Alltag & Kultur

Die Rolle der Frauen in der Wikingergesellschaft

Wikinger, Frauen, Rolle und Alltag: Hausmacht und Schlüsselbund, Textilarbeit, Scheidungsrecht und was die Gräber wirklich belegen. Ein nüchterner Faktencheck.

Frau in grünem Wikinger-Trägerkleid mit zwei ovalen Schalenfibeln, dreireihiger Glasperlenkette und Gürtel mit Thorshammer, Messer und Gerätanhängern
Inhalt
  1. Die husfreyja: Wer den Hof führte, wenn das Schiff ausgelaufen war
  2. Zwei Schalen aus Bronze: die Tracht als Ausweis
  3. Alltag und Rolle der Wikinger-Frauen: die Arbeit, die alles trug
  4. Recht, Ehe und Erbe: was die Quellen hergeben und was nicht
  5. Was Gräber über den Alltag von Frauen verraten
  6. Oseberg und der fremde Blick von außen
  7. Fazit: Spielraum mit harten Rändern

Wer nach der Rolle der Frauen im Alltag der Wikinger fragt, bekommt meistens zwei Antworten, und beide sind schief. Die eine zeigt die Schildmaid mit Axt und Rundschild, wie sie in Serien und auf Buchcovern posiert. Die andere zeigt die stumme Gestalt am Herdfeuer, die wartet, bis das Schiff zurückkommt. Zwischen diesen Bildern liegt das, was Funde, Recht und Texte tatsächlich hergeben: eine Frau, die einen Hof mit Vieh, Vorräten, Gesinde und Textilproduktion führte, die Land erben und eine Ehe beenden konnte, und die trotzdem in einer Gesellschaft lebte, in der Männer über Politik, Fehde und Rechtsprechung entschieden.

Die Quellenlage ist dabei ungleich verteilt. Für die Wikingerzeit selbst haben wir vor allem Archäologie: Gräber, Siedlungsschichten, Trachtbestandteile, Werkzeug. Dazu kommen Runensteine, die als einzige Textgattung wirklich aus der Zeit stammen. Alles andere, die Isländersagas, die Gesetzestexte, die Königsgeschichten, wurde erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben, also gut zweihundert Jahre nach dem Ende der eigentlichen Wikingerzeit. Wer das vergisst, verwechselt schnell eine Erinnerung mit einem Protokoll.

Die husfreyja: Wer den Hof führte, wenn das Schiff ausgelaufen war

Der altnordische Begriff für die Hausherrin lautet husfreyja, wörtlich etwa “Herrin des Hauses”. Das ist keine höfliche Anrede, sondern eine Funktionsbezeichnung. Ein skandinavischer Hof der Wikingerzeit war ein Betrieb: Milchvieh, Schafe, Getreide, Vorratshaltung über einen Winter, der auf Island oder in Nordnorwegen sechs Monate dauern konnte, dazu Gesinde und unfreie Arbeitskräfte, die versorgt und eingeteilt werden mussten. Wer diesen Betrieb schlecht führte, brachte im Frühjahr keine Familie mehr durch.

Genau hier liegt der ökonomische Kern. Männer waren saisonal abwesend, auf Handelsfahrt, auf Raubzug, beim Thing, im Winterquartier weit weg. Der Hof lief weiter. Es ist keine romantische Deutung, sondern schlichte Betriebslogik, dass in dieser Zeit jemand die Entscheidungen traf, und diese Person war in aller Regel die Hausherrin.

Als sichtbares Zeichen dieser Position gilt traditionell der Schlüssel. Schlüssel und sogenannte Gerätanhänger, kleine Ketten oder Ringe mit Messer, Schere, Ahle oder Nadelbüchse, finden sich regelmäßig in Frauengräbern der Wikingerzeit, oft am Gürtel oder an einer Kette zwischen den Schulterfibeln getragen. Die verbreitete Lesart lautet: Wer die Truhe und den Vorratsraum aufsperren kann, hat die Verfügungsgewalt über den Besitz des Haushalts.

Hier lohnt allerdings Skepsis. Diese Deutung ist plausibel, aber in der Forschung diskutiert und keineswegs abgeschlossen. Nicht jede Frau wurde mit Schlüssel bestattet, längst nicht jeder gefundene Schlüssel passt zu einem tatsächlich vorhandenen Schloss, und manche Exemplare wirken eher zeichenhaft als benutzbar. Möglich ist also beides: ein reales Werkzeug der Haushaltsführung und ein Symbol, das eine Rolle im Grab markieren sollte, unabhängig davon, wie stark diese Rolle im Leben tatsächlich ausgefüllt wurde. Beides gleichzeitig ist ebenfalls möglich, und genau das macht die Sache interessant.

Zwei Schalen aus Bronze: die Tracht als Ausweis

Wenn Archäologen ein skandinavisches Frauengrab der Wikingerzeit identifizieren, dann meistens über ein einziges Merkmal: ovale Schalenfibeln, paarweise auf Brusthöhe. Diese bronzenen, oft reich verzierten Spangen hielten die Träger des Überkleids, das häufig als Trägerkleid oder Hängerock bezeichnet wird. Zwischen den beiden Fibeln hing regelmäßig eine Kette aus Glas- und Halbedelsteinperlen, und an einer der Fibeln konnten die erwähnten Gerätanhänger befestigt sein.

Bronzene ovale Schalenfibel der Wikingerzeit, sogenannte Schildkrötenfibel

Bildquelle: Gabriel Hildebrand (CC BY 2.5), via Wikimedia Commons

Wegen ihrer charakteristischen gewölbten Form heißen sie im Volksmund auch Schildkrötenfibeln. Für die Forschung sind sie das archäologische Leitfossil weiblicher Tracht in Skandinavien, und das hat eine Konsequenz, die über Modegeschichte weit hinausgeht: Wo solche Fibelpaare außerhalb Skandinaviens auftauchen, in England, auf den Inseln des Nordatlantiks, entlang der osteuropäischen Flussrouten, gilt das als starkes Indiz dafür, dass skandinavische Frauen dort nicht nur besucht, sondern gelebt haben.

Damit verschiebt sich das Bild der Wikingerzeit ganz erheblich. Eine reine Männerbewegung aus Kriegern und Händlern hinterlässt keine Frauentracht in fremder Erde. Kolonisation dagegen schon. Der Blog-Redaktion fällt dabei auf, dass die Fibel als Quelle wesentlich robuster ist als jede Saga-Erzählung: Sie ist datierbar, sie ist regional zuzuordnen, und sie lügt nicht über ihre eigene Herkunft.

Alltag und Rolle der Wikinger-Frauen: die Arbeit, die alles trug

Unter den häufigsten Fundstücken skandinavischer Siedlungsschichten sind zwei unscheinbare Dinge: Spinnwirtel aus Stein, Ton oder Knochen und Webgewichte aus gebranntem Ton. Sie sind der Abdruck einer Industrie. Am senkrechten Gewichtswebstuhl, dessen Kettfäden von genau solchen Gewichten gespannt wurden, entstand Stoff, und Stoff war in der Wikingerzeit kein Konsumgut, sondern Infrastruktur.

Der Weg dorthin ist lang. Schafe scheren, Wolle sortieren, waschen, kämmen oder krempeln, mit der Handspindel zu Faden drehen, den Faden verzwirnen, aufbäumen, weben, walken. Jeder einzelne Arbeitsschritt kostet Zeit, und die aufwendigste Stufe ist nicht das Weben, sondern das Spinnen. Für Kleidung, Decken und Säcke eines Hofes ist das eine Dauerbelastung. Für ein Segel ist es eine ganz andere Größenordnung.

Genau an dieser Stelle wird Textilarbeit strategisch. Ein Rahsegel eines seetüchtigen Schiffes ist eine große Fläche aus dichtem, oft wollenem Tuch, das Wind aushalten muss, ohne zu reißen. Experimentelle Rekonstruktionen von Wikingerschiffen und ihren Segeln haben deutlich gemacht, dass sich der Aufwand für ein einziges großes Segel nicht in Wochen bemisst, sondern in Personenjahren. Eine Flotte braucht viele solcher Segel. Und die Menschen, die Wolle spannen und woben, waren nach allem, was Funde, Ikonografie und spätere Texte nahelegen, ganz überwiegend Frauen.

Meiner Einschätzung nach ist das der am meisten unterschätzte Punkt der gesamten Debatte. Über die Wikingerzeit wird fast ausschließlich in Kategorien von Schiffen, Waffen und Fahrten gesprochen. Aber kein Langschiff verlässt den Fjord ohne Segel, und kein Segel entsteht ohne eine jahrelange, arbeitsintensive Vorleistung, die im Haus stattfand. Die Expansion der Nordmänner ruhte materiell auf einer Wollökonomie, die Frauen organisierten und ausführten. Wer das ausblendet, erzählt die halbe Geschichte.

Wie sehr sich das Bild der wikingerzeitlichen Frau zwischen Alltag und Legende bewegt, hört man auch in der Musik, die sich dieses Themas annimmt.

Recht, Ehe und Erbe: was die Quellen hergeben und was nicht

Das isländische und norwegische Recht der Zeit kannte etwas, das im übrigen mittelalterlichen Europa alles andere als selbstverständlich war: die Scheidung auf Betreiben der Frau. Eine Ehe war in dieser Rechtsvorstellung stärker ein Vertrag zwischen Familien als ein unauflösliches Sakrament, und Verträge lassen sich beenden. Zur Eheschließung gehörten Vermögensübertragungen in beide Richtungen, unter anderem der Brautpreis des Mannes und die Mitgift aus dem Elternhaus, und dieses Vermögen blieb im Fall einer Trennung nicht einfach beim Mann.

Die Isländersagas erzählen solche Fälle mit auffälliger Selbstverständlichkeit. In der Njals saga löst Unn ihre Ehe mit Hrut auf, nachdem die Verbindung gescheitert ist, und der anschließende Streit dreht sich vor allem um die Rückgabe des Vermögens. In der Laxdaela saga ist Gudrun Osvifsdottir die Figur, an der das Thema durchdekliniert wird: mehrere Ehen, eine Scheidung, die sie selbst betreibt, und über die ganze Erzählung hinweg eine Frau, deren Entscheidungen den Gang der Handlung bestimmen.

Und hier gehört die Quellenkritik direkt daneben. Beide Sagas wurden im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, von christlichen Isländern, über Vorfahren, die zweihundert Jahre und mehr zurücklagen. Sie sind Literatur mit Erzählabsicht, nicht Gerichtsakten. Was sie zuverlässig belegen, ist, dass eine von der Frau betriebene Scheidung für ihr Publikum eine erzählbare, rechtlich denkbare Handlung war. Was sie nicht belegen, ist die Häufigkeit solcher Fälle im 9. oder 10. Jahrhundert. Auch die großen Gesetzessammlungen sind uns nur in Handschriften des 13. Jahrhunderts überliefert, sie zeigen also den Rechtsstand ihrer Aufzeichnungszeit.

Ein Stück näher an der Wikingerzeit stehen die Runensteine, vor allem die dichte schwedische Gruppe des 11. Jahrhunderts. Viele nennen Frauen als Auftraggeberinnen eines Denkmals oder als Personen, über deren Besitz verfügt wird. Der Hillersjö-Stein in Uppland ist dafür das bekannteste Beispiel: Seine Inschrift erzählt eine ganze Erbfolge, in der Land über zwei Frauen weitergegeben wird. Wer ein Denkmal setzen lässt, verfügt über Mittel, und wer als Erbin genannt wird, hat Anspruch. Das ist kein literarisches Motiv, sondern in Stein gehauene Rechtspraxis.

Was Gräber über den Alltag von Frauen verraten

Grabfunde sind die verlockendste und zugleich rutschigste Quelle. Ein Grab zeigt, was Hinterbliebene für angemessen hielten, nicht zwangsläufig, was die Verstorbene getan hat. Die folgende Übersicht trennt beides.

FundgattungTypischer BefundWas er belegt / was er NICHT belegt
Ovale SchalenfibelnPaarweise auf Brusthöhe, oft mit Perlenkette dazwischenBelegt die skandinavische Frauentracht und, im Ausland gefunden, die Anwesenheit skandinavischer Frauen. Belegt keinen Rang und keinen Beruf.
Schlüssel und GerätanhängerAm Gürtel oder an einer Kette zwischen den FibelnBelegt Zugang zu verschließbarem Besitz und Werkzeug der Haushaltsführung. Belegt nicht zwingend die “Hausmacht”, die Deutung wird diskutiert.
Spinnwirtel und WebgewichteSehr häufig in Siedlungsschichten, auch als BeigabeBelegt Textilproduktion im Haus als Dauertätigkeit. Belegt nicht, dass ausnahmslos Frauen daran arbeiteten.
Perlen aus Glas und HalbedelsteinKetten mit importierten StückenBelegt die Einbindung des Haushalts in Fernhandelsnetze. Belegt keine eigene Reise der Bestatteten.
Waagen und GewichtssätzeSelten, aber vorhandenBelegt Beteiligung an Abwiege- und Zahlungsvorgängen. Belegt nicht den Beruf der Fernhändlerin.
WaffenSehr selten in Gräbern mit weiblichem BefundBelegt Waffen im Grabkontext. Belegt keine automatisch gelebte Kriegerinnenrolle, siehe die Debatte um Schildmaiden.
Textilwerkzeug in PrunkgräbernWebschwerter, Kämme, GerätBelegt die hohe Wertschätzung von Textilarbeit bis in die Oberschicht. Belegt nicht, dass die Bestattete selbst webte.

Der Punkt dieser Tabelle ist nicht, den Funden ihre Aussagekraft abzusprechen. Er ist, die Aussage sauber zu begrenzen. Die Archäologie liefert außergewöhnlich harte Belege für Tracht, Ausstattung und wirtschaftliche Praxis. Für innere Rollenbilder liefert sie Hinweise, keine Beweise.

Oseberg und der fremde Blick von außen

Die reichste bekannte Schiffsbestattung der Wikingerzeit liegt in Norwegen, und in ihr lagen zwei Frauen. Die Grabkammer des Oseberg-Schiffs ist dendrochronologisch auf das Jahr 834 datiert, ein für die Wikingerforschung ungewöhnlich präziser Anker. Mitgegeben wurden unter anderem ein reich geschnitzter Wagen, Schlitten, Tiere, Haushaltsgerät und eine erhebliche Menge an Textilien samt zugehörigem Werkzeug.

Wer die beiden Frauen waren, ist bis heute ungeklärt. Es gibt Vorschläge, es gibt Diskussionen über Verwandtschaft, Status und darüber, wer für wen bestattet wurde, aber es gibt keine gesicherte Antwort. Genau so sollte man es stehen lassen. Was der Befund unstrittig zeigt, ist, dass die aufwendigste bekannte Bestattung dieser Epoche zwei Frauen galt und dass Textilarbeit selbst in dieser Ausstattung ihren Platz hatte.

Von außen blicken zwei Berichte auf den Norden, die häufig zitiert und ebenso häufig überstrapaziert werden. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschreibt im 10. Jahrhundert an der Wolga eine Bestattung bei den Rus, bei der eine unfreie Frau getötet und mit dem Toten verbrannt wird. Adam von Bremen schreibt im 11. Jahrhundert über die heidnischen Schweden, ohne den Norden je selbst bereist zu haben, mit dem klaren Ziel, die Notwendigkeit der Mission zu begründen. Beide Texte sind Fremdbeschreibungen mit eigenem Interesse, beide muss man mit Abstand lesen.

Doch ein Punkt bleibt unabhängig von der Quellenkritik bestehen, und er wird gern übergangen: Die Rechte, um die es in diesem Artikel geht, betrafen freie Frauen. Unfreie Frauen, in den Quellen als Sklavinnen und Mägde greifbar, hatten weder Verfügungsgewalt über Besitz noch über den eigenen Körper. Die Wikingerzeit kannte also nicht eine Rolle der Frau, sondern mindestens zwei sehr unterschiedliche, und die Trennlinie verlief nicht zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen frei und unfrei.

Fazit: Spielraum mit harten Rändern

Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Rolle der Frauen in der Wikingergesellschaft lautet: bemerkenswert viel Handlungsspielraum innerhalb klar gezogener Grenzen. Frauen führten Wirtschaftsbetriebe, verfügten über Vermögen, erbten Land, konnten eine Ehe beenden und trugen die Textilproduktion, ohne die keine Flotte gefahren wäre. Zugleich saßen sie nicht im Thing, führten keine Rechtsstreitigkeiten als Kläger, und ihr Status hing an Familie, Besitz und persönlicher Freiheit.

Was diesen Befund so interessant macht, ist gerade, dass er in keine der beiden populären Erzählungen passt. Er taugt weder als Beleg für eine egalitäre nordische Gesellschaft noch als Bestätigung eines rechtlosen Daseins am Herd. Er zeigt etwas Sperrigeres: eine Gesellschaft, die Frauen sehr reale wirtschaftliche und rechtliche Macht zugestand, weil sie ohne diese Macht schlicht nicht funktioniert hätte, und die ihnen den politischen Raum trotzdem verschloss. Wer die Wikingerzeit verstehen will, sollte den Schlüsselbund mindestens so ernst nehmen wie das Schwert.