Mythologie
Freyja: Göttin der Liebe, des Krieges und der Magie
Wer war Freyja wirklich? Ein Blick auf die Vanin, ihr Halsband Brisingamen, ihre Halle Folkvangr, die Zauberkunst Seidr und warum sie mehr als nur eine Liebesgöttin war.
Inhalt
Wenn von den nordischen Göttinnen die Rede ist, fällt fast immer zuerst ein Name: Freyja. Meist wird sie auf eine hübsche Formel reduziert, die “Göttin der Liebe und Schönheit”. Das ist nicht falsch, aber es ist auch nur ein Bruchteil der Wahrheit. Freyja war zugleich eine der mächtigsten Kriegerinnen unter den Göttern, eine Meisterin dunkler Magie und die Frau, die als erste die Hälfte aller gefallenen Krieger für sich beanspruchte, noch vor Odin.
Wer Freyja wirklich verstehen will, muss diese Widersprüche aushalten. Sie ist Liebe und Tod, Gold und Krieg, Zauberin und Kriegsherrin in einer einzigen Gestalt.
Eine Göttin aus einem anderen Geschlecht
Freyja gehört nicht zu den Asen, jenem Göttergeschlecht rund um Odin und Thor, das wir aus den meisten Mythen kennen. Sie stammt aus dem Geschlecht der Vanir, einer zweiten Götterfamilie, die für Fruchtbarkeit, Wohlstand und Naturkräfte zuständig war. Ihr Vater ist der Meeresgott Njörd, ihr Bruder der Fruchtbarkeitsgott Freyr. Der Name Freyja bedeutet schlicht “die Herrin”, so wie Freyr “der Herr” bedeutet, fast schon ein Titel statt ein Eigenname.
Nach dem legendären Krieg zwischen Asen und Vanir, überliefert in der Völuspá, kam es zu einem Frieden, der mit einem Geiseltausch besiegelt wurde. Freyja, Freyr und Njörd zogen nach Asgard, in die Welt der Asen, und wurden dort aufgenommen. Ein wichtiges Detail: Freyja brachte den Asen etwas mit, das sie vorher nicht kannten, die Kunst des Seidr.
Folkvangr: Die andere Halle der Gefallenen
Die meisten kennen Walhall als das Ziel gefallener Krieger. Weit weniger bekannt ist, dass es eine zweite Halle gibt, und sie gehört Freyja. Sie heißt Folkvangr, das “Feld des Volkes”, und liegt in ihrer Halle Sessrumnir.
In der Grímnismál der Poetischen Edda heißt es unmissverständlich: Freyja wählt jeden Tag die Hälfte der Gefallenen aus, die andere Hälfte geht an Odin. Das ist keine Nebenrolle. Freyja ist keine Assistentin des Allvaters, sondern gleichberechtigte Herrin über das Schicksal der Toten, mit eigenem Recht auf die Krieger einer Schlacht. Wer die Walküren kennt, jene Wählerinnen der Gefallenen im Dienst Odins, sollte wissen: Ein Teil dieser Arbeit gehörte immer schon Freyja.
Brisingamen: Das Halsband und sein Preis
Kein Gegenstand ist so eng mit Freyja verbunden wie das goldene Halsband Brisingamen. Die Geschichte seiner Entstehung, überliefert in späteren Quellen, ist unbequem und wird in modernen Nacherzählungen gerne geglättet: Freyja erwarb das Schmuckstück von vier Zwergen, den Brisings, indem sie eine Nacht mit jedem von ihnen verbrachte.
Man kann darüber streiten, wie die Geschichte gemeint war, als Zeichen weiblicher Selbstbestimmung oder als moralisierende Erfindung späterer, christlich geprägter Schreiber. Sicher ist nur: Freyja handelte aus eigenem Willen und eigener Macht, nicht als Belohnung für einen Mann. Das Halsband selbst wurde später zum Politikum, Loki stahl es einmal in Thors Auftrag, und Freyja erzwang seine Rückgabe mit Zorn und Nachdruck. Selbst ihr wertvollster Besitz war ihr keine Nebensache.
Seidr: Die Magie, die selbst Odin fürchtete
Freyjas vielleicht größtes Vermächtnis an die Asen war der Seidr, eine Form der Magie, die Zukunft sehen, Schicksal beeinflussen und Geister rufen konnte. Snorri Sturluson schreibt in der Prosa-Edda, Freyja habe diese Kunst zuerst unter den Asen verbreitet, und Odin selbst habe sie von ihr gelernt.
Das ist bemerkenswert, denn Seidr galt unter den Wikingern als zutiefst zwiespältig. Es war eng mit Frauen verbunden, und ein Mann, der es praktizierte, setzte sich dem Vorwurf der ergi aus, einem schweren Vorwurf mangelnder Männlichkeit. Selbst Odin, der Allvater, musste diesen Spott ertragen, weil er die Kunst einer Frau erlernt hatte. Wer in unserem Artikel über Odin seine Besessenheit von verbotenem Wissen kennt, versteht: Freyja besaß etwas, das selbst der mächtigste Gott begehrte und dessen Preis er bereit war zu zahlen.
Falkenkleid, Katzenwagen und der Eber Hildisvini
Freyja verfügt über eigene magische Ausrüstung, die sie von anderen Göttern unterscheidet. Ihr Falkenkleid, ein Umhang aus Federn, erlaubt es der Trägerin, sich in einen Falken zu verwandeln und zu fliegen. Sie leiht dieses Kleid mehrfach an andere Götter aus, etwa an Loki, wenn dieser einen heiklen Auftrag zu erledigen hat.
Ihren Wagen ziehen keine Pferde, sondern zwei große Katzen, ein Bild, das seit Jahrhunderten Illustratoren fasziniert. Und wenn sie zu Fuß unterwegs ist, reitet sie mitunter auf dem goldborstigen Eber Hildisvini, “Kriegsschwein”. Diese Vielfalt an Reittieren und Verwandlungsformen zeigt eine Göttin, die sich nicht auf eine einzige Rolle festlegen lässt, sie ist Kriegerin, Reisende und Zauberin zugleich.
Was die Quellen wirklich hergeben
Auch bei Freyja gilt dieselbe Vorsicht, die für die gesamte nordische Mythologie gilt: Fast alles, was wir wissen, stammt aus der Poetischen Edda und der Prosa-Edda, beide niedergeschrieben im christlichen Island des 13. Jahrhunderts, Jahrhunderte nach dem Ende der Wikingerzeit. Snorri Sturluson, der Autor der Prosa-Edda, war selbst gläubiger Christ und ordnete die alten Mythen aus einer gewissen Distanz.
Es gibt jedoch auch ältere Spuren. Gold-Bracteaten aus der Völkerwanderungszeit, gefunden in ganz Skandinavien, zeigen Frauenfiguren mit Halsschmuck, die manche Forscher mit einer frühen Vorform Freyjas in Verbindung bringen. Und ihr Name überdauerte in einer stillen, aber sehr konkreten Weise, im deutschen und englischen Wort für den fünften Wochentag, Freitag und Friday, benannt nach ihr oder der eng verwandten Göttin Frigg.
Warum Freyja bis heute fasziniert
Freyja lässt sich nicht in eine einzige Schublade zwingen, und genau das macht sie so modern. Sie ist keine passive Schönheit, sondern eine Göttin mit eigenem Machtanspruch, eigener Magie und eigenem Recht auf die Toten der Schlacht. Sie verlangt, begehrt und handelt, ohne sich dabei den Regeln der männlich dominierten Göttergesellschaft unterzuordnen.
Wer wissen will, wie es endet, wenn Götter wie Freyja am Ende aller Dinge stehen, findet die Antwort in unserem Artikel über Ragnarök, den Untergang der Götter, in dem auch die Vanir ihren Platz haben.