Fahrt
  7. Eine Leistung, die bis heute beeindruckt

Wie findet man den Weg über tausend Kilometer offenen Atlantik, ohne Kompass, ohne Sextant, oft tagelang ohne einen einzigen Blick auf die Sonne? Die Wikinger schafften genau das - sie segelten von Norwegen nach Island, von Island nach Grönland und schließlich bis nach Neufundland, Jahrhunderte bevor Magnetkompasse in Nordeuropa gebräuchlich wurden. Wie sie das anstellten, ist bis heute nicht vollständig geklärt, aber zwischen isländischen Sagas, archäologischen Funden und moderner Physik lässt sich ein erstaunlich präzises Bild zusammensetzen.

Kein Kompass, kein Problem: Koppelnavigation und Erfahrungswissen

Der Grundstein jeder Wikingerfahrt war das, was moderne Seefahrer Koppelnavigation nennen: Man kannte die ungefähre Fahrtrichtung, schätzte die zurückgelegte Strecke anhand der Zeit und der Geschwindigkeit ab und korrigierte den Kurs anhand von Landmarken, Wolkenformationen über fernen Küsten oder charakteristischen Meeresströmungen. Erfahrene Steuermänner, die Wikinger-Kapitäne, gaben ihr Wissen über Generationen mündlich weiter - feste Kompasspunkte gab es nicht, aber ein enormes Erfahrungsgedächtnis für Himmel, Wasser und Wind.

Dabei half ein feststehendes gedankliches System: das altnordische áttir-Modell, das den Horizont in acht grobe Himmelsrichtungen einteilte, orientiert an charakteristischen Sonnenständen zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten statt an einem festen magnetischen Norden. “Norden” war für einen Seefahrer in Trondheim etwas anderes als für einen Seefahrer auf Island, weil sich die Richtungsangaben stark an lokalen Himmelsbeobachtungen orientierten. Diese Flexibilität wirkt aus heutiger Sicht ungenau, war für die Praxis der Zeit aber vollkommen ausreichend, weil sie mit dem tatsächlichen Beobachtungswissen der Seefahrer übereinstimmte, statt ein abstraktes Rastersystem aufzuzwingen.

Besonders wichtig war zudem die sogenannte Breitengrad-Segelei: Man steuerte auf einer bestimmten nördlichen Breite so lange nach Westen, bis man auf das Ziel traf - eine Technik, die keine genaue Längengradbestimmung brauchte, nur eine verlässliche Methode, die eigene Breite zu halten. Genau hier kommen Sonne und Sterne ins Spiel.

Der Sonnenstein: Was die Sagas erzählen

In der isländischen Rauðúlfs þáttr, einer Erzählung aus dem 13. Jahrhundert, wird berichtet, wie König Olaf bei bewölktem Himmel einen sogenannten sólarsteinn (Sonnenstein) gegen den Himmel hielt, um die genaue Position der Sonne zu bestimmen, obwohl sie hinter Wolken verborgen war. Eine ähnliche Erwähnung findet sich in der Hrafns saga Sveinbjarnarsonar. Diese Textstellen sind der Ursprung einer Theorie, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigt: Nutzten die Wikinger doppelbrechende Kristalle wie Kalkspat (Isländer nennen ihn bis heute “Silfurberg”), um die Sonnenposition über polarisiertes Licht sichtbar zu machen, selbst wenn der Himmel dicht bewölkt war?

Physikalisch ist das plausibel. Kalkspat spaltet Licht in zwei Strahlen, deren Intensität sich abhängig vom Polarisationswinkel des Himmelslichts ändert. Dreht man einen solchen Kristall vor dem Auge, lässt sich der Punkt gleicher Helligkeit beider Strahlen bestimmen - und der zeigt näherungsweise zur Sonne, auch wenn diese hinter Wolken oder knapp unter dem Horizont steht.

“Er ließ die Sonne bei bewölktem Himmel durch den Sonnenstein finden, und da zeigte sich, wie er es vorhergesagt hatte.” - sinngemäß nach der Überlieferung der Rauðúlfs þáttr

Was Wissenschaftler wirklich bewiesen haben - und was nicht

2011 veröffentlichten die französischen Physiker um Guy Ropars von der Universität Rennes eine vielbeachtete Studie in den Proceedings of the Royal Society A: Sie zeigten experimentell, dass ein Kalkspat-Kristall die Sonnenposition tatsächlich mit einer Genauigkeit von wenigen Grad bestimmen kann, selbst bei bedecktem Himmel oder kurz nach Sonnenuntergang. 2013 sorgte derselbe Forscherkreis für Aufsehen, als sie einen Kalkspat-Kristall im Wrack eines englischen Kriegsschiffs aus dem 16. Jahrhundert vor der Kanalinsel Alderney identifizierten - ein Hinweis darauf, dass die Technik offenbar noch lange nach der Wikingerzeit im Gebrauch war.

Was in dieser Debatte oft untergeht: Ein zweifelsfrei der Wikingerzeit zugeordneter Sonnenstein wurde bisher nicht gefunden. Die gesamte Sonnenstein-Theorie stützt sich auf zwei Sagastellen, plausible Physik und den späteren Fund von Alderney - ein starkes Indizienbündel, aber kein archäologischer Beweis aus dem 9. bis 11. Jahrhundert selbst. Seriöse Forschung behandelt den Sonnenstein deshalb bis heute als plausible, aber unbewiesene Hypothese, nicht als gesicherte Tatsache.

Der Sonnenkompass von Uunartoq

Handfester ist ein anderer Fund: 1948 entdeckten Archäologen in der Uunartoq-Bucht im Süden Grönlands ein etwa halbkreisförmiges Holzfragment mit eingeritzten Linien, datiert auf etwa das Jahr 1000. Der dänische Archäologe C. L. Vebæk deutete es als Rest eines Sonnenkompasses, einer sogenannten sólskuggafjöl (Sonnenschattenscheibe): Ein zentraler Stift warf einen Schatten auf eingeritzte Kurven, anhand derer sich zu bestimmten Tageszeiten die Nord-Süd-Richtung ablesen ließ.

Rekonstruktion eines Wikingerschiffs unter Segel Bildquelle: JC Merriman (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons

Rekonstruktionen dieses Instruments funktionieren tatsächlich, mit einer Genauigkeit von wenigen Grad - vorausgesetzt, man kennt bereits ungefähr die Jahreszeit und die eigene Breite, was bei erfahrenen Seefahrern der Fall gewesen sein dürfte. Auch das gefundene Uunartoq-Fragment ist allerdings nur ein einzelnes Objekt, und seine genaue Funktion bleibt in der Fachliteratur bis heute Gegenstand von Diskussionen.

Hör dir Wellerman an, während du weiterliest, einen rauen Sea Shanty, der die Stimmung einer Seefahrernation gut einfängt:

Sterne, Wellen und Vögel: Das ganze Orientierungssystem

Sonnenstein und Sonnenkompass waren vermutlich nur Werkzeuge in einem viel größeren Repertoire. Nachts orientierte man sich am Polarstern und an bekannten Sternbildern, deren Aufgangs- und Untergangspunkte am Horizont als grobe Richtungsmarken dienten. Erfahrene Steuermänner lasen zudem Wellenmuster: Grunddünung aus einer bestimmten Richtung blieb oft über weite Strecken stabil und diente als “Wasserstraße”, von lokalen Windwellen klar zu unterscheiden.

Auch die Farbe des Wassers, die Temperatur und selbst der Geruch der Luft galten als verlässliche Hinweise: Erfahrene Seefahrer konnten die Nähe von Land oft schon am veränderten Wellenschlag oder an treibendem Tang erahnen, lange bevor eine Küstenlinie am Horizont sichtbar wurde. Auch die Tierwelt half: Landvögel, die weit draußen auf See gesichtet wurden, zeigten die Nähe von Küsten an. Die Landnámabók, das isländische Landnahmebuch, berichtet, dass der Siedler Flóki Vilgerðarson gezielt Raben mitführte und sie aussetzte, um ihrem Flug in Richtung Land zu folgen - eine Methode, die stark an die biblische Erzählung von Noahs Arche erinnert und deshalb von Historikern unterschiedlich bewertet wird, aber als plausible Praxis erfahrener Seefahrer immer wieder genannt wird.

MethodePrinzipBelegstatus
KoppelnavigationKurs, Zeit, Geschwindigkeit schätzenHistorisch gut begründet
Breitengrad-SegeleiFeste nördliche Breite haltenHistorisch gut begründet
Sonnenkompass (Uunartoq)Schattenwurf auf Skala1 Fund, archäologisch belegt
Sonnenstein (Kalkspat)Polarisiertes Licht bei BewölkungSagas + Physik, kein Wikingerfund
Sterne & WellenmusterHimmelsbeobachtung, Dünung lesenErfahrungswissen, plausibel
VogelflugLandvögel aussetzen und folgenLandnámabók, umstritten

Experimentelle Archäologie: Nachbauten auf großer Fahrt

Die vielleicht überzeugendsten Belege dafür, dass diese Methoden tatsächlich funktionierten, liefern moderne Nachbauten. 2007 und 2008 segelte die Havhingsten fra Glendalough (“Seehengst von Glendalough”), ein originalgetreuer Nachbau des Langschiffs Skuldelev 2 aus dem Wikingerschiffsmuseum Roskilde, von Dänemark nach Dublin und wieder zurück - eine mehrwöchige Fahrt entlang der britischen und irischen Küste, bei der die Besatzung bewusst auf moderne Navigationsgeräte verzichtete und sich auf historische Methoden stützte. Die Fahrt bestätigte, dass Koppelnavigation, Küstenpeilung und Himmelsbeobachtung in geübten Händen tatsächlich ausreichten, um ein 30-Meter-Schiff sicher über offenes Wasser zu steuern.

Noch weiter ging das isländische Nachbauschiff Íslendingur, das im Jahr 2000 - zur 1000-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas durch Leif Eriksson - von Island über Grönland nach Neufundland und schließlich bis New York segelte. Auch hier stützte sich die Crew primär auf traditionelle Techniken, ergänzt durch moderne Sicherheitsausrüstung für den Notfall. Solche Fahrten sind kein archäologischer Beweis im strengen Sinn, aber sie zeigen sehr konkret: Was in den Sagas beschrieben wird, ist keine Legende, sondern seemännisch machbar - vorausgesetzt, man verfügt über jahrelange Erfahrung mit Wind, Wellen und Himmel.

Eine Leistung, die bis heute beeindruckt

Was die Wikinger navigatorisch leisteten, ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie all das mit offenen, relativ niedrigen Schiffen taten, wie dem berühmten Langschiff, das kaum Schutz vor Wind und Gischt bot. Dass Seefahrer unter diesen Bedingungen zuverlässig Island, Grönland und schließlich Neufundland ansteuerten und wiederfanden, spricht für ein Navigationssystem, das zwar nicht auf einem einzelnen Wunderinstrument beruhte, dafür aber auf einer beeindruckenden Kombination aus Beobachtungsgabe, Erfahrung und cleveren Hilfsmitteln.

Wer heute mit dem GPS-Punkt auf dem Handydisplay aufwächst, unterschätzt leicht, wie viel geistige Arbeit in jeder dieser Methoden steckte. Eine Fehleinschätzung des Sonnenstands, ein übersehenes Wolkenband am Horizont oder ein falsch gedeutetes Wellenmuster konnte über Leben und Tod entscheiden, mitten im Nordatlantik, hunderte Kilometer von der nächsten Küste entfernt. Dass Wikingerschiffe trotzdem regelmäßig zwischen Norwegen, Island und Grönland verkehrten, spricht weniger für ein einzelnes geniales Werkzeug als für ein außergewöhnlich diszipliniertes, über Generationen weitergegebenes Beobachtungssystem.

Unsere Einschätzung: Der Sonnenstein ist die faszinierendste, aber auch die am wenigsten bewiesene dieser Methoden - ein Fall, in dem gute Physik und alte Sagas zusammenpassen, ohne dass die Archäologie bislang den letzten Beweis liefern konnte. Die eigentliche Navigationsleistung der Wikinger dürfte eher in der Summe aller hier vorgestellten Techniken gelegen haben als in einem einzelnen Trick. Wer sich für die Schiffe selbst interessiert, mit denen diese Fahrten möglich wurden, findet mehr dazu in unserem Artikel über den Überfall auf Lindisfarne, der zeigt, wie schnell diese Navigationskunst zur gefürchteten Waffe wurde.