Mythologie
Loki: Der Trickster unter den nordischen Göttern
Loki Gott der nordischen Mythologie: Riesenblut, Sleipnirs wahre Geburt, Baldrs Tod und die Fesselung mit der Giftschlange – die Wahrheit hinter dem Trickster.
Inhalt
- Herkunft: Riesenblut in Asgard
- Lokis Kinder: Fenrir, Jörmungand und Hel
- Sleipnir: Wie Loki zur Mutter eines Pferdes wurde
- Der Gestaltwandler: Hilfe und Schaden in einer Person
- Lokasenna: Der Streit, der alles verändert
- Baldrs Tod: Der Bruch, der nicht mehr zu kitten ist
- Die Fesselung: Sigyns Schale und das Gift der Schlange
- Warum Loki sich jeder einfachen Deutung entzieht
Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie widersetzt sich der Einordnung so hartnäckig wie Loki, der Gott, der eigentlich gar kein Gott ist. Er ist Freund und Verräter, Retter und Unglücksbringer, Vater von Ungeheuern und zugleich Mutter eines der berühmtesten Pferde der Weltliteratur. Wer Loki auf “der Böse” reduziert, hat die Quellen nicht gelesen. Wer ihn nur als Marvel-Antihelden kennt, erst recht nicht.
Fangen wir also dort an, wo die Edda selbst beginnt: bei der Frage, wer dieser Loki überhaupt ist – und woher er kommt.
Herkunft: Riesenblut in Asgard
Das vielleicht Überraschendste an Loki ist, dass er streng genommen gar kein Ase ist. Die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson nennt als seinen Vater den Riesen Fárbauti (“der gefährlich Schlagende”) und als Mutter Laufey (auch Nál genannt) – weshalb Loki in den Quellen häufig als “Laufeyjarson”, Sohn der Laufey, bezeichnet wird, nicht nach dem Vater, wie es sonst üblich war. Schon dieser kleine Bruch mit der Konvention zeigt: Loki gehört nie ganz dazu.
Wie er dann doch unter den Asen landete, erzählt Snorri im Gylfaginning: Odin und Loki wurden Blutsbrüder. Warum, bleibt im Dunkeln – aber die Bindung hält, mit allen Konsequenzen, bis kurz vor Ragnarök. Loki lebt fortan in Asgard, sitzt mit den Göttern zu Tisch, reist mit Thor und Odin durch die neun Welten – und bleibt doch, seiner Abstammung nach, ein Riesenkind unter Feinden der Riesen. Diese Zwischenstellung ist kein Zufall der Geschichte, sondern ihr Motor: Loki kann die Götter nur deshalb so wirkungsvoll unterwandern, weil er nie ganz zu ihnen gehört hat.
Verheiratet ist Loki zunächst mit der Riesin Angrboda (“die Unheil-Bringende”), mit ihr zeugt er die drei Ungeheuer, die die Mythologie bis zu ihrem Ende begleiten werden. Später nimmt er Sigyn zur Frau, deren Rolle erst am bitteren Ende seiner Geschichte ihre volle Bedeutung entfaltet.
Lokis Kinder: Fenrir, Jörmungand und Hel
Wer die nordischen Götter kennt, kennt meist auch die Namen von Lokis Nachkommen – doch selten im Zusammenhang. Mit Angrboda zeugt Loki drei Wesen, die die Götter als so gefährlich einschätzen, dass sie eingreifen, noch bevor ein Unheil geschieht:
- Fenrir, der Wolf, der so mächtig heranwächst, dass die Asen ihn mit der magischen Fessel Gleipnir binden lassen – zum Preis der Hand des Gottes Tyr.
- Jörmungand, die Weltenschlange, die Odin ins Meer wirft, wo sie wächst, bis sie die ganze Welt umschließt und sich in den eigenen Schwanz beißt.
- Hel, die er zur Herrscherin über die Totenwelt der nicht im Kampf Gefallenen macht – halb lebendig, halb verwest im Antlitz, wie Snorri sie beschreibt.
Die Prosa-Edda ist an dieser Stelle unmissverständlich: Die Götter fürchten diese drei, weil Prophezeiungen ihnen großes Unheil zuschreiben. Genau jene Furcht sät die Saat, die bei Ragnarök aufgeht, denn Fenrir und Jörmungand kehren als Feinde der Götter zurück – die eigentliche Geschichte ihres Endes erzählen wir in unserem Artikel über Ragnarök.
Sleipnir: Wie Loki zur Mutter eines Pferdes wurde
Und dann ist da eine Geschichte, die man in populären Nacherzählungen auffällig oft ausspart, obwohl sie in Snorris Gylfaginning schwarz auf weiß steht: Loki ist nicht nur Vater von Ungeheuern. Er ist auch die Mutter eines Pferdes.
Die Geschichte beginnt mit dem Bau der Mauer um Asgard. Ein Baumeister – in Wahrheit ein Riese – bietet den Göttern an, die Festung in nur drei Winterhalbjahren zu errichten. Als Lohn verlangt er die Sonne, den Mond und die Göttin Freyja zur Frau. Auf Lokis Anraten willigen die Götter ein, überzeugt, die Frist sei ohnehin nicht zu halten. Doch der Baumeister besitzt einen außergewöhnlichen Hengst namens Svaðilfari, der doppelt so viel Stein schleppt wie sein Herr, und der Bau schreitet beängstigend schnell voran.
Kurz vor Vollendung der Mauer geraten die Götter in Panik – und wenden sich zornig an Loki, der sie in diese Lage gebracht hat. Er müsse einen Ausweg finden, sonst gehe es ihm schlecht. Also verwandelt sich Loki in eine Stute und lockt den Hengst Svaðilfari eine ganze Nacht lang vom Bauplatz fort. Der Baumeister verliert dadurch entscheidende Zeit, verfehlt die Frist knapp – und Thor erschlägt ihn zur Strafe mit Mjölnir, sobald sich herausstellt, dass hinter der Maskerade ein Riese steckte.
Sinngemäß nach der Gylfaginning: Danach ging es Loki so mit Svaðilfari, dass er einige Zeit später ein Fohlen zur Welt brachte, grau und mit acht Beinen – dieses Pferd ist das beste unter Göttern und Menschen.
Dieses Fohlen ist Sleipnir, Odins achtbeiniges Pferd, das schnellste Ross aller neun Welten und der Allvaters treuer Begleiter auf Fahrten selbst nach Helheim. Es ist eine der ungewöhnlichsten Episoden der gesamten nordischen Mythologie: Ein Gott, der sein Geschlecht wechselt, sich paart und gebiert – ohne dass die Quelle diese Wendung besonders dramatisiert. Die Wikinger erzählten das offenbar ohne die Berührungsängste, die man dem Stoff heute manchmal unterstellt. Snorri berichtet es schlicht als Tatsache, eingebettet zwischen Baugeschichte und Götterlist.
Der Gestaltwandler: Hilfe und Schaden in einer Person
Sleipnirs Geburt ist kein Einzelfall, sondern typisch für Lokis eigentliche Gabe: die Gestaltwandlung. In den Mythen wird er zu einem Lachs, einer Fliege, einer alten Frau, einem Falken – meist, um sich aus einer selbstverschuldeten Klemme zu befreien oder den Göttern in letzter Sekunde zu helfen.
Genau darin liegt das eigentlich Verwirrende an Loki: Er ist nicht durchgehend böse. Als Freyjas Falkengewand entwendet werden muss, um Thors gestohlenen Hammer zurückzuholen, ist es Loki, der es sich borgt und den Plan einfädelt. Als die Götter beim Wettessen oder Wetttrinken bei den Riesen zu scheitern drohen, ist es oft Loki, der eine List ausdenkt. Doch derselbe Loki bringt die Götter auch erst in solche Nöte – etwa indem er im Þrymskviða-Lied Thors Hammer erst gar nicht bewacht oder in anderen Erzählungen Freyjas Halsband Brísingamen stiehlt. Er ist, könnte man sagen, das Chaosprinzip, das die geordnete Welt der Asen sowohl bedroht als auch am Laufen hält.
Lokasenna: Der Streit, der alles verändert
Wie tief dieser Zwiespalt reicht, zeigt kein Text so klar wie die Lokasenna (“Lokis Wortstreit”) aus der Poetischen Edda. Ungeladen platzt Loki in ein Gastmahl der Götter und schleudert jedem Anwesenden reihum die hässlichsten Wahrheiten und Beleidigungen entgegen – niemand bleibt verschont, weder Odin noch Freyja noch Thor, der schließlich mit dem Hammer droht, um ihn zu vertreiben.
Das Gedicht liest sich streckenweise wie ein Skandal-Protokoll, doch dahinter steckt mehr: Loki spricht Dinge aus, die andere verschweigen, deckt Doppelmoral und alte Schulden auf. Genau diese Funktion – der Spötter, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält – ist eine altbekannte Rolle in vielen Mythologien. Nur dass sie hier tödliche Konsequenzen nach sich zieht.
Baldrs Tod: Der Bruch, der nicht mehr zu kitten ist
Der eigentliche Wendepunkt in Lokis Geschichte ist der Tod des Gottes Baldr. Wie genau es dazu kam – die Mistel, der blinde Gott Höðr, die list, mit der Loki das einzig ungeschworene Ding der Welt in ein tödliches Geschoss verwandelte – haben wir ausführlich in unserem Artikel über Ragnarök erzählt, denn Baldrs Tod ist zugleich der Auftakt zum Weltuntergang.
Wichtig für Lokis eigene Geschichte ist vor allem die Folge: Nach Baldrs Tod ist der Bruch zwischen Loki und den übrigen Göttern endgültig. Es ist der Moment, in dem aus dem geduldeten Unruhestifter ein Feind wird.
Die Fesselung: Sigyns Schale und das Gift der Schlange
Nach der Lokasenna und Baldrs Tod flieht Loki, doch die Götter spüren ihn auf – in Lachsgestalt versteckt in einem Wasserfall, wie Snorri erzählt. Seine Strafe ist eine der grausamsten der gesamten Mythologie: Die Götter fesseln ihn mit den Eingeweiden seines eigenen Sohnes an drei Felsen, tief unter der Erde. Über seinem Kopf befestigen sie eine Giftschlange, deren Tropfen unablässig auf sein Gesicht fallen.
Doch Loki ist nicht allein. Seine Frau Sigyn kniet neben ihm und hält eine Schale über sein Gesicht, um das Gift aufzufangen. Nur wenn sie die volle Schale ausleeren muss, trifft ihn doch ein Tropfen – und Loki windet sich vor Schmerz so heftig, dass nach dem Volksglauben der Wikinger die Erde bebt. Snorri hält diese Deutung ausdrücklich fest: Das sei, so sagt man, die Ursache von Erdbeben.
Es ist ein Bild von beklemmender Zärtlichkeit inmitten von Grausamkeit: eine Frau, die über Jahrtausende hinweg neben ihrem gefesselten, gestraften Mann ausharrt und ihm das Gift so gut sie kann erspart. Gefesselt bleibt Loki bis Ragnarök, wenn er sich schließlich losreißt, um an der Seite der Riesen und Ungeheuer gegen die Götter zu kämpfen, die ihn einst zum Blutsbruder gemacht hatten.
Warum Loki sich jeder einfachen Deutung entzieht
Was also ist Loki – Schurke oder Nothelfer, Riese oder Ase, Vater oder Mutter, Freund oder Verräter? Die ehrliche Antwort lautet: alles davon, zu verschiedenen Zeiten der Erzählung.
Diese Widersprüchlichkeit ist vermutlich kein Fehler in der Überlieferung, sondern ihr Kern. Die nordische Mythologie kennt keinen reinen Teufel, wie ihn das Christentum später kennt – sie kennt eine Kraft, die Ordnung stört, weil Ordnung ohne Störung erstarren würde, die aber genau dadurch auch das Unheil heraufbeschwört, das am Ende alles zerstört. Loki bringt den Göttern Sleipnir und Brísingamen zurück, aber auch Baldrs Tod und, am Ende, das eigene Verderben.
Vielleicht ist das der Grund, warum Loki uns bis heute nicht loslässt: Er ist die Erinnerung daran, dass keine Ordnung – nicht einmal die der Götter – ohne den ständigen Besuch des Chaos auskommt. Und dass genau diese Kraft, die alles zusammenhält, am Ende auch alles zu Fall bringen kann.
Bildquelle: Johannes Gehrts (1855–1921) (Public domain), via Wikimedia Commons