Mythologie

Thor: Der Donnergott und sein Hammer Mjölnir

Thor, der Donnergott: Wie Mjölnir bei den Zwergen entstand, wie er Jörmungand angelte und sich als Braut verkleidete, um seinen Hammer zurückzuholen. Mythen.

Ein Thorshammer-Amulett aus der Wikingerzeit als Sinnbild für den Donnergott Thor
Inhalt
  1. Woher wir von Thor wissen
  2. Die Geburt des Hammers – wie Mjölnir entstand
  3. Das Diebstahl-Drama: Thor als Braut verkleidet
  4. Die Angeltour: Thor gegen die Weltenschlange
  5. Thors Ausrüstung: Gürtel, Handschuhe und Ziegenbock
  6. Thor als Beschützer von Asgard und Midgard
  7. Þórsáki, Thorshaine und Thors Tag
  8. Warum Thor bis heute der beliebteste Gott ist

Ein Donnerschlag über den Fjorden, und die Bauern wussten: Thor, der Donnergott, ist unterwegs. Kein anderer Gott der nordischen Mythologie war im Alltag der Wikinger so gegenwärtig wie er. Während Odin über Könige und Skalden herrschte, gehörte Thor dem einfachen Volk – dem Bauern, der auf Regen hoffte, und dem Seemann, der einen Sturm überstehen musste. Doch hinter dem populären Bild vom bärtigen Kraftprotz verbirgt sich eine Figur mit überraschend viel Tiefe, verbürgt in Gedichten, die über achthundert Jahre alt sind.

Wir haben Thor bereits in unserem Überblick über die nordischen Götter kurz vorgestellt. Hier gehen wir tiefer: Wie entstand sein Hammer wirklich? Welche Abenteuer bestand er? Und warum trug halb Skandinavien sein Symbol um den Hals?

Woher wir von Thor wissen

Wie bei den meisten nordischen Mythen stammt unser Wissen über Thor vor allem aus zwei isländischen Werken des 13. Jahrhunderts: der Poetischen Edda, einer Sammlung anonymer Gedichte im Codex Regius, und der Prosa-Edda des Gelehrten Snorri Sturluson, verfasst um 1220 als Handbuch für angehende Dichter.

Zwei Gedichte der Poetischen Edda drehen sich fast vollständig um Thor: die Hymiskviða (“Das Lied von Hymir”) und die Þrymskviða (“Das Lied von Þrym”). Beide sind, anders als die eher düsteren Götterlieder um Odin, von einem fast schon komödiantischen Ton geprägt. Thor ist ein Gott zum Anfassen – tollpatschig, gefräßig, jähzornig, aber im Kern zuverlässig. Genau das machte ihn wohl so beliebt.

Die Geburt des Hammers – wie Mjölnir entstand

Kaum ein Gegenstand der nordischen Mythologie ist so bekannt wie Mjölnir, Thors Hammer. Doch seine Entstehungsgeschichte kennen die wenigsten, und sie steckt voller Ironie.

Snorri erzählt sie im Skáldskaparmál, dem zweiten Teil der Prosa-Edda: Loki hatte aus reiner Bosheit das goldene Haar von Thors Frau Sif abgeschnitten. Um seinen Kopf zu retten, versprach er, bei den Zwergen Ersatz zu besorgen – und gleich noch mehr. Er suchte die Zwergenbrüder Sindri und Brokkr auf und stachelte sie an, drei Wunderdinge zu schmieden, die die Söhne Ivaldis in ihrer Schmiede übertreffen sollten.

Brokkr trat an den Blasebalg, während Sindri das Gold ins Feuer legte. Loki, der die Wette bereits verloren zu haben fürchtete, verwandelte sich in eine Fliege und stach Brokkr in die Hand, um ihn vom Blasebalgtreten abzubringen. Brokkr hielt trotzdem durch – doch der kurze Wimpernschlag der Unterbrechung reichte aus, um den Griff des entstehenden Hammers zu kurz geraten zu lassen. So bekam Mjölnir einen ungewöhnlich kurzen Stiel, ein Makel, den Snorri ausdrücklich erwähnt.

Trotzdem war der Hammer das großartigste der drei Geschenke: Er traf sein Ziel nie fehl, kehrte nach dem Wurf stets in Thors Hand zurück und ließ sich, falls nötig, sogar in der Tunika verbergen. Die Götter urteilten einstimmig, dass Mjölnir das beste Geschenk sei, weil es ihren größten Feind, die Riesen, am wirksamsten in Schach halte. Loki, der eigentlich seinen Kopf verwettet hatte, entkam der Strafe nur knapp – aber das ist eine andere Geschichte.

Das Diebstahl-Drama: Thor als Braut verkleidet

Die vielleicht unterhaltsamste Geschichte über den Donnergott erzählt die Þrymskviða. Eines Morgens erwacht Thor und findet Mjölnir verschwunden. Panik bricht aus – ohne seinen Hammer sind die Asen den Riesen schutzlos ausgeliefert.

Loki leiht sich Freyjas Falkengewand und fliegt nach Jötunheim, dem Land der Riesen. Dort gesteht der Riese Þrym freimütig: Er habe den Hammer acht Rasten tief unter der Erde vergraben – und werde ihn nur zurückgeben, wenn man ihm die Göttin Freyja zur Frau gebe.

Als die Götter Freyja das vorschlagen, weigert sie sich so entrüstet, dass “die Halle der Asen erbebte”, wie es im Gedicht heißt (sinngemäß). Also schlägt der listige Heimdall einen anderen Plan vor: Thor selbst solle sich als Braut verkleiden, im Schleier, mit Schmuck behängt, und zur Hochzeit nach Jötunheim reisen. Thor protestiert – man werde ihn feige nennen –, doch Loki überzeugt ihn: Ohne den Hammer sei ohnehin bald das ganze Asgard verloren.

Beim Hochzeitsmahl droht die Tarnung mehrfach aufzufliegen: Die “Braut” verschlingt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und trinkt drei Fässer Met. Loki, als Brautjungfer verkleidet, muss jedes Mal schnell eine Ausrede finden – die Braut habe vor Sehnsucht nach Jötunheim acht Tage lang gefastet. Als Þrym schließlich den Schleier heben will, um seine Braut zu küssen, erschrickt er vor den “furchtbar glühenden Augen” – wieder rettet Loki die Situation mit einer Notlüge.

Der Höhepunkt kommt, als man Mjölnir zur Segnung der Ehe auf den Schoß der Braut legt, wie es Brauch war. Kaum berührt Thor seinen Hammer, wirft er den Schleier ab und erschlägt Þrym und die versammelten Riesen. Eine deftige, urkomische Geschichte – und zugleich ein Beleg dafür, dass die nordischen Götter sich selbst nicht immer bierernst nahmen.

Die Angeltour: Thor gegen die Weltenschlange

Ernster wird es in der Hymiskviða. Thor begleitet den Riesen Hymir auf eine Fischfangfahrt und will dabei Größeres jagen als gewöhnlich. Als Köder reißt er dem größten Ochsen im Rinderstall des Riesen den Kopf ab.

Weit draußen auf See wirft Thor die Angel aus – und an den Haken beißt niemand Geringeres als Jörmungand, die Weltenschlange, die den gesamten Erdkreis in ihren Windungen umschließt. Thor zieht mit solcher Kraft, dass seine Füße durch den Bootsboden brechen und sich in den Meeresgrund stemmen. Für einen Moment starren sich Gott und Ungeheuer Auge in Auge gegenüber – Snorri beschreibt, wie Gift aus dem Rachen der Schlange spritzt.

Thor hebt den Hammer, um endgültig zuzuschlagen. Doch der entsetzte Hymir zerschneidet in Panik die Angelschnur, und Jörmungand entkommt zurück in die Tiefe. Die Mythen sind sich einig, dass sich die beiden erst bei Ragnarök wiederbegegnen werden – dann mit tödlichem Ausgang für beide, wie wir in unserem Artikel über Ragnarök erzählen.

Sinngemäß aus der Hymiskviða: Thor zog die Schlange so hart empor, dass die Erde selbst erzitterte, während Gift aus ihrem Rachen troff.

Thors Ausrüstung: Gürtel, Handschuhe und Ziegenbock

Mjölnir ist nur ein Teil von Thors Kraft. Snorri nennt zwei weitere Ausrüstungsgegenstände, ohne die der Donnergott seine volle Stärke gar nicht entfalten kann.

  • Megingjörð, der “Kraftgürtel”, verdoppelt Thors Körperkraft, sobald er ihn anlegt.
  • Járngreipr, die eisernen Handschuhe, braucht er, um den glühend heißen Hammer überhaupt fest genug greifen zu können – eine Konsequenz aus dem zu kurz geratenen Stiel.

Und dann sind da seine ungewöhnlichen Zugtiere: die Ziegenböcke Tanngrisnir (“Zähneknirscher”) und Tanngnjóstr (“Zähneknarrer”), die seinen Wagen über den Himmel ziehen – ein Bild, das man als mythologische Erklärung für den Donner selbst deuten kann, denn das Rollen der Wagenräder über die Wolken war für die Nordleute vermutlich der Ursprung des Donnergrollens. Das Besondere an den Böcken: Thor kann sie schlachten, ihr Fleisch verzehren und sie am nächsten Morgen mit seinem Hammer wieder lebendig segnen, solange die Knochen unversehrt blieben. Snorri erzählt dazu eine kleine, sehr menschliche Episode: Bei einem Bauern, der Thor beherbergt, bricht dessen Sohn Þjálfi aus Hunger einen Schenkelknochen auf, um das Mark herauszusaugen. Am nächsten Morgen erweckt Thor die Böcke wie gewohnt – doch einer von ihnen hinkt fortan auf einem Hinterbein. Thor erkennt sofort, was geschehen ist, und der erschrockene Bauer muss ihm zur Wiedergutmachung seine beiden Kinder, Þjálfi und dessen Schwester Röskva, als Diener überlassen. Þjálfi begleitet Thor fortan auf vielen seiner Fahrten, unter anderem in die Halle des Riesen Útgarða-Loki, wo er in einem Wettlauf gegen einen Gedanken antritt – aber das ist wieder eine eigene Geschichte.

Thor als Beschützer von Asgard und Midgard

Über all diesen Abenteuern steht Thors eigentliche Aufgabe: Er ist der Grenzwächter der geordneten Welt. Die Jötnar, die Riesen, verkörpern in der nordischen Mythologie das Chaos, das ständig gegen Asgard und Midgard andrängt. Thor ist die Kraft, die diese Grenze hält.

Fast jede erhaltene Thor-Geschichte folgt diesem Muster: Ein Riese bedroht die Ordnung, Thor zieht aus, meist mit Mjölnir, manchmal mit List statt Kraft, und stellt das Gleichgewicht wieder her. Archäologisch lässt sich diese Schutzfunktion sogar nachweisen: Über tausend Thorshammer-Amulette aus Silber und Bronze wurden in ganz Skandinavien gefunden, von Norwegen bis in die Kiewer Rus. Manche Handwerker fertigten sogar Formen, die gleichzeitig einen Hammer und ein christliches Kreuz gießen konnten – ein Hinweis auf die unsichere Übergangszeit, in der beide Glauben nebeneinander bestanden.

Þórsáki, Thorshaine und Thors Tag

Thors Bedeutung reicht über die Mythen hinaus in Landschaft und Sprache. In mehreren skandinavischen Regionen sind Orte überliefert, die als Þórsáki oder “Thors Eiche” bekannt waren – heilige Haine, die dem Donnergott geweiht waren. Auch der Missionar Adam von Bremen berichtete im 11. Jahrhundert von einem Thor-Standbild im Tempel von Uppsala, ausgestattet mit Zepter, das die Deutungsmacht über Wetter und Ernte symbolisieren sollte.

Und noch heute begegnen wir Thor jede Woche: Der englische Thursday, das deutsche Donnerstag, ist nichts anderes als “Thors Tag” – eine direkte Übersetzung des lateinischen dies Iovis, des Tages Jupiters, der wie Thor ein Donnergott war. Kaum ein anderer nordischer Gott hat sich derart unauffällig in unseren Alltag eingeschrieben. Selbst die Ortsnamen verraten seine einstige Reichweite: Über ganz Skandinavien verstreut finden sich bis heute Siedlungen mit Namen wie Torshov, Thorslunde oder Torsåker – “Thors Hof”, “Thors Hain”, “Thors Acker” –, stumme Zeugen eines Kultes, der einst so selbstverständlich war wie das Wetter selbst.

Warum Thor bis heute der beliebteste Gott ist

Was macht diesen Donnergott so zeitlos? Vielleicht, dass er nie unfehlbar ist. Thor verliert Wettkämpfe gegen Zauberei, wird zum Gespött, muss sich sogar als Braut verkleiden, um sein Ziel zu erreichen – und trotzdem bleibt er der Fels, auf den sich Bauer und Seemann verlassen konnten. Er ist kraftvoll, aber nicht überheblich, gefräßig, aber loyal, jähzornig, aber am Ende immer auf der richtigen Seite.

Am Ende, bei Ragnarök, erschlägt Thor die Weltenschlange Jörmungand endlich – stirbt aber selbst an ihrem Gift, nach nur neun Schritten. Ein passendes Ende für einen Gott, der nie den einfachen Weg suchte, sondern immer den, der Asgard und Midgard beschützte. Genau das hat die Wikinger über Jahrhunderte hinweg mehr berührt als jede Weisheit Odins.

Bildquelle: Portable Antiquities Scheme from London, England (CC BY 2.0), via Wikimedia Commons