Mythologie
Yggdrasil: Der Weltenbaum und die neun Welten
Yggdrasil, der Weltenbaum der nordischen Mythologie: Was Völuspá und Grímnismál über die neun Welten, drei Wurzeln, Ratatöskr und Níðhöggr wirklich erzählen.
Inhalt
Stell dir einen Baum vor, der so groß ist, dass Götter unter ihm Gericht halten, dass ein Adler in seiner Krone thront und ein Drache an seinen Wurzeln nagt. Yggdrasil, der Weltenbaum der nordischen Mythologie, ist genau das: eine gewaltige, immergrüne Esche, die alle Bereiche des Kosmos durchwächst und zusammenhält. Kein Ort in der nordischen Vorstellungswelt ist wichtiger – und kaum einer wird häufiger missverstanden.
Denn Yggdrasil ist keine hübsche Kulisse. Der Baum lebt, und er leidet. Er wird beweidet, benagt, er fault an der Flanke. Die Wikinger stellten sich das Universum nicht als perfekte Ordnung vor, sondern als einen Organismus, der jeden Tag aufs Neue gegen seinen Verfall gepflegt werden muss. Allein dieser Gedanke lohnt die Beschäftigung mit dem Baum.
Woher wir vom Weltenbaum Yggdrasil wissen
Wie fast alles Wissen über die nordische Mythologie stammt auch das Bild von Yggdrasil aus einer Handvoll isländischer Texte des 13. Jahrhunderts. Drei ragen heraus:
- Die Völuspá (“Weissagung der Seherin”), das große Eröffnungsgedicht der Poetischen Edda, in dem eine Seherin Odin die Geschichte der Welt von der Schöpfung bis zum Untergang enthüllt.
- Das Grímnismál (“Die Rede Grímnirs”), ebenfalls aus der Poetischen Edda: Odin, gefangen und zwischen zwei Feuern festgesetzt, offenbart in einer Art Wissensrausch den Aufbau des Kosmos – inklusive der ausführlichsten Beschreibung des Baumes.
- Die Prosa-Edda des Gelehrten Snorri Sturluson (um 1220), der in der Gylfaginning die verstreuten Gedichtzeilen zu einem geordneten Weltbild zusammenfügte.
Schon die Völuspá setzt den Baum an den Anfang von allem. Die Seherin erinnert sich an neun Welten und an den “maßgebenden Baum” unter der Erde – noch bevor er wuchs. Und sie beschreibt ihn in Zeilen, die zum Schönsten gehören, was die Edda zu bieten hat:
“Eine Esche weiß ich, sie heißt Yggdrasil, ein hoher Baum, benetzt mit weißem Wasser. Von dort kommt der Tau, der in die Täler fällt. Immergrün steht sie über dem Brunnen der Urd.” – Völuspá, Strophe 19 (sinngemäß)
Halten wir kurz inne: immergrün. In einer Welt aus langen Wintern und kurzen Sommern war ein Baum, der niemals kahl wird, das denkbar stärkste Bild für Beständigkeit. Die Esche selbst verliert ihr Laub – der mythische Baum nicht.
Drei Wurzeln, drei Brunnen
Das Grímnismál nennt drei Wurzeln, die den Baum tragen, und verankert ihn damit in drei sehr verschiedenen Sphären: Eine reicht zu Hel, dem Totenreich, eine zu den Reifriesen, eine zu den Menschen. Snorri ordnet das Bild etwas anders – bei ihm führen die Wurzeln zu den Göttern, zu den Riesen und hinab ins eisige Niflheim. Solche Widersprüche sind kein Betriebsunfall, sondern der Normalfall: Die Mythen wurden mündlich erzählt, über Jahrhunderte, und niemand hat je eine verbindliche Karte des Kosmos gezeichnet.
Spannender als die genaue Geographie ist, was an den Wurzeln liegt. Denn dort sammelt sich das Kostbarste, was diese Mythologie kennt: Wissen und Schicksal, gebunden an drei Brunnen.
- Der Urdbrunnen (Urðarbrunnr), an dem die Götter täglich Rat halten. Hier wohnen die Nornen – Urd, Verdandi und Skuld –, die das Schicksal aller Wesen festlegen. Sie schöpfen Wasser und weißen Lehm aus dem Brunnen und begießen damit Tag für Tag den Baum, damit er nicht verdorrt.
- Der Mimirbrunnen (Mímisbrunnr) bei den Riesen, in dem Weisheit und Verstand verborgen liegen. Für einen einzigen Trunk daraus gab Odin ein Auge her – wir haben die Geschichte in unserem Überblick über die nordischen Götter erzählt.
- Hvergelmir in Niflheim, der brodelnde Urquell, aus dem alle Flüsse entspringen – und unter dem der Drache Níðhöggr haust.
Man beachte die Pointe: Ausgerechnet die Götter besitzen das Schicksal nicht. Es liegt bei den Nornen, am Fuß des Baumes, und nicht einmal Odin kann daran rütteln. Die Ordnung der Welt hängt buchstäblich an der Gießkanne dreier Frauen.
Die neun Welten im Geäst
Yggdrasil trägt und verbindet die neun Welten – doch wer nun eine saubere Liste in den Quellen erwartet, wird enttäuscht. Die Völuspá nennt die Zahl, zählt die Welten aber nirgends auf. Die heute übliche Aufzählung ist eine Rekonstruktion aus verstreuten Nennungen:
- Asgard – die Welt der Asen
- Vanaheim – Heimat der Wanen
- Alfheim – Reich der Lichtelfen
- Midgard – die Welt der Menschen
- Jötunheim – Land der Riesen
- Svartalfheim (oder Nidavellir) – die Welt der Zwerge
- Muspelheim – die Feuerwelt im Süden
- Niflheim – die Nebel- und Eiswelt im Norden
- Helheim – das Reich der Toten
Ob die Wikinger selbst genau diese neun gemeint haben? Unsicher. Sicher ist nur, dass die Neun ihre heilige Zahl war: neun Welten, neun Nächte, die Odin am Baum hing, neun Schritte, die Thor bei Ragnarök noch geht. Wer in der nordischen Mythologie die Neun findet, sollte aufhorchen – sie markiert fast immer eine Schwelle zwischen den Welten.
Auffällig ist auch, wo der Mensch in diesem Gefüge wohnt: in Midgard, wörtlich der “mittleren Einfriedung”, eingebettet zwischen den Extremen aus Feuer und Eis, Göttern und Riesen. Der Mensch der Edda lebt buchstäblich in der Mitte des Baumes – umgeben von Mächten, die er weder überblicken noch beherrschen kann. Bescheidener ist selten ein Weltbild gewesen.
Das Leben im Baum: Adler, Ratatöskr und Níðhöggr
Das Grímnismál bevölkert den Baum mit einem regelrechten Bestiarium, und jede dieser Gestalten hat ihren Sinn.
In der Krone sitzt ein namenloser Adler, zwischen dessen Augen der Habicht Veðrfölnir ruht – ein Bild, über das schon Generationen von Forschern rätseln. An den Wurzeln nagt Níðhöggr, der “Neidhieb”, ein Drache, der an anderer Stelle die Leichen der Meineidigen und Mörder aussaugt. Und zwischen beiden rennt unermüdlich das Eichhörnchen Ratatöskr den Stamm hinauf und hinab – als Bote, der die Beleidigungen des Adlers nach unten und die Schmähungen des Drachen nach oben trägt.
Man darf das komisch finden; vermutlich fanden es die Nordleute auch. Aber das Bild hat einen doppelten Boden: Selbst im Herzen des Kosmos herrscht kein Friede, sondern ein ewiger, kleinlicher Streit, und das Medium dieses Streits ist – die Botschaft. Ein Eichhörnchen als Sinnbild für die Macht des Gerüchts: Man könnte meinen, die Edda hätte soziale Netzwerke vorausgeahnt.
Dazu kommen vier Hirsche – Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór –, die das Laub des Baumes abweiden. Das Grímnismál zieht daraus eine bittere Bilanz: Die Esche Yggdrasil erduldet mehr Mühsal, als Menschen ahnen – oben äst der Hirsch, an der Seite fault der Stamm, unten schindet Níðhöggr. Der Weltenbaum ist eine Dauerbaustelle. Dass die Welt besteht, ist in dieser Vorstellung kein Zustand, sondern eine tägliche Leistung.
Odins Galgen: Was der Name Yggdrasil bedeutet
Und der Name selbst? Yggdrasil heißt wörtlich etwa “Ross des Yggr” – und Yggr, “der Schreckliche”, ist ein Beiname Odins. Das Pferd Odins: So nannten die Skalden in düsterer Umschreibung den Galgen, denn der Gehängte “reitet” den Baum, an dem er hängt.
Damit öffnet sich die vielleicht dunkelste Tür der ganzen Mythologie. Im Hávamál berichtet Odin selbst, wie er neun Nächte lang am windigen Baum hing, verwundet vom eigenen Speer, “geopfert, ich selbst mir selbst” – ohne Brot, ohne Trinkhorn. Am Ende dieser Selbstfolter schreit er auf und ergreift die Runen, das magische Wissen schlechthin. Die meisten Forscher sind sich einig, dass mit diesem “windigen Baum” Yggdrasil gemeint ist.
Der Weltenbaum ist also zugleich Odins Opferstätte. Kosmische Achse und Galgen in einem – Leben und Tod im selben Stamm. Es gibt in der Religionsgeschichte wenige Bilder von solcher Wucht.
Yggdrasil bei Ragnarök – und danach
Was geschieht mit dem Baum, wenn die Welt endet? Die Völuspá gibt eine erstaunliche Antwort: Wenn Ragnarök anbricht, wenn Heimdall ins Horn stößt und die Fesseln des Wolfes reißen, dann zittert die alte Esche – sie ächzt und bebt. Aber nirgends steht, dass sie fällt.
Im Gegenteil. Das Vafþrúðnismál, ein weiteres Wissensgedicht der Edda, verrät, dass ein Menschenpaar den Weltenbrand überlebt: Líf und Lífþrasir, “Leben” und “der nach Leben Strebende”, verborgen in “Hoddmímirs Holz” – nach verbreiteter Deutung nichts anderes als der Weltenbaum selbst. Vom Morgentau ernähren sie sich, und aus ihnen erwächst die neue Menschheit, wenn die grüne Erde wieder aus dem Meer steigt.
Der Baum, der die alte Welt trug, birgt also den Keim der neuen. Untergang ja – aber kein Ende. Wenn man einen einzigen Satz über das nordische Weltbild sagen dürfte, wäre es vielleicht dieser.
Warum uns der Weltenbaum nicht loslässt
Heilige Bäume waren im Norden keine bloße Dichtung. Adam von Bremen beschreibt im 11. Jahrhundert einen gewaltigen immergrünen Baum am Tempel von Uppsala, und die Sachsen verehrten mit der Irminsul eine Weltensäule, bis Karl der Große sie fällen ließ. Yggdrasil ist der literarische Gipfel einer sehr realen Verehrung – Menschen haben vor solchen Bäumen tatsächlich gestanden, geopfert, gehofft.
Und der Glaube reichte bis vor die Haustür. Noch in der Neuzeit pflegten Höfe in Skandinavien ihren Hofbaum – schwedisch vårdträd, norwegisch tuntre –, den man hegte und dem man nichts Böses antat, weil das Wohl des Hofes an ihm zu hängen schien. Ein kleines, privates Yggdrasil vor jedem Haus, wenn man so will.
Vielleicht wirkt das Bild deshalb bis heute. Ein Kosmos als Baum: alles verbunden, alles voneinander abhängig, nichts ohne Pflege überlebensfähig – und mittendrin ein Eichhörnchen, das Zwietracht sät. Ehrlich gesagt kennen wir kein Modell des Universums, das mit so wenigen Bildern so viel über Zusammenhalt und Zerbrechlichkeit erzählt. Die Nornen begießen den Baum jeden Tag. Es ist keine schlechte Idee, es ihnen nachzutun – jeder mit dem, was ihm anvertraut ist.
Bildquelle: YvesSch (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons