Mythologie

Seidr: Die geheimnisvolle Magie der Nordmänner

Seidr, die Magie der Wikinger: Weissagung, Schicksalszauber und ein hartes Tabu. Warum Freyja die Kunst zu den Asen brachte und Odin dafür verspottet wurde.

Zwei Raben auf einem bemoosten Runenstein in einem nebligen, kahlen Winterwald
Inhalt
  1. Woher wir überhaupt von Seidr wissen
  2. Seidr, galdr und spá: Die Magie der Wikinger hatte mehrere Namen
  3. Freyja bringt die Kunst zu den Asen
  4. Ergi: Warum ein Mann keinen Seidr wirken durfte
  5. Die Seherin auf dem Hochsitz
  6. Eisenstäbe aus Frauengräbern: was die Archäologie hergibt
  7. Was von Seidr bleibt

Es gibt in den altnordischen Texten eine Kunst, über die alle zu reden scheinen und die niemand erklärt. Seidr heißt sie. Wer sich mit der Seidr-Magie der Wikinger beschäftigt, stößt schnell auf dasselbe Grundproblem: Die Sagas und die Lieder der Edda setzen voraus, dass ihr Publikum längst weiß, wovon die Rede ist. Sie nennen die Praxis, sie fürchten sie, sie werfen sie einander an den Kopf. Aber kein einziger Text erklärt, wie das eigentlich funktionierte.

Was bleibt, sind Umrisse. Seidr erscheint in den Quellen als eine Form der Zauberei, die vor allem mit drei Dingen zu tun hat: mit dem Erkennen von Verborgenem und Kommendem, mit dem Eingreifen in Schicksal und Glück, und mit dem Wirken auf den Geist anderer Menschen. Und mit einem sozialen Sprengsatz: Für einen Mann galt die Ausübung des Seidr als Schande. Ausgerechnet der höchste Gott des Nordens hat sich darüber hinweggesetzt.

Woher wir überhaupt von Seidr wissen

Bevor wir irgendetwas über diese Praxis sagen, gehört ein ehrlicher Satz an den Anfang: Wir haben keine einzige Stimme aus der heidnischen Wikingerzeit, die uns erklärt, was Seidr für die Menschen bedeutete, die ihn ausübten. Fast alles, was wir zu fassen bekommen, wurde erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, auf dem christlichen Island des Hochmittelalters, mehrere Generationen nach dem Ende der alten Religion.

Die wichtigsten Texte sind schnell aufgezählt. Die Poetische Edda überliefert Lieder, in denen Seherinnen auftreten und in denen Seidr zum Vorwurf wird. Snorri Sturlusons Heimskringla beginnt mit der Ynglinga saga, die die alten Götter als eingewanderte Herrscher deutet und dabei erstaunlich konkret über deren Zauberkünste spricht. Dazu kommen die Isländersagas, allen voran die Saga von Erik dem Roten, die uns die ausführlichste erhaltene Schilderung eines Weissagungs-Auftritts liefert.

Das heißt: Wir lesen über heidnische Magie in Texten von Autoren, die selbst getauft waren, die eine christliche Gelehrtenbildung genossen hatten und für die Zauberei ein theologisch belastetes Thema war. Manche von ihnen wollten die alte Praxis erkennbar abwerten. Was uns als “Schande” überliefert ist, muss in der heidnischen Zeit selbst nicht ebenso bewertet worden sein. Diesen Vorbehalt sollte man beim Weiterlesen nicht ablegen.

Seidr, galdr und spá: Die Magie der Wikinger hatte mehrere Namen

Ein verbreiteter Fehler in populären Darstellungen ist, alles Übernatürliche im Norden in einen Topf zu werfen und “Seidr” darauf zu schreiben. Die Quellen selbst sind da erheblich präziser. Sie kennen mehrere Begriffe, und sie verwenden sie nicht beliebig.

Seidr (altnordisch seiðr) bezeichnet die Praxis, um die es hier geht. Die Etymologie ist umstritten; vorgeschlagen wurden unter anderem ein Zusammenhang mit einem Wort für Schnur oder Band sowie eine Verbindung zum Singen. Keine dieser Deutungen gilt als gesichert.

Galdr ist davon deutlich zu unterscheiden. Das Wort gehört zum Verb gala, “singen” im Sinne von krähen oder anstimmen, und meint den gesprochenen oder gesungenen Zauberspruch, die wirksame Formel. Galdr ist Sprache, die etwas tut.

Spá schließlich ist die Weissagung selbst, das Vorhersehen. Von diesem Stamm kommt bis heute das englische spae-wife für eine Seherin. Und die Trägerin dieser Gabe ist die völva, deren Name mit völr zusammenhängt, dem Stab. Sie ist wörtlich die Stabträgerin, ein Detail, das gleich noch wichtig wird.

BegriffWas er bezeichnetWo er greifbar wird
seiðrZauberei mit Wahrsagen, Schicksalswirkung und Einfluss auf den Geist andererYnglinga saga (Heimskringla), Lokasenna, Isländersagas
galdrGesprochene oder gesungene Zauberformel, wirksames WortPoetische Edda, u. a. in den Spruchsammlungen des Hávamál
spáWeissagung, das Vorhersehen selbst; Tätigkeit der völvaVöluspá (“Weissagung der Seherin”), Saga von Erik dem Roten
ergiVorwurfsbegriff für Unmännlichkeit und Ehrverlust; Adjektiv argrLokasenna, Ynglinga saga, altnordische Rechtstexte

Diese Begriffe überschneiden sich in der Praxis, und die Texte sind nicht immer konsequent. Aber sie zeigen, dass die Nordleute keineswegs ein diffuses “Magie”-Konzept hatten, sondern zwischen dem gesungenen Wort, der Vorhersage und jener besonderen, sozial heiklen Kunst unterschieden, die Seidr hieß.

Freyja bringt die Kunst zu den Asen

Die Ynglinga saga erzählt, wie der Seidr überhaupt in die Welt der Asen kam. Er stammte demnach nicht von ihnen, sondern von den Wanen, jenem zweiten, älteren Göttergeschlecht, das mit Fruchtbarkeit, Reichtum und Gedeihen verbunden ist. Und es war Freyja, die diese Kunst nach dem Krieg und dem Ausgleich zwischen beiden Geschlechtern bei den Asen einführte.

Das ist mythologisch bemerkenswert. Die mächtigste Wissenstechnik des nordischen Kosmos ist ein Import. Sie gehört ursprünglich nicht dem Kriegergeschlecht um Odin, sondern kommt aus einer Sphäre, die mit Wachstum, Liebe und Gedeihen zu tun hat, und sie kommt in weiblicher Hand.

Ausgerechnet Odin übernimmt sie. In derselben Saga wird er als der Beherrscher des Seidr beschrieben, mit dem er Schicksale erkennen, Unglück, Krankheit und Tod bewirken und Menschen ihren Verstand oder ihre Kraft nehmen konnte. Wer die Odin-Erzählungen kennt, wird nicht überrascht sein. Das Auge in Mimirs Brunnen, die neun Nächte am Baum: Dieser Gott zahlt jeden Preis für Wissen. Der Seidr ist ein weiterer solcher Preis, nur dass er diesmal nicht mit dem Körper bezahlt, sondern mit dem Ansehen.

Zur Stimmung dieser Welt aus Wissensdurst, Nebel und Vorzeichen passt ein Stück aus unserem eigenen Umfeld:

Ergi: Warum ein Mann keinen Seidr wirken durfte

Hier liegt der eigentliche Kern der Sache. Snorri hält in der Ynglinga saga ausdrücklich fest, dass mit der Ausübung des Seidr für Männer eine so große Schande verbunden war, dass man sie ihnen nicht zutrauen mochte, weshalb die Kunst vor allem von Frauen ausgeübt wurde. Der altnordische Begriff, der diesen Vorwurf trägt, ist ergi, das zugehörige Adjektiv lautet argr.

Ergi lässt sich schwer übersetzen. “Unmännlichkeit” trifft es nur halb, “Feigheit” ebenfalls. Es meint einen Vorwurf, der die Ehre eines Mannes in ihrem Kern angreift und dabei sexuelle Konnotationen mitführt: die Unterstellung, sich in die passive, empfangende, als weiblich verstandene Rolle zu begeben. Der Vorwurf war so schwer, dass er in den altnordischen Rechtstexten zu den Beleidigungen zählt, die nicht folgenlos bleiben konnten.

Und genau diesen Vorwurf bekommt Odin zu hören. In der Lokasenna, jenem Streitgedicht der Poetischen Edda, in dem Loki der versammelten Götterschaft nacheinander ihre wundesten Punkte vorhält, wirft er dem Allvater vor, Seidr getrieben und dabei nach Art einer völva gehandelt zu haben. Es ist kein beiläufiger Spott. Es ist der schwerste Vorwurf, den man einem Mann in dieser Kultur machen konnte, gerichtet an den höchsten Gott.

Der Blog-Redaktion fällt daran vor allem eines auf: Das Motiv funktioniert nur, wenn beide Seiten der Aussage gleichzeitig gelten. Odin ist der mächtigste Wissende, und er ist beschämbar. Die Erzählung erlaubt sich nicht, ihn davon freizusprechen. Sie stellt fest, dass er die Grenze überschritten hat, und sie stellt fest, dass diese Überschreitung einen Preis hat, den er kennt und trotzdem zahlt. Das ist keine schwache Stelle im Odin-Bild, sondern seine schärfste Zuspitzung.

Die Seherin auf dem Hochsitz

So abstrakt das alles klingt, so konkret wird es an einer einzigen Stelle. Die Saga von Erik dem Roten (Eiríks saga rauða) schildert den Besuch einer Seherin namens Thorbjörg auf einem Hof in der grönländischen Siedlung, in einem Winter der Not und des schlechten Fangs. Es ist die detailreichste erhaltene Beschreibung eines solchen Auftritts, und sie liest sich weniger wie Zauberei als wie ein sorgfältig geregeltes Verfahren.

Thorbjörg wird ehrenvoll empfangen. Die Saga beschreibt ihre Ausstattung in einer Ausführlichkeit, die im Kontext der knappen Saga-Prosa auffällt: einen blauen Mantel, einen Stab, Handschuhe aus Katzenfell. Sie wird bewirtet, sie wird befragt, und sie wird auf einen erhöhten Sitz geführt. Dann fehlt noch etwas Entscheidendes: Es braucht Frauen, die ein bestimmtes Lied singen können, damit sie ihre Weissagung überhaupt vollziehen kann. Erst als sich eine Sängerin findet, kann die Seherin sprechen und den Anwesenden ihre Auskunft geben.

Man sollte diese Szene nicht romantisieren, aber man sollte auch nicht übersehen, was sie zeigt. Der Auftritt ist öffentlich, er ist eingebettet in Gastfreundschaft und Rangfolge, und er ist auf die Mitwirkung der Gemeinschaft angewiesen. Ohne den Gesang der anderen geschieht nichts. Die Seherin ist keine einsame Hexe am Waldrand, sondern eine gerufene Fachfrau, die auf einem Ehrenplatz sitzt und für ein Publikum arbeitet, das ihr zuarbeitet. Wer diese Erzählung mit den Nachbarinnen der Seidr-Welt zusammenliest, etwa mit den Nornen und ihrem Schicksalsbegriff, erkennt dasselbe Grundmuster: Schicksal ist im Norden nichts, was man beschwört, sondern etwas, das man erfährt.

Eisenstäbe aus Frauengräbern: was die Archäologie hergibt

Bleibt die Frage, ob sich von alledem etwas im Boden findet. Aus mehreren reich ausgestatteten Frauengräbern der Wikingerzeit sind stabförmige Eisengegenstände bekannt, unter anderem aus dem Gräberfeld von Birka in Schweden und aus dem Umfeld der dänischen Ringburg Fyrkat. Diese Objekte sind aufwendig gearbeitet, sie fanden sich in Bestattungen mit ungewöhnlich reicher Ausstattung, und sie ähneln keinem klar bestimmbaren Alltagsgerät. In der Forschung, prominent bei Neil Price, werden sie vielfach als Seidr-Stäbe gedeutet, was auch die Wortbedeutung von völva als Stabträgerin stützen würde.

Hier lohnt Skepsis, und zwar in beide Richtungen. Die Deutung ist gut begründet und aus unserer Sicht die plausibelste, die derzeit vorliegt. Bewiesen ist sie nicht. Ein Eisenstab trägt kein Etikett, und die Grenze zwischen einem rituellen Gerät und einem Statussymbol ist archäologisch kaum zu ziehen. Wer diese Funde als gesicherten Beleg für Seidr präsentiert, geht einen Schritt weiter, als das Material erlaubt. Wer sie umgekehrt abtut, ignoriert eine auffällige Häufung.

Mythos vs. Fakt: verbreitete Missverständnisse über Wikinger-Magie

  • Mythos: Es gab ein festes, ausgearbeitetes Ritualsystem mit überlieferten Abläufen. Fakt: Kein Handbuch, keine Anleitung, keine geschlossene Beschreibung ist erhalten. Wir haben Erwähnungen, Vorwürfe und eine einzige ausführliche Szene.
  • Mythos: Seidr wurde mit geritzten Runen gewirkt. Fakt: Die Quellen verbinden Seidr in erster Linie mit Gesang, Sitz und Weissagung. Zauberwirkung durch geritzte Zeichen gehört in ganz andere Zusammenhänge.
  • Mythos: Nur Frauen praktizierten Seidr. Fakt: Die Texte kennen sehr wohl Männer, die es taten, Odin eingeschlossen. Der Unterschied liegt nicht im Können, sondern im sozialen Preis.
  • Mythos: Der “Seidr-Stab” ist archäologisch gesichert. Fakt: Plausible, breit vertretene Deutung, kein Beweis.
  • Mythos: Seidr war schlicht nordischer Schamanismus. Fakt: Die Parallelen zu zirkumpolaren Praktiken sind auffällig und werden diskutiert, aber die Gleichsetzung ist in der Forschung umstritten und geht über die Quellen hinaus.

Was von Seidr bleibt

Am Ende bleibt eine Kunst, von der wir den Namen kennen, die Wirkung ahnen und das Verfahren nicht. Das ist unbefriedigend, und es ist ehrlicher, das so stehen zu lassen, als die Lücke mit Fantasie aufzufüllen. In der modernen Rezeption, von Romanen bis zu heutigen spirituellen Strömungen, ist der Seidr längst zu etwas ganz anderem geworden; das ist ein eigenes Thema und sollte mit der Überlieferung nicht vermischt werden.

Was den Seidr in den alten Texten so bemerkenswert macht, ist nicht das Übernatürliche daran. Es ist die Reibung, die er erzeugt. Eine Gesellschaft, die Männlichkeit über Ehre, Waffen und Widerstandskraft definierte, hatte ihre stärkste Wissenstechnik in weiblicher Hand, und sie wusste das. Der höchste ihrer Götter beherrschte diese Technik und musste sich dafür verhöhnen lassen. Beides steht nebeneinander in denselben Texten, unaufgelöst.

Vielleicht ist genau das die interessanteste Auskunft, die uns der Seidr über die Wikingerzeit gibt. Nicht, dass diese Menschen an Magie glaubten. Sondern dass sie eine Praxis kannten, die zugleich unentbehrlich und beschämend war, und dass sie das offenbar aushielten, ohne es in Ordnung zu bringen.